Mit Eddington liefert Ausnahme-Regisseur Ari Aster einen Film ab, der so sperrig wie faszinierend ist.
Ein Film über eine gespaltene Zeit
Der Thriller, angesiedelt im Pandemie-Frühjahr 2020, versucht nichts weniger als ein filmisches Porträt einer zerrissenen Gesellschaft. Das Ergebnis ist ein bewusst polarisierendes Werk: mutig, unbequem und stellenweise brillant – aber auch chaotisch, überladen und am Ende erzählerisch nicht ganz rund. Ein Film, der gleichermaßen beeindruckt und frustriert.

© LEONINE Studios
Frühling 2020 in einer abgelegenen Kleinstadt in New Mexico: Die Pandemie hat auch Eddington fest im Griff. Zwischen Maskendebatten, Misstrauen und wachsender Paranoia eskaliert der Konflikt zwischen Sheriff Joe Cross und Bürgermeister Ted Garcia zunehmend.
Zwischen Western, Pandemie-Drama und Paranoia
Was zunächst wie ein politischer Machtkampf wirkt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer Spirale aus Angst, Gewalt und gesellschaftlicher Spaltung. Als ein Mord die fragile Ordnung der Stadt erschüttert, kippt die Lage endgültig. Persönliche Abgründe, Desinformation und kollektive Hysterie treiben die Bewohner immer weiter auseinander – bis die Situation in einer brutalen Eskalation mündet.
Schon früh wird klar, dass Eddington kein klassischer Thriller sein will. Stattdessen nutzt der Film das Setting der COVID-19-Pandemie als Bühne für gesellschaftliche Spannungen. Ari Aster gelingt es dabei, die allgegenwärtige Unsicherheit dieser Zeit greifbar zu machen. Angst liegt förmlich in der Luft, und die Atmosphäre wirkt oft beklemmend real. Gerade diese Nähe zur Realität macht den Film so intensiv – aber auch schwer zugänglich.

© LEONINE Studios
Über weite Strecken lebt der Film von einer einzigen Performance: Joaquin Phoenix.
Joaquin Phoenix als tragende Säule
Als Sheriff Joe Cross trägt er den Film nahezu allein auf seinen Schultern. Seine Darstellung schwankt zwischen Paranoia, Verzweiflung und unterdrückter Wut, wodurch eine Figur entsteht, die gleichermaßen abstoßend wie faszinierend ist. Phoenix gelingt es, selbst in ruhigen Momenten eine latente Bedrohung aufzubauen. Ohne seine Präsenz würde der Film vermutlich deutlich schneller auseinanderfallen.
Das restliche Ensemble liest sich beeindruckend: Emma Stone, Pablo Pascal, Dierdre O’Connell, Michael Ward und Austen Butler. Dennoch bleiben viele dieser Figuren überraschend unterentwickelt. Besonders Pedro Pascal als politischer Gegenspieler hätte mehr Raum verdient, wirkt aber oft eher wie ein Symbol als eine echte Figur. Auch die Nebenrollen bleiben skizzenhaft, was dem Film stellenweise an emotionaler Tiefe nimmt.

© LEONINE Studios
Wer die bisherigen Werke von Ari Aster kennt, weiß, dass hier kein konventioneller Film zu erwarten ist.
Typisch Ari Aster: Visionär und unbequem
Wie schon in seinen früheren Arbeiten setzt er auf düsteren Humor, radikale Tonwechsel und eine bewusst unangenehme Grundstimmung. Eddington verbindet Thriller, Satire und beinahe westernhafte Elemente zu einem eigenwilligen Genremix. Besonders die satirischen Momente rund um Desinformation und mediale Hysterie treffen einen Nerv und wirken erschreckend plausibel. Der Film fühlt sich durchgehend ungemütlich an – und genau das scheint gewollt.
Starker Beginn, packende Mitte
Strukturell überzeugt der Film vor allem in seiner ersten Hälfte. Der Einstieg ist dicht inszeniert und baut eine intensive Grundspannung auf. In der Mitte erreicht der Film sogar einen echten Höhepunkt, in dem persönliche Konflikte und gesellschaftliche Themen ineinandergreifen. Hier zeigt sich, welches Potenzial in der Geschichte steckt: ein psychologischer Thriller, der individuelle Abgründe mit kollektiver Verunsicherung verbindet.
Doch genau hier beginnen die Probleme. Trotz vieler starker Einzelszenen fehlt es dem Film an erzählerischer Geschlossenheit. Handlungsstränge verlaufen im Sand, Figuren verschwinden aus dem Fokus, und thematisch wirkt vieles überladen. Aster will viel – vielleicht zu viel. Politische Satire, Charakterstudie, Pandemie-Drama und Gewaltthriller konkurrieren miteinander, ohne sich vollständig zu einem stimmigen Gesamtbild zu fügen.

© LEONINE Studios
Nach starkem Beginn und intensiver Mitte kippt der Film im letzten Drittel spürbar. Das Finale entwickelt sich zu einem überdrehten Showdown voller Gewalt, der tonal kaum noch zum Rest passen will.
Ein eskalierendes, überzogenes Finale
Was als subtile Eskalation beginnt, endet in einer fast grotesken Zuspitzung. Hier zeigt sich eine Schwäche, die man bereits aus früheren Aster-Filmen kennt: das Problem, ein ambitioniertes Konzept sauber zu Ende zu führen. Auch diesmal bleibt das Gefühl zurück, dass ein stärker fokussiertes Ende dem Film gutgetan hätte.
Trotz seiner Schwächen bleibt Eddington ein bemerkenswertes Werk. Der Film ist mutig, unbequem und thematisch hochaktuell. Seine Auseinandersetzung mit Desinformation, politischer Polarisierung und kollektiver Angst wirkt wie ein Spiegel der jüngsten Vergangenheit. Gleichzeitig verhindert die ungleichmäßige Dramaturgie, dass aus dieser starken Grundlage ein wirklich rundes Filmerlebnis wird. Man bewundert die Ambition – und ringt gleichzeitig mit der Umsetzung.
Eddington ist ein Film, der spaltet – ganz im Sinne seines Themas. Getragen von einer überragenden Performance von Joaquin Phoenix und einer kompromisslosen Regiehandschrift, entfaltet er eine intensive, oft beklemmende Wirkung. Gleichzeitig leidet das Werk unter schwachem Pacing, mangelnder Kohärenz und einem überzogenen Finale. Ein unbequemer, diskussionswürdiger Film, der mehr Eindruck als Freude hinterlässt.

Bildrechte: LEONINE Studios
