Klute Filmkritik

Klute (1971) | Filmkritik

Ein Mann wird vermisst. Zwei Mannequins werden tot aufgefunden.

von Markus Grunwald

Der Film Klute sollte eigentlich Bree heißen, denn Jane Fonda spielt hier grandios auf in der Rolle einer Sexarbeiterin, die mit einem Stalker zu kämpfen hat.

Jane Fonda reißt den gesamten Film nahezu an sich

Natürlich ist Donald Sutherland keineswegs schlechter, aber Jane Fonda reißt den gesamten Film nahezu an sich. Ihre Darstellung der Bree Daniels ist dabei nicht einfach nur eine klassische Opferrolle. Vielmehr bekommen wir eine Figur zu sehen, die selbstbewusst, widersprüchlich und gleichzeitig verletzlich ist.

Gerade diese Mischung macht den Film auch mehr als 50 Jahre nach seiner Entstehung noch interessant. Bree verdient ihr Geld als Callgirl und genau dieser Aspekt ist ein wichtiger Bestandteil der Geschichte. Gleichzeitig reduziert der Film sie aber nicht darauf. Wir sehen die Probleme, mit denen sie abseits ihrer Arbeit zu kämpfen hat, und erleben eine Frau, die versucht, sich in einer Welt durchzuschlagen, in der sie sich selbst nicht immer sicher fühlt.


Im Mittelpunkt steht der titelgebende Kleinstadtdetektiv John Klute, der nach New York reist, um das Verschwinden des Forschungsingenieurs Tom Gruneman aufzuklären. Die einzige konkrete Spur ist ein obszöner Brief, der in Grunemans Büro gefunden wurde und an Bree Daniels adressiert ist.

Ein verschwundener Mann und eine Spur, die zu Bree führt

Damit geraten Klute und Bree in eine Geschichte, die sich immer weiter in eine düstere Unterwelt hineinbewegt. Was zunächst wie die Suche nach einem verschwundenen Mann wirkt, entwickelt sich zunehmend zu einem Spiel aus Beobachtung, Angst und Paranoia. Bree wird verfolgt und weiß irgendwann selbst nicht mehr, wem sie eigentlich vertrauen kann.

Die Annäherung zwischen Klute und Bree wird dabei schön stimmungsvoll dargestellt. Donald Sutherland spielt Klute deutlich zurückhaltender als Fonda ihre Bree. Gerade dadurch entsteht zwischen beiden eine interessante Dynamik. Er versucht, die Vorgänge rational zu verstehen, während Bree emotional immer stärker von ihrer Situation eingeholt wird.


Besonders spannend ist, wie der Charakter von Bree geschrieben wurde. Dass sie ihr Geld als Sexarbeiterin verdient, ist natürlich ein wichtiger Aspekt des Films. Viel wichtiger ist aber, was diese Tätigkeit mit ihr selbst macht und welche Gedanken und Ängste dahinterstehen.

Zwischen Anziehung und inneren Ängsten

In den Gesprächen mit ihrer Psychologin deckt Bree auf, dass sie für diese Art von Gefühl eigentlich gar nicht bereit ist. Die Gespräche geben der Figur eine zusätzliche Ebene und machen deutlich, dass hinter ihrem selbstbewussten Auftreten eine Menge Unsicherheit steckt.

Gerade in diesen ruhigeren Momenten zeigt Jane Fonda, warum ihre Darstellung so beeindruckend ist. Ob sie nun als Privatperson agiert oder als Sexarbeiterin: Ihre Körpersprache und ihr Auftreten verändern sich. Bree ist nicht einfach nur dieselbe Figur in unterschiedlichen Situationen. Man bekommt tatsächlich das Gefühl, verschiedene Seiten dieser Frau kennenzulernen.

Die Paranoia sitzt in jeder Szene

Klute ist ein grandioser Krimi-Thriller der 70er Jahre. Die Atmosphäre ist durchgehend packend und die Paranoia durch die Verfolgung wird durch einen grandiosen Soundtrack noch gelenkt und gesteuert.

Regisseur Alan J. Pakula inszeniert die Geschichte dabei nicht als klassischen Thriller, der permanent von einem Höhepunkt zum nächsten hetzt. Vielmehr entsteht die Spannung aus Blicken, Gesprächen, Beobachtungen und der ständigen Frage, wer Bree eigentlich verfolgt und warum.

Gerade diese Atmosphäre passt hervorragend zum New-Hollywood-Kino dieser Zeit. Die Stadt wirkt nicht wie eine glamouröse Kulisse, sondern teilweise kalt, anonym und bedrohlich. Zwischen den emotionalen und kantigen Momenten entsteht dadurch ein Film, der seine Spannung nicht ausschließlich aus der eigentlichen Kriminalgeschichte zieht.


Allerdings hat diese ruhige Erzählweise auch ihre Schattenseiten. Ob dies dem Zeitgeist geschuldet ist oder auch früher schon so war, lässt sich natürlich heute schwer sagen. Für seine knapp über zwei Stunden fühlt sich der Film jedenfalls teilweise sehr lang an.

Ein Krimi, der sich manchmal zu viel Zeit lässt

Viele Szenen, die die emotionale Bindung zwischen Mann und Frau zeigen, werden sehr lange ausgespielt. Ein einfacher Einkauf auf dem Markt zieht sich beispielsweise über Minuten ohne Dialog. Und ja, natürlich sind diese Szenen wichtig für die Bindung und die Charakterentwicklung. Sie sollen zeigen, wie sich zwischen Bree und Klute langsam Vertrauen und Nähe entwickeln.

In einer heutigen Zeit fühlt sich dies allerdings einfach sehr lang an. Gerade wenn man von moderneren Thrillern gewohnt ist, dass Handlung und Spannung deutlich schneller vorangetrieben werden, braucht Klute einiges an Geduld.

Ein intensiver Thriller zwischen Film Noir und New Hollywood

Am Ende bleibt Klute vor allem wegen seiner Figuren und seiner Atmosphäre im Gedächtnis. Die eigentliche Kriminalgeschichte funktioniert nicht in jedem Moment gleich stark, doch die Mischung aus Verfolgung, Paranoia und Charakterstudie besitzt auch heute noch eine bemerkenswerte Wirkung.

Jane Fonda trägt den Film dabei nahezu allein auf ihren Schultern und macht Bree zu einer Figur, die weit über das Klischee des paranoiden Callgirls hinausgeht. Ihre Oscar-prämierte Darstellung ist zweifellos der große Höhepunkt des Films. Wer sich auf das gemächliche Erzähltempo einlassen kann, bekommt einen intensiven Thriller aus einer Zeit, in der Hollywood seine Geschichten noch deutlich kantiger und ungewöhnlicher erzählen durfte. Klute ist kein Film, der seine Spannung permanent laut herausschreit. Er lässt sie vielmehr langsam unter die Haut kriechen.

Das Mediabook mit umfangreichem Bonusmaterial

Die deutsche Blu-ray-Premiere erscheint als Mediabook mit Blu-ray und DVD. Für Sammler gibt es dabei einiges an zusätzlichem Material: Neben einem Making-of und Interviews sind auch Behind-the-Scenes-Material, ein deutscher Teaser, der englische Trailer, eine Bildergalerie sowie ein Booklet von Tobias Hohmann enthalten.

Damit bekommt der Film nicht nur eine passende neue Veröffentlichung, sondern auch interessantes Zusatzmaterial für alle, die sich intensiver mit Klute und seiner Entstehung beschäftigen möchten.

Bewertung

Bewertung_7

Trailer

Bildrechte: PLAION PICTURES


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