01st Jul2014

32. Filmfest München – Tag 3

von MaryChloe

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Der Sonntag hätte verregneter nicht sein können, also flüchtete ich mich gleich fünf Mal ins Kino.

Der erste Film des Tages war Matar a un Hombre, einer von 13 Filmen die in der Kategorie CineMasters laufen. Dieser und 12 andere aktuelle Spielfilme namhafter Regisseure treten im Wettbewerb um den besten internationalen Film an. Fünf Jahre lang wurde der ARRI Award vergeben, jetzt stiften ARRI und OSRA den mit 50.000 Euro dotierten Preis gemeinsam. Über den Gewinner entscheidet eine dreiköpfige Jury, bestehend aus Intishal al Timimi (künstlerischer Direktor des Abu Dhabi Film Festivals), Fatemeh Motamed Ayra (iranische Schauspielerin) und Mark Adams (Chefkritiker von Screen International).

Matar a un Hombre ist der dritte Langfilm von Alejandro Fernández Almendras und spielt in Chile. Er wurde beim diesjährigen Sundance Filmfestival mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet. Der Film nahm mich mit auf eine Reise voller Angst, Hoffnungslosigkeit und Wut. Für Jorge (Daniel Canadia) ist die einzig denkbare Lösung seine Familie zu beschützen, der Mord an einem Mann.

Nachdem Trailer hatte ich schon schlimmste Befürchtungen, aber trotz des schweren Themas ist der Film in ruhigen Bildern und gediegenem Tempo erzählt, ohne überspitze Brutalität. So wie sich der Held im Laufe der Handlung dem Gewicht der Tat bewusst wird, so bewegen wir uns auch als Zuschauer mit ihm und erachten zumindest seine Gedanken stets als nachvollziehbar. Hier zeigt der Regisseur einen schmalen Grat zwischen richtig und falsch und stellt in Frage, wie weit man gehen kann, um die Menschen zu beschützen, die man liebt…

Vom diesjährigen Cannesgewinner Le Meraviglie – Die Wunder erhoffte ich mir natürlich am meisten. Die Story handelt von einer Flucht aus der modernen Welt: Gelsomina (Alexandra Lungu) ist die älteste von vier Schwestern und wird einmal Erbin des Bienenzuchtimperiums, das ihr Vater um sie herum gebaut hat.

Doch dieser Sommer bringt Veränderungen: Zu einem ist es Martin ein Junge aus einem Resozialisierungsprogramm, der auf den Hof der Familie zieht und dann entschließt sich das idyllische Dorf an einem Fernsehwettbewerb teilzunehmen. Feinfühlig und bedacht erzählt Alice Rohrwacher, wie Regeln aufgebrochen werden und entführt uns in eine Welt weit weg von Konsumdenken oder typischen Teenager-Problemen. Den Entscheid für die goldene Palme kann ich aus persönlicher Sicht zwar nicht nachvollziehbar schildern, aber das World-Wide-Web wird sicher voll mit Kritiken dazu sein 😉

Dieser und auch der nachfolgende Film Young Ones laufen in der von Senator gesponserten Kategorie CineVision, dem Wettbewerb um den besten internationalen Nachwuchsfilm.

Hier werden vor allem Geschichten um Menschen mit Ausbruchsplänen portraitiert, Menschen auf der Flucht oder anderen widrigen Lebensumständen. Der mit 12.000 Euro dotierte CineVision Award wird in diesem Jahr zum 8. Mal vergeben.

Young Ones springt in eine nicht allzu weit entfernte Zukunft, in eine ausgedörrte Landschaft in den USA, wo Wasser so viel Wert ist wie Geld. Regisseur Jake Paltrow (The Good Night), jüngster Bruder von Gwyneth Paltrow präsentiert seinen zweiten Spielfilm mit namhaftem Cast. Man of Steel-Star Michael Shannon spielt einen Familienvater, der seine Farm gegen Eindringlinge verteidigt und hofft, das Land wieder fruchtbar machen zu können. Dabei stehen ihm nicht nur die zunehmend kriminellen Bewohner des Staats im Wege, sondern auch der Verlobte (Nicholas Houldt) seiner Tochter Mary (Elle Fanning).

Ich habe viele Ähnlichkeiten zu der deutschen Produktion Hell (2011) feststellen können. Visuell ist der Film trotz geringen Budgets gelungen und unterhält durch die dreigeteilten Erzählabschnitte bis zum Schluss. Meiner Meinung nach geht dieser neben den anderen Zukunftsdystopien, in denen Wasser, Sprit, Kommunikation usw. ausgehen und die Hinterbliebenen ein Kampf um Leben und Tod führen, eher unter.

Am späten Nachmittag zog es mich in das Gebäude der Hochschule für Film und Fernsehen zum CineMaster-Film Still the Water.

Die preisgekrönte Naomi Kawase zeigt mit der japanisch-französischen Produktion einen poetischen Coming-of-Age-Film über den Kreislauf des Lebens. Vereint werden Themen wie die erste Liebe, der Verlust von Angehörigen sowie Entscheidungen, die das ganze Leben beeinflussen. In den meisten ihrer Filme setzte sich Kawase mit der Familie auseinander und verarbeitete eigene Erlebnisse. 2013 wurde sie in die Wettbewerbsjury der 66. Filmfestspiele von Cannes berufen.

Der tiefere Sinn, dass das Leben aus einer Symbiose von Liebe und Tod besteht, drang durch den Film zwar nicht bis zu mir durch, jedoch genoss ich die traumhafte Strandkulisse und eine entzückende Protagonistin Jun Yoshinaga.

Der letzte Film des Tages war ein Special Screening: Zu Ehren von Hollywood-Regisseur Walter Hill flimmern im Rahmen der Filmfestwoche zahlreiche seiner Werke auf den Leinwänden. So zog es mich in den apokalyptischen Großstadt-Western Straßen in Flammen ist (1984), indem Walter Hill hier Action-und Musikfilm verschmilzt. Der Streifen, in dem Willem Dafoe und Diana Lane mitwirken, war als erster Teil einer Trilogie geplant, floppte jedoch.

Deutlich mehr Erfolge erzielte Hill 1979 mit dem Science-Fiction-Meilenstein Alien. Seine Filme, darunter Nur 48 Stunden (1982), zeichnen sich durch viel Action, ein schnelles Erzähltempo und charakteristische (Anti)-Helden aus. Nicht umsonst nennt man Hill auch einen Verfechter des Buddy-Movies.

Am Donnerstagabend ist Walter Hill zu Gast in München und wird im Festival-Talk „Filmmakers Live“ vor Presse und Publikum über sein Lebenswerk sprechen.

Nach all dem Filmeschauen sehe ich schon ein bisschen verschwommen und nehme mir für den morgigen Tag wieder vier Filme vor und darf gespannt sein 🙂

30th Jun2014

32. Filmfest München – Tag 2

von MaryChloe

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Filmfest München. Mein erster offizieller Screening-Tag ging spät und regnerisch zu Ende und startete gleich mit zwei wirklich sehenswerten Filmen.

Als erstes schaute ich mir eher zufällig das kanadische Coming-Of-Age-Drama Rhymes for Young Ghouls an. Regisseur Jeff Barnaby zeigt in all seinen Filmen ein krasses und vernichtendes Bild des post-kolonialen Lebens der Indianer. Dieser erste Langfilm von ihm präsentiert eine ernüchternde düstere Atmosphäre des kanadischen Indianerreservats Red Cow der 70er, indem sich die Mi’gMaq-Indianer durchschlagen müssen. Gewalt, Trunkenheit und Drogen, Erniedrigung durch die zuständigen Sherifs und Trostlosigkeit sind an der Tagesordnung. Doch die Bewohner, allen voran die 15-jährige Aila, neben diese widrigen Umstände nicht so einfach hin…

Hauptdarstellerin Devery Jacobs war anwesend und schilderte die Besonderheiten des Drehs. So erfuhr ich, dass der Film in beachtlichen 25 Tagen abgedreht wurde und die Darsteller größtenteils selbst in Indianerreservaten zur Welt kamen. Durch die übertrieben dargestellten Gewaltszenen, die Einbringung von phantastischen Elementen und der auf sich gestellten Protagonistin, die früh erwachsen werden musste, könnte man das Drama nicht besser als eine Mischung aus Pans Labyrinth (2006) und Winters Bone (2010) beschreiben. Schockierend, aber fesselnd und absolut sehenswert.

Um 20 Uhr zog es mich in den Carl-Orff-Saal des Münchener Gasteig-Geländes, in welchem eine Gala zu Ehren von Willy Bogner veranstaltet wurde. In einem Rahmenprogramm bestehend aus Moderation, Filmausschnitten und Interviews erhielt ich in gut zwei Stunden einen umfassenden Einblick in die Arbeit des mir bis dato unbekannten Künstlers.

50 Jahre ist es her, dass Bogner seinen ersten professionellen Kurzfilm Skifaszination auf die Leinwand brachte. Das besondere an allen weiteren: Sie spielen zu 90% im Eis. Denn Bogner ist nicht nur Filmliebhaber, sondern auch Profiskifahrer und nahm die Zuschauer in seinen Filmen direkt mit auf die Piste.

Im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche Produktionen, wie z.B. Benjamin (1972) und Feuer und Eis (1986) und in allen zeigte er Action vom Feinsten in Form von Pistenstunts, Choreographien und bunten Skianzügen. Bald drehte er Stunts in vier James Bond-Filmen, u.a. A View to kill (1985).

Zu Gast waren ehemalige Protagonisten, Partner und Mitglieder der Crew, darunter Otto Waalkes, Markus „Wasi“ Wasmeier, Fuzzy Garhammer sowie Jochen Schweizer und gratulierten ihm zum 50. Jubiläum.

In Venedig leider verpasst, unternahm ich nun die Gelegenheit mir The Zero Theorem anzuschauen, der schon am Wettbewerb um den goldenen Löwen teilnahm. Christoph Waltz mit Glatze, ein herrlich skurriler Matt Damon als Machtinhaber und eine rappende Tilda Swinton machen den Film ohnehin sehenswert.

Aber auch der Plot ist nicht ohne: Computergenie Quohen Letz lebt zurückgezogen in einer ausgebrannten Kirche und arbeitet für eine anonyme Firma fieberhaft daran, das Zero Theorem zu lösen: eine mathematische Formel, die die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet. Da dies den Machtinhabern der dystopischen Zukunftswelt missfällt, schicken sie ihm immer wieder Ablenkung, vor allem in Form von der verführerischen Bainsley (Melanie Thierry).

Wer die Logik einmal ganz beiseite lässt, wird an Terry Gilliams (Brazil, Twelve Monkeys) Inszenierung Gefallen finden und sich an einer schrägen Idee nach der anderen erfreuen. Schrille Outfits und eine ausgefallene Kulisse machen den Film zum absoluten Must-See.

Für Sonntag stehen gleich fünf Filme auf dem Plan, darunter Le Meravigle, der in Cannes dieses Jahr mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Ich darf also gespannt sein. Gute Nacht & bis morgen 🙂 Zum Abschluss noch ein paar Impressionen.

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28th Jun2014

32. Filmfest München – Tag 1

von MaryChloe

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Am gestrigen Abend eröffnete Filmfest-Chefin Diana Iljine das 32. Filmfest München, das von heute bis zum 5. Juli 2014 stattfindet und über 158 Filme aus fast 51 Ländern zeigt.

Zu Gast auf dem roten Teppich waren am gestrigen Abend Gäste wie Nina Eichinger, bevor der Filmmarathon des zweitgrößten deutschen Filmfestivals mit Jean-Pierre Jeunets Die Karte meiner Träume eingeläutet wurde.

In den nächsten Tagen erwartet München zahlreiche Kinopremieren, das Rennen um den begehrten Arri/Osram bzw. CineVision Award, Filmemacher und Darsteller im Gespräch sowie spannende Diskussionen rund um die Filmbranche.

Unsere festivalbegeisterte Mitarbeiterin Mary Chloe wird Tage vor Ort sein, die neuesten Filme sichten und täglich vom Filmfest berichten.

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Nach Die fabelhafte Welt der Amélie stellt der französische Regisseur Jean-Pierre Jeunets bereits zum zweiten Mal den Eröffnungsfilm des Filmfest München.

Die Karte meiner Träume handelt von den Abenteuern des hochbegabten Jungen T.S. Spivet, der mit seiner reichlich exzentrischen Familie auf einer kleinen Ranch in Montana lebt. T.S. ist ein ebenso begeisterter Wissenschaftler wie talentierter Zeichner und Erfinder.

Nichtsahnend, dass T.S. erst zehn Jahre alt ist, zeichnet ihn das Smithsonian Museum in Washington D.C. für eine seiner Erfindungen mit einem prestigeträchtigen Preis aus. Um die Auszeichnung entgegen zu nehmen, macht sich T.S. alleine auf den Weg quer durch die USA in die amerikanische Hauptstadt.

31st Mai2014

Maleficent – Die dunkle Fee (2014) | Filmkritik

von MaryChloe

Maleficent

Es war einmal vor langer langer Zeit, als in einem friedvollen Wald-Königreich die gutmütige Wald-Fee Maleficent (Angelina Jolie) lebte. Eines Tages schickt der König der Menschen seine Armee in den Wald, um ihn in sein Reich einzuverleiben. Maleficent verteidigte ihren Wald leidenschaftlich, doch als sie eines Tages einem skrupellosen Verrat zum Opfer fällt, versteinert ihr Herz und der einst so bunte Wald wird zu einem trostlosen Ort hinter dunklen Dornenmauern.

maleficent_2 Von dem innigen Wunsch nach Vergeltung getrieben, wendet sich Maleficent schließlich sogar gegen den König der Menschen, den sie einst liebte. King Stefan (Sharlto Copley) und Queen Ula (Miranda Richardson) halten nach Jahren endlich ihr erwünschtes Kind Aurora (Elle Fanning) in den Armen. Maleficent verflucht das Neugeborene auf seiner Taufe, sodass Aurora an ihrem 16. Geburtstag in einen tiefen Schlaf fallen soll und nur durch den Kuss der wahren Liebe wieder erweckt werden kann.

Doch als sie über die folgenden Jahre beobachtet, wie das liebenswerte Mädchen heranwächst, erkennt Maleficent, dass Aurora der Schlüssel für einen Frieden zwischen Wald und Menschreich – und auch zu ihrem eigenen Glück – ist.

Seit geraumer Zeit versucht Hollywood, uns bekannte Märchen aufzupeppen und neuartg umzusetzen. In Maleficent wird die Dornröschen-Geschichte aus Sicht der 13. Fee erzählt. Dabei kommt wie erwartet Unglaubliches ans Tageslicht, das die Zuschauer in Staunen versetzt und die bisherige Meinung zum Märchen noch einmal überdenken lässt.

maleficent_1 Zuletzt feierten im Hause Disney die Animationsfilme Rapunzel – neu verföhnt (2010) und Die Eiskönigin (2013) mit ihren weiblichen Hauptfiguren große Erfolge an den Kinokassen. Die Realverfilmung Maleficent erzählt eine uns bekannte Geschichte aus Sicht der bösen Fee, nicht nur aus einer anderen Perspektive, sondern glänzt vor allem mit Oscar®-Preisträgerin Angelina Jolie in der Titelrolle. Jolie, die wir zuletzt 2010 in Salt und The Tourist bewundern durften, wagt nun nach vier Jahren wieder den Schritt auf die Kinoleinwände und betritt als Märchenhauptfigur Neuland.

Die Rolle der gutmütigen Fee, die auf die dunkle Seite der Macht gezogen wird, hätte mit ihr nicht besser besetzt werden können. Wie keine zweite zeigt sie große Leinwandpräsenz und zieht die Zuschauer durch ihre grandiose Mimik in ihren Bann. Dem Charakter Maleficient verleiht Jolie den notwendigen Kontrast, so dass man zwar Respekt vor ihr hat, aber stets auch mit ihr mitfühlt.

Auch optisch ist sie mit knallgrünen Augen, künstlichen Wangenknochen und imposanten Hörnern ein echter Blickfang und kommt in der wundersamen Umgebung ihres Wald-Reiches perfekt zur Geltung. Das farbenprächtige Reich ist gespickt mit allerlei kreativ animierten Fabelwesen, die voller Leben sprudeln auch wenn das Herz Maleficents zu Eis gefroren ist.

maleficent_3 Robert Stromberg ist bekannt für seine bildgewaltigen Abenteuer und wurde für sein Produktionsdesign in Avatar und Alice im Wunderland bereits zwei Mal mit dem Oscar® ausgezeichnet. Dieses bunte Märchenspektakel ist seine erste Regiearbeit, in das er zahlreiche sonderbare Elemente einwebt. Farbenprächtig kontrastiert er das friedvolle Wald-Reich mit dem von Habgier geprägten Menschenreich. Abwechslungsreiche 3D-Effekte kommen anhand von fliegenden Elfen, Lichtern im Wald und auch Kampfszenen nicht zu kurz.

Dass weitere Hollywood-Talente an der Umsetzung von Maleficnet beteiligt waren, ist nicht zu übersehen. So stand der Oscar®-prämierte Dean Semler hinter der Kamera und fing die wunderschönen und zugleich düsteren Bilder ein. Für die optische Umsetzung sorgte die zweimal für den Oscar® nominierte Kostümbildnerin Anna B. Sheppard sowie der Maskenbildner und siebenfache Oscar®-Gewinner Rick Baker.

Auch aus Sicht der bösen Fee ist diese Dornröschen-Adaption ein absolutes Kinohighlight. Jungstar Elle Fanning (Babel, Der seltsame Fall des Benjamin Button) übernimmt die Rolle der Prinzessin Aurora, die im eigentlichen Drachen Maleficent Muttergefühle auslöst und ihr kaltes Herz langsam zum Schmelzen bringt. Viele Details geben dem Film durchweg einen humorvollen Unterton, der über die dunkle Fee schmunzeln lässt.

Maleficent – Die dunkle Fee überzeugt Zuschauer jeder Altersklasse mit wunderbaren Bildwelten, vielen Überraschungen und brillanten Effekt-Spielereien. Die einzigartige Darbietung von Angelina Jolie ist der Grund, warum wir der ständigen Neuinterpretationen von Märchenfilmen noch nicht müde werden, sondern uns auf filmischen Hochgenuss freuen können.

Cast & Crew

Regie: Robert Stromberg
Drehbuch: Linda Woolverton
Musik: James Newton Howard
Darsteller: Angelina Jolie, Sharlto Copley, Elle Fanning, Sam Riley, Imelda Staunton, Juno Temple, Lesley Manville

Bewertung

Bewertung_9

18th Mai2014

Spuren (2013) | Filmkritik

von MaryChloe

Spuren

Australien, 1975: Die 24-jährige Robyn Davidson (Mia Wasikowska) zieht von der Großstadt Brisbane in den kleinen Ort Alice Springs inmitten der Wüste. Sie will gegen alle Widerstände von Freunden und Familienmitgliedern von dort bis zum Indischen Ozean an die Westküste wandern.

spuren_1 Zunächst fehlt ihr das nötige Geld für Ausrüstung und Verpflegung. Nach acht Monaten harter Arbeit bei dem griesgrämigen Kamelfarmer Kurt Posel (Rainer Beck) wird sie hereingelegt und um zwei Kamele betrogen.

Den Rückschlag steckt sie jedoch schnell weg und gewinnt durch ihre Zähigkeit und Ausdauer einen neuen Job bei dem afghanischen Züchter Sallay Mahomet (John Flaus). So kommt sie der Verwirklichung ihres Traums langsam Stück für Stück näher.

Nach zwei Jahren hat sie alles Nötige zusammen und begibt sich nur von ihrem Hund Diggity und vier Kamelen begleitet auf einen 2700 Kilometer langen Selbstfindungstrip. Auf der Reise durch eine ebenso majestätische wie feindliche Natur trotzt sie wilden Tieren und Wassermangel.

Nach einer Begegnung mit dem Fotografen Rick Smolan (Adam Driver) verpflichtet sie sich eher widerwillig, für das renommierte „National Geographic“-Magazin einen Reiseartikel zu schreiben und an ausgewählten Stationen der Expedition für Fotos zur Verfügung zu stehen.

Rick, der auf Teilen ihrer Reise sporadisch dazustößt, hat die Aufgabe, ihre Erlebnisse für die Ewigkeit festzuhalten. So begeben sich beide auf eine phantastische Entdeckungsreise und müssen dabei auch ihr Gefühlschaos meistern.

Die Abenteurer ihrer kühnen Wanderung quer durch die australische Wüste veröffentlichte Robyn Davidson im Anschluss an ihren Trip in ihrem Roman Spuren, der alsbald ein Welt-Bestseller wurde. Schon kurz darauf entstanden Ideen zu einer filmischen Umsetzung, die sich jedoch vorerst wieder zerschlugen.

spuren_2 Erst bei den Filmfestspielen von Venedig im Jahr 2013 erblickte der Film Spuren endlich das Licht der Kinowelt. Regisseur John Curran (Der bunte Schleier, Stone) nahm sich dem Thema an und präsentiert die außergewöhnlichen Reise einer jungen Frau vor atemberaubender Kulisse.

Kamerafrau Mandy Walker bewies schon in Australia ihr Talent, die australische Wüstenlandschaft in grandiosen Bildern einzufangen und zum zweiten Hauptdarsteller des Films zu machen.

Die eigentliche Protagonistin Robyn Davidson ist heute ein australischer Mythos und darüber hinaus weltweit eine Ikone für viele Frauen. Sie wagte auf eigene Faust ein Extrem-Abenteuer, das zur damaligen Zeit den Männern vorbehalten war. Dabei verließ sie sich ausschließlich auf sich selbst, ihre Intuition und stellte sich allein den Risiken und Gefahren, die die australische Wüste birgt.

So wie sich auch die Hauptfigur in kleinen Schritten über die Monate hinweg entwickelt, so gemächlich ist auch das Erzähltempo, das John Curran in seinem Film an den Tag legt. Er verzichtet auf überdramatisierende Actionszenen, auch wenn Kamele verschwinden, das Wasser knapp wird oder wilde Tiere die kleine Karawane bedrohen.

spuren_3 Für die Hauptrolle waren im Laufe der Jahre große Namen wie Julia Roberts oder Nicole Kidman im Gespräch. Doch die selbst in Australien geborene Mia Wasikowska (Alice im Wunderland, Stoker) steht anderen Hollywoodgrößen in nichts nach. Über weite Strecken trägt Sie die Handlung allein und glänzt dabei mit überdurchschnittlicher Leinwandpräsenz. Glaubhaft präsentiert sie eine willensstarke Persönlichkeit, die ständig an sich arbeitet.

Spuren ist also mehr eine Charakterstudie denn ein mitreißender Abenteuerfilm. Bedeutsam für die Selbstfindungsthematik ist hier der Kontrast, in denen wir Robyn allein sehen und wie sich ihr Verhalten im Laufe der Reise beim Kontakt zu Menschen ändert. Die On/Off-Beziehung mit dem Fotografen Rick Smolan belebt den Film auf verschiedene Weise. Sie sorgt ganz direkt für emotionale Spannung und schürt gleichzeitig die Konflikte Davidsons mit der Außenwelt im Allgemeinen.

Zwar zieht sich die Geschichte etwas in die Länge, doch die Begegnungen der jungen Frau mit Aborigines, Einsiedlern und anderen Abenteurern bieten die notwendige Abwechslung. Wer sich auf den Aufbruch ins Unbekannte von John Curran einlässt, sollte kein geballtes Actionkino erwarten, sondern eine durchdachte und wunderbar gespielte Charakterstudie, die mit Mia Wasikowska nicht besser hätte besetzt werden können. Allein die Optik des australischen Outbacks sowie die Kamele als weitere Protagonisten machen die Reise sehenswert.

Cast & Crew

Regie: John Curran
Drehbuch: Marion Nelson
Musik: Garth Stevenson
Darsteller: Mia Wasikowska, Adam Driver, Rainer Bock, Rolley Mintuma, John Flaus, Robert Coleby, Tim Rogers, Emma Booth

Bewertung

Bewertung_8

31st Mrz2014

The Bay – Nach Angst kommt Panik (2012) | Filmkritik

von MaryChloe

TheBay

Die Gefahr ist nur allzu oft unsichtbar und zeigt sie sich, ist es für das Überleben meist schon zu spät. Die Hafenstadt Claridge lebt vom Tourismus und der Nähe zum Meer. Dort wird ausgerechnet der größte Feiertag der US-Amerikaner zu einem Tag des Horrors und des Todes.

thebay-7 Als zwei französische Forscher im Wasser um den kleinen Küstenort herum an der Chesapeake Bay eine sehr hohe Konzentration an verschiedenen Giften feststellen und dies dem Bürgermeister mitteilen, wiegelt dieser die Gefahr ab. Denn kurz vor den anstehenden Feierlichkeiten zum 4. Juli soll keine Panik unter Anwohnern und Gästen entstehen.

Am Tag der Unabhängigkeit ist es dann aber so weit: Zunächst sind es nur Unmengen an toten Fischen, die an Land geschwemmt werden, bis die Menschen die tatsächliche Ursache ergründen können. Eine durch die Gifte mutierte Abart eines Endoparasiten springt von den Fischen auf den Wirt Mensch über – mit fatalen Folgen.

Nur das Jahre später veröffentlichte Video- und Audio-Material offenbart, was sich am 4. Juli 2009 wirklich in Claridge, Maryland zugetragen hat.

Das Genre des Found Footage, zu deutsch ‚gefundenes Filmmaterial‘, wurde durch Filme wie Blair Witch Project (1999), Paranormal Activity (2007) oder REC (2007) populär.

thebay-8 In The Bay ist es die junge Journalistin Donna, die das gefundene Filmmaterial ordnet, kommentiert und dem Zuschauer offenbart, was eigentlich vertuscht werden sollte. Sie selbst hat den Ausbruch der Parasiten miterlebt und überlebt.

Nur wenige Videoaufnahmen zeigen, was tatsächlich am 4. Juli 2009 in Claridge geschehen ist. So wie die Filmhandlung auf einen Tag komprimiert ist, wurde auch die Filmlänge auf knackige 84 Minuten gestrafft.

Da die Videoaufnahmen aus verschiedenen Perspektiven gefilmt werden, entsteht eine nachvollziehbare Handlung und ein Spannungsbogen, welcher bis zum Ende aufrecht erhalten wird. Der Film präsentiert uns keinen klassichen Protagonisten, der die Handlung trägt. Die Zuschauer erfahren in überwiegend chronologischer Reihenfolge, wie Forscher auf das Gift stoßen, eine Familie per Boot auf den Küstenort trifft und mitten in die Katastrophe gerät sowie die Sicht eines Arztes, der versucht seine infizierten Patienten zu retten. Zwischen den drei Handlungssträngen werden immer wieder Aufnahmen von Überwachungskameras oder Polizeiwagen eingeblendet.

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So fließen in The Bay zahlreiche unterschiedliche Bilder zusammen und zeichnen den grausigen Weg der verhängnisvollen Virus-Epidemie nach. An Abwechslung fehlt es in der Umsetzung nicht. Was der Low-Budget-Produktion aber fehlt ist eine überzeugende schauspielerische Leistung. Der Eindruck, dass es sich um echtes Videomaterial handelt, entsteht kaum und kann nicht ansatzweise an seine Vorgänger wie Blair Witch Project anknüpfen.

Ebenso lassen richtige Schockmomente auf sich warten. Zwar mutieren die Menschen zu Zombie-ähnlichen Wirten und werden von innen heraus von den Parasiten zerfressen, jedoch sind die Bilder eher eklig als erschreckend.

Oscar-Preisträger Barry Levinson (Rain Man, Bugsy) betritt mit seiner Regiearbeit zu The Bay Neuland im Bereich des Found-Footage-Genres. In Zusammenarbeit mit den Produzenten von Paranormal Activity und Insidious liefert er einen weiteren Beitrag zu den bereits bestehenden Genrevorbildern und gewann auf dem Toronto Film Festival sogar den zweiten Platz in der Sektion Midnight Madness.

Zwar wird der Found Footage Film mit The Bay nicht neu erfunden, dennoch liefert Barry Levinson einige originelle Ideen. Auch wenn das große Schockerfinale ausbleibt, sind die verschiedenen Filmaufnahmen dennoch vielfältig gestaltet und der Film schafft es durch die Kürze bis zum Filmende hin zu unterhalten.

Cast & Crew

Regie: Barry Levinson
Drehbuch: Michael Wallach
Musik: Marcelo Zarvos
Darsteller: Nansi Aluka, Christopher Denham, Stephen Kunken, Frank Deal, Kether Donohue, Kristen Connolly, Michael Beasley

Bewertung

Bewertung_5

25th Mrz2014

Her (2013) | Filmkritik

von MaryChloe

Her

Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) verdient sein Geld als Autor handgeschriebener Briefe, die in der nahen Zukunft eine Seltenheit geworden sind. Programme haben die Schreibaufgaben der Menschen vollständig übernommen.

her1 Er lebt inzwischen alleine in einer Wohnung und leidet unter der Scheidung von seiner Frau (Rooney Mara). Als einsamer Junggeselle vertreibt er sich die Zeit mit Videospielen und Telefonsex.

Beeindruckt von einer Werbung kauft er sich ein neues Betriebssystem, das mit einer artifiziellen Intelligenz ausgestattet ist und ihn von nun an auf all seinen Geräten begleitet. Nach dem Beantworten einiger persönlicher Fragen stellt sich das System als charmante Samantha (Scarlett Johansson) vor.

Samantha ordnet aber nicht nur Theodores Mails, sondern unterhält ihn mit vielen Fragen über die Welt und das Leben. Mit der Zeit entwickelt sie eine immer bessere Fähigkeit, auf ihn und sein Seelenleben einzugehen. Durch Samanthas Art und ihren Humor beginnt der deprimierte Mann langsam wieder Lebensfreude zu empfinden – und sich in das Programm zu verlieben.

Theodore Twombly besitzt selbst ein Talent dafür, romantische Gefühle in Worte zu fassen. Umso skurriler ist es, dass ein Mann, der von Beruf aus Liebesbriefe für andere schreibt, Gefühle für ein virtuelles System entwickelt.

her2 Mit Her bringt der bisher als prämierter Musikvideo-Regisseur bekannte Spike Jonze (Being John Malkovich) eine futuristische Liebesgeschichte ins Kino, die auf den ersten Blick zwar recht unwahrscheinlich wirkt, sich im Laufe der Story jedoch als erschreckend real erweist.

Selbstverständlich reagiert das Umfeld von Protagonist Theodore sehr gespalten darauf, dass kein echter Mensch hinter seiner neuen Liebe steckt. Und als wäre dies nicht problematisch genug, kommt natürlich sehr bald die Frage auf, ob eine körperlose Liebe ausreichen kann. Dahingehend bietet der Film einige ausgefallene und auch unvorhersehbare Szenen. Und so ernst und hoffnungslos die Lage für den Verliebten scheint, spart der Film nicht an Humor und hält hinsichtlich zukünftiger technischer Erfindungen, die einmal Teil unseres Alltags sein könnten, einige Lacher parat.

Die unmögliche Liebe zwischen Theodore und seinem Betriebssystem Samantha ist trotz ihrer Absurdität tief ergreifend und berührend, ohne dabei den erhobenen Zeigefinger zu senken. Denn so ungewöhnlich die Sci-Fi-Internetromanze auch ist, man ertappt sich auch stets bei der Frage, wie sich unser Kommunikationsverhalten entwickeln wird und wie wir agieren würden, wenn es da eine Stimme gäbe, die uns vollends versteht und uns die Aufmerksamkeit schenkt, die wir brauchen.

Zwar konzentriert sich die Story klar auf das Gefühlschaos von Theodore, jedoch lässt sie den Gedanken auch oft dahin gleiten, wie viel Ähnlichkeit aktuelle Technologien mit denen im Film bereits aufweisen: Denn auch wir gewöhnen uns an Freisprechanlagen, Stimmen, die uns navigieren und vielleicht auch das alltägliche Leben erleichtern?

Her wurde bei der Oscarverleihung 2014 fünffach nominiert, u.a. in den Kategorien Bester Film, Beste Filmmusik und erhielt für sein Drehbuch den begehrten Goldjungen.

her3 Besonders hervorzuheben ist die Optik des Films, in der die Kostüme der Figuren einen ungewöhnlichen Kontrast zur futuristischen Umgebung bieten. So modern ausgestattet und technisch affin die Darsteller auch sind und sogar von Hand geschriebene Briefe eine Rarität geworden sind, so erinnern die Klamotten eher an die beginnenden 90er Jahre, in denen Kurt, Schlaghosen und karierte Hemden dominierten.

Joaquin Phoenix (The Master) hätte nicht besser für die Rolle des introvertierten Theodores ausgewählt werden können. Obwohl er über großen Strecken des Films alleine auf der Leinwand zu sehen ist, verliert die Story nie an Spannung. Ebenfalls sind die Nebenrollen mit glaubhaften Darstellern besetzt.

Nachbarin Amy, gespielt vom Amy Adams (American Hustle) und Rooney Mara (Side Effects) als Theodores Ex-Frau bilden als reale Frauen in Theodores Leben den notwendigen Gegenpol zu Samantha, die man sich ausschließlich in Gedanken ausmalen muss. Dass man ihn in Rückblenden mit seiner Ex-Frau sieht, zeigt ihn als ganz stabilen Charakter, der fähig ist körperliche Nähe zu erleben.

Durch die stets präsente Stimme von Scarlett Johansson hat man als Zuschauer eine hübsche Frau am anderen Ende der Leitung vor Augen. Bewegend ist es zu verfolgen, wie Samantha wie ein Kind, das gerade die Welt entdeckt, zahlreiche Fragen stellt und durch die Augen von Theodore lernt. Dass sie als System so etwas wie Eifersucht entwickelt, überstützt nur, dass man sie sich lebhaft vorstellen kann.

Her bietet neben originellen Ideen in der Umsetzung auch überraschende Wendungen. Den Zuschauer erwartet eine neuartige Form einer Liebesgeschichte, die zwar die ein oder andere Logiklücke aufweist, jedoch durch den Wechsel an humoristischen sowie tief ergreifenden Szenen und kreativen Dialogen durchweg spannend und unterhaltsam ist.

Cast & Crew

Regie: Spike Jonze
Drehbuch: Spike Jonze
Musik: Arcade Fire
Darsteller: Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde, Scarlett Johansson

Bewertung

Bewertung_9

11th Mrz2014

Die Bücherdiebin (2013) | Filmkritik

von MaryChloe

Die Bücherdiebin

Der beginnende Zweite Weltkrieg reißt die Familie Meminger auseinander. Die neunjährige Liesel Meminger (Sophie Nélisse) wird gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder (Julian Lehmann) von ihrer leiblichen Mutter (Heike Makatsch), die in einer Notlage keine andere Wahl sieht, zu einer Pflegefamilie gegeben.

buecherdiebin_01 Der Junge überlebt die strapaziöse Reise nach München in die Himmelstraße zu Hans (Geoffrey Rush) und Rosa Hubermann (Emily Watson) nicht. Liesel hat vorerst starke Eingewöhnungsprobleme, doch ihre Freundschaft zum Nachbarsjungen Rudy (Nico Liersch) verschafft der Analphabetin Zugang zum Leben in ihrem Viertel.

Als Hans eine alte Schuld einlösen muss und den von den Nazis verfolgten Juden Max (Ben Schnetzer) in seinem Haus aufnimmt, gerät die ganze Familie in große Gefahr. Davon unbeeindruckt freundet sich Liesel mit dem Flüchtling Max an und er bringt ihr das Lesen bei und begeistert sie für die Magie der Literatur.

Da Liesel alsbald der Nachschub ausgeht, fängt sie an, Bücher zu stehlen und bei Bücherverbrennungen heimlich dem Feuer zu entreißen. So bewahrt sie Kulturgüter vor der Vernichtung – und sichert sich neuen Lesestoff, mit dem sie im Keller in Fantasiewelten eintaucht…

Die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit Die Bücherdiebin thematisiert wie viele andere Erfolgsgrößen das dunkelste Kapitel in der deutschen Geschichte, die Zeit des Dritten Reiches, und knüpft problemlos an internationale Erfolge wie Schindlers Liste (1994), Der Pianist (2002), oder Der Untergang (2004) an.

buecherdiebin_02 Markus Zusaks gleichnamige Romanvorlage wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und verkaufte sich über acht Millionen Mal weltweit. Der britische TV-Regisseur Brian Percival wurde mit der Fernsehserie Downton Abbey bekannt. Mit der Verfilmung des Bestsellers mit Geoffrey Rush und Emily Watson nahm er sich der fiktiven Geschichte an und kann nun seinen ersten großen kommerziellen Kinofilm präsentieren.

Autor Michael Petroni, der schon das Drehbuch zu Die Chroniken von Narnia – Die Reise auf der Morgenröte schrieb, folgt der sonderbaren Geschichte Zusaks und hält sich dabei eng an die Vorlage. Die Welt, in der die Handlung stattfindet, ist geprägt von Leid, Trauer und Erschütterung.

Doch es ist gerade das kleine Mädchen Liesel, die den Zuschauer an die Hand nimmt und mit diesem in eine andere Welt flüchtet, die es dem Kind ermöglicht das Grauen zu überstehen. Hauptgewinn für die Verfilmung ist die kanadische Jungdarstellerin Sophie Nélisse (Monsieur Lazhar), die ihren Charakter einfühlsam darstellt und das Publikum mit ihrer überzeugenden Leistung berührt und in einen besonderen Bann zieht.

Die Handlung erstreckt sich über einen längeren Zeitraum und der Zuschauer kann somit die Entwicklungen der Figuren ausführlich miterleben. Liesel entwickelt sich von einem schüchternen Mädchen zu einer eigenständigen jungen Frau. Und auch den Nebenrollen, die mit Emily Watson (Geliebte Lügen, Gefährten) als vorerst herrische Pflegemutter und Geoffrey Rush (Shine, Fluch der Karibik) als einfühlsamer Vater hervorragend besetzt sind, wurde genug Zeit gewidmet, um auf deren Entwicklung einzugehen und den Charakteren die nötige Tiefe zu verleihen. Der deutsche Nachwuchsdarsteller Nico Liersch war zuletzt in Kokowääh 2 zu sehen und überzeugt ebenso wie Sophie Nélisse mit großer Leinwandpräsenz und kindlicher Unbefangenheit.

buecherdiebin_03 Ein großes Plus des Films ist zudem die aufwendige Kulisse, die die Schrecken der damaligen Zeit wieder detailgetreu lebendig werden lässt. Rituale wie die Bücherverbrennung, den Hasstiraden gegen die Juden und die Deportation werden in gewaltigen und emotionalen Bildern dargestellt und sorgen für ein überaus beklemmendes Gefühl, ohne dabei übertrieben zu wirken, jedoch immer mahnend.

John Williams erhielt für den Soundtrack zu Die Bücherdiebin seine 49. Oscar-Nominierung und erweckt den Geist der Zeit mit eindrucksvollen Melodien zu neuem Leben.

Die Verfilmung zeigt den harten Kontrast zwischen Kriegswirren und der märchenhaften Fluchtwelt in eindrucksvollen und gewaltigen Bildern. Da sich die märchenhafte Erzählweise stark an der Romanvorlage orientiert, kann man dem Film nicht viel vorwerfen, falsch zu machen. Dass der Film oft ins poetische abdriftet und teils als überspitzt betrachtet werden kann, ist gerade das, was ihn besonders macht und von den übrigen Filmerfolgen über die Zeit des Nationalsozialismus abhebt.

Die beeindruckenden Bilder fängt Kameramann Florian Ballhaus, den man aus R.E.D. kennt, gekonnt ein. Regisseur Brian Percival präsentiert mit Die Bücherdiebin eine emotionale und mitreißende Verfilmung von Markus Zusaks Jugendbuch-Bestseller, die durch schauspielerische Leistung, fantasievolle Impressionen und seiner poetisch-melancholischen Erzählweise begeistert.

Cast & Crew

Regie: Brian Percival
Drehbuch: Michael Petroni
Musik: John Williams
Darsteller: Geoffrey Rush, Emily Watson, Sophie Nélisse, Nico Liersch, Ben Schnetzer, Sandra Nedeleff, Hildegard Schroedter, Gotthard Lange

Bewertung

Bewertung_9