
Als Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck im Jahr 2010 seinen Hollywood-Erstling The Tourist in die Kinos brachte, waren die Erwartungen gigantisch. Sein Oscar-gekröntes Meisterwerk Das Leben der Anderen hatte ihm Tür und Tor in der Traumfabrik geöffnet. Anstatt jedoch ein weiteres, schweres Drama zu inszenieren, lieferte er einen packenden Thriller mit absoluter Starbesetzung ab. Der Film ist mehr als nur ein visuell beeindruckendes Katz-und-Maus-Spiel – er ist zugleich eine nostalgische Hommage an die großen Filmklassiker und eine Liebeserklärung an das alte Hollywood.
Der Stoff, aus dem Agententräume sind
The Tourist steht den charmanten Agenten-Thrillern der schillernden Filmvergangenheit in nichts nach. Statt seinem Publikum den x-ten lauten Action-Kracher vor den Latz zu knallen, knüpft von Donnersmarck gezielt an stilvolle Klassiker wie Charade (das rasante Verwirrspiel mit Audrey Hepburn und Gregory Peck aus dem Jahr 1963) oder Alfred Hitchcocks Über den Dächern von Nizza an.
Die Prämisse ist klassisch: Der völlig arglose amerikanische Tourist Frank (Johnny Depp) gerät im Zug nach Venedig durch die Begegnung mit einer geheimnisvollen Schönen (Angelina Jolie) ins Fadenkreuz von skrupellosen Verbrechern und Interpol. Was folgt, ist ein eleganter Mix aus fesselndem Thriller und atmosphärischem Liebesfilm, der sein Publikum mit einigen überraschenden Wendungen ganz im Stil der alten Meister in die Irre führt.
Die malerische Filmkulisse Venedigs
Und wie schon die ganz großen Filmemacher entführt auch von Donnersmarck seine Zuschauer an einen Ort, der an sich schon vor Glanz und Glamour sprüht. Während Stanley Donen seine Charade in Paris spielen ließ und der „Master of Suspense“ seinen Kinohit an der Côte d’Azur ansiedelte, reist The Tourist in die malerische Lagunenstadt Venedig.
Dabei kann die Stadt der Kanäle und Brücken dank legendärer Werke wie Wenn die Gondeln Trauer tragen oder Indiana Jones und der letzte Kreuzzug bereits auf eine extrem lange Tradition als spektakuläre Filmkulisse zurückblicken. 2006 stürzte sich hier auch Daniel Craig in Casino Royale in das sinkende Haus am Canale Grande – doch das ist längst nicht die einzige visuelle Verbindung von The Tourist zur berühmten 007-Reihe.
Johnny Depp auf den modischen Spuren von James Bond
Spätestens in dem Moment, in dem Johnny Depp alias Frank in einem maßgeschneiderten, weißen Dinner-Jackett durch Venedig flaniert, ist die modische Verbeugung vor James Bond kaum noch zu übersehen. Schließlich umhüllte ein solches weißes Jackett schon Sean Connerys Schultern in den Bond-Streifen Goldfinger und Diamantenfieber, und auch Roger Moore setzte in Im Angesicht des Todes auf diesen unsterblichen Klassiker. Während der Zuschauer noch überlegt, was der harmlos dreinblickende Mathematiklehrer Frank wohl mit dem toughen Agenten des britischen Geheimdienstes gemeinsam haben könnte, besteht bei seiner Filmpartnerin absolut kein Zweifel: Sie ist der strahlende, unantastbare Mittelpunkt des Films.
Die Femme Fatale: Angelina Jolie als Reinkarnation von Hepburn und Loren
Die Inszenierung von Angelina Jolie als Elise zitiert gleich mehrere weibliche Vorbilder unvergessener Filmepochen: Mal blickt sie im eleganten Kostüm, die Haare perfekt hochgesteckt, die Augen hinter einer übergroßen Sonnenbrille verborgen, ebenso geheimnisvoll in die Kamera wie einst Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany. Dann wieder zieht sie in einer opulenter Abendrobe die Blicke sämtlicher Männer im Saal auf sich – so wie einst Sophia Loren in Arabeske.
Dabei umgibt sie stets die unwiderstehliche Aura der klassischen Femme Fatale – jener gefährlichen Frauenfigur, die im Film Noir der 40er und 50er Jahre imstande war, reihenweise Männer mit einem einzigen verführerischen Blick ins Verderben zu stürzen. The Tourist mag am Ende vielleicht nicht ganz die legendäre erzählerische Tiefe eines Hitchcock-Krimis erreichen, als wundervoll bebilderte, luxuriöse Verbeugung vor dem Glanz des alten Kinos funktioniert der Film aber bis heute hervorragend.
