Dieser Film ist wie St. Pauli: ehrlich, hart und nicht immer schön. Im ungeschönten Drama Gegengerade – Niemand siegt am Millerntor ist das Millerntorstadion der Dreh- und Angelpunkt verschiedener Schicksale. Während auf dem Rasen die Mannschaft versucht, ihr wichtigstes Spiel zu gewinnen, spielen sich rund um das Stadion Handlungen ab, die alle miteinander verknüpft sind. Aber ist der Film am Ende so packend wie 90 Minuten echtes Stadionfieber?
Es gibt Fußballvereine, die glatt und ohne Ecken und Kanten funktionieren – und es gibt Vereine, die primär aus Kanten bestehen. Zu letzterer Kategorie gehört unbestritten der FC St. Pauli aus Hamburg. Ein Verein, der weltbekannt ist für seine leidenschaftliche (manchmal auch extrem laute) Fangemeinde, seine klare politische Haltung und das ständige Auf und Ab im Profifußball. Im Jahr 2011 versuchte sich Regisseur Tarek Ehlail in dem Drama Gegengerade daran, dieses einzigartige Milieu und seine Anhängerschaft auf die große Leinwand zu bringen. Trotz eines für deutsche Verhältnisse beachtlich prominenten Casts – angeführt von Schauspiellegende Mario Adorf – will der Funke jedoch zu keinem Zeitpunkt so recht überspringen.

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Viele bekannte Gesichter, aber wenig Substanz
Ehlail erzählt die Geschichte von Magnus (Timo Jacobs) und Kowalski (Denis Moschitto), zwei Freunden aus völlig unterschiedlichen Welten, die zum festen Kern der Fanszene gehören. Während Magnus aus dem gutbürgerlichen Blankenese stammt, schlägt sich Kowalski auf dem Schrottplatz durch. Komplettiert wird das Trio von dem dokumentarischen Filmemacher Arne (Fabian Busch), der seine Kumpels am Tag eines entscheidenden Aufstiegsspiels auf Schritt und Tritt mit der Kamera begleitet – in brenzligen Situationen jedoch fast immer passiv bleibt, statt einzugreifen.
Die unter 90 Minuten Laufzeit konzentrieren sich auf eine Mischung aus Punkkonzerten, Kneipentouren und handfesten Auseinandersetzungen. Leider bleiben die Charaktere dabei zu flach gezeichnet. Zwar gibt es Momente, in denen man als Zuschauer echtes Mitgefühl entwickeln könnte, doch die Figurenzeichnung driftet schnell ins Überzogene und Klischeehafte ab.
Zudem setzt der Film auf eine unzählbare Menge an Cameo-Auftritten und Hamburger Prominenz – von Schauspieler Moritz Bleibtreu bis hin zu Claude-Oliver Rudolph. Diese Gastauftritte wirken jedoch arg erzwungen und mit der Brechstange inszeniert. Man fragt sich unweigerlich, ob die Energie, die für die Verteilung dieser Mini-Rollen draufging, nicht besser in eine tiefgreifende und stimmige Geschichte hätte investiert werden sollen.

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Schlagkraft ohne erzählerischen Wert
Betrachtet man das Werk nüchtern, drängt sich der Eindruck auf, der Film bediene das billigste Klischee: Hier wird Fußball von einigen Anhängern offenbar nur als willkommener Vorlass genutzt, um sich grundlos zu prügeln. Dass eine solche Verallgemeinerung der facettenreichen St.-Pauli-Kultur nicht gerecht wird, ist das eine Problem. Das größere Problem ist jedoch das Drehbuch, das es verpasst, Fragen zu stellen oder echte Hintergründe zu beleuchten.
Ganz besonders schwer wiegt das Ende des Films: Es zeichnet ein derart einseitiges und unrealistisches Bild, das den Eindruck erweckt, die Polizei bestehe ausschließlich aus gewalttätigen Beamten, deren einziger Lebensinhalt darin zu bestehen scheint, unschuldige Fans niederzuprügeln. Diese massive Übertreibung hat mit der Realität herzlich wenig zu tun und lässt den Zuschauer reichlich fassungslos zurück.
Ein Film, der selbst Fans ratlos zurücklässt
Am Ende tut Gegengerade der langen und widersprüchlichen Historie des Hamburger Kiez-Klubs keinen Gefallen. Der Film ist weder eine gelungene Hommage noch ein starkes Drama, sondern verkommt zu einem unausgereiften Machwerk. Man drängt sich beim Schauen fast die Frage auf, ob Regisseur Tarek Ehlail nach Abspann wohl insgeheim Anhänger des Hamburger SV war – oder ob schlicht die nötige filmische Reife und das handwerkliche Geschick fehlten, um diesem besonderen Verein gerecht zu werden. Empfehlen kann man diesen filmischen Fehlschlag wahrlich niemandem, am allerwenigsten den treuen Fans vom Millerntor.

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