Paul Schrader – ein lebender Klassiker Hollywoods, der mit seinen Drehbüchern zu den legendären Martin-Scorsese-Filmen Taxi Driver und Wie ein wilder Stier (Raging Bull) in die Annalen des Weltkinos eingegangen ist. In Schraders eigener Regiekarriere verlief hingegen nicht immer alles so geradlinig. Viele seiner Filme blieben vom großen Mainstream-Publikum unbemerkt und fanden eher auf Independent-Festivals ihr Echo. Doch in jüngster Zeit erlebt der Filmemacher einen echten zweiten Frühling: Mit seinem neuen Werk beweist die alte Garde eindrucksvoll, dass sie erzählerisch noch immer fit und munter ist.

© Weltkino Filmverleih
Bereits mit dem Vorgängerfilm First Reformed (2017), einem Drama über die Glaubenskrise eines Pfarrers im 21. Jahrhundert (brillant gespielt von Ethan Hawke), feierte Schrader ein von Kritikern bejubeltes Comeback. Mit The Card Counter setzt er diese Reihe fesselnder Charakterstudien über gebrochene, von Schuld geplagte Männer nun konsequent fort.
William Tell ist ein professioneller Glücksspieler mit einer dunklen Vergangenheit. Als ehemaliger Militärangehöriger saß er jahrelang im Gefängnis. Auf der ständigen Fahrt von einem grauen Casino zum nächsten lebt er nach einer strengen, fast schon asketischen Spielphilosophie: Er hält sich stets unter dem Radar der Casino-Security, zählt leise die Karten mit und gewinnt absichtlich nie zu viel, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Das Kartenzählen und die eiserne Disziplin hat Tell sich im Gefängnis angeeignet, wo ihm die Monotonie half, sich von den Dämonen seiner Vergangenheit abzulenken.
Beim Betrachten von The Card Counter fallen die Parallelen zu der beklemmenden Atmosphäre von Schraders berühmtesten Drehbucharbeiten sofort ins Auge. Travis Bickle (aus Taxi Driver) und William Tell wirken wie verlorene Seelen aus demselben düsteren Universum. Während der von Wut getriebene Bickle irgendwann die Kontrolle an sein dunkles Ich verliert, versucht Tell, seine Dämonen durch eiserne Routine in Schach zu halten. Es ist ein quälend endloser, zermürbender Kampf gegen die Selbstzerstörung. Bickle stürzt unweigerlich in den Abgrund, doch Tell balanciert auf dessen Rand – stets auf der Suche nach einem winzigen Funken Vergebung.

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Beide Charaktere sind durch ihre Erfahrungen in US-Kriegen innerlich entstellt worden – der eine durch den Vietnamkrieg vor einem halben Jahrhundert, der andere durch den „Krieg gegen den Terror“ des 21. Jahrhunderts und die berüchtigten Folter-Skandale von Abu Ghraib. In ihrer tiefen Verzweiflung versuchen beide Antihelden, den tödlichen Fängen ihrer hässlichen Vergangenheit zu entkommen, indem sie eine jüngere, vom Weg abgekommene Person zu retten versuchen. Kann diese Sisyphusarbeit tatsächlich zu einer lang ersehnten Wiedergeburt führen? In The Card Counter liefert Schrader darauf eine Antwort, die vielleicht einen Hauch weniger pessimistisch ausfällt als in seinen frühen Werken.
Schraders Filme sind seit jeher eine exzellente Bühne für hochkarätige schauspielerische Leistungen, und Oscar Isaac brilliert hier auf ganzer Linie. Isaacs Darstellung des William Tell ist nach außen hin eiskalt, mechanisch und emotional völlig abgekapselt. Doch unter der glatten Oberfläche brodelt eine greifbare, unerbittliche Anspannung. Ob im Science-Fiction-Epos Dune, der intensiven Mini-Serie Scenes from a Marriage oder eben hier – Oscar Isaac beweist einmal mehr, dass er zu den wandlungsfähigsten und stärksten Schauspielern seiner Generation gehört.
Insgesamt ist The Card Counter ein fesselndes, extrem ruhig erzähltes Drama, das sich fast schon meditativ entfaltet. Es ist starkes Charakterkino, das bewusst auf schnelle Action verzichtet und das Casino nicht als glamourösen Ort, sondern als tristen Wartesaal verlorener Existenzen inszeniert. Die langwierige, teils hypnotische Erzählweise spitzt sich erst im konsequenten Finale wirklich zu.

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Wir tauchen tief in die Psyche eines brutalen, aber gerechten Mannes ein. Die extrem verzerrten Weitwinkel-Rückblenden (Fisheye-Optik) aus dem Militärgefängnis stehen dabei in einem meisterhaften visuellen Kontrast zur aufgeräumten, kühlen Casino-Gegenwart. Die Einführung von Tye Sheridan (als junger, auf Rache sinnender Cirk) dient als erzählerischer Katalysator, um Tells sorgsam aufgebaute Schutzmauer zum Einsturz zu bringen. Zwar gerät das Pacing im Mittelteil durch die Monotonie der immer gleichen Motels und Casinos gelegentlich ins Stocken, doch die wuchtige Thematik um Schuld, Sühne und die Abgründe der US-Militärhistorie hallt noch lange nach. Ein sperriges, aber absolut faszinierendes Spätwerk.
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