Es gibt Filme, die schaut man nicht einfach nebenbei. Man setzt sich nicht zufällig vor sie, zappt nicht hinein, vergisst sie nicht wieder. Das letzte Einhorn gehört eindeutig in diese Kategorie.
Ein melancholisches Märchen über Verlust, Zeit und das Erwachsenwerden
Dieser Film wird zelebriert, fast ritualisiert erlebt und dies oft in einer ganz bestimmten Stimmung, zu einer ganz bestimmten Jahreszeit. Für viele ist er untrennbar mit den Tagen „zwischen den Jahren“ verbunden, mit Winter, Rückzug, Kindheitserinnerungen. Obwohl er kein Weihnachtsfilm ist, funktioniert er emotional genau so: still, melancholisch, nachdenklich und voller Wehmut.

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Inhaltlich verweigert sich Das letzte Einhorn konsequent den gängigen Mustern klassischer Animationsfilme. Es gibt keine klare Heldenreise, keinen eindeutigen Triumph des Guten, keine einfache Moral.
Gebrochene Figuren statt strahlender Identifikationsfiguren
Stattdessen erzählt der Film von Vergänglichkeit, vom Verschwinden der Magie und vom schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens. Die Welt, die hier gezeigt wird, ist bereits im Zerfall begriffen: Fabelwesen werden vergessen, Wunder verschwinden, und selbst Schönheit schützt nicht vor Einsamkeit.
I like to watch them. They fill me with joy. The first I felt it I thought I was going to die. I said to the Red Bull I must have them, all of them, all there are. For nothing makes me happy but their shining and their grace. So the Red Bull caught them. Each time I see the unicorns, MY unicorns, it is like that morning in the woods and I am truly young, in spite of myself!
Gerade diese Grundmelancholie macht den Film so besonders und gleichzeitig so herausfordernd. Für Kinder kann er verstörend wirken, fast traurig auf eine Weise, die man nicht einordnen kann. Für Erwachsene hingegen entfaltet sich hier eine emotionale Tiefe, die weit über das Genre hinausgeht. Das letzte Einhorn fühlt sich eher an wie ein philosophisches Märchen für Erwachsene, das zufällig animiert ist, als wie ein klassischer Familienfilm.
Das titelgebende Einhorn ist dabei eine ungewöhnliche Protagonistin. Es ist wunderschön, rein und unsterblich, aber auch emotional distanziert, beinahe arrogant und lange unfähig, echtes Leid zu empfinden. Erst als es gezwungen wird, menschliche Gefühle zu erleben, lernt es Trauer, Angst und Liebe kennen. Diese Entwicklung macht die Figur interessant, aber nicht unbedingt sympathisch. Das Einhorn ist weniger Identifikationsfigur als emotionales Zentrum einer Geschichte über Verlust.

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Ganz anders funktioniert Schmendrick, der vermeintlich talentlose Zauberer. Er ist der klassische Underdog: unsicher, tollpatschig, voller verpasster Chancen. Dass er im Grunde viel älter ist, als er wirkt, verleiht seiner Figur eine zusätzliche Tragik. Schmendrick steht für all jene, die zu spät begreifen, was sie hätten sein können und gerade deshalb wächst er einem besonders ans Herz.
Ein Bösewicht ohne Bosheit
Molly Grue ist vielleicht die ehrlichste Figur des Films. Verbittert, laut, enttäuscht vom Leben und damit schmerzhaft real. Ihre berühmte Frage „Wo warst du, als ich jung war?“ bringt das zentrale Thema des Films perfekt auf den Punkt: Magie kommt oft zu spät. Auch wenn sie aneckt, ist sie emotional kaum zu übertreffen.
König Haggard ist kein klassischer Antagonist. Er ist leer, freudlos, innerlich längst zerfallen. Seine Obsession mit den Einhörnern entspringt keiner Machtgier, sondern purer Sehnsucht nach einem Gefühl, das er verloren hat. Die Stimme von Christopher Lee – sowohl im Original als auch in der deutschen Fassung – verleiht der Figur eine unheimliche Gravitas, die sie gerade für jüngere Zuschauer fast beängstigend macht.
Der rote Stier bleibt bewusst abstrakt: keine Motivation, kein Dialog, keine Erklärung. Er ist weniger Figur als Symbol für Tod, Angst, Vergessen. Eine Naturgewalt, der man nicht argumentativ begegnen kann. Auch das fügt sich perfekt in die märchenhafte, symbolische Erzählweise ein.
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Visuell ist Das letzte Einhorn ein echtes Kunstwerk. Der Zeichenstil, entstanden unter Beteiligung des späteren Studio Ghibli, ist kantig, minimalistisch und weit entfernt von Disney-Perfektion.
Animation, die zeitlos wirkt
Gerade dadurch wirkt der Film zeitlos. Das weiße Leuchten des Einhorns, das bedrohliche Rot des Stiers, die gedämpften Farben der Welt erzeugen Bilder, die sich tief ins Gedächtnis einbrennen. Szenen wie der Zug der Einhörner ins Meer gehören zu den emotional eindrucksvollsten Momenten der Animationsgeschichte.
I am a little afraid to go home. I have been mortal, and some part of me is mortal yet. I am no longer like the others, for no unicorn was ever born who could regret, but I now I do. I regret.
Der Soundtrack der Band America ist mehr als bloße Untermalung. Die Songs kommentieren das Geschehen, erzählen mit, verstärken Emotionen. Viele Stücke funktionieren auch ohne Film als emotionaler Auslöser für Erinnerungen. Besonders die deutsche Synchronfassung genießt Kultstatus und trägt maßgeblich zur Wirkung des Films bei.
Im Vergleich zu bunten Disney-Märchen, temporeichen Pixar-Filmen oder ironischen DreamWorks-Produktionen ist Das letzte Einhorn langsamer, trauriger und deutlich philosophischer. Es will nicht unterhalten, sondern nachwirken. Und genau das tut es und zwar oft ein Leben lang. Kein ganz perfekter, aber ein einzigartiger, melancholischer Klassiker, der mit seinem Publikum älter wird und jedes Wiedersehen ein wenig schmerzhafter – und schöner – macht.

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