13th Jan2011

Gran Torino (2008) | Filmkritik

von

Gran Torino

Walt Kowalski ist ein pensionierter polnisch-amerikanischer Ford Fabrikarbeiter, welcher im Koreakrieg seinem Vaterland diente. Die einzige Person, welche eine enge Bindung zu ihm führte, war seine kürzlich verstorbene Frau. Von seinen beiden Söhnen und deren Familien ist er ungeliebt und hat auch nur wenig Kontakt mit diesen. Seine Nachbarschaft in Highland Park, Michigan, ehemals von der Arbeiterklasse weißer Familien bewohnt, wird jetzt durch asiatische Einwander geprägt und Bandenkriminalität ist immer häufiger an der Tagesordnung. Trotzdem will Kowalski sein Heim nicht verlassen und verteidigt seinen Besitz weiterhin mit seinem Labrador Retriever, Daisy. Lediglich Vater Janovich, ein junger katholischer Priester dem sich Walts Frau vor ihrem Tod anvertraute, versucht sich dem rauen Veteran zu nähern.

Tür an Tür mit Walt lebt die Hmong Vang Lor Familie. Zunächst will Walt nichts mit seinen neuen Nachbarn zu tun haben, aber immer öfter beobachtet er die Kinder der Familie, Sue und ihren schüchterner Bruder Thao, welche von ihrem brutalen Cousin schikaniert werden. Als dieser Thao zwingt bei Walt einzubrechen und dessen 1972er Gran Torino zu stehlen, erwischt ihn Kowalski jedoch. Um für sein Verbrechen Büße zu leisten, schickt Thaos Mutter ihren Sohn zu Walt, damit dieser für den alten Mann Arbeiten erledigen kann. Notgedrungen stimmen beide diesem Abkommen zu.

Bei der gemeinsamen Zeit stellt Walt fest, dass die ausländischen Nachbarn viel mehr gute Seiten haben als zunächst vermutet und er mit den Ausländern mehr Gemeinsamkeiten hegt als etwa mit seiner eigenen Familie. Doch die Bedrohung der Banden in der Nachbarschaft lässt keine Integration der Familien zu. Walt fängt an sich für die asiatischen Familien einzusetzen und das mit seinen ganz eigenen Methoden.

Seit Jahrzehnten beeindruckt der US-amerikanische Schauspieler Clint Eastwood in Filmen als wortkarger Western- und Actionheld. In den 1960er Jahren wurde er zum gefeierten Star und ist mittlerweile ebenfalls als Filmregisseur und Filmproduzent erfolgreich in Hollywood vertreten. Nun hat die Kultfigur mit den markanten Zügen und den zynischen Einzeilern jedoch wohl ihren letzten Film als Schauspieler auf die Leinwand gebracht. Mit Gran Torino bescherte uns Clint Eastwood eine beachtliche Abschiedsvorstellung.

Nach dem Sportdrama Million Dollar Baby, welches im Jahr 2000 Clint Eastwood seinen zweiten Regie-Oscar einbrachte, stand die Hollywood-Legende nun erstmals wieder vor und hinter der Kamera eines Films. Dabei schlüpfte er mit seinen 78 Jahren in die Rolle eines stereotypischen Korea-Veterans, welcher starke Parallelen zu seiner Figur Insp. Dirty Harry Callahan aufweist. Ein Einsiedler der im „vergessenen Krieg“ einst gegen genau die Menschen kämpfte, welche nun seine Nachbarschaft überfluten. Seit den 50er Jahren betrachtet er die Welt mit Verbitterung und seine Wertvorstellungen haben sich in keinster Weise verändert. Wenn er seinen italienischen Friseur oder den irischen Vorarbeiter besucht, entsteht ein echtes Männergespräch, Beleidigungen und Vorurteile werden sich nur so gegen die Köpfe geworfen, wie es nur die Landsmänner des alten Schlages verstehen. Im Vordergrund von Gran Torino stehen eindeutig die Themen Rassismus, Bandengewalt und Integration und nehmen in der Geschichte den klaren Mittelpunkt ein. Das letzte friedliche Plätzchen auf Erden, welches dem Charakter Walt Kowalski in dieser verachtenden Welt geblieben ist, ist sein Haus mit typisch amerikanischem Vorgarten. Um ihn herum zerfällt die Welt jeden Tag ein Stückchen mehr. Der Frieden für den er einst kämpfte scheint schon lange Geschichte zu sein. Clint Eastwood erschafft dabei erneut einen ausdrucksvollen Charakter, welcher einem mit seiner charakteristischen Art noch lange Zeit im Gedächtnis bleiben wird.

„Ein Mexikaner, ein Jude und ein Farbiger kommen in eine Bar. Dann sagt der Barmann: Verpisst euch ihr Wichser!“

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Bei all dem Patriotismus und den höhnischen Sprüchen begibt sich der Charakter Walt Kowalski jedoch auf eine letzte Reise und entwickelt sich für den Zuschauer erkennbar zu einem anderen Menschen. Dabei ändern sich nicht seine verschlagenen Sprüche, sondern seine Denkweise erlebt einen Wandel. Trotz der gewaltsamen und rücksichtslosen Thematik verfällt Gran Torino aber nicht zu einem plumpen Gewaltstreifen, sondern überzeugt durchgehend mit ruhigen und gravierenden Dialogen, welche die Intoleranz der heutigen Gesellschaft kritisieren.

Handwerklich ist dem Stück dabei nichts vorzuwerfen. Die Schauspieler, die Atmosphäre und die Musik ergänzen sich fehlerlos und fügen sich zu einem melancholischen Blick auf unser Gesellschaftssystem zusammen. Es scheint fast so als erzählt der Film, in seiner ganz eigenen Art und Weise, die Geschichte des Filmstars Clint Eastwood. Eine Leinwandlegende, welche noch ein letztes Mal zeigen möchte, was sie auszeichnet. Und so beschenkt uns Clint Eastwood abschließend für seine Schauspielkarriere noch einmal mit seiner Paraderolle als schweigsamer Einzelgänger, der mit wenigen Worten versteht den Zuschauer zu faszinieren. Nach vielen Jahren der Gewalt offenbart er uns, dass dieses Mittel nur Leid und Elend mit sich bringt und beschert uns einen grandiosen Ausweg.

Cast & Crew

Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Nick Schenk
Musik: Kyle Eastwood, Michael Stevens, Jamie Cullum
Schauspieler: Clint Eastwood, Ahney Her, John Carroll Lynch, Brian Howe

Bewertung

Bewertung_10

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