Wenn man an Transformers denkt, denkt man unweigerlich an riesige Metallkolosse, Explosionen im Sekundentakt und an Michael Bay, der lieber noch ein weiteres Feuerwerk zündet, statt einer Szene Raum zum Atmen zu geben. Transformers One (2024) schlägt einen überraschend anderen Weg ein, und genau das ist seine größte Stärke. Statt Materialschlacht bekommen wir eine Ursprungsgeschichte, die sich Zeit nimmt ihre Figuren zu entwickeln und dem Transformers-Universum endlich wieder etwas Seele einzuhauchen.
Zurück zu den Wurzeln – und doch ganz neu
Transformers One ist der erste animierte Transformers-Kinofilm seit Transformers – Der Kampf um Cybertron aus dem Jahr 1986. Und dieser Vergleich drängt sich natürlich sofort auf. Während der 86er-Film noch düster, teilweise brutal und emotional gnadenlos war (Stichwort: Kindheitstrauma durch sterbende Lieblingsfiguren), ist Transformers One deutlich harmloser und klar familienfreundlicher ausgelegt. Das ist keine Kritik, sondern eher eine bewusste Neuausrichtung.
Der Film will kein Trauma auslösen, sondern neue, genauso wie alte Fans zu einem Abenteuer einladen. Und das gelingt ihm erstaunlich gut.
Eine Vorgeschichte mit Gewicht
Im Mittelpunkt der ausgefeilten Handlung steht die frühe Beziehung zwischen Optimus Prime und Megatron, lange bevor sie zu Erzfeinden wurden. Die Grundlage für die Geschichte liefert das legendäre Binder of Revelations, ein 345-seitiges Lore-Dokument zum sogenannten Aligned-Universum. Hasbro ließ sich dieses Werk 2015 rund 250.000 US-Dollar kosten, nur um es anschließend aufgrund kreativer Differenzen zwischen Spielzeugdesignern, Autoren, Game-Studios und TakaraTomy in den Archiven verschwinden zu lassen.

© Paramount Pictures
Regisseur Josh Cooley greift in Transformers One genau diese Mythologie auf und macht sie erstmals einem breiten Publikum zugänglich. Das Ergebnis ist eine erstaunlich sorgfältig ausgearbeitete Handlung, die nicht nur Fans mit Lore-Wissen belohnt, sondern auch Neueinsteiger nicht überfordert. Man merkt in jeder Szene, dass hier nicht einfach ein weiterer Merch-Film heruntergekurbelt wurde – und schon gar keine erzwungene Kopplung mit dem G.I. Joe Universum.
Animation, die endlich wieder Magie versprüht
Auch technisch ist Transformers One eine Wucht. Die Animation wirkt modern, detailverliebt und trotzdem angenehm übersichtlich – zumindest die meiste Zeit. Cybertron lebt, atmet und fühlt sich nicht wie ein generischer CGI-Spielplatz an. Besonders beeindruckend ist, wie gut Mimik und Körpersprache der Figuren funktionieren. Emotionen werden nicht nur über Dialoge transportiert, sondern über kleine Gesten, Blicke und Bewegungen.
Und genau hier zeigt sich, was Animation leisten kann, wenn sie ernst genommen wird. Der Film erinnert einen immer wieder daran, warum animierte Filme nicht das „kleine Geschwisterchen“ des Realfilms sind, sondern ein eigenes, mächtiges Medium.
Chris Hemsworth als junger Optimus Prime
Eine der spannendsten Entscheidungen ist das Casting von Chris Hemsworth als junger Optimus Prime. Hemsworth hat intensiv mit Peter Cullen, der ikonischen Originalstimme von Optimus, zusammengearbeitet, um den richtigen Ton zu treffen. Das Ergebnis ist beeindruckend: Er klingt jünger, verletzlicher, aber dennoch vertraut.
Trailer zu Transformers One
Im englischen Originalton überzeugt der gesamte Cast mit starken Leistungen. Emotionen kommen an, Dialoge wirken lebendig und niemals hölzern. Die deutsche Synchronisation ist solide, fällt im direkten Vergleich aber etwas ab. Feinheiten gehen verloren, gerade in emotionalen Momenten merkt man den Unterschied.
Dialoge, Humor und … Bumblebee
Weiterhin punktet Transformers One mit witzigen und intelligenten Dialogen, die nie zu albern wirken – mit einer Ausnahme: Bumblebee. Für mich ist er größtenteils der Jar Jar Binks des Transformers-Franchise. Laut, nervig, aufdringlich. Ja, Kinder werden ihn vermutlich lieben, aber als erwachsener Zuschauer sehnt man den Moment herbei, in dem er (Spoiler-frei formuliert) seine Stimme verliert. Vielleicht war das narrativ die beste Entscheidung des Transformer-Lore überhaupt.

© Paramount Pictures
Natürlich gibt es auch Action – und die ist dynamisch, wuchtig und kreativ inszeniert. Allerdings wirken einige Kämpfe etwas chaotisch. In bestimmten Momenten verliert man die Übersicht, wer gerade gegen wen kämpft. Das ist kein Totalausfall, aber ein Punkt, an dem weniger manchmal mehr gewesen wäre.
Wenn Animation wieder Charakter zeigt
Transformers One steht sinnbildlich für eine Entwicklung, die sich im Animationskino der letzten Jahre immer deutlicher abzeichnet. Nach Jahrzehnten technischer Perfektion ohne eigene Handschrift erleben wir endlich wieder Filme, die sich trauen, Stil vor Realismus zu stellen – ganz so, wie es die großen Zeichentrick-Produktionen der 80er Jahre einst vorgemacht haben. Damals, als Serien und Filme nicht glattgebügelt waren, sondern Ecken, Kanten und Charakter hatten.
Titel wie Spider-Man: A New Universe (2018) und Across the Spider-Verse (2023) haben das Superheldenkino visuell neu definiert, Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutant Mayhem (2023) brachte den rotzigen Comic-Look zurück auf die Leinwand und Der wilde Roboter (2024) bewies, dass moderne Animation auch leise, emotional und zutiefst menschlich sein kann. All diese Filme erinnern an eine Zeit, in der Animation mehr war als Technik. Sie hatte Ausdruck, Haltung und Persönlichkeit.

© Paramount Pictures
Auch Transformers One profitiert von diesem Geist. Der Film fühlt sich weniger wie ein Produkt an und mehr wie ein liebevoll gestalteter Animationsfilm, der verstanden hat, warum Werke wie Transformers – Der Kampf um Cybertron (1986) bis heute nachhallen. Nicht wegen ihrer Perfektion, sondern wegen ihrer Seele.
Fanservice ohne Ausschlussprinzip
Besonders positiv: Transformers One ist vollgepackt mit Fanservice, Lore-Anspielungen und bekannten Namen, ohne dabei Neulinge auszuschließen. Wer tief im Franchise steckt, bekommt ständig kleine Aha-Momente. Wer einfach nur einen gut gemachten Animationsfilm sehen will, wird trotzdem bestens unterhalten.
Transformers One ist kein perfekter Film, aber ein verdammt guter. Er verbindet starke Animation, eine durchdachte Geschichte und emotionale Figurenentwicklung zu einem Gesamtpaket, das dem Franchise endlich wieder Respekt entgegenbringt. Kein stumpfes Effektgewitter, sondern ein Film mit Herz, Verstand und Lore-Liebe.

Bildrechte: Paramount Pictures
