Pocahontas

Pocahontas (1995) | Filmkritik

Eine amerikanische Legende wird lebendig.

von Markus Grunwald

Pocahontas veröffentlichte Disney 1995 einen der künstlerisch ambitioniertesten Filme der sogenannten Disney-Renaissance. Statt klassischer Märchenadaption wagte man sich an einen historischen Stoff – oder zumindest an eine stark romantisierte Version davon.

Zwischen Wind, Wasser und Weltbildern

Heraus kam ein Film, der visuell zu den schönsten Produktionen der 90er zählt, musikalisch bis heute nachhallt und thematisch mutiger wirkt als viele seiner Zeitgenossen. Gleichzeitig bleibt ein ambivalenter Beigeschmack: Zwischen poetischer Naturerzählung und problematischer Geschichtsglättung bewegt sich ein Werk, das ebenso fasziniert wie irritiert.

Pocahontas 1995 Filmkritik

© Disney

Schon in den ersten Minuten wird klar, wo die größte Stärke des Films liegt: seine Bildsprache. Die handgezeichnete Animation ist außergewöhnlich detailreich und atmosphärisch.

Wenn Bilder sprechen lernen

Besonders Naturdarstellungen entfalten eine malerische Qualität – fließende Wasserfälle, raschelnde Blätter, bewegter Himmel. Das erste Treffen zwischen Pocahontas und John Smith am Wasserfall gehört zu den visuell ikonischsten Momenten der Disney-Geschichte.

Die Farbdramaturgie wird bewusst eingesetzt. Warme Naturtöne stehen kalten Kolonialfarben gegenüber, Rot signalisiert Konflikt, während Wind als wiederkehrendes visuelles Motiv die Verbindung zwischen Mensch und Natur symbolisiert. Diese poetische Inszenierung verleiht dem Film eine fast meditative Wirkung. Auch die Tiefenwirkung durch Schatten und Licht sorgt dafür, dass viele Szenen bis heute erstaunlich modern wirken.

Melodien, die mehr erzählen als Worte

Musikalisch gehört Pocahontas zu den stärkeren Disney-Filmen der 90er. Allen voran das Lied Farbenspiel des Winds ragt heraus. Der Song verbindet Emotion, Weltanschauung und Storyentwicklung auf bemerkenswerte Weise. Statt reiner Romantik transportiert er eine klare Botschaft über Naturverbundenheit, Perspektivwechsel und kulturelles Verständnis.

Die Kompositionen von Alan Menken sind insgesamt ruhiger und nachdenklicher als in früheren Disney-Filmen. Das passt zur Tonalität der Geschichte, die weniger auf Slapstick als auf Atmosphäre setzt. Musik und Bild greifen hier nahtlos ineinander – ein selten so harmonisches Zusammenspiel im Disney-Kanon.

Pocahontas 1995 Filmkritik

© Disney


Die Titelfigur gehört zu den markantesten Protagonistinnen ihrer Ära. Pocahontas wird nicht als naive Prinzessin gezeichnet, sondern als selbstbewusste, naturverbundene junge Frau mit eigener Stimme.

Eine ungewöhnliche Disney-Heldin

Ihr Design wirkt erwachsener und realistischer als bei vielen Vorgängerinnen – schlanker, kantiger, fast modellhaft. Diese Reife spiegelt sich auch in ihrer Charakterzeichnung wider: Sie hinterfragt, beobachtet, wägt ab.

Auch der Antagonist überrascht positiv. Gouverneur Ratcliffe ist zwar ein klassischer Disney-Bösewicht, bekommt jedoch eine nachvollziehbare Motivation. Gier, Versagensdruck und Machtfantasien verschmelzen zu einer Figur, die zwar überzeichnet, aber nicht völlig eindimensional wirkt.

#108: Pocahontas: Disney zwischen Romantik und Geschichte | 90s Kids Podcast

Weniger gelungen sind die Nebenfiguren. Großmutter Weide bleibt trotz charismatischer Präsenz zu selten im Mittelpunkt. Die tierischen Sidekicks sorgen zwar für humorvolle Auflockerung, wirken aber oft wie Zugeständnisse an ein jüngeres Publikum, ohne echten Einfluss auf die Handlung zu haben.

Zwischen Romantik und Realität

So stark die künstlerische Umsetzung ist, so problematisch ist der historische Umgang. Die wahre Geschichte hinter Pocahontas wird massiv romantisiert. Die Liebesgeschichte zwischen ihr und John Smith ist historisch nicht belegt und wird im Film als zentrales emotionales Fundament inszeniert. Tatsächlich war Pocahontas zur realen Zeit ein Kind – ein Umstand, der hier komplett ausgeblendet wird.

Auch die Kolonialisierung wird stark entschärft. Gewalt, Ausbeutung und kulturelle Zerstörung bleiben weitgehend außen vor. Stattdessen setzt der Film auf eine versöhnliche Erzählung über Verständigung und Hoffnung. Das bittersüße Ende – ohne klassisches Disney-Happy-End – deutet zwar mehr Ambivalenz an, doch insgesamt bleibt die Darstellung deutlich weichgezeichnet.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Romanze selbst. Sie entwickelt sich sehr schnell und wirkt stellenweise oberflächlich. John Smith bleibt als Figur vergleichsweise blass, was die emotionale Tiefe der Beziehung begrenzt.

Pocahontas 1995 Filmkritik

© Disney

Pocahontas ist ein Film voller Widersprüche. Visuell zählt er zu den schönsten Disney-Produktionen der 90er, musikalisch liefert er einen der eindrucksvollsten Songs des Studios, und die Titelfigur gehört zu den stärksten Heldinnen der Renaissance-Phase. Gleichzeitig bleibt ein schaler Beigeschmack durch die starke historische Verfälschung und die etwas oberflächliche Liebesgeschichte.

Poetisch, prächtig – und problematisch

Als Kunstwerk funktioniert der Film hervorragend – als historische Annäherung deutlich weniger. Wer ihn als poetische Naturfabel betrachtet, findet ein atmosphärisch dichtes, emotionales Erlebnis. Wer historische Genauigkeit erwartet, wird enttäuscht.

Kein unangefochtener Disney-Klassiker, aber ein visuell und musikalisch beeindruckender Beitrag der Ära – mit bleibender Schönheit und berechtigter Kritik.

Bewertung

Bewertung_8

Trailer

Bildrechte: Disney

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