Am Abend der triumphalen Premiere des Musicals Oklahoma! trifft sich die New Yorker Theaterwelt in der legendären Bar Sardi’s. Während Richard Rodgers den größten Erfolg seiner Karriere feiert, steht sein ehemaliger Songwriting-Partner Lorenz Hart im Schatten dieses Triumphs.
Ein Kammerspiel, das von seinen Darstellern lebt
Alkohol, verletzter Stolz und die Erkenntnis, dass sich die Welt ohne ihn weiterdreht, bestimmen diesen einen Abend. In Echtzeit begleitet der Film Hart durch Gespräche mit Freunden, Künstlern und Weggefährten, während er versucht, seinen Platz in einer sich verändernden Welt zu finden.
Blue Moon ist ein Film, der ganz auf seine Figuren und ihre Dialoge vertraut. Statt spektakulärer Wendungen oder großer dramatischer Höhepunkte entwickelt Regisseur Richard Linklater (Before-Trilogie) ein Kammerspiel über Kunst, Erfolg und Vergänglichkeit. Die Handlung bleibt bewusst klein und konzentriert sich nahezu vollständig auf einen einzigen Abend. Gerade dadurch entsteht eine intensive Atmosphäre, die von hervorragend geschriebenen Gesprächen lebt.
Zwischen Humor, Melancholie und großen Gesprächen
Allen voran liefert Ethan Hawke eine absolute Glanzleistung ab. Als Lorenz Hart spielt er einen gebrochenen Künstler, der seinen Schmerz hinter Humor, Charme und jeder Menge Alkohol versteckt. Hawke bewegt sich permanent zwischen Selbstüberschätzung, Eifersucht und tiefer Traurigkeit und trägt den Film nahezu im Alleingang. Es ist ohne Zweifel eine seiner stärksten Darstellungen der vergangenen Jahre.
Wer temporeiche Unterhaltung oder große Konflikte erwartet, dürfte mit Blue Moon wenig anfangen können. Linklater interessiert sich vielmehr für Zwischentöne. Seine Figuren reden über Musik, Theater, Freundschaft, Liebe und den Preis des Erfolgs. Die Dialoge sind mal witzig, mal melancholisch und oft überraschend ehrlich. Gerade diese ruhigen Momente machen den Film so besonders.
Auch Andrew Scott überzeugt als Richard Rodgers mit einer angenehm zurückhaltenden Performance. Seine gemeinsamen Szenen mit Ethan Hawke gehören zu den stärksten des Films. Ebenso fügt sich Bobby Cannavale als Barkeeper harmonisch in das Ensemble ein und wird zu einer wichtigen Stütze für Harts emotionalen Absturz. Margaret Qualley spielt ihre Rolle solide, bleibt jedoch etwas blasser als ihre prominenten Kollegen.
Wenn Vorwissen zum Vorteil wird
So überzeugend die Inszenierung auch ist, bleibt ein kleiner Kritikpunkt bestehen: Der Film setzt einiges an Vorwissen voraus. Zahlreiche berühmte Persönlichkeiten, Musicals und Komponisten der damaligen Zeit werden lediglich erwähnt. Wer sich mit der Musicalgeschichte der 30er- und 40er-Jahre nicht auskennt, dürfte viele Anspielungen erst nach einer kurzen Recherche einordnen können.
Auch Lorenz Harts Lebensgeschichte wird nur angerissen. Zwar versteht man seine emotionale Situation, doch etwas mehr Hintergrund zu seinem bisherigen Schaffen und seiner Beziehung zu Richard Rodgers hätte der Geschichte zusätzliche Tiefe verliehen. Dadurch bleibt manches emotional etwas auf Distanz.
Großes Schauspiel statt großer Inszenierung
Mit Blue Moon beweist Richard Linklater erneut, dass er auch ohne große Action oder spektakuläre Inszenierung fesselndes Kino erschaffen kann. Der Film lebt vollständig von seinen brillanten Dialogen und einem herausragenden Ethan Hawke, der hier eine seiner besten Leistungen überhaupt abliefert.
Zwar verlangt das Kammerspiel Geduld und etwas Interesse an der Musicalgeschichte, doch wer sich darauf einlässt, erlebt ein fein beobachtetes Drama über Kunst, Freundschaft und das schmerzhafte Gefühl, vom eigenen Erfolg überholt worden zu sein.

Bildrechte: Plaion Pictures
*Bei den Links zum Angebot handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links erhalten wir eine kleine Provision.



