Mother Mary

Mother Mary (2026) | Filmkritik

Der Exorzismus des eigenen Traumas

von Markus Grunwald

Mother Mary ist zunächst ein psychologischer Thriller über Ruhm, Einsamkeit und eine zerbrochene Beziehung, entwickelt sich im Laufe seiner Geschichte aber immer stärker in Richtung übernatürlicher Grusel.

Zwischen Popstar-Glamour und übernatürlichem Albtraum

Regisseur David Lowery (A Ghost Story) verbindet dabei Drama, Musikfilm, Psychothriller und surreale Horror-Elemente zu einem ungewöhnlichen Mix, der vor allem durch seine Bilder und seine beiden Hauptdarstellerinnen beeindruckt.

Doch genau hier liegt auch das Problem des Films: Mother Mary möchte sehr viel erzählen und versteckt seine Themen dabei unter einer gewaltigen Schicht aus Symbolik, Metaphern und Andeutungen. Vieles davon ist durchaus interessant, manches sogar wunderschön inszeniert. Insgesamt ist es aber einfach zu viel. Die Symbolik wird irgendwann anstrengend und das Drehbuch wirkt zunehmend wie ein großes Puzzle, bei dem nicht jedes Teil wirklich sinnvoll ineinandergreifen möchte.

Mother Mary ist ein gefeierter Megastar. Nach außen lebt sie das glamouröse Leben einer erfolgreichen Sängerin, doch hinter dieser Fassade sieht es vollkommen anders aus. Sie ist erschöpft, einsam und mit ihrer eigenen Identität zunehmend überfordert.

Eine Popikone zwischen Ruhm und Einsamkeit

Für ihr geplantes Comeback benötigt sie ausgerechnet die Hilfe von Sam. Die Modedesignerin war einst ihre enge Vertraute und maßgeblich an Marys ikonischem Erscheinungsbild beteiligt. Doch zwischen den beiden Frauen liegt eine schmerzhafte Vergangenheit. Seit Jahren haben sie sich nicht mehr gesehen und der Bruch ihrer Beziehung sitzt tief.

Während Sam nun das Outfit für Marys Comeback entwirft, werden alte Konflikte und verdrängte Erinnerungen wieder hervorgeholt. Die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit beginnen dabei zunehmend zu verschwimmen. Und genau aus dieser Beziehung entwickelt sich der eigentliche Kern des Films.


Interessant ist vor allem die angedeutete emotionale und möglicherweise romantische Verbindung zwischen Mary und Sam. Der Film legt immer wieder Spuren und erzeugt Erwartungen, dass sich zwischen den beiden Frauen noch etwas entwickeln könnte.

Eine Beziehung, auf deren Entwicklung man lange wartet

Doch genau darauf wartet man irgendwann vergeblich. Die Beziehung wird zwar emotional aufgeladen, aber die eigentliche Entwicklung bleibt zu lange in Andeutungen stecken. Statt die Figuren ihre Gefühle tatsächlich aussprechen oder ausleben zu lassen, arbeitet Mother Mary lieber mit Blicken, Symbolen und Erinnerungen.

Das kann funktionieren. Hier führt es aber teilweise dazu, dass die Spannung nicht größer, sondern eher frustrierender wird. Man wartet darauf, dass der Film endlich einen Schritt weitergeht, während er stattdessen noch eine weitere metaphorische Ebene eröffnet.

Wenn aus Psychologie plötzlich Grusel wird

Der Film baut sich sehr langsam auf und besteht über weite Strecken fast ausschließlich aus Dialogen. Das ist zunächst durchaus interessant, denn dadurch bekommen Mary und Sam viel Raum, ihre Vergangenheit und ihre Konflikte auszuleuchten.

Gleichzeitig braucht Mother Mary dadurch sehr viel Geduld. Die eigentliche Thriller-Komponente wird nur langsam aufgebaut und irgendwann verschiebt sich der Film zunehmend in Richtung übernatürlicher Grusel.

Besonders auffällig ist dabei der rote Geist beziehungsweise das schwebende Wesen aus rotem Stoff. Dieses ungewöhnliche Element wirkt zunächst wie ein klassisches Horror-Motiv, lässt sich aber vor allem als Manifestation des verdrängten Schmerzes zwischen Mary und Sam interpretieren.

Der Geist steht für Wut, Verrat und die emotionalen Altlasten, die zwischen den beiden Frauen zurückgeblieben sind. Statt die Vergangenheit einfach hinter sich zu lassen, werden die alten Verletzungen buchstäblich zu einem Gespenst, das sie verfolgt.


Auch Marys Popstar-Status steckt voller Symbolik. Ihr Name Mother Mary ist dabei natürlich kein Zufall. Sie wird von ihrem Umfeld und ihrem Publikum nahezu wie eine moderne Gottheit verehrt.

Der Heiligenschein einer modernen Göttin

Besonders der Heiligenschein, den Sam einst für sie entworfen hat, macht diese Verbindung deutlich. Mary ist auf der Bühne eine Ikone, eine Projektionsfläche für Millionen Menschen. Gleichzeitig hat diese künstliche Göttlichkeit dafür gesorgt, dass ihre eigene Menschlichkeit immer weiter verloren gegangen ist.

Wenn Mary versucht, diesen Heiligenschein abzulegen, wird daraus der Versuch, diese künstliche Hülle hinter sich zu lassen und wieder zu einer eigenen Person zu werden. Auch die Kleidung spielt eine zentrale Rolle. Sams Idee, Marys verschiedene künstlerische Epochen in einem einzigen Kleid zusammenzuführen und dieses anschließend auf der Bühne abzulegen, wird zur visuellen Darstellung von Identität und Wiedergeburt.

Anne Hathaway und Michaela Coel tragen den Film

Schauspielerisch ist Mother Mary dagegen eine echte Wucht. Anne Hathaway spielt grandios auf und besitzt als Mary genau die Präsenz, die man von einem internationalen Popstar erwartet. Sie wirkt glamourös, erschöpft, verletzlich und verloren zugleich.

Allerdings muss man sagen, dass sie als tatsächlicher Popstar nicht immer vollständig überzeugt. Die schauspielerische Leistung ist stark, die Bühnenpräsenz funktioniert ebenfalls, aber bei manchen musikalischen Momenten bleibt trotzdem eine gewisse Distanz.

Michaela Coel steht Hathaway in nichts nach. Sie spielt Sam ebenfalls grandios und wirkt dabei unglaublich einnehmend. Gerade weil ihre Figur deutlich zurückhaltender angelegt ist, zieht Coel viele Szenen allein durch ihre Präsenz an sich. Auch Hunter Schafer, Kaia Gerber, Sian Clifford und FKA twigs fügen sich gut in das Ensemble ein. Vor allem FKA twigs bringt durch ihre eigene musikalische und künstlerische Vergangenheit eine interessante zusätzliche Ebene in den Film.


Visuell ist Mother Mary ohne Frage beeindruckend. David Lowery erschafft gemeinsam mit seinem Team wunderschöne Bilder und findet immer wieder außergewöhnliche Motive, um Marys innere Verfassung nach außen zu tragen.

Wunderschöne Bilder und große Musikauftritte

Besonders die Musikauftritte stechen dabei hervor. Die Konzertszenen besitzen eine ganz eigene Energie und wirken deutlich größer als viele der ruhigeren Passagen. Drama, Psychothriller, Musikfilm, Beziehungsdrama und übernatürlicher Horror werden miteinander verbunden. Das Ergebnis ist ambitioniert, aber nicht immer harmonisch.

Das gipfelt schließlich in einer surrealen Sequenz, in der Mary und Sam gemeinsam mit dem roten Geist beziehungsweise dessen Stoffkörper konfrontiert werden. Sie schneiden in das Wesen hinein und extrahieren daraus eine rote Substanz. Im übertragenen Sinne ist das ein emotionaler Exorzismus. Die beiden Frauen müssen sich ihrem gemeinsamen Trauma stellen, anstatt es weiter zu verdrängen.

Aus dem roten Material entsteht schließlich das Kleid für Marys Comeback. Damit wird der Schmerz der Vergangenheit in etwas Neues verwandelt. Mary nutzt ihre eigenen Narben als Teil ihrer Kunst und versucht gleichzeitig, die Identität abzulegen, die Sam einst für sie miterschaffen hat. Das ist eine interessante Idee und sicherlich eine der stärksten Metaphern des Films. Gleichzeitig zeigt sich hier aber auch wieder das grundsätzliche Problem von Mother Mary: Der Film erklärt seine Geschichte nicht einfach, sondern verpackt nahezu alles in Symbole.

Zu viele Metaphern für eine eigentlich interessante Geschichte

Und genau dadurch verliert der Film letztlich an Wirkung. Mother Mary hat starke Schauspielerinnen, wunderschöne Bilder, interessante Musik und eine faszinierende Grundidee. Aber die Symbolik wird irgendwann zu viel. Jede Kleidung, jeder Blick, jede Bewegung und beinahe jedes übernatürliche Element scheint noch eine weitere Bedeutungsebene zu besitzen.

Das kann man natürlich ausführlich analysieren und sicherlich gibt es zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten. Für viele wird es jedoch irgendwann anstrengend, ständig darüber nachdenken zu müssen, was eine bestimmte Szene nun wieder symbolisieren soll. Hinzu kommt das langsame Erzähltempo. Ein Thriller darf sich Zeit lassen und Mother Mary möchte ganz offensichtlich keine klassische Spannungskurve erzählen.

Ein bildgewaltiger Thriller, der sich selbst im Weg steht

Mother Mary ist definitiv kein gewöhnlicher Film. David Lowery erzählt eine Geschichte über Ruhm, Identität, Abhängigkeit, Verletzungen und den Versuch, sich von einer künstlich erschaffenen Persönlichkeit zu lösen. Das ist ambitioniert und stellenweise beeindruckend.

Doch gerade seine Symbolik und das zunehmend verwirrende Drehbuch nehmen dem Film für mich einen Teil seiner Wirkung. Die angedeutete Liebesgeschichte entwickelt sich nicht so, wie man es erwartet, der Thriller lässt sich sehr viel Zeit und die übernatürlichen Elemente wirken teilweise mehr wie Metaphern als wie tatsächlicher Horror. Anne Hathaway und Michaela Coel sind dabei die großen Pluspunkte. Beide spielen grandios und tragen den Film auch durch seine längeren und ruhigeren Passagen.

Am Ende bleibt deshalb ein durchaus interessanter, wunderschön fotografierter und hervorragend gespielter Film, der mir aber schlicht zu viel erzählen und gleichzeitig zu viel verschlüsseln möchte.

Mother Mary auf Blu-ray, DVD und digital

Mother Mary ist ab dem 2. Oktober 2026 auf DVD, Blu-ray und digital erhältlich. Das Bonusmaterial umfasst auf der Blu-ray exklusiv das einstündige „The Making of Mother Mary“. Auf beiden Formaten ist außerdem eine deutsche Hörfilmfassung enthalten.

Bewertung

Bewertung_6

Trailer

Bildrechte: LEONINE (LEONINE Distribution GmbH)


*Bei den Links zum Angebot handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links erhalten wir eine kleine Provision.

-
00:00
00:00
Update Required Flash plugin
-
00:00
00:00