02nd Jan2018

Midnight Special (2016) | Filmkritik

von Michael Diederich

Midnight Special

Roy (Michael Shannon) ist mit seinem Sohn Alton (Jaeden Lieberher) ständig auf der Flucht. Der Grund: Dieser verfügt über besondere Fähigkeiten. Er kann ein extrem helles Licht mittels seinen Augen erzeugen, welches für die Menschen in seiner Umgebung kaum zu ertragen ist. Außerdem kann er durch Visionen Ereignisse voraussehen.

midnightspecial_1 In dem ländlichen Texas war das Vater-Sohn-Gespann vor ihrer Flucht Mitglied einer religiösen Gruppe namens „Die Ranch“. Zur Unterstützung auf ihrem nun eingeschlagenen Weg ist zudem der State-Trooper Lucas (Joel Edgerton) mit dabei, der zusammen mit Roy aufgewachsen ist. Das Ziel der Männer ist es Alton zu einem bestimmten Ort zu bringen, wo in einigen Tagen etwas Besonderes, ein vielleicht weltveränderndes Ereignis, passieren soll.

Zudem ermitteln in diesem Fall mehrere Personen, die durch ihre Neugier getrieben werden. Unter anderem verfolgt die NSA anhand der Satellitenbilder eine Spur, die sie zu dem Jungen bringen könnte. Die Fähigkeiten von Alton stellen jedoch auch eine große Gefahr dar, denn er hat noch nicht die vollständige Kontrolle über seine Kräfte erlangt. Wohin führt der Weg und kann Alton irgendwann mit seiner übermenschlichen Macht umgehen?

Midnight Special ist ein 2016 erschienener Science-Fiction-Film von Regisseur Jeff Nichols, der zuvor Bekanntheit durch die Filme Mud und Take Shelter erlangte. Die Geschichte eines Jungen, der über spezielle Fähigkeiten verfügt und deshalb zum Ziel zahlreicher Menschen wird, ist keine wirklich neue, doch die Thematik ist kreativ umgesetzt.

midnightspecial_2 Parallelen sind hier eindeutig zu E.T. zu erkennen. Ergänzt wird diese Grundidee durch die Einführung einer religiösen Gruppe, die das Kind als eine Art Erlöser betrachten. Unter diesem Vorsatz sollte es doch möglich sein einen guten Film mit einer akzeptablen Story zu schaffen, doch leider misslingt der Versuch eine neuere und etwas kreativere Version des beliebten Außerirdischen zu erstellen.

Die beiden größten Probleme sind die sehr unrhythmische Erzählgestaltung und der etwas zu ambitionierte Anspruch des Regisseurs. Es ist ein großer Fehler, zu viele Handlungsstränge aufzubauen, und dann im Laufe der Handlung zahlreiche Figuren wieder fallen zu lassen. Außerdem sind viele Stellen gänzlich langweilig und einfach viel zu dröge für einen angenehmen Sehgenuss.

Die Dialoge, das Handeln der Figuren und der Handlungsfortschritt bleiben an vielen Stellen regelrecht stehen, sodass es für den Zuschauer zur Geduldsprobe, dem Film aufmerksam zu folgen. Für Menschen, die bei langatmigen Filmen bereits die Segel streichen müssen, wird dieser Film sicherlich kein Genuss sein.

Midnight Special - Jetzt bei amazon.de bestellen!

Midnight Special – Jetzt bei amazon.de bestellen!

Demgegenüber überzeugt der gesamte Cast. Joel Edgerton, Michael Shannon, Kirsten Dunst und Adam Driver finden einfach in ihre Rolle und jede Figur ist glaubhaft besetzt. Des Weiteren sind die visuellen Schauwerte und die Kameraarbeit zu loben, denn die Bildhaftigkeit und die ruhige Kameraführung, die auch schon die beiden vorherigen Werke Nichols geprägt haben, sind in vielerlei Hinsicht ein Ereignis.

Die absolute Spitze des Films sind die zauberhaften Actionszenen, die gut vertont und insgesamt realistisch und schön anzusehen sind. Diese Stärke wird jedoch extrem übergangen, da es nur sehr kurze Momente sind, in denen diese hervortreten. In diesen Augenblicken ist sogar Spannung vorhanden, die die unrhythmischen Inszenierung über weite Strecken des Films kurz vergessen lässt. Dennoch ist hier die klare Handschrift von Jeff Nichols zu erkennen.

In seinen beiden vorherigen Werken war eine gewisse Langatmigkeit und eine damit verbundene Schwere zwar vorhanden, aber beide Werke konnten ihre Thematik mit einer klaren und nachvollziehbaren Struktur verknüpfen, sodass der Zuschauer den roten Faden erkannte und aufmerksam folgen konnte. In seinem neuesten Film fehlt diese Struktur und die Langatmigkeit drückt sich somit deutlich kräftiger aus. Der Stil des Regisseurs ist teilweise halb-dokumentarisch, jedoch hat der Kanadier Denis Villeneuve diesen Filmstil zu sehr perfektioniert, sodass die Machart Nichols leider nur wie eine B-Version des Meisters wirkt.

Insgesamt ist Midnight Special ein Science-Fiction-Film, der wunderschöne Sequenzen und viel Leerlauf miteinander verknüpft, ohne gänzlich zu überzeugen oder gänzlich zu versagen. Empfehlenswert ist er dennoch, da er auf seine Art und Weise herausstechen kann und vermehrt gute Ansätze verfolgt.

Cast & Crew

Regie: Jeff Nichols
Drehbuch: Jeff Nichols
Musik: David Wingo
Darsteller: Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Adam Driver, Jaeden Lieberher, Sam Shepard

Bewertung

Bewertung6

29th Dez2017

Star Wars: Die letzten Jedi (2017) | Filmkritik

von Michael Diederich

Star Wars: Die letzten Jedi

Die Erste Ordnung steht kurz davor den Widerstand endgültig zu zerschlagen und das gesamte Universum zu beherrschen. Sie haben die letzte Basis der Rebellen anvisiert und peilen ihre komplette Zerstörung an.

starwars8_1 Allerdings können die Widerstandskämpfer in letzter Sekunde durch ein mutiges Manöver des Piloten Poe Dameron (Oscar Isaac) evakuiert werden und fliehen in den Hyperraum. Rey (Daisy Ridley) sucht in der Zwischenzeit den letzten verbleibenden Jedi, Luke Skywalker (Mark Hamill).

Dieser hat sich auf einer einsamen Insel verschanzt und dem Jedi-Orden den Rücken zugekehrt. Doch auf ihn ruht wieder einmal die große Hoffnungen für Frieden in der Galaxis. Luke hat jedoch keinerlei Interesse daran Rey zu einem Jedi auszubilden und ihm ist die Zukunft der Galaxie mittlerweile gleichgültig.

Kylo Ren (Adam Driver) muss sich für den verlorenen Lichtschwertkampf gegen Rey bei seinem Anführer Snoke (Andy Serkis) verantworten. Er wird stark kritisiert und ist gewillt alles Negative aus seinem Leben zu entfernen. Hierzu nimmt er Kontakt zu Rey auf, die ihn von der guten Seite überzeugen will.

Welche Folgen hat diese Annäherung zwischen Gut und Böse für die Zukunft der Galaxie?

starwars8_2 Star Wars: Die letzten Jedi ist die nunmehr achte Episode der Star-Wars Reihe und somit die direkte Fortsetzung zu Star Wars: Das Erwachen der Macht aus dem Jahr 2015. Die Regie übernahm hierbei Rian Johnson, der unter anderem durch die Filme Brick und Looper Bekanntheit erlangte.

Bereits kurz vor der Premiere gab Disney bekannt, dass die Star Wars-Reihe um eine weitere Trilogie unter der Regie von Johnson ergänzt werden soll. Diese Nachricht ist als Vertrauensbeweis für Regisseur Rian Johnson zu verstehen, der somit sehr viel Verantwortung für den Fortbestand eines der größten Film-Franchises der Welt trägt. Diese Vorzeichen rückten den Film in ein Licht, welchem er meiner Meinung nach leider nicht vollständig gerecht werden konnte.

Star Wars: Die letzten Jedi bleibt sinngemäß gesprochen zwischen den Galaxien stecken, sodass die zweieinhalbstündige Expedition mit dem Reiseziel Super Star Wars 2017 nur zu 75% erreicht werden kann. Einerseits liefert der Film fantastische und atemberaubende Schlachtsequenzen, die in atemberaubender Weise von Ästhetik und Liebe zum Detail geprägt sind. Hierbei sind die letztgenannten Details überragend umgesetzt, da es an einigen Stellen einen großen Spaß macht diese Aneinanderreihung von Einfallsreichtum und Altbewährten zu genießen.

starwars8_3 Die einzelnen Szenenbilder und Settings sind eine enorme visuelle Wucht. Es ist schwierig sich innerhalb weniger Minuten oder Sekunden an der Ästhetik satt zu sehen, da einem kaum die Möglichkeit gegeben wird alle Details in den kurzen Ruhepausen vollständig zu bestaunen. Diese Liebe zum Detail ist aber auch erneut einer der größten Kritikpunkte des Films, da die alten Traditionen immer noch erhalten bleiben und neue Elemente nicht mit der erforderlichen Konsequenz inszeniert werden. An dieser Stelle ist ein Querverweis zu Star Wars 7 anzuführen, da Regisseur Johnson erneut einen Mittelweg aus alten Elemente aus dem Star Wars-Kosmos und Einführung neuer Elemente betritt.

Teilweise werden die Zutaten von dem eher handelsüblichen siebten Teil der Reihe übernommen, andererseits werden einige von ihnen rücksichtslos aussortiert. Diese Herangehensweise erfordert zwar großen Mut und dieser Mut ist auch ein zentraler Unterschied zwischen den Regisseuren J. J. Abrams und Johnson, wird aber nicht konsequent genug ausgeführt. Letztgenannter versucht zwar seine eigene Handschrift zu integrieren und seine eigene Vision eines Star Wars-Films einzubringen, allerdings werden seine neuen Aspekte durch immer wieder aufkommenden Gags entkräftet und verhindern dadurch die Entstehung eines dramaturgischen Spannungsbogens.

An unangebrachter Stelle wird der ein oder andere Witz zu viel erzählt. Zwar sind einige Szenen wirklich zum Lachen, aber bei einem Dauerfeuer von Gags ist dies letztendlich keine große Kunst. Durch diese für das heutige Zeitalter handelsübliche Inszenierung eines Blockbusters wird die Dramaturgie vollkommen aus dem Auge verloren und eine wirkliche Bedrohung kann nur wahrgenommen werden, wenn sie auch die notwendigen Konsequenzen nach sich zieht. An dieser Stelle ist auch der Einfluss Disneys hervorzuheben, die einen für viele Personen ansprechenden Film auf die Leinwand bringen wollen, um die eigene Geldtasche weiter aufzufüllen.

starwars8_4 Des Weiteren ist der Versuch der Einführung eines neuen Sympathieträgers in das Franchise deutlich misslungen. Die Gefühle liegen größtenteils auf Eis und dies ist bei einer Dauer von 152 Minuten schon ein erheblicher Nachteil. Die lange Laufzeit ist besonders im Mittelteil des Films zu spüren. Dennoch sind einige Szenen gefühlvoll, aber dies liegt eher an der Star Wars-Nostalgie des Zuschauers. Die grundlegende Story des Films ist dünn, den Figuren ist einfach zu folgen und Spannung keimt nur selten auf.

Vor dem Betrachten sollte jeder sich bewusst sein, was er eigentlich für eine Erwartungshaltung an den Film hat, denn die eigenen Kindheitserinnerungen an Filmlegenden wie Darth Vader oder Han Solo lassen die neuen Charaktere allesamt blass wirken. Es ist an der Zeit einen neuen Yoda oder einen neuen Obi-Wan zu platzieren, da die emotionale Gebundenheit nach wie vor ein zentrales Problem der neuen Trilogie kennzeichnet. Sicherlich ist es aber auch eben die erwähnte Nostalgie, die Millionen von Besuchern jedes Jahr in die Kinos lockt, um in den Erinnerungen der alten Figuren zu schwelgen.

Insgesamt ist Star Wars – Die letzten Jedi ein durchaus mutiger und gefühlvoll inszenierter Versuch das Star Wars-Imperium in ein neues Zeitalter zu führen. Leider aber hängt er noch zu sehr an den Ketten seines direkten Vorgängers und erreicht unterm Strich lediglich den Geschmack eines gut gemachten Blockbusters. Und dieses Etikett stellt normalerweise für Star Wars eine Beleidigung dar.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Rian Johnson
Drehbuch: Rian Johnson
Musik: John Williams
Darsteller: Mark Hamill, Carrie Fisher, Adam Driver, Daisy Ridley, John Boyega, Oscar Isaac, Andy Serkis, Lupita Nyong’o, Domhnall Gleeson, Anthony Daniels, Gwendoline Christie, Kelly Marie Tran, Laura Dern, Benicio del Toro

Bewertung

Bewertung7

23rd Dez2017

Una und Ray (2016) | Filmkritik

von Michael Diederich

Una und Ray

Una (Rooney Mara) beschließt eines Tages Ray (Ben Mendelsohn) aufzusuchen, der sie vor 15 Jahren sexuell missbraucht hat. Zu diesem Zeitpunkt war sie 13 Jahre alt und er bereits Ende 20.

unaundray_1 Er arbeitet inzwischen als Abteilungsleiter in einem Logistik-Unternehmen. Allerdings hat er seinen Namen in Pete geändert und ist mittlerweile verheiratet. Für seine Straftat musste er vor seinem Neuanfang eine mehrjährige Gefängnisstrafe abgesessen. Als Una auf Ray trifft, versucht sie ihn während seiner Arbeit mit dem Vergangenen zu konfrontieren und beide verstecken sich vor der restlichen Arbeiterschaft.

Rückblickend wird die gesamte Geschichte zwischen beiden erzählt. Herausgerissen aus den tragischen Erinnerungen wird Ray jedoch gebeten eine wichtige Rede bei einem Meeting zu halten, wo es um die Zukunft des Unternehmens gehen soll. In Gedanken versunken ist es ihm zugeteilt worden mehrere Mitarbeiter zu entlassen. Scott (Riz Ahmed) soll angeblich auf der Liste von Rays Streichkandidaten stehen, also beginnt er mit der Suche nach ihn auf dem Unternehmensgelände.

Es kommt zu einem Versteckspiel mit der eigenen Vergangenheit, indem jeder nächste Schritt das potenzielle Karriere- und Liebesaus für Ray bedeuten könnte. Una erinnert ihn an seine Tat und bedroht somit seine gesamte Existenz.

unaundray_2 Una und Ray ist eine filmische Adaption des Theaterstücks Blackbird, welches von dem Kriegsveteran Toby Studebaker inspiriert wurde. Die Regie übernahm Benedict Andrews, der hiermit zugleich sein Debüt gibt. Die Thematik des Films ist sehr schwer und hart: Ein verheirateter Mann wird 15 nach dem wohl schwersten Fehler seines Lebens mit seiner Vergangenheit konfrontiert und versucht dabei keinen weiteren Fehler zu begehen.

Es ist wichtig, dass die nervliche Belastung vor dem Betrachten dieses Werkes nicht allzu hoch ist, da es kein Blockbuster-Kino a la Marvel ist, wo Superhelden aufeinander einschlagen, um sich wenig später wieder gegen den gemeinsamen Feind zu verbünden. Nein, in Una und Ray geht es schlicht und einfach um zwei Personen, die ein Ereignis verbindet.

Una und Ray - Jetzt bei amazon.de bestellen!

Una und Ray – Jetzt bei amazon.de bestellen!

Für Ray droht sein neues Leben aus den Fugen zu geraten, Unas Leben ist bereits zerstört. Hierbei spielt insbesondere die Absicht von Una eine Rolle, warum sie Ray wiedersehen möchte. Zugeschnitten wird dieser Film hauptsächlich auf die Schauspieler Mendelsohn und Mara. Beide verkörpern ihre Rollen glaubwürdig und teilweise stark intensiv. Allerdings ist es zu keinem Zeitpunkt eine Überdramatisierung oder ein Overacting. Die Schauspieler zeigen ihr wahres Können in eher ruhigeren Sequenzen, wo dem Zuschauer nur die Mimik angeboten wird.

Diese realistische und natürliche Herangehensweise an eine schwere Thematik geht leider auch auf die Kosten der Zuschauer. Es gibt wenig Schauwerte, die eine Filmlänge von 90 Minuten erklären können. An einigen Stellen kommt der Handlungsfluss ein wenig ins Stocken, sodass es vielleicht für den einen oder anderen Zuschauer schwierig sein wird den beiden Figuren noch weiter ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Ein etwas größerer Schnitt sowie eine Reduzierung auf die Kerndialoge hätten vielleicht für den allgemeinen Filmkonsum gut getan.

Die Handlung, die Schauspieler und der Regisseur vermitteln ein Gefühl der inneren Leere, welches nicht unbedingt während des Films gestopft wird. Es ist auch keine klare Botschaft, die Benedict Andrews hier vermittelt. Viel mehr werden Argumente geliefert, die der Zuschauer dann in die richtige Position einordnen soll. Die vielen Rückblenden fördern einen leichten Ermüdungsprozess.

Positiv anzumerken ist die musikalische Untermalung, die an den wichtigen Stellen eine aufreibende Stimmung erzeugt. Des Weiteren ist es sympathisch, dass die Handlung sich eher im Kleinen behält, sodass der Film wie eine kleine Geschichte aus einer Kleinstadt wirkt. Insgesamt ist Una und Ray ein schwerer Film über eine schwere Thematik, die dank der beiden guten Darsteller und einer größtenteils zielgerichteten Regie für Fans von Kammerspielen oder Schauspielkunst zu empfehlen ist.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Benedict Andrews
Drehbuch: David Harrower
Musik: Jed Kurzel
Darsteller: Rooney Mara, Ben Mendelsohn, Riz Ahmed, Ruby Stokes, Tara Fitzgerald, Natasha Little, Tobias Menzies

Bewertung

Bewertung6

05th Nov2017

Liebe zu Besuch (2017) | Filmkritik

von Michael Diederich

Liebe zu Besuch

Alice (Reese Witherspoon) ist die Tochter eines sehr erfolgreichen Regisseurs in Hollywood. Nach seinem Tod bleibt sie in dem großen Anwesen der Familie wohnen, sodass zahlreiche Preise ihres Vaters weiterhin das Haus küren und ihren Alltag begleiten.

liebezubesuch_1 Sie lebt getrennt von ihrem Ehemann und hat zwei Kinder. Auf einer Party lernt sie Harry (Picco Alexander) kennen, der gerade mit seinen beiden Freunden daran arbeitet in das Filmgeschäft einzusteigen. Wie der Zufall es so will lässt Alice die drei jungen Männer bei sich einziehen und sie können Inspiration, Erfahrung und Zuversicht sammeln, um ihren Traum zu erreichen.

Die alleinerziehende Mutter bekommt ihm Gegenzug die Leichtigkeit des Lebens zurück und es könnte sich vielleicht noch etwas mehr aus dem überraschenden Besuch entwickeln.

Liebe zu Besuch, oder im Original Home Again ist eine US-amerikanische romantische Komödie aus dem Jahr 2017. Für das Drehbuch und die Regie ist Hallie Meyers-Shyer verantwortlich, die mit diesem Film ihr Regiedebüt feiert. Sie ist die Tochter von Nancy Meyers, die durch die Filme Was Frauen wollen oder zuletzt Man lernt nie aus bekannt geworden ist.

liebezubesuch_2 Ihr Vater, Charles Shyer, ist ebenfalls im Filmgeschäft tätig. Die Verbindung zwischen Realität und Film ist somit eng verwoben. Hallie Meyers-Shyer hat ihre eigene Lebensgeschichte mit diesem Film erzählt und sie voraussichtlich an einigen Stellen etwas abgeändert und für die Leinwand angepasst.

Die Story des Films ist dabei durch und durch einfallslos, unkreativ und zutiefst langweilig. Viele Handlungsstränge sind einfach schon so oft in anderen Filmen aufgetaucht, dass ein Sehen dieses Films unnötig und über weite Strecken einfach nur zur verschwendeten Zeit macht.

Es ist eine Aneinanderreihung von Langeweile, plattem Humor, Kitsch und Vorhersehbarkeit. Die romantische Komödie ist weder romantisch, noch komisch und deshalb eine klare Nicht-Empfehlung. Es ist schon gewagt einen derart uninspirierten und teilweise auch unsympathischen Film zu kreieren, sodass die Frage aufkommt, ob die Tochter von zwei ehemaligen Filmschaffenden vielleicht etwas zu viel Rückendeckung von ihren Eltern oder den Studiobossen bekommen hat, um dieses Projekt anzugehen. Die Dialoge sind zu 90 % Schrott und zu 10% ambitionierte Comedy, die etwas zum Schmunzeln ist, aber insgesamt einfach nur enttäuscht.

liebezubesuch_3 Es ist nicht zu verstehen, warum eine Oscar- und Golden Globe Gewinnerin namens Witherspoon zu diesem Debütfilm von Hallie Meyers-Shyer hinzugestoßen ist. Positiv ist immerhin anzumerken, dass die Thematik des Films im Entferntesten mit dem so berühmten amerikanischen Traum in Verbindung zu setzen ist, denn die drei jungen Männer möchten in Hollywood berühmt werden. Außerdem ist der Film über weite Strecken fröhlich, offenherzig und auffallend hell, sodass vielleicht bei einigen Zuschauern in wenigen Momenten positive Erinnerungen oder Gefühle hochkommen.

Allerdings wird in sehr wenigen Momenten das Talent der drei Männer gezeigt und ihr unbedingtes Streben nach Glück. Für den Zuschauer wird es schwierig sein den Charakteren zu glauben, dass sie gerade ihren persönlichen Traum verwirklichen möchten. Es ist in keiner Sekunde zu erkennen, dass sie leiden oder ihr Herz für ihren Beruf opfern.

Des Weiteren ist die Geschichte von Alice, die von Reese Witherspoon einigermaßen akzeptabel gespielt wird, gänzlich uninteressant und über weite Strecken zum Gähnen. Sie ist von Beruf Innenarchitektin, durchlebt gerade das Ende ihrer Ehe und muss sich um ihre zwei Kinder kümmern. Es ist vielleicht in Ansätzen eine Art Liebesbeziehung zu dem wesentlich jüngeren Harry vorhanden, die jedoch absolut ohne Chemie und Charme auskommen muss.

Hierbei ist es schwierig zu verstehen, ob die Schauspieler oder die Regisseurin einfach nicht die richtige Verbindung hergestellt hat. Die kitschigen Szenen zwischen Alice und Harry ähneln eher einer Satire, anstatt einer ernstgemeinten Liebesbeziehung. Insgesamt ist Liebe zu Besuch ein kläglich gescheiterter Versuch, eine romantische Komödie zu schaffen, der durch eine langweilige Story und furchtbar schwache Dialogen sehr negativ im Genre auffällt.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Hallie Meyers-Shyer
Drehbuch: Hallie Meyers-Shyer
Musik: John Debney
Darsteller: Reese Witherspoon, Nat Wolff, Jon Rudnitsky, Pico Alexander, Michael Sheen, Candice Bergen

Bewertung

Bewertung3

01st Nov2017

Berlin Falling (2017) | Filmkritik

von Michael Diederich

Berlin Falling

Frank Balzer (Ken Duken) lebt in einem Berliner Vorort in einer heruntergekommenen Wohnung. Aus heiterem Himmel bekommt er von seiner Ex-Freundin einen Anruf, dass er heute nach Berlin fahren soll, um sich um seine Tochter zu kümmern. Auf dem Weg in die Hauptstadt hält er sichtlich unmotiviert an einer Tankstelle und deckt sich mit Wodka und Saft ein.

berlinfalling_1 Die Hälfte des Saftes kippt Frank weg und mischt die andere Hälfte mit Wodka. Als er wieder in sein Auto einsteigen möchte wird er von einem Mann angesprochen, der nach einer Mitfahrgelegenheit nach Berlin sucht. Frank willigt unter der Bedingung ein, dass auf der Fahrt nicht gesprochen wird.

Auf dem Weg stellt sich der Unbekannte als Andreas vor und quatscht Frank unermüdlich voll, sodass dieser kräftig auf die Bremse drückt. Bei dem Manöver öffnet sich die Tasche des Fremden und ein Kampf zwischen den beiden Männern im Auto entbrennt. Was ist denn in dem Rucksack des unbekannten Reisenden gewesen?

Berlin Falling ist das Regiedebüt des deutschen Schauspielers Ken Duken, der unter anderem in Inglourious Basterds und Zweiohrküken mitspielte. Es ist eine fantastische Gelegenheit an dieser Stelle die Fahne für die deutsche Filmkultur etwas höher zu reißen, denn das Erstlingswerk von Duken ist eine atemberaubende, schöne und intensive Angelegenheit. Über weite Strecken ist es ein Kammerspiel im Auto, was zunächst einmal riskant und etwas weniger interessant wirken könnte, doch die Umsetzung widersetzt sich jeglichen Zweifeln.

berlinfalling_2 Die Bilder, die Kameramann Ngo The Chau eingefangen hat, geben dem Film eine speziell düstere und bunte Note, die den deutschen Film endlich auf das internationale Niveau anhebt. Die schönen Bilder der Landschaften vor Berlin und die Lichter der Stadt geben dem Kammerspiel eine bildgewaltige Atmosphäre.

Im Inneren des Wagens überzeugen die Darsteller durch ihre Ambivalenz, hierbei ist insbesondere der aus Game of Thrones bekannte Tom Wlaschia hervorzuheben, welcher durch ein vielseitiges Schauspiel in keiner Sekunde des Films unglaubwürdig wirkt.

Außerdem zeigt Ken Duken eine intensive, schauspielerische Leistung, die auch, obwohl seine Figur etwas weniger hergibt, sehr überzeugend ist. An dieser Stelle ist die Artikulation ein etwas problematischer Faktor des Films, denn die beiden Hauptdarsteller sprechen an einigen Passagen etwas undeutlich, sodass selbst bei erhöhter Lautstärke nicht jedes Wort verstanden werden kann. Dieser Fakt ist eine leider negative Nebenwirkung der Handschrift des Regisseurs.

Berlin Falling - Jetzt bei amazon.de bestellen!

Berlin Falling – Jetzt bei amazon.de bestellen!

Duken hat bewusst eine realistische und glaubwürdige Interpretation der Rollen fokussiert, die nicht übertrieben wirken soll, sondern durch einen realistischen Sprechrhythmus auffällt. Diese sehr realistische Artikulation wurde zuletzt fantastisch in dem amerikanischen Film Spotlight umgesetzt, in welchem die Charaktere klar und normal sprechen. Es ist eine kleine Einschränkung, dass nicht jeder Dialog verständlich ist, in einem ansonsten überzeugenden und gut strukturierten Film.

Neben diesen Punkten ist es sehr unterhaltend den beiden Figuren dabei zuzusehen, wie sie ihre Ansichten und Einstellungen deutlich machen. Die Reduzierung auf zwei Hauptdarsteller macht die Fahrt nach Berlin zu einer gut getimeten Reise, denn die Spannung ist immer da und nie komplett weg. Auch die Gesamtlänge von 91 Minuten ist meiner Ansicht nach gut geeignet für ein strikt gebündeltes Kammerspiel mit zwei breit gezeichneten Figuren.

Die Stärke des Films sind zweifelsfrei seine Szenen im Auto. Außerhalb des Wagens sind die Handlungen zwar nicht so fesselnd, aber dennoch unterhaltend. Es ist schön, nach dem Film Der Nachtmahr, der ebenfalls stilistisch stark war, einen weiteren deutschen Film anzusehen, der dem internationalen Vergleich Stand hält.

Insgesamt ist Berlin Falling ein intensives Kammerspiel mit fabelhaften Bildern, einer leuchtenden Hauptstadt und einer düsteren Landschaft. Außerdem spielen Ken Duken und Tom Wlaschia ihre Rollen glaubhaft in einem weiteren, gelungenen deutschen Filmwerk.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Ken Duken
Drehbuch: Christoph Mille
Musik: Kriton Klingler-Ioannides
Darsteller: Ken Duken, Tom Wlaschiha, Kida Khodr Ramadan, Marisa Leonie Bach, Tim Wilde

Bewertung

Bewertung7

09th Okt2017

Blade Runner 2049 (2017) | Filmkritik

von Michael Diederich

Blade Runner 2049

Im Jahr 2049 ist die Stadt Los Angeles durch und durch verdreckt und heruntergekommen. Der Müll von den Straßen wird in San Diego entsorgt, welches nun die größte Mülldeponie der Region ist. In dieser düsteren Welt leben künstlich erschaffene Androiden gemeinsam mit den Menschen, welche von Hologrammen und Drohnen bestimmen ist.

bladerunner2049_1 Officer K (Ryan Gosling) ist Polizist und wohnt in Los Angeles. Zu seinen Hauptaufgaben zählt die Eliminierung der sogenannten Replikanten, die auf eine unbegrenzte Zeitdauer leben können. Allerdings sind die Daten von vielen Replikanten vor Jahren in einem mehrtägigen Stromausfall verloren gegangen.

Bei der Suche nach einem Flüchtigen findet Officer K eine mysteriöse Kiste unterhalb eines Baumes, in welcher die Überreste einer Frau liegen. Im Polizeibüro stellt sich anschließend heraus, dass diese Frau ein Kind hatte. Bei den Ermittlungen zu dem dubiosen Kind mischt sich plötzlich die Wallace Corporation ein, die seit vielen Jahren für den Bau der Androiden zuständig ist. Wer ist diese Tochter und was hat sie mit der Wallace Corporation zu tun?

Blade Runner 2049 ist die Fortsetzung des 1982 erschienen Films Blade Runner, welcher bis heute als Klassiker der Science-Fiction-Filme gilt. Regisseur Ridley Scott trat in dem Nachfolger jedoch nur noch als ausführender Produzent in Erscheinung und gab den Platz auf dem Regiestuhl des zweiten Teils an den Francokanadier Denis Villeneuve weiter, der zuvor bereits große Bekanntheit durch Prisoners (2013), Sicario (2015) oder Arrival (2016) erlangte und derzeit zu Hollywoods kreativsten Filmschaffenden zählt.

bladerunner2049_2 Der letztgenannte Film Arrival stellte für ihn den Einstieg in das für ihn neue Genre Science-Fiction dar. Das Potenzial, welches durch die Verpflichtung von Villeneuve, Gosling und Ford freigesetzt wurde, entwickelte bei mir eine äußerst hohe Erwartungshaltung für Blade Runner 2049.

Diese Erwartung wurde allerdings in vielerlei Hinsicht übertroffen. Die visuelle Schönheit des Films ist kaum in Worte zu fassen. Es sind die scharfen Bilder, die die Verwüstung der westlichen Welt zeigen, die jeden Zuschauer zum Staunen bringen werden.

Die langsame Kameraführung von Roger Deakins, der bereits 13-mal für einen Oscar nominiert wurde, fasst die verdreckte Dystopie malerisch ein. Die Szenen in Los Angeles ähneln der visuellen Kraft seines Vorgängers. Perfekt wird der prägende Stil eines Blade Runner eingefangen und modernisiert. Die Schauplätze und die Gegenstände, unter anderem das Auto von Officer K, sind dennoch eigenständig und eine große Weiterentwicklung zu 1982. Neben Los Angeles überzeugt jedoch auch die atomar verseuchte Stadt Las Vegas, welche langsam wieder von der Wüste Nevadas verschluckt wird. Der Regen, der Schnee und das Feuer sorgen für das notwendige Beiwerk und für die kleinen visuellen Schauwerte in dem großartigen Setting.

bladerunner2049_3 Außerdem ist der gesamte Look düster und schön verdorben, was die menschliche Gebrochenheit fein widerspiegelt. Des Weiteren sind die Pistolen optisch fantastisch und soundtechnisch hervorragend. Die Musik ist eindringlich und nervenaufreibend.

In einigen Sequenzen drückt die musikalische Untermalung die Spannung weiter in die Höhe und unterhält den Zuschauer dank seines passenden Timings. Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch übernahmen die Kompositionen, da der zuvor engagierte Johann Johannsson (Arrival, Sicario, Prisoners) doch noch absprang.

Die Effekte, der Sound und die Kamera sind insgesamt stimmig und verdienen meiner Meinung nach eine Oscar-Nominierung, wenn nicht sogar den Oscar. Neben dieser technischen Brillanz überzeugen auch die Schauspieler und das Drehbuch. Ryan Gosling überzeugt ebenso wie Harrison Ford. Die beiden Schauspieler zeigen jeweils glaubwürdige Interpretationen ihrer Rollen und erzählen ihre Abschnitte mit einer ausgeprägt düsteren Dramatik. Die Geschichte wird zunächst etwas behäbig und ruhig von Denis Villeneuve erzählt. Sein gewöhnlicher Stil, der etwas dokumentarisch ist, ist ideal geeignet für eine visuelle und atmosphärisch dichte Inszenierung.

Blade Runner 2049 - Jetzt bei amazon.de bestellen!

Blade Runner 2049 – Jetzt bei amazon.de bestellen!

Das Besondere hierbei ist, dass nach der Vorstellung der Städte in der ersten Stunde, die Handlung deutlich an Fahrt aufnimmt und eine Wendung und Irreführung nach der anderen folgt. Es ist teilweise etwas schwierig allen Charakteren bei der dröhnenden Musik und der Ästhetik weiterhin aufmerksam Folge zu leisten, da besonders im zweiten Drittel viele neue Stränge aufgebaut werden und die Story etwas komplexer wird. An einigen Stellen ist die Verwirrung groß, doch es wäre nicht ein Villeneuve-Film, wenn der Abschluss die wichtigsten Fragen auflöst und hierbei die Logik in keinster Weise außer Acht lässt.

Es hätte unter Umständen ein wenig bei der Handlung und der damit verbundenen Spielzeit gekürzt werden können, doch dies ist eine nebensächliche Anmerkung. Ein kritischer Punkt, der neben den vielen Pluspunkten ebenfalls anzusprechen ist, ist die sparsame Verwendung von Actionsequenzen. Die wenigen Actionszenen sind jedoch fantastisch und meisterhaft inszeniert. Es gibt kaum etwas, was es an ihnen zu bemängeln gäbe. Jedes Element, egal ob visuell oder choreografisch, fügt sich in einem modernes Meisterwerk zusammen und gestaltet wahnsinnig spannende und unterhaltsame Actionszene, welche die besonderen Höhepunkte des Films setzen.

Die 164 Minuten vergehen wie in einem Rausch und es ist kaum zu realisieren, dass dieses schöne Werk letztlich ein Ende hat. Visuell ist er der beste Film, den ich je gesehen habe und von Villeneuves Filmen ist er ebenso das bisherige Prunkstück. Vielleicht ist er sogar einer der besten Science-Fiction-Filme. Selbstverständlich in der heutigen Zeit ist, dass dieses Stück Filmgeschichte in 3D zu bestaunen ist. Aber auch in 2D entfaltet der Film seine Magie und ist in manchen Szenen vielleicht sogar angenehmer zu verfolgen.

Insgesamt gestaltet Blade Runner 2049 eine atemberaubende, kreative und visuell hervorragende Fortsetzung des Klassikers aus dem Jahre 1982. Regisseur Villeneuve inszeniert eine der besten Fortsetzungen aller Zeiten und vielleicht sogar einen neuen Klassiker.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Hampton Fancher, Michael Green
Musik: Hans Zimmer, Benjamin Wallfisch
Darsteller: Ryan Gosling, Harrison Ford, Ana de Armas, Sylvia Hoeks, Robin Wright, Mackenzie Davis, Carla Juri, Lennie James, Dave Bautista, Jared Leto

Bewertung

Bewertung9

01st Okt2017

Höhere Gewalt (2014) | Filmkritik

von Michael Diederich

Höhere Gewalt

Eine schwedische Familie reist nach Frankreich, um dort in einem äußerst luxuriösen Ferienort Ski zu fahren und abends einfach mal etwas vom Alltag zu entspannen. An jedem Morgen knallt es jedoch laut in der sonst ruhigen Gegend, da das dortige Personal kontrolliert Lawinen herablässt, um eine sichere Fahrt für Klein und Groß auf den Pisten zu ermöglichen.

hoeheregewalt_1 Eines Morgens sitzen die Eltern mit ihren beiden Kindern am Tisch und es ertönt ein extrem lauter Knall. Der Familienvater Tomas (Johannes Kuhnke) erklärt seinen Kindern, dass es wieder nur eine kontrollierte Sprengung sei. Allerdings rast die Schneemasse unaufhörlich auf die Terrasse des Hotels zu. Seine Frau Ebba (Lisa Loven Kongsli) wird unruhig und schaut ihren Mann sorgenvoll an. Kurz bevor die Lawine das Hotel der Familie unaufhaltbar erreicht, schnappt sich Tomas sein Handy und rennt weg, ohne auf seine Frau und die Kinder zu achten.

Die Schneemasse stoppt jedoch kurz vor dem Hotel, sodass sich die Aufregung wieder legt. Als die Sicht wieder klar wird, kommt Tomas zurück zu seiner Familie und beruhigt alle. Es scheint wohl so, als ob die Katastrophe noch einmal verhindert werden konnte, oder doch nicht? Das Familiengefüge beginnt zu bröckeln.

Höhere Gewalt ist ein schwedisches Drama des Regisseurs Ruben Östlund aus dem Jahr 2014. Um das Wichtigste vorweg zu nehmen: Der Film ist ein absoluter Geheimtipp und in jederlei Hinsicht zu empfehlen. Der Anfang ist sehr ruhig und vor allem dazu gedacht die traumhafte, winterliche Kulisse vorzustellen, und um einen Einstieg in die ganz normale schwedische Familie zu bekommen.

hoeheregewalt_2 Die Kamera setzt hierbei betont auf Bilder und Momente, bei denen wenig Interessantes präsentieren. Der Tagesablauf wird vorgestellt und es entsteht eine gewisse Situationskomik. Regisseur Östlund konzentriert sich auf eine starke Bildsprache und eine musikalisch erhellende Untermalung. Als die Lawine kurz vor dem Hotel stoppt und sich der Ehekrieg zwischen Tomas und Ebba entfaltet, bleibt die Kamera eng bei den beiden Protagonisten.

Die Reaktionen und charakterlichen Eigenschaften kommen so gut zum Vorschein. Tomas, der seine Familie in einer potenziellen Extremsituation alleine gelassen hat, bestreitet zunächst, dass er weggelaufen sei. Ebba beharrt jedoch darauf, dass er sie enttäuscht habe, und dass auf ihn in solchen Situationen kein Verlass sei.

In einem kurzen Augenblick hat sich das gesamte Familienbild verändert und Tomas ist nun angezählt. Die Darsteller überzeugen in ihren Rollen und jede Interpretation wird glaubwürdig dargestellt. Selbst die Nebenrollen, unter anderem der Norweger Kristofer Hivju, sind gut besetzt.

Höhere Gewalt - Jetzt bei amazon.de bestellen!

Höhere Gewalt – Jetzt bei amazon.de bestellen!

Ein großer Pluspunkt des Films ist auch die nachvollziehbare Handlung und der Verlauf der Geschichte. Es gibt kaum Momente, die überflüssig oder nicht wichtig für den weiteren Ablauf des Films sind. Außerdem wurden die Sympathien gut verteilt, sodass der Zuschauer jeder Figur seine Aufmerksamkeit schenken kann und gespannt auf das jeweilige Schicksal ist. Die Ähnlichkeiten zu einem Kammerspiel sind zu erkennen, dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Fast jedes Kammerspiel hat die ein oder andere Länge, die Höhere Gewalt nicht aufweist. Der Film ist gut geschnitten und überraschend witzig. Der Humor geht teilweise schon in die Richtung schwarzen Humors und wirkt dank der winterlichen Kulisse besonders intensiv.

Regisseur Östlund spielt mit den männlichen und weiblichen Egos, indem er sich die klischeehaften Figuren zur Brust nimmt und eine Geschichte von Tapferkeit, Mut und Zerbrechlichkeit inszeniert. Die gegenseitigen Schwächen und Stärken beider Geschlechter kommen gut zur Geltung und kein Akteur bleibt außen vor. Es ist ein unerwartet witziges Familiendrama aus einem verschneiten französischen Ski-Resort. Zu Zeiten von großem Hollywood-Blockbuster-Kino ist dieser schwedische Film abwechslungsreich, sympathisch und zauberhaft inszeniert.

Eine Fokussierung auf kleinere Geschichten wäre auch mal in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten einige Millionen Dollar Produktionskosten wert. Der Trend geht immer mehr zu großen Filmproduktionen, so dass kleinere Film in Zukunft kaum noch gesehen werden. Schließlich ist Höhere Gewalt ein wunderbarer Film, der ebenso Mann wie Frau gefallen wird.

Cast & Crew

Regie: Ruben Östlund
Drehbuch: Ruben Östlund
Musik: Ola Fløttum
Darsteller: Johannes Bah Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Clara Wettergren, Vincent Wettergren, Kristofer Hivju, Fanni Metelius

Bewertung

Bewertung_8

08th Sep2017

Dunkirk (2017) | Filmkritik

von Michael Diederich

Dunkirk

1940: Knapp ein Jahr nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs sind die britischen und französischen Truppen im nordfranzösischen Dünkirchen eingekesselt. Winston Churchill befiehlt in der sogenannten Operation „Dynamo“ seine britischen Soldaten über den Ärmelkanal zurück in die Heimat. Doch die Flucht ist kräftezehrend und immer mehr Soldaten fallen den deutschen Angreifern zum Opfer.

dunkirk_1 Dunkirk beginnt mit britischen Soldaten, die hektisch durch Dünkirchen laufen. Aus der Luft fliegen Flugblätter auf sie herab, die die Stellung der britischen Armee zeigen und die drohende Gefahr durch die deutsche Wehrmacht verdeutlichen. Von allen Seiten sind sie umzingelt und wurden am Strand von Dünkirchen wie Vieh zusammengetrieben.

Als Tommy (Fionn Whitehead) etwas Wasser durch einen Gartenschlauch trinkt, fallen auch schon Schüsse. Nacheinander fallen seine Kameraden neben ihm in den Dreck und liegen reglos am Boden. Er kann sich retten, indem er über einen Zaun klettert und bei den Franzosen Hilfe ersucht. Doch Hilfe ist dieser Tage in Dünkirchen rar.

Der junge britische Soldat gelangt, nach seiner erfolgreichen Flucht vor den Feinden, zum Strand der Stadt, wo in etwa 400.000 Soldaten in Reihen geordnet stehen. Die wenigen Schiffe können immer nur eine geringe Anzahl an Soldaten mitnehmen. Aus der Luft ertönen schrille Geräusche, die deutsche Luftwaffe kreist über dem Strand. Die Zahl der Wartenden wird mit jedem Angriff minimiert.

Dunkirk ist ein Kriegsfilm des britisch-amerikanischen Regisseurs Christopher Nolan, der durch eine Vielzahl von überragenden Filmen wie unter anderem The Dark Knight und Inception (2010) bekannt wurde. Sein neuestes Projekt befasst sich mit einem geschichtlichen Thema, welches zwar nicht gänzlich uninteressant ist, aber dennoch weniger kreativ.

dunkirk_2 Das Thema „Zweiter Weltkrieg“ ist in der Geschichte Hollywoods in zahlreichen Filmen bereits behandelt worden. Zuletzt erst verfilmte der US-Amerikaner Mel Gibson Hacksaw Ridge, der die Geschichte eines mutigen Sanitäters erzählt. Das Thema ist somit sehr überlaufen. Und doch gibt es weiterhin noch wahre Geschichten aus dem Krieg, die die Leinwand bisher nicht erblickt haben.

Allerdings haben die Soldaten der deutschen Wehrmacht in Nolans neuestem Werk eine ungewohnte Funktion. Nolan verfilmt die Geschehnisse aus 1940 aus drei unterschiedlichen Perspektiven: Land, Wasser und Luft. Jede Perspektive wird in einer anderen Zeitdauer gezeigt. Die Fußsoldaten werden für eine Woche, die Schiffe für einen Tag und die Piloten für eine Stunde gezeigt.

Die Briten sind aussichtslos in Dünkirchen gefangen und der Feind kann sie nach und nach nahezu ungestört töten. Die zeitlichen Unterschiede im Film werden jedoch nicht vollkommen klar, da sich die drei Ebenen eher gleich lang anfühlen und auch in ihrer Leinwanddauer nahezu decken. Dennoch ist es eine sehr komplexe wie experimentelle Herangehensweise, welche auch mit wenigen Dialogen auskommt. Diese Einteilung der Erzählstruktur bringt jaber den Nachteil mit sich, dass spannende Momente durch schnelle Schnitte auf andere Perspektiven etwas verpuffen. Beispielsweise wird der Wechsel von einer Verfolgungsjagd auf eine ruhige Strandsequenz inszeniert, in welcher jede Spannung direkt abstumpft.

dunkirk_3 Des Weiteren beeinträchtigt die oberflächliche Zeichnung der Figuren den Unterhaltungsfaktor ungemein. Die Idee des Regisseurs ist es, dass jede Figur beliebig ist, da alle Soldaten sind. Allerdings ist es so schwierig Sympathien zu entwickeln, da es keine Andockmöglichkeiten für den Zuschauer gibt. Dass der Cast des Films Namen wie Tom Hardy, James D’Arcy, Cillian Murphy, Kenneth Branagh oder dergleichen beinhaltet, scheint keinerlei Rolle zu spielen. Sie alle sind nur Schachfiguren der Mächtigen.

Auf der Gegenseite ist der Film visuell hervorragend. Das gesamte Set wirkt real und natürlich. Besonders die Flugszenen sind fantastisch gelungen. Die meisterhaft fotografierten Bilder von Kameramann Hoyte van Hoytema sorgen für ein komplettes visuelles Feuerwerk.

Außerdem ist der Ton atemberaubend und begleitet die Bilder optimal. Ebenso fesselt die musikalische Untermalung durch Hans Zimmer mit ihrem ständig begleitenden Uhrenticken. Bei diesem 107 minütigen Film, was der bis dato kürzeste Film von Christopher Nolan ist, ist die Musik umso wichtiger, weil die dunkle Stimmung dadurch noch verstärkt wird. An einigen Stellen dauern die einzelnen Musiktitel jedoch etwas zu lang.

Es wäre etwas erleichternder den Zuschauer einen Augenblick zur Ruhe kommen zu lassen, aber Ruhe bekommt er nicht. Die gesamte Atmosphäre ist intensiv und niederschlagend. Ein guter Ansatz, den der Film ebenfalls umsetzt, ist, die deutschen Soldaten nicht zu zeigen, da die Gefahr im Verborgenen lauert. Die Angst der eingekesselten Soldaten kommt dadurch spürbar zur Geltung .

Insgesamt ist Dunkirk ein atmosphärisch und inszenatorisch gelungener Film, der sich einem stark überlaufenen Thema widmet und für Nolan untypisch wenig Pathos zeigt.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Musik: Gabriel Yared
Darsteller: Christopher Nolan, Hans Zimmer, Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Jack Lowden, Harry Styles, Aneurin Barnard, James D’Arcy, Barry Keoghan, Kenneth Branagh, Cillian Murphy, Mark Rylance, Tom Hardy

Bewertung

Bewertung_7

Seiten:12345»