Sherlock Holmes wurde im Laufe der Jahrzehnte unzählige Male neu interpretiert. Mal als klassischer Meisterdetektiv, mal als Actionheld oder exzentrischer Sonderling.
Zwischen Geniestreich und Größenwahn
Der verkehrte Sherlock Holmes geht jedoch einen völlig anderen Weg. Statt den berühmtesten Ermittler der Literaturgeschichte tatsächlich auftreten zu lassen, erzählt der Film die Geschichte eines Mannes, der nach einem schweren Schicksalsschlag davon überzeugt ist, selbst Sherlock Holmes zu sein.
Daraus entsteht eine ungewöhnliche Mischung aus Detektivfilm, Drama und Tragikomödie, die vor allem durch ihre beiden Hauptdarsteller lebt.
Justin Playfair war einst ein angesehener Richter, doch der Tod seiner geliebten Frau hat ihn vollkommen aus der Bahn geworfen.
Wenn Fantasie zur Realität wird
Seitdem lebt er in seiner eigenen Gedankenwelt und hält sich für niemand Geringeren als Sherlock Holmes. Für ihn existiert Professor Moriarty tatsächlich und hinter jeder noch so kleinen Auffälligkeit vermutet er den nächsten perfiden Plan seines Erzfeindes.
Als sein Bruder ihn schließlich entmündigen lassen möchte, wird die junge Psychiaterin Dr. Mildred Watson auf den ungewöhnlichen Fall angesetzt. Anfangs begegnet sie ihrem Patienten mit nüchterner Rationalität und medizinischer Distanz. Doch je mehr Zeit sie mit ihm verbringt, desto stärker lässt sie sich auf seine Fantasiewelt ein. Aus einer therapeutischen Begleitung entwickelt sich eine gemeinsame Spurensuche, bei der Realität und Einbildung immer stärker miteinander verschmelzen.
Gerade diese Ausgangssituation macht den Film so interessant. Statt klassische Kriminalfälle zu lösen, beschäftigt sich die Geschichte vielmehr mit Trauer, Verlust und der Frage, wie Menschen mit einem schweren Schicksalsschlag umgehen. Sherlock Holmes wird dabei weniger als Figur, sondern vielmehr als Flucht vor der Realität verstanden.
Ein ungewöhnlicher Sherlock-Holmes-Film
Das funktioniert über weite Strecken erstaunlich gut. Besonders die Szenen, in denen die rationale Ärztin langsam beginnt, sich auf die Gedankengänge ihres Patienten einzulassen, gehören zu den stärksten Momenten des Films. Immer wieder fragt man sich als Zuschauer, ob hinter den vermeintlichen Zufällen vielleicht doch mehr steckt.
George C. Scott trägt den Film nahezu im Alleingang. Sein Sherlock ist weder lächerlich noch überzogen, sondern vor allem tragisch. Er spielt den vermeintlichen Meisterdetektiv mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein, Verletzlichkeit und kindlicher Begeisterung. Dadurch wirkt seine Figur nie wie eine Parodie, sondern wie ein gebrochener Mensch, der in seiner Fantasie einen sicheren Zufluchtsort gefunden hat.
Ebenso überzeugend ist Joanne Woodward als Dr. Watson. Sie entwickelt sich im Laufe der Handlung von der skeptischen Ärztin zu einer Frau, die selbst beginnt, an den vermeintlichen Indizien zu zweifeln. Die Chemie zwischen beiden funktioniert hervorragend und trägt viele der ruhigeren Szenen mühelos.
Im Mittelteil entwickelt sich der Film beinahe zu einem klassischen Sherlock-Holmes-Abenteuer. Hinweise werden gesammelt, Verdächtige beobachtet und vermeintliche Spuren verfolgt. Gerade diese Mischung aus Detektivgeschichte und psychologischem Drama sorgt dafür, dass der Film lange Zeit spannend bleibt.
Zwischen Detektivgeschichte und Liebesfilm
Hinzu kommt eine langsam entstehende Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptfiguren, die angenehm zurückhaltend erzählt wird und den emotionalen Kern der Handlung bildet.
Leider gerät der Film im letzten Drittel zunehmend aus dem Gleichgewicht. Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen irgendwann so stark, dass man selbst kaum noch unterscheiden kann, welche Ereignisse tatsächlich stattfinden und welche ausschließlich in Holmes‘ Vorstellung existieren.
Wenn Holmes gemeinsam mit seinen Wegbegleitern durch die Straßen zieht und triumphierend nach Moriarty sucht, verliert die Geschichte ihre zuvor so gelungene Balance. Die bewusst offene Inszenierung wirkt irgendwann eher verwirrend als faszinierend. Gleichzeitig leidet auch die Liebesgeschichte darunter, weil unklar bleibt, welche Momente tatsächlich stattfinden und welche lediglich Teil der Fantasie sind.
Gerade deshalb hinterlässt Der verkehrte Sherlock Holmes einen zwiespältigen Eindruck. Der Film besitzt viele originelle Ideen, hervorragende Darsteller und einen ungewöhnlichen Blick auf die berühmte Detektivfigur. Gleichzeitig fehlt ihm im letzten Drittel die erzählerische Kontrolle, um seine ambitionierten Ansätze konsequent zu Ende zu führen.
Ein interessanter Sonderling
Dennoch bleibt dieser Film ein spannendes Experiment innerhalb der zahllosen Sherlock-Holmes-Verfilmungen. Wer keine klassische Kriminalgeschichte erwartet, sondern ein melancholisches Drama über Verlust, Fantasie und die heilende Kraft von Geschichten, entdeckt hier einen der ungewöhnlichsten Beiträge rund um den Meisterdetektiv.
Ein origineller Sherlock-Holmes-Film mit starken Hauptdarstellern und einer faszinierenden Grundidee, der sich im Finale allerdings zu sehr in seiner eigenen Fantasie verliert.

Bildrechte: Explosive Media / Plaion Pictures
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