30th Sep2015

Alles steht Kopf (2015) | Filmkritik

Alles steht Kopf

Jeder von uns wüsste oftmals zu gerne, was gerade im Kopf unserer Mitmenschen vorgeht: Warum sie plötzlich ohne Grund auflachen, weshalb Ihnen Ohrwürmer im Kopf schwirren oder wie aus schlechter Laune im Nu wieder eine gute wird.

Pixar liefert eine ganz eigenwillige und fantasievolle Interpretation, die mit Alles steht Kopf auch die Köpfe der Kinozuschauer verdrehen wird: In jedem Kopf sitzen personifizierte Emotionen, die mehr oder weniger gemeinschaftlich entscheiden, wie sich die Person, die sie bewohnen, als nächstes verhält.
Die 11-jährige Riley ist eigentlich ein ganz normales Mädchen. Sie lebt glücklich in einer ländlichen Gegend von Minnesota, bis sie plötzlich aus ihrem bisherigen Leben gerissen wird, als ihr Vater einen neuen Job annimmt.

Die Familie zieht nach San Francisco und schon bald gerät die sorgsame Balance zwischen den fünf Gefühlen im Kontrollzentrum von Rileys Verstand aus den Fugen: Freude (Amy Poehler) versucht, in allem das Positive zu sehen, doch Angst (Bill Hader), Wut (Lewis Black), Ekel (Mindy Kaling) und Kummer (Phyllis Smith) erlangen immer mehr die Überhand. Die Gefühle sind sich uneins darüber, wie sie das Mädchen am besten durch den veränderten Alltag navigieren sollen. Sie entwickeln in Riley ein fragwürdiges Eigenleben, sehr zum Erstaunen ihrer Eltern.

Als sich Freude und Traurigkeit dann auch noch in den Weiten ihres Langzeitgedächtnisses verlaufen, müssen sie schnell ins Kontrollzentrum zurückfinden, sonst könnte Riley eine große Dummheit begehen. Bald treffen die beiden verirrten Gefühle Rileys imaginären Freund Bing Bong (Richard Kind) und der hat eine gehörige Ladung guter Laune im Gepäck.

Gemeinsam versuchen sie, das Leben von Riley wieder ins Gleichgewicht zu bringen, damit sie auch in ihrer neuen Heimat endlich Freunde finden kann. Aber der Weg durch Träume und Gedanken zurück in die Zentrale ist lang und voller Hindernisse…

Die Idee kam Regisseur Pete Docter (Oben) vor einigen Jahren, als seine elfjährige Tochter Elie immer stiller und verschlossener wurde und er sich fragte, was in ihrem Inneren vorginge. Daraus entwickelte er die Story über Emotionen eines Mädchens, die in ihrem Kopf Konflikte austragen, ohne dass ihre Eltern verstehen können, was mit ihrer Tochter gerade passiert. Einzelne Szenen entspringen direkt seinem Privatleben.

Als Baby Riley zum ersten Mal die Augen öffnet und das Licht der Welt erblickt, erwachen auch die Emotionen in ihr zum Leben. Doch die Freude bleibt nicht lange allein. Schon bald gesellt sich Kummer zu ihr und aus dem strahlenden Baby wird ein Schreihals. Hinzu kommen Ekel, der den Babybrei wieder ausspucken lässt, Wut, wenn sie beispielsweise zu früh ins Bettchen muss sowie Angst vor Monstern unterm Bett. Herrlich anzusehen ist ebenso, wie die Eltern versuchen zu kommunizieren, die Emotionen des Vaters allerdings in Sport-Tagträume abdriften und die der Mutter einen feurigen Brasilianer anhimmeln.

Die gesamte Story ist selten originell. Es ist jedoch wunderbar unterhaltsam dabei zuzuschauen, wie sich die einzelnen Emotionen meist uneinig sind, wie jeder zu Wort kommen möchte und somit ganz ungeahnte Reaktionen von Riley entstehen, die sie manchmal selbst gar nicht einordnen kann.

Die innere und äußere Geschichte, die der Film erzählt, ist amüsant und verständlich miteinander verbunden. Auf jeden Knopfdruck von einer der Emotionen folgt eine Handlung, die teils unerwartete Konsequenzen hat. Doch als sich Freude und Kummer im Langzeitgedächtnis von Riley verlaufen, sitzen Ekel, Wut und Angst allein am Hebel und die Situation gerät allmählich außer Kontrolle.

Eine Woche nach dem Start von Jurassic World landete Alles steht Kopf auf Platz 2 der US-Kinocharts. Damit ist es der erste Pixar-Film, der nicht auf Platz 1 startete. Doch das soll nichts heißen, denn einen Monat nach dem Kinostart hatte der Film weltweit bereits über 630 Mio. US-Dollar eingespielt. Pete Docter ist bekannt als Autor und Regisseur einiger gekrönter Animationsfilme des Pixar Studios. Zu seinen bisherigen Erfolgen zählen Oben (2009), für den er den Oscar als bester Animationsfilm gewann, Die Monster AG (2001), die Filme von Toy Story (1995-1999) und Wall-E (2008).

Insgesamt war er für seine Arbeit als Drehbuchautor und Regisseur schon sechsmal für den Oscar nominiert. Und auch für Alles steht Kopf sollten die Chancen auf die goldene Statue nicht schlecht stehen. Produktionsdesigner Ralph Eggleston arbeitete fünfeinhalb Jahre an Alles steht Kopf, das laut eigener Aussage der längste Zeitraum sei, den er an einem Film gearbeitet hat – und auch der anstrengendste.

Die Drehbuchautoren zogen insgesamt 27 Emotionen als Hauptfiguren in Betracht. Damit die Geschichte nicht unübersichtlich wird, einigte man sich auf fünf. Nicht berücksichtigt wurden zum Beispiel Stolz, Überraschung oder Vertrauen. Das Gedächtnis von Riley wurde mit unglaublich viel Liebe und Details ausgestattet. Tief im Inneren arbeiten zahlreiche Helfer, die Rileys Gedanken ordnen und bewahren, und auch der gefürchtete Clown aus der Kindheit treibt noch sein Unwesen darin. Darüber hinaus verbinden riesige Inseln das Langzeit- mit dem Kurzzeitgedächtnis und stellen die Charakterzüge dar, die Riley zu dem Menschen machen, der sie ist.

Das Filmteam hat freudigen und traurigen Erinnerungen, Schlüsselmomenten und der verwirrenden menschlichen Gedächtnislandschaft ein farbenfrohes und einprägsames Aussehen gegeben und nach dem Film ist sich nun jeder bewusst, weshalb uns alte Lieder plötzlich wieder in den Sinn kommen oder viele von uns Spinat nicht mögen. Alles steht Kopf zeigt durch die Einblicke in Rileys Gefühls- und Gedankenwelt, wie turbulent das Erwachsenwerden für einen Menschen ist. Dabei wird deutlich vermittelt, dass jedes Gefühl seine Notwendigkeit hat und wie wichtig es ist, dass Kinder diese Emotionen erleben. Natürlich sollte es nicht außer Kontrolle geraten, so wie in dieser besonderen Geschichte.

Die ganz jungen Zuschauer werden nicht alle Themen verstehen, denn einige sind äußerst komplex. Trotzdem ist der Film für Kinder ein actionreiches Spektakel und Erwachsene dürfen sich den tiefenpsychologischen Hinweisen erfreuen.

Wie so oft wird auch am Ende ein Sequel offen gelassen, Stoff zur Fortsetzung gibt es sicher reichlich. Alles steht Kopf ist ein kreativer, witziger und lehrreicher Appell an alle Menschen, mehr Freude in ihren Kopf zu lassen. Auch wenn sich die aufwändige Erzählweise eher an ein erwachsenes als an ein junges Publikum richtet, werden Jung und Alt teils vor Freude kreischen und nicht selten zu Tränen gerührt.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Pete Docter, Ronaldo del Carmen
Drehbuch: Pete Docter
Musik: Michael Giacchino
Stimmen: Kaitlyn Dias, Amy Poehler, Bill Hader, Lewis Black, Mindy Kaling, Phyllis Smith, Richard Kind
dt. Stimmen: Hans-Joachim Heist, Olaf Schubert, Bettina Zimmermann, Kai Wiesinger, Katja von Garnier, Dietmar Bär

Bewertung

Bewertung_9

One Response to “Alles steht Kopf (2015) | Filmkritik”

  • Ich habe den Film nun auch endlich gesehen und muss leider sagen, dass er mich überhaupt nicht überzeugen konnte. Natürlich sind die Unterschiedlichen Gefühle genial getroffen und ihre Interaktionen mit den Menschen klasse interpretiert. Aber sobald der Film nur noch im Kopf stattfindet macht sich Langweile breit. Ab und an blitzen dann noch einige Nettigkeiten auf aber storytechnisch agiert der Film dann auf sehr niedrigem Niveau.

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