Hakaba Kitarou

Hakaba Kitaro: Der Junge vom Friedhof (2008) | Animekritik

Zwischen Folklore und völligem Wahnsinn

von Markus Grunwald

Wer in Europa an japanische Geistergeschichten und Yōkai denkt, dürfte vermutlich zunächst an bekanntere Anime-Produktionen denken.

Ein japanischer Kultklassiker, den Europa kaum kennt

Hakaba Kitaro: Der Junge vom Friedhof dürfte dagegen selbst vielen Anime-Fans kaum ein Begriff sein. Dabei steckt hinter der Serie eine Figur mit einer langen Geschichte. Kitarō geht auf den Manga GeGeGe no Kitarō von Shigeru Mizuki zurück und wurde in Japan bereits mehrfach für Fernsehen und Kino adaptiert.

Die hier vorliegende Serie aus dem Jahr 2008 schlägt dabei einen deutlich düstereren Ton an. Statt den Geisterjungen als klassischen Helden zu präsentieren, orientiert sich die Produktion stärker an den raueren Wurzeln der Vorlage. Das Ergebnis ist ein eigenwilliger Mix aus Horror, schwarzem Humor, japanischer Folklore und völlig absurden Einfällen.


Tokio in den 1950er Jahren: Japan befindet sich im wirtschaftlichen Aufschwung und blickt voller Tatendrang in die Zukunft. Doch unterhalb dieser modernen Oberfläche existiert eine zweite Welt. Yōkai, Geister und andere übernatürliche Wesen leben mitten in der Gesellschaft und folgen ihren ganz eigenen Regeln.

Eine Welt zwischen Friedhof und Moderne

Kitarō ist der letzte Überlebende eines Geisterstammes und erblickt ausgerechnet auf einem Friedhof das Licht der Welt. Mit dem wiederbelebten Augapfel seines Vaters an seiner Seite zieht er durch eine Welt, in der er selbst keineswegs immer als Retter auftritt.

Mal hilft er Menschen, mal verfolgt er seine eigenen Interessen und nicht selten ist überhaupt nicht klar, auf welcher Seite er eigentlich steht.


Genau diese Version der Figur macht einen großen Reiz der Serie aus. Kitarō ist hinterlistig, unberechenbar und moralisch alles andere als eindeutig.

Kitarō ist kein klassischer Held

Er besitzt durchaus einen gewissen Charme, kann aber genauso gut zum kleinen Unruhestifter werden. Wer einen makellosen Anime-Helden erwartet, dürfte mit dieser Interpretation entsprechend wenig anfangen können.

Gerade diese Ambivalenz macht Kitarō jedoch interessant. Er muss nicht ständig die Welt retten und schon gar nicht muss er sympathisch sein. Vielmehr wirkt er wie ein kleiner Störenfried, der sich durch eine Welt bewegt, in der Menschen, Geister und Yōkai gleichermaßen ihre eigenen Interessen verfolgen.

Ein Ohrwurm trifft auf morbiden Humor

Visuell ist Hakaba Kitaro ohnehin eine ziemlich eigenständige Angelegenheit. Die Animation setzt auf starke Farb- und Bildkompositionen und kombiniert diese mit einem charmant-schrägen Character-Design. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die gleichzeitig unheimlich, grotesk und überraschend verspielt wirkt.

Auch tonal geht die Serie deutlich weiter als viele andere Adaptionen des Stoffes. Hier darf es makaber, boshaft und stellenweise ausgesprochen finster werden. Gleichzeitig wird der Horror immer wieder durch skurrilen Humor gebrochen. Genau diese Mischung verhindert, dass die Serie in einer durchgehend bedrückenden Stimmung versinkt.

Und dann wäre da noch das Opening: Denki Groove – Mononoke Dance. Wer es einmal gehört hat, dürfte es so schnell nicht wieder loswerden. Der Song gehört zu den Elementen der Serie, die sich regelrecht im Kopf festsetzen.


Die Serie umfasst insgesamt elf Episoden, die überwiegend eigenständige Geschichten erzählen. Dabei bekommt es Kitarō mit einer beeindruckenden Bandbreite übernatürlicher Wesen zu tun. Neben klassischen Yōkai begegnen ihm Dämonen, Gottheiten, Vampire, Werwölfe und sogar Wesen aus anderen Welten.

11 Episoden voller Yōkai, Vampire und Werwölfe

Die einzelnen Geschichten greifen teilweise ineinander, trotzdem bleibt der episodische Charakter deutlich spürbar. Das funktioniert meistens gut, sorgt aber auch dafür, dass sich gegen Ende nicht unbedingt das Gefühl eines großen, vollkommen runden Gesamtbogens einstellt.

Gerade beim Pacing dürfte die Serie die Zuschauer spalten. Manche Episoden wirken extrem schnell und beinahe chaotisch. Teilweise fühlt es sich an, als hätte man ein Best-of der verrücktesten Ideen genommen und anschließend einmal kräftig durch den Mixer gejagt. Genau diese Unberechenbarkeit gehört allerdings auch zum Charme der Serie.

Die Kreaturenvielfalt sorgt immer wieder für bizarre Momente. Nicht jede Idee dürfte dabei jeden Zuschauer gleichermaßen begeistern. Wenn Rat Man beispielsweise seine Flatulenzen als Notfallwaffe einsetzt, schwankt die Reaktion vermutlich irgendwo zwischen Fremdscham und ungläubiger Faszination. Genau solche Momente zeigen aber auch, dass Hakaba Kitaro gar nicht versucht, dauerhaft ernst oder besonders cool zu wirken. Die Serie darf albern sein. Sie darf eklig sein. Und sie darf völlig aus dem Ruder laufen.

Das macht sie gleichzeitig für Einsteiger interessant und schwierig. Grundsätzlich lässt sich die Serie ohne umfangreiches Vorwissen schauen, da sie auf den ursprünglichen Manga zurückgreift und ihre Geschichten weitgehend für sich funktionieren. Wer allerdings mit den ursprünglichen Kitarō-Geschichten vertraut ist, dürfte an den vielen Anspielungen und der Rückkehr zu den raueren Wurzeln des Franchise besonders viel Freude haben.


Bei all dem absurden Treiben besitzt die Serie überraschend viel thematische Tiefe. Hinter den Geschichten über Geister und Yōkai steckt auch ein Kommentar zur japanischen Gesellschaft. Die Welt befindet sich im Wandel, traditionelle Strukturen und kulturelle Vorstellungen werden von einer aggressiv voranschreitenden Modernisierung verdrängt.

Hinter dem Grusel steckt mehr als nur Monsterhatz

Kitarō bewegt sich damit gewissermaßen zwischen zwei Welten. Die alten Mythen und Wesen treffen auf eine Gesellschaft, die immer moderner und technisierter wird. Gleichzeitig zeigt die Serie, dass Tradition nicht einfach unverändert bestehen bleiben kann. Wer überleben will, muss sich an veränderte Umstände anpassen.

Gerade diese Ebene verleiht den einzelnen Gruselgeschichten eine zusätzliche Bedeutung. Hinter dem Monster der Woche steckt nicht selten auch ein Konflikt zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Ein ungewöhnlicher Anime für gemütliche Halloween-Abende

Trotz einiger Schwächen beim Pacing und des nicht immer vollständig befriedigenden Gesamtbogens entwickelt Hakaba Kitaro: Der Junge vom Friedhof einen ganz eigenen Sog. Die Serie ist düster, makaber, manchmal böse und gleichzeitig erstaunlich gemütlich. Gerade für einen Halloween-Abend ist diese Mischung nahezu perfekt.

Dabei ist sie weniger ein klassischer Horror-Anime als vielmehr eine Reise durch die japanische Yōkai-Mythologie, bei der hinter jeder Ecke die nächste bizarre Überraschung lauern kann. Wer mit dem bewusst chaotischen Erzähltempo zurechtkommt, bekommt eine ungewöhnliche Serie geboten, die sich angenehm von glattpolierten Genreproduktionen abhebt.

Mit ihrer eigenwilligen Optik, dem schwarzen Humor und einem Kitarō, der lieber unberechenbarer Tunichtgut als strahlender Held ist, besitzt die Serie einen ganz eigenen Kultfaktor. Nicht jede Episode sitzt perfekt, aber gerade die Bereitschaft, sich auf ihre verrückten Ideen einzulassen, macht den Reiz aus.

Das LTD. Mediabook bringt den Kult nach Hause

Die komplette elfteilige Serie erschien bei polyband anime als streng limitiertes Blu-ray-Mediabook. Neben der deutschen Synchronisation ist auch die japanische Tonspur enthalten. Das Bild liegt im Format 1,78:1 vor, die Laufzeit beträgt rund 220 Minuten und als Untertitel stehen deutsche Untertitel zur Verfügung.

Als Bonusmaterial befinden sich ein Booklet von Nando Rohner sowie ein exklusives Interview mit dem Regisseur im Mediabook. Gerade für Fans, die tiefer in die Hintergründe der Serie und ihrer Entstehung eintauchen möchten, sind die zusätzlichen Inhalte eine schöne Ergänzung.

Bewertung

Bewertung_7

Trailer

Bildrechte: Shigeru Mizuki / Toei Animation / polyband anime


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