In der Wirtschaft kennt man den Begriff der disruptiven Technologien. Dabei handelt es sich um Innovationen, die bereits bestehende Produkte oder Formate vollständig ersetzen und vom Markt verdrängen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Wandel nicht langsam, sondern fast schlagartig vollziehen.
Eine exakt solche Entwicklung haben die klassischen TV-Sender dieser Welt bereits hinter sich. Mit dem Aufstieg des ehemaligen DVD-Versandhändlers Netflix zum Streaming-Giganten wurde das klassische, lineare Fernsehen gewaltig unter Druck gesetzt. Doch nach Filmen und Serien hat die Entertainment-Branche nun den nächsten, noch viel lukrativeren Markt ins Visier genommen: Videospiele. Die gesamte Gaming-Branche befindet sich in einem beständigen Wandel, dessen Ende noch nicht vollständig absehbar ist.
Microsoft legt vor: Das „Netflix für Spiele“
Schon seit einigen Jahren kursiert in der Gaming-Branche die Vision, ein echtes „Netflix für Spiele“ zu etablieren. Schließlich werden physische Datenträger immer irrelevanter, während digitale Downloads und gigantische Live-Service-Games (wie World of Warcraft oder Fortnite) die Spieler über Jahre an sich binden.

Gaming steht vor der nächsten Revolution – Quelle: Pixabay.de
Die technische Basis für ein Spiele-Abo besteht dank Hochgeschwindigkeitsinternet längst. Vorreiter dieser Entwicklung ist Microsoft. Schon bei der Veröffentlichung der Xbox Series X betonte man in Redmond, dass der reine Verkauf von Konsolen-Hardware nicht mehr die oberste Priorität habe. Man sehe die Konsole vielmehr nur noch als eines von vielen Abspielgeräten. Im absoluten Mittelpunkt der Bemühungen steht der hauseigene Abonnement-Dienst Xbox Game Pass. Dieser wird kontinuierlich für unterschiedlichste Plattformen (PC, Konsole, Smart-TVs und Smartphones) geöffnet, um eine maximal breite Kundenschicht anzulocken. Damit hat Microsoft einen extrem starken Branchen-Standard gesetzt, an dem sich die Konkurrenz abarbeiten muss.
Netflix sucht neue Zielgruppen
Da will der Pionier des Video-Streamings natürlich nicht tatenlos zusehen. Warum das lukrative Abo-Geschäftsmodell der Konkurrenz überlassen, wenn man es mit der eigenen, gigantischen Reichweite selbst umsetzen kann? Aus genau diesem Grund hat Netflix mittlerweile eine eigene Gaming-Sparte direkt in seine App integriert, die Abonnenten ohne zusätzliche Kosten nutzen können.
Zunächst beschränkt sich der Streaming-Gigant dabei vor allem auf Mobile-Games und clevere Indie-Titel. Der Einstieg im mobilen Sektor ergibt für Netflix absolut Sinn: Die Spiele lassen sich vergleichsweise günstig produzieren, binden die Nutzer länger an die App und laufen auf nahezu allen gängigen Smartphones und Tablets flüssig. Doch das soll erst der Anfang sein. Durch massive Studio-Aufkäufe plant Netflix in Zukunft auch, größere und aufwendigere Titel exklusiv für seine Abonnenten zu entwickeln. Experten gehen davon aus, dass der Fokus dabei stark auf dem interaktiven Storytelling liegen wird.
Virtual Reality kommt nur schleppend voran
Ein Thema, das die Branche bereits seit vielen Jahren beschäftigt, ist Virtual Reality (VR). Doch der anfangs ausgelöste Hype ist nach wie vor eher ein Nischenphänomen geblieben. Der immer wieder prognostizierte, gigantische Durchbruch in den absoluten Massenmarkt lässt weiter auf sich warten. Das ist durchaus überraschend, schließlich bietet VR jene tiefe Immersion, von der Gamer seit Jahrzehnten träumen.

Virtual Reality wartet weiter auf den ganz großen Durchbruch – Quelle: Pixabay.de
Die Gründe für das Zögern der Masse liegen vor allem in den hohen Hardware-Voraussetzungen, der teils komplizierten Verkabelung und den hohen Preisen. Zwar treibt Sony das Thema auf dem Konsolenmarkt mit der PlayStation VR2 weiter tapfer voran, und auch Meta feiert mit der kabellosen Meta Quest-Reihe Achtungserfolge, doch für die ganz großen AAA-Entwicklerstudios ist der VR-Markt oft noch nicht lukrativ genug. Solange die potenziellen Verkaufszahlen vergleichsweise gering sind, scheuen viele Publisher die immensen Entwicklungskosten für exklusive VR-Blockbuster.
Das Ende der klassischen Konsolen?
Den endgültigen Umbruch der gesamten Branche könnte mittelfristig das Cloud-Gaming besorgen. Die Befreiung von physischen Laufwerken und teurer Heim-Hardware tut dem Medium gut, da die reine Rechenleistung auf externe Server ausgelagert wird. Zwar zeigte das prominente Scheitern von Google Stadia, dass der Markt hart umkämpft ist, doch Amazon (mit Luna) und Microsoft (mit Xbox Cloud Gaming) bauen die Technologie konsequent aus.
Der fortschreitende 5G-Ausbau im Mobilfunk treibt die mobilen Bandbreiten in nie zuvor gekannte Höhen. Dies in Kombination mit den erwähnten Abo-Modellen könnte langfristig tatsächlich das Ende der klassischen Heimkonsole, wie wir sie heute kennen, einläuten. Wenn jeder moderne Smart-TV und jedes Smartphone mit einem einfachen Controller gekoppelt werden kann, um Blockbuster in bester Qualität zu streamen, wird die teure Hardware unter dem Fernseher für den Durchschnittsspieler obsolet.
Die Gamer stehen definitiv vor spannenden Zeiten. Der technologische Fortschritt verspricht die nächste große Gaming-Revolution. Wer von den Tech-Giganten am Ende den Markt dominieren wird, bleibt eines der spannendsten Rennen der modernen Unterhaltungsindustrie.
