Als der US-Sender HBO im Januar 2012 (ursprünglich in den USA gestartet) das Drama Luck an den Start brachte, waren die Erwartungen gigantisch. Mit einem absoluten Staraufgebot rund um den zweimaligen Oscar-Preisträger Dustin Hoffman und Regie-Größen im Hintergrund sollte eine Serie geschaffen werden, die das Milieu des Pferderennsports und der Rennbahnen so realistisch und tiefgründig beleuchtet wie nie zuvor. Doch die Reise dieser hochangesehenen Produktion stand unter keinem guten Stern. Ein Blick zurück auf ein faszinierendes, aber letztlich unvollendetes Fernseh-Experiment.
Worum geht’s? Rache auf der Rennbahn
Im Zentrum der Handlung steht Chester „Ace“ Bernstein (Dustin Hoffman), der gerade eine dreijährige Haftstrafe hinter sich gebracht hat. Vor seiner Festnahme war Ace eine feste Größe in der Unterwelt und im organisierten Verbrechen. Sofort nach seiner Entlassung widmet er sich einem ambitionierten neuen Projekt: Mit Hilfe seines treuen Chauffeurs und Partners Gus Demitriou (Dennis Farina) gelingt es ihm, die Kontrolle über die traditionsreiche Pferderennbahn Santa Anita Park in Kalifornien zu erlangen.
Doch Ace hat nicht nur geschäftliche Interessen oder die Leidenschaft für den Rennsport im Sinn. Er sinnt auf Rache. Er hat noch eine Rechnung mit jenen Leuten offen, die seinerzeit dafür sorgten, dass er unschuldig (oder zumindest cleverer als die Justiz) hinter Gittern landete.
Eine Serie, die man studieren muss
Wer eine klassische, schnell geschnittene Thrillerserie erwartet, wird bei Luck schnell an seine Grenzen stoßen. Um diese Serie wirklich zu schätzen, muss man sie förmlich studieren. Sie ist bewusst opak und obtuse (verschlossen) gehalten. Zuschauer müssen sich darauf einlassen, Fragen zu stellen, Vermutungen anzustellen und über Episoden hinweg auf Bestätigung zu warten – falls sie überhaupt jemals aufgelöst werden. Es ist ein echtes Investment an Aufmerksamkeit.
Die Frage, ob dieser Aufwand sich lohnt, spaltete das Publikum. Man ertappt sich dabei, Folgen sogar mehrfach zu schauen, um auch den letzten Subtext des titelgebenden Glücks (engl. Luck) nicht zu verpassen. Die Charaktere sind extrem enigmatisch. Der von Nick Nolte gespielte, vom Leben gezeichnete Trainer Walter Smith bleibt beispielsweise so mysteriös, dass es schwerfällt, eine echte emotionale Bindung zu ihm aufzubauen. Frustrierend liebenswert ist hingegen die Figur der Rosie (gespielt von Kerry Condon), einer talentierten Jockey-Frau, die vom Plot im Laufe der Geschichte immer weiter an den Rand gedrängt wird, während man sie längst ins Herz geschlossen hat.
Dustin Hoffman und die Kunst der Stille
Besonders spannend ist die Herangehensweise von Hauptdarsteller Dustin Hoffman. Man erwartet von einer Hollywood-Legende dieses Kalibers oft große, ausladende Schauspielszenen. Doch Hoffman tut hier sein Bestes, indem er für extrem brillante, ruhige Kameraeinstellungen oft einfach nur regungslos posiert. Er agiert überraschend zurückhaltend. Man spürt als Zuschauer förmlich, dass der Regisseur (Michael Mann als ausführender Produzent im Hintergrund) eine gewaltige Spannungskurve aufbaut, die sich in einer gewaltigen Explosion entladen soll. Das ist gleichzeitig faszinierend und vexierend (nervenaufreibend).
Ein absolutes Highlight abseits der Hauptfiguren ist zweifellos Marcus, brillant gespielt von Kevin Dunn. Dieser gehandicapte Spieler wirkt wie die Reinkarnation von Andy Sipowicz (dem zynischen Cop aus *NYPD Blue*): Er besitzt all den bissigen W එව und den zynischen Sarkasmus, aber im Kern ein absolut echtes, menschliches Herz. Marcus gehört zu den Figuren dieser ill-fated (vom Pech verfolgten) Serie, die man so schnell nicht wieder vergisst.
Ein unglückliches Ende
Hinter der Produktion stand Showrunner David Milch, der sich schon seit seiner Kindheit für den Pferdesport begeisterte, und HBO-typisch stimmten zunächst auch die Kritiken. Kritiker-Größen wie Linda Stasi von der New York Post lobten die extrem guten Schauspieler, die brillanten Dialoge und die faszinierende Atmosphäre. Doch die Serie litt unter massiven Problemen beim Pacing (dem Erzähltempo) im Mittelteil, und die Zuschauerzahlen blieben hinter den astronomischen Produktionskosten zurück.
Das Schicksal von Luck wurde schließlich durch tragische Umstände besiegelt: Nach tödlichen Verletzungen von Pferden an den Dreharbeiten zog HBO im März 2012 – mitten in der Ausstrahlung der ersten Staffel – die Notbremse und brach das Projekt endgültig ab. Da wir heute wissen, dass die Serie abrupt abgesetzt wurde, bleibt die ungelöste Suspense für immer im Raum stehen. Die angekündigte zweite Staffel wurde nie Realität.
Am Ende war Luck ein kühnes, künstlerisches Wagnis (ein bold artsy gamble), das sich für den Sender nicht auszahlte. Wer sich jedoch auf ein atmosphärisch dichtes, melancholisches und schauspielerisch überragendes Charakterdrama einlässt, das den Blick hinter die Kulissen des Rennsports wagt, findet hier ein faszinierendes, wenn auch tragisches Unikat der Fernsehgeschichte.
