One Battle After Another

One Battle After Another (2025) | Filmkritik

Mutiges Politkino zwischen Rebellion, Atmosphäre und analoger Kino-Magie

von Mathias Grunwald

Wenn Paul Thomas Anderson einen neuen Film ankündigt, ist das selten leichte Kost, aber fast immer ein Ereignis.

Manche suchen den Kampf, andere werden hineingeboren.

One Battle After Another ist genau das: ein ambitioniertes, unbequemes, stellenweise sperriges, aber letztlich beeindruckendes Kinoerlebnis, das sich traut, große politische und gesellschaftliche Fragen zu stellen, ohne einfache Antworten zu liefern. In einer Zeit, in der Filme oft auf maximale Gefälligkeit getrimmt sind, wirkt Andersons neuestes Werk wie ein bewusster Gegenentwurf – roh, intensiv und nachhallend.

Ohne zu viel vorwegzunehmen, erzählt One Battle After Another von Widerstand, Rebellion und der Frage, wie weit Menschen gehen dürfen, oder müssen, um ein System zu bekämpfen, das sie als ungerecht empfinden. Die Handlung entfaltet sich episodisch, fast fragmentarisch, und begleitet mehrere Figuren, die sich auf unterschiedlichen Seiten eines eskalierenden gesellschaftlichen Konflikts wiederfinden. Revolutionäre Ideale prallen auf Machtstrukturen, persönliche Motive auf kollektive Ziele. Es ist kein klassischer Plot mit klarer Heldenreise, sondern eher ein Mosaik aus Perspektiven, Stimmungen und Eskalationsstufen.

Atmosphäre als treibende Kraft

Was von der ersten Minute an begeistert, ist die dichte Atmosphäre. Anderson erschafft gemeinsam mit Kameramann Michael Bauman, der hier erst seine zweite große Hollywood-Kameraarbeit nach Licorice Pizza (2021) abliefert, eine Welt, die sich schwer abschütteln lässt.

Die Bildsprache ist atemberaubend, oft rau, manchmal fast dokumentarisch, dann wieder episch komponiert. Dass der Film in ausgewählten Kinos tatsächlich auf echten analogen VistaVision-Kopien gezeigt wird, zum ersten Mal seit über 60 Jahren, ist dabei mehr als nur ein Marketing-Gag. Man sieht und fühlt es. Das Bild hat Tiefe, Körnung, Präsenz. Kino im wahrsten Sinne des Wortes.

You know what freedom is? No fear. Just like Tom fucking Cruise.

Sensei Sergio St. Carlos

Das Produktionsdesign ist akribisch und detailverliebt. Kulissen, Kostüme und Drehorte wirken nicht wie Filmsets, sondern wie gelebte Räume. Die Welt von One Battle After Another ist immersiv, glaubwürdig und sorgfältig ausgearbeitet. Praktische Effekte statt digitaler Überladung sorgen dafür, dass selbst große Momente greifbar bleiben. Diese Authentizität verankert die Erzählung und lässt die Erfahrungen der Figuren real und nachvollziehbar wirken. Ein Aspekt, der maßgeblich zur Sogwirkung des Films beiträgt.

Jonny Greenwood: Musik als emotionale Waffe

Ein weiterer zentraler Baustein ist der Soundtrack von Jonny Greenwood (Radiohead). Seine Musikauswahl ist kein bloßes Begleitwerk, sondern integraler Bestandteil der Inszenierung. Dissonante Streicher, pulsierende Rhythmen und bedrückende Klangflächen verstärken die Spannung und verleihen den Bildern zusätzliche emotionale Schwere. Greenwood versteht es meisterhaft, innere Konflikte hörbar zu machen und den Zuschauer emotional zu lenken, ohne je manipulativ zu wirken.

Die Darstellerriege überzeugt durchweg. Von Leonardo DiCaprio über Sean Penn bis Teyana Taylor und letztlich Chase Infiniti. Jede Rolle ist präzise gespielt, oft mit minimalistischem Ausdruck, der viel zwischen den Zeilen transportiert. Gleichzeitig liegt hier eine der Schwächen des Films: Einige Figuren bleiben unterentwickelt. Man spürt, dass in ihnen mehr steckt, als der Film letztlich ausformuliert. Gerade bei Nebenfiguren hätte etwas mehr erzählerischer Raum die emotionale Bindung verstärkt und Teyana Taylor ihren Wahn und ihre Lebenslust noch etwas länger ausleben dürfen.

Politischer Kommentar mit Zündstoff

Inhaltlich ist One Battle After Another hochaktuell. Die Auseinandersetzung mit Widerstand, Rebellion und Machtstrukturen wirkt gerade vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Lage in den USA mutig und brisant. Anderson zeichnet weder Revolutionäre noch Antagonisten als eindimensionale Karikaturen. Stattdessen präsentiert er eine nuancierte Grauzone – was in den politischen Lagern zwangsläufig zu gegensätzlichen Reaktionen führt. Für die einen ist der Film eine faire Kommentierung gesellschaftlicher Missstände, für die anderen eine gefährliche Anbiederung. Genau diese Ambivalenz macht ihn so spannend.

Schwarzer Humor zwischen den Fronten

I need a weapon, man. All you’ve got are goddamn nunchuks here.

Bob

Nicht jeder wird mit dem Humor des Films warm werden. Der schwarze Humor ist subtil, verschachtelt und oft erst im Nachhall wirklich greifbar. Doch gerade diese Form der Komik funktioniert als Ventil, um die intensive, teilweise erdrückende Dramaturgie aufzulockern. Clever platzierte Dialoge sorgen für kurze Atempausen, ohne die Ernsthaftigkeit zu untergraben.

Die Actionsequenzen sind intensiv und emotional aufgeladen. Anderson baut Spannung meisterhaft auf, insbesondere in den Höhepunkten, die lange nachwirken. Allerdings leidet der Film stellenweise unter einem unzusammenhängenden Tempo. Der Schnitt wirkt nicht immer ausgewogen, wodurch einzelne Passagen an Zugkraft verlieren. Hinzu kommt eine gewisse Unstimmigkeit im Tonfall, die den Wechsel zwischen politischem Drama, Action und schwarzem Humor manchmal holprig erscheinen lässt.

Mutiges Kino, das nachhallt

Trotz seiner Schwächen ist One Battle After Another ein außergewöhnliches Kinoerlebnis. Es ist kein Film für den schnellen Konsum, sondern einer, der fordert, provoziert und zum Nachdenken anregt. Die audiovisuelle Wucht, die politische Relevanz und der kompromisslose Stil machen ihn zu einem der interessantesten Filme des Kinojahres 2025. Kein perfekter Film aber ein mutiger.

Bewertung

Bewertung_8

Trailer

Bildrechte: Warner Bros. Pictures


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