Das grosse Krabbeln

Das große Krabbeln (1998) | Filmkritik

Große Geschichten aus einer kleinen Welt

von Markus Grunwald

Das große Krabbeln gehört zu den frühen Werken von Pixar und ist gleichzeitig einer der Filme, die rückblickend oft unterschätzt werden.

Das große Krabbeln – Pixars bunter Klassenkampf

Zwischen späteren Meisterwerken wie Toy Story 2 (1999), Findet Nemo (2003) oder Die Unglaublichen (2004) wirkt dieser Ameisenfilm auf den ersten Blick wie ein harmloses Kinderabenteuer. Doch beim Wiedersehen zeigt sich, dass hinter der bunten Oberfläche deutlich mehr steckt – wenn auch weniger konsequent als beim zeitgleichen Konkurrenzfilm Antz (1998).

Das grosse Krabbeln Filmkritik

© Disney


Im Mittelpunkt steht Flick, eine Ameise, die nicht in das starre System ihrer Kolonie passt. Wo andere blind funktionieren, denkt Flick nach, erfindet Maschinen und stellt Abläufe infrage.

Ein klassischer Pixar-Held mit klarer Mission

Natürlich geht dabei alles schief – zumindest zunächst. Pixar bleibt hier seiner klassischen Heldenreise treu: Der Protagonist ist kein Rebell aus Überzeugung, sondern ein Idealist, der aneckt, scheitert und wachsen muss.

Im Gegensatz zu Z aus Antz ist Flick eindeutig als Sympathieträger angelegt. Er ist naiv, gutmütig und von einem ausgeprägten Gemeinschaftsgefühl geprägt. Seine Motivation ist nicht Selbstverwirklichung, sondern Verantwortung. Emotional ist das deutlich zugänglicher, aber auch weniger komplex.

Das grosse Krabbeln Filmkritik

© Disney


Die große Stärke von Das große Krabbeln liegt eindeutig bei den Nebenfiguren. Die Zirkustruppe aus gescheiterten Artisten ist ein Paradebeispiel für Pixars Talent, Figuren mit klaren Eigenschaften und hohem Wiedererkennungswert zu erschaffen.

Figuren, Humor und Wiedererkennungswert

Gustl die Raupe, die von ihrer Metamorphose träumt, Franzi der Marienkäfer mit Identitätskonflikt oder Slim die melancholische Stabheuschrecke – sie alle bleiben im Gedächtnis.

Hier zeigt sich auch der größte Unterschied zu Antz: Während DreamWorks auf Dialogwitz und Ideen setzt, arbeitet Pixar mit visueller Komik, Timing und emotionaler Bindung. Viele Gags funktionieren auch heute noch, andere sind deutlich als Produkt der 90er erkennbar.

Der Antagonist: Macht durch Angst

Hopper, der Anführer der Grashüpfer, ist ein klassischer Pixar-Bösewicht alter Schule. Brutal, einschüchternd und klar als Bedrohung inszeniert, aber nie wirklich ambivalent. Seine berühmte Szene, in der er den Ameisen erklärt, dass ihre Stärke in der Masse liegt, gehört zu den stärksten Momenten des Films und transportiert die zentrale Botschaft erstaunlich klar.

Thematisch berührt der Film damit Klassenkampf, Unterdrückung und Machtverhältnisse – allerdings ohne diese Aspekte wirklich zu vertiefen. Wo Antz provoziert und verstört, bleibt Das große Krabbeln bewusst auf der sicheren Seite.

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© Disney


Beim erneuten Ansehen fällt auf, dass der Animationsstil nicht gut gealtert ist. Flache Texturen, einfache Hintergründe und starke Farbfilter lassen viele Szenen künstlich wirken.

Sichtbar gealterte Technik

Regen ist blau, Nacht ist violett, Tiefe wird oft nur angedeutet. Gerade im Vergleich zu späteren Pixar-Filmen wirkt das technisch überholt.

Im direkten Vergleich ist Das große Krabbeln der zugänglichere, freundlichere und emotional wärmere Film. Er eignet sich klar für ein junges Publikum und funktioniert als Familienunterhaltung deutlich besser. Gleichzeitig fehlt ihm der erzählerische Mut und die thematische Tiefe von Antz.

Kampf der Ameisen: Antz und Das große Krabbeln im Vergleich | 90s Kids Podcast

Pixar erzählt eine klassische Geschichte über Zusammenhalt und Mut, DreamWorks eine unbequeme Parabel über Individualismus und Systemkritik. Beide Filme haben ihre Berechtigung – doch während Antz mit dem Alter an Relevanz gewinnt, lebt Das große Krabbeln heute stark von Nostalgie.

Ein krabbliges Thema

Das große Krabbeln ist kein vergessener Pixar-Film, sondern ein frühes Experiment, das vor allem über Figuren, Humor und Charme funktioniert. Erzählerisch bleibt er einfach, technisch ist er sichtbar gealtert, emotional aber immer noch wirksam.

Als Kontrast zu Antz zeigt er exemplarisch, wie unterschiedlich zwei Studios im selben Jahr denselben Ausgangspunkt interpretieren können.

Bewertung

Bewertung_7

Trailer

Bildrechte: Disney

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