20th Nov2015

Brüder – Feinde (2015) | Filmkritik

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Brüder - Feinde

Estland 1944. Ein Land in den Wirren des zweiten Weltkrieges. Nachdem die Sowjetunion mit Androhung von Gewalt das Land unter seine Kontrolle gebracht hatte, kommen nun die deutschen Soldaten und drohen das eigentlich neutrale Land in den Klauen des zweiten Weltkrieges zu zerstören. Die eine Hälfte der jungen, waffenfähigen Männer ist im Dienst der Roten Armee, die anderen Marschieren unter dem Banner von Hitler auf.

So wird die Bevölkerung gezwungen, sich gegenseitig zu bekämpfen, für einen Krieg, mit dem sie eigentlich überhaupt nichts zu tun haben.

In der ersten Filmhälfte von Brüder – Feinde (Originaltitel: 1944) folgt der Zuschauer dem jungen Soldaten Karl Tammik (Kaspar Velberg) in die Schützengräben seiner Einheit. Er ist der Waffen SS beigetreten, nachdem die Rote Armee seine Familie nach Sibirien verschleppt hat. Aus Hass auf die Sowjetunion versucht er nun, sein Land von der russischen Armee zu befreien. Dabei keimen immer wieder Schuldgefühle und Selbstzweifel auf. Warum konnte er seine Familie nicht retten? Hätte er mehr tun können und sollen?

Seine Kameraden halten eisern die Stellung, als die ersten Panzer heranrollen. Es gilt, die Soldaten fernzuhalten, so lange es noch geht.

Doch wofür kämpfen sie? Für Hitler? Der Krieg der Deutschen ist ihnen eigentlich egal. Was zählt, ist der Frieden im eigenen Land. Dass es aufhört Bomben zu regnen. Dass kein Panzer mehr durch die Städte fährt. Dass kein russischer Soldat eine Familie zerstört. Als Karl sich plötzlich eigenen Landsleuten gegenübersieht, die im Dienste der Sowjetunion kämpfen, traut er seinen Augen nicht!

Die zweite Hälfte des Films beschäftigt sich mit Jüri Jögi (Krisjan Üksküla), einem Soldaten im Dienst der Roten Armee. Davon überzeugt das richtige zu tun, ist er in Tallin stationiert und muss, anders als Karl, nicht in einem Schützengraben ausharren. Die Zerstörungen in der estnischen Stadt hat die russische Armee auf die Waffen SS der Deutschen geschoben, dabei ist sich selbst Jüri da nicht so sicher. Als er auf die Deutschen trifft eröffnet er das Feuer auf einen Soldaten des Feindes, nur um festzustellen, dass dies ein Landsmann war. Jüri findet in der blutigen Uniform einen letzten Brief des Soldaten an seine Schwester. Er beschließt diesen der jungen Frau (Maiken Schmidt) zu übergeben. Ob er ihr erzählen wird, dass er der Mörder ihres Bruders ist?

So wird auch er von Schuld und Reue geplagt, weil ihn ein sinnloser Krieg zum Mörder seines eigenen Landsmannes werden ließ. Als er dann beginnt sich in die junge Frau zu verlieben, der er so schlechte Nachrichten überbrachte, droht seine Weltsicht noch mehr ins Wanken zu geraten.

„Die Unschuldigen fühlen die Schuld, die Schuldigen fühlen gar nichts.“ Mit diesen Worten bringt es Karls Schwester Aino auf den Punkt. In diesem Krieg gibt es keine Helden, nur Täter und Opfer. Regisseur Elmo Nüganen bringt es in Brüder – Feinde auf den Punkt. Statt donnernden Effekten und Heldenpathos, konzentriert er sich auf die stillen Momente, auf den Zweifel und die Sinnlosigkeit des Krieges. Die Zweiteilung des Films ist dabei ein gelungener Schachzug, um hinter beide Fronten des Krieges zu schauen. So macht es der Film dem Zuschauer nicht zu leicht, in Gut und Böse zu unterteilen. Alle Soldaten verbindet die selbe Hoffnung und das selbe Bangen. Sind am Anfang die Russen noch gesichtslose Soldaten, die im Kanonenfeuer der Schützengräben fallen, werden sie in der Geschichte Jüris wieder zu Menschen mit einzelnen Schicksalen.

Mit einer eindringlichen Kamera und großen Gesichtsaufnahmen wird der Krieg so real und unerbittlich gezeigt, wie es möglich ist. Dabei wird auf Blut und Gedärm großzügig verzichtet und der Schrecken anders und dafür noch greifbarer vor Augen geführt. Wenn dein Kamerad eben noch im Schützengraben mit dir lachte, bis ihn ein Scharfschütze einfach niederstreckt und der Schrecken in allen Gesichtern sitzt, ist das schlimmer, als eine Blutwolke und teure Explosionen.

Wer also einen tieferen Einblick in die Vergangenheit Estlands erhaschen möchte, der sollte Brüder – Feinde wirklich unbedingt schauen. Ein Film, der an manchen Stellen unter die Haut und in den Kopf geht. Hier geht es nicht darum zu zeigen, wer der Gute und der Böse ist, denn das kann man im Krieg sowieso nicht mehr auseinanderhalten.

Cast & Crew

Regie: Elmo Nüganen
Drehbuch: Leo Kunnas
Musik: Jaak Jürisson
Darsteller: Marko Leht, Maiken Schmidt, Kaspar Velberg, Peeter Tammearu, Kristjan Üksküla, Märt Pius

Bewertung

Bewertung_7

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