Mit Bugonia setzt Regisseur Yorgos Lanthimos seine kreative Zusammenarbeit mit Emma Stone fort und knüpft thematisch wie stilistisch an jene verstörende Grauzone an, die sein Kino seit Jahren prägt.
Ein paranoider Tanz zwischen Wahn und Wahrheit
Nach dem überbordenden Poor Things und dem fragmentarischen Kinds of Kindness fällt dieser neue Film kontrollierter, konzentrierter und zugleich heimtückischer aus. Lanthimos liefert kein leicht konsumierbares Werk, sondern ein filmisches Gedankenspiel, das sich langsam im Kopf des Zuschauers einnistet. Es ist ein Film, der weniger erklärt als infrage stellt und gerade daraus seine enorme Wirkung zieht.
Bugonia basiert lose auf der südkoreanischen Science-Fiction-Komödie Save the Green Planet! von Jang Joon-hwan, doch Lanthimos nutzt die Vorlage weniger als Blaupause denn als Sprungbrett.
Ein Remake als trojanisches Pferd
Was als grotesker Entführungsfilm beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Studie über Wahrnehmung, Macht und kollektive Paranoia. Zwei von Verschwörungstheorien besessene junge Männer sind überzeugt, dass eine mächtige CEO eine Außerirdische ist, die die Erde vernichten will – eine Prämisse, die zunächst absurd wirkt, aber von Lanthimos mit tödlichem Ernst ausgespielt wird.
Die Handlung – Kontrolle, Zweifel und ein perfides Spiel
Im Zentrum von Bugonia steht die Entführung einer einflussreichen Unternehmenschefin, die von ihren Peinigern für eine außerirdische Bedrohung gehalten wird. Eingesperrt, isoliert und psychischem Druck ausgesetzt, beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem lange unklar bleibt, wer hier tatsächlich die Kontrolle besitzt. Der Film folgt dabei weniger einer klassischen Thriller-Dramaturgie als vielmehr der inneren Logik seiner Figuren.
Was zunächst wie der Überlebenskampf einer rationalen, cleveren Frau wirkt, kippt zunehmend in eine verstörende Ambivalenz. Der Zuschauer wird gezwungen, seine eigene Wahrnehmung ständig zu hinterfragen: Ist die Protagonistin Opfer eines grotesken Irrwahns oder doch Teil eines größeren, unbegreiflichen Plans? Lanthimos spielt bewusst mit diesen Unsicherheiten und verweigert klare Antworten.

© Universal Pictures
Der Film funktioniert vor allem dank seiner herausragenden Darsteller. Emma Stone liefert eine intensive, kontrollierte Performance, die zwischen kühler Überlegenheit und verletzlicher Bedrohung oszilliert. Jede Geste wirkt kalkuliert, jeder Blick mehrdeutig. Jesse Plemons gibt erneut einen Mann am Rande des Zusammenbruchs: leise, bedrohlich, innerlich zerrissen. Sein Spiel lebt von Zurückhaltung, was die Eskalation umso wirkungsvoller macht.
Schauspiel als psychologisches Schlachtfeld
Aidan Delbis überzeugt als instabiler Gegenpol, dessen Fanatismus und Unsicherheit dem Film zusätzliche Dynamik verleihen. Das Zusammenspiel der Figuren ist präzise choreografiert und erinnert stellenweise eher an ein Kammerspiel als an klassischen Genrefilm.
Inszenierung, Klang und Lanthimos’ schwarzer Humor
Formal zeigt sich Bugonia typisch Lanthimos: sterile Bildkompositionen, eine bewusst distanzierte Kamera und ein präsenter, fast manipulativer Soundtrack, der stille Dialoge in orchestrale Crescendos überführt. Der Humor ist schwarz, bitter und oft verstörend. Es entsteht Komik aus der Absurdität menschlichen Verhaltens und der gnadenlosen Konsequenz, mit der Lanthimos seine Ideen zu Ende denkt.
Genregrenzen verschwimmen dabei bewusst: Science-Fiction, Thriller, Horror und Drama greifen ineinander, ohne sich gegenseitig zu neutralisieren. Gerade diese Unberechenbarkeit hält den Film konstant spannend.

© Universal Pictures
Lanthimos beweist erneut, dass er Genre nur als Werkzeug versteht, nicht als Grenze. Dank großartiger Darsteller, einer präzisen Inszenierung und eines kompromisslosen Endes bleibt Bugonia im Gedächtnis – verstörend, witzig und überraschend konsequent. Kein Meisterwerk auf dem Niveau von Poor Things, aber ein weiterer starker Beweis für Lanthimos’ Ausnahmestellung im zeitgenössischen Kino.
Das Ende erklärt – Spoilerwarnung
Das Finale von Bugonia lässt letztlich keinen Interpretationsspielraum mehr zu. Entgegen aller vorherigen Zweifel bestätigt der Film, dass die entführte CEO tatsächlich ein außerirdisches Wesen ist. Die vermeintliche Paranoia der Entführer entpuppt sich als Wahrheit.
Zentral ist dabei das immer wiederkehrende Motiv der Bienen. Sie stehen im Film als Sinnbild für ein funktionierendes Kollektiv, für Opferbereitschaft und für eine übergeordnete Ordnung, in der das Individuum keine Rolle spielt. Das Alien betrachtet die Menschheit genau aus dieser Perspektive: als dysfunktionalen Schwarm, der seiner eigenen Existenz schadet. Die Auslöschung der Menschen wird so nicht als Akt des Bösen, sondern als notwendige Korrektur dargestellt. Kühl, rational und erschreckend logisch.
Die letzten Bilder zeigen die vollständige Eskalation: Die letzte Hoffnung der Aliens erlischt, die Menschheit wird ausgelöscht, und die Erde fällt einem übergeordneten, kosmischen Kalkül zum Opfer. Lanthimos verzichtet bewusst auf Trost oder Hoffnung und schlägt stattdessen einen nihilistischen Ton an. Das Ende ist radikal, kalt und kompromisslos – ein Schluss, der das zuvor aufgebaute psychologische Spiel brutal auflöst und den Film endgültig aus der Ecke des ambivalenten Thrillers herausreißt.


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