Westworld

Warum „Westworld“ am Ende doch nicht das neue „Game of Thrones“ wurde

Eine Analyse des spektakulären Aufstiegs und des tiefen Falls

von Mathias Grunwald

Wir schreiben das Jahr 2016: Der US-Sender HBO bereitete sich langsam auf das unweigerliche Ende seines globalen Mega-Hits Game of Thrones vor und brauchte dringend ein neues Zugpferd. Als die erste Staffel des ehrgeizigen Science-Fiction-Dramas Westworld anlief, schien der perfekte Nachfolger gefunden. Viele waren zunächst skeptisch gegenüber den extrem komplexen Handlungssträngen, aber der Serie gelang es meisterhaft, Philosophie, Action und unfassbare Plottwists miteinander zu verknüpfen. Damals waren sich Kritiker und Fans einig: Westworld hat das absolute Potenzial, das nächste ganz große popkulturelle Phänomen zu werden.

Die Magie der ersten Staffel

Westworld startete als vielschichtige Genre-Mischung und kombinierte Elemente von Science-Fiction, klassischem Western und der Struktur von Videospielen zu einem revolutionären TV-Erlebnis. Die Faszination für Sex und Gewalt war (typisch für HBO) allgegenwärtig, aber die Serie glänzte vor allem durch ihre psychologische Subtilität. Die Frage, was Bewusstsein ausmacht und ab wann künstliche Intelligenz menschlich wird, fesselte das Publikum. Es schien, als hätte HBO in der Kategorie Science-Fiction genau das geschafft, was GoT im Fantasy-Bereich erreicht hatte.

Das ungenutzte Videospiel-Potenzial

Ein Bereich, in dem Westworld erzählerisch extrem stark war, war die Nähe zur Videospiel-Logik. Die Welt des titelgebenden Vergnügungsparks funktionierte im Grunde wie ein gigantisches Open-World-Rollenspiel (Quests, NPCs, Respawns). Viele Fans wünschten sich damals ein waschechtes AAA-Videospiel zur Serie, das in die Fußstapfen eines Red Dead Redemption hätte treten können. Leider wurde dieses gigantische Potenzial nie genutzt. Anstatt eines epischen Konsolenspiels bekamen die Fans nur ein mäßig erfolgreiches Mobile-Game (das zudem noch von Bethesda wegen angeblich gestohlenem Code aus Fallout Shelter verklagt wurde).

Der tiefe Fall nach dem Park

Damals hieß es, man müsse sich bis 2018 gedulden, um zu sehen, wie es nach dem brillanten Finale der ersten Staffel weitergeht. Man hoffte, die Fans würden die Serie in der langen Wartezeit nicht vergessen. Aus heutiger Sicht wissen wir leider: Die langen Pausen waren das geringste Problem von Westworld.

Die Showrunner Jonathan Nolan und Lisa Joy verliebten sich in den folgenden Staffeln so sehr in ihre eigenen Rätselboxen, dass die Handlung zunehmend konfus, überkompliziert und steril wurde. Als die Serie den namensgebenden Western-Park verließ und in die reale Cyberpunk-Welt der Zukunft wechselte (Staffel 3 und 4), verlor sie massiv an Identität und Zuschauern. Anstatt der popkulturelle Nachfolger von Game of Thrones zu werden, endete die Reise tragisch: Im Jahr 2022 wurde Westworld nach vier Staffeln von Warner Bros. Discovery wegen zu hoher Kosten kurzerhand abgesetzt – und den Fans wurde das geplante Serienfinale auf ewig verwehrt.

Heute bleibt Westworld ein faszinierendes Stück Fernsehgeschichte: Ein warnendes Beispiel dafür, dass eine brillante Prämisse allein nicht ausreicht, wenn man sich in den eigenen Ambitionen verheddert. Die erste Staffel jedoch bleibt bis heute ein absolutes, in sich geschlossenes Meisterwerk, das man gesehen haben muss.

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