Pocahontas 2

Pocahontas 2 – Die Reise in eine neue Welt (1998) | Filmkritik

Eine neue Reise beginnt!

von Markus Grunwald

Disney-Fortsetzungen haben es traditionell schwer und Pocahontas 2 – Reise in eine neue Welt bildet da keine Ausnahme. Der 1998 erschienene Direct-to-Video-Nachfolger von Pocahontas (1995) versucht, die emotionale Geschichte des Originals fortzuführen, schlägt dabei jedoch eine deutlich andere Richtung ein.

Verlorener in einer fremden Welt

Während der erste Film durch Naturverbundenheit, Musik und Tragik überzeugte, setzt Teil 2 stärker auf Diplomatie und historische Ereignisse. Das Ergebnis ist ein Film, der nicht völlig misslungen ist, aber deutlich hinter seinem Vorgänger zurückbleibt.

Pocahontas 2 Filmkritik

© Disney


Gemessen an seinem Direct-to-Video-Ursprung fällt zunächst positiv auf, dass die Animation nicht so billig wirkt, wie man erwarten könnte. Zwar erreicht sie nie die malerische Qualität des ersten Teils, doch einige Sequenzen sind überraschend sauber umgesetzt.

Überraschend solide Animation

Besonders Kamerabewegungen und gelegentliche moderne Effekte verleihen dem Film eine gewisse Dynamik. Auch die Figuren bleiben erkennbar und konsistent gestaltet, was bei Disney-Fortsetzungen dieser Ära keineswegs selbstverständlich war. Dennoch bleibt ein spürbarer Qualitätsabstand zum Kinofilm bestehen. Die Bildkomposition wirkt einfacher, Hintergründe sind weniger detailliert und die Farbpalette insgesamt flacher.

Ein interessanter, aber riskanter Handlungsansatz

Inhaltlich wagt der Film einen anderen Schwerpunkt: Statt Naturromantik steht Diplomatie im Mittelpunkt. Pocahontas reist nach England, um einen Konflikt zwischen indigenen Völkern und britischen Siedlern zu entschärfen. Dieser Ansatz wirkt zunächst spannend, da er ein politischeres Thema behandelt als der erste Film.

Auch die Einbindung der historischen Figur John Rolfe deutet an, dass man sich zumindest lose an realen Ereignissen orientieren wollte. Das England-Setting bietet zudem einen interessanten Kontrast zur freien Natur Virginias und eröffnet visuell neue Möglichkeiten.

Pocahontas 2 Filmkritik

© Disney


Doch genau hier liegt eines der größten Probleme des Films: seine historische Darstellung. Während der Film vorgibt, näher an der Realität zu sein, verharmlost er zentrale Aspekte der tatsächlichen Geschichte massiv.

Massive historische Verharmlosung

Die echte Pocahontas reiste nicht freiwillig nach England, denn sie wurde als Geisel verschleppt, zwangsgetauft und politisch instrumentalisiert. All diese brutalen Realitäten blendet der Film vollständig aus. Stattdessen präsentiert er eine weichgespülte Version kolonialer Geschichte, in der Konflikte schnell gelöst werden und strukturelle Gewalt kaum existiert. Diese Vereinfachung wirkt nicht nur oberflächlich, sondern im heutigen Kontext auch problematisch.

Eine deutlich schwächere Atmosphäre

Ein weiterer Verlust gegenüber dem Original ist die Atmosphäre. Während der erste Film stark von Naturbildern und spiritueller Tiefe lebte, wirkt Teil 2 emotional distanziert. London wird als graue, oft sterile Kulisse inszeniert, der es an Magie und visueller Wärme fehlt. Die Verbindung zur Natur – ein zentrales Element des ersten Films – tritt fast vollständig in den Hintergrund. Dadurch verliert die Geschichte einen wichtigen emotionalen Anker, der einst für Identifikation und Tiefe sorgte.

Pocahontas 2 Filmkritik

© Disney


Besonders umstritten ist das zentrale Liebesdreieck zwischen Pocahontas, John Smith und John Rolfe.

Das Liebesdreieck als dramaturgisches Problem

Was vermutlich als dramatischer Konflikt gedacht war, wirkt letztlich konstruiert und unnötig. Der „John oder John“-Konflikt erscheint banal und untergräbt rückblickend die emotionale Wirkung des ersten Films. Statt organisch zu wirken, fühlt sich die romantische Entwicklung kalkuliert an – als wolle man zwanghaft eine neue Dynamik erzeugen, ohne die emotionale Basis dafür zu schaffen.

Blasse Nebenfiguren und schwächerer Antagonist

Auch bei den Nebenfiguren zeigt sich die typische Schwäche vieler Direct-to-Video-Fortsetzungen. Neue Charaktere bleiben blass und austauschbar, während bekannte Figuren an Profil verlieren. Besonders enttäuschend ist der Umgang mit Gouverneur Ratcliffe: Im ersten Film ein charismatischer Antagonist, wirkt er hier deutlich entschärft und weniger bedrohlich. Dadurch fehlt dem Film ein klarer dramatischer Gegenpol, was die Spannung zusätzlich reduziert.

#108: Pocahontas: Disney zwischen Romantik und Geschichte | 90s Kids Podcast

Obwohl der Film keine übermäßige Laufzeit besitzt, fühlt er sich stellenweise erstaunlich zäh an.

Unausgewogenes Pacing

Das Tempo schwankt zwischen hastigen Übergängen und unnötig gestreckten Szenen. Vor allem das Finale zieht sich, ohne einen echten emotionalen Höhepunkt zu liefern. Diese strukturellen Probleme verstärken den Eindruck, dass der Film dramaturgisch nicht vollständig ausgearbeitet wurde.

Unterm Strich wirkt Pocahontas 2 – Reise in eine neue Welt wie eine typische Disney-Fortsetzung aus der Direct-to-Video-Ära: technisch solide, aber emotional und erzählerisch deutlich schwächer als das Original. Der politische Ansatz ist interessant, wird jedoch durch historische Verharmlosung und oberflächliche Dramaturgie ausgebremst.

Während die Animation positiv überrascht, leidet der Film unter blassen Figuren, fehlender Atmosphäre und einem konstruierten Liebeskonflikt. Damit bleibt er kein Totalausfall, aber auch kein würdiger Nachfolger – eher eine kuriose Fußnote in Disneys Fortsetzungsgeschichte.

Bewertung

Bewertung_4

Trailer

Bildrechte: Disney

-
00:00
00:00
Update Required Flash plugin
-
00:00
00:00