09th Sep2010

Endstation der Sehnsüchte (2009) | Filmkritik

von

Endstation

NAIn den sechziger und siebziger Jahren kamen viele junge Frauen aus Südkorea als Gastarbeiterinnen nach Deutschland. Drei dieser Frauen waren Young-Sook (23), Woo-Za (30) und Chun-Ja (33), welche auf Grund verschiedener Schicksale ihre Heimat, Familie und Freunde zurück ließen.

In Deutschland begannen sie eine Ausbildung zur Krankenschwester und ein neues Leben in einer fremden Welt. Ihr verdientes Geld schickten sie immer wieder zurück in ihre Heimat, um dort die Wirtschaft ihres Landes und ihre Familien zu unterstützen. In Deutschland kämpften sie gleichzeitig um ihr Zugehörigkeitsgefühl, lernten die unbekannte Sprache und fanden die Liebe. Jahrzehnte später haben sie eine neue Heimat gefunden. Doch ihr altes Zuhause ist nie aus ihren Herzen verschwunden. Im Rentenalter treten sie ihr letztes großen Abenteuer an und reisen, zusammen mit ihren Ehemännern, zurück in die Heimat.

Dort wurde ihnen ein eigens für sie errichtetes „deutsches Dorf“ an der Südküste einer vorgelagerten Insel gebaut und an jenem Ort leben die drei Pärchen nun in Fachwerkbauten mit roten Ziegeln. Schnell entwickelte sich diese typisch deutsche Kulisse jedoch zu einem Pilgerort für südkoreanische Touristen, welche mit Kameras die Straßen und Gärten der friedlichen Rentner belagern. Zudem müssen nun die weißhaarigen Rentner Armin, Ludwig und Willi, welche fern ihrer Heimat in Deutschland sind, mit dem Kulturaustausch zurechtkommen. Schnell bemerken sie, dass die deutschen Tugenden nicht überall an der Tagesordnung stehen. Trotzdem versuchen sie sich so gut wie möglich in die fremde Kultur zu integrieren.

Ihren größten Erfolg feierte die südkoreanische Regisseurin Cho Sung-hyung mit ihrer Dokumentation Full Metal Village, welcher schnell zum Publikumsliebling fungierte. Dort verfolgte sie die Geschehnisse des weltgrößten Heavy Metal-Festivals im Schleswig-Holsteinischen Dorf Wacken – Wacken Open Air. In ihrem neusten Heimatfilm geht es nun weit ruhiger zu und die wilden Metaller wurden durch rüstige Rentner ersetzt. In den Hauptrollen spielen die deutsch-koreanisch gemischten Pärchen bestehend aus Armin, Ludwig und Willi und ihren Frauen Young-Sook, Woo-Za und Chun-Ja.

Diese leben in dem eigens für sie errichteten „deutschen Dorf“ inmitten einer bergigen Landschaft unmittelbar am Wasser. 99 Minuten verfolgt man die Pärchen durch ihren relativ neuen Alltag in einer anderen Welt. Dabei bekommt der Zuschauer einen deutlichen Einblick über den Kulturaustausch, mit welchem die Rentner zu kämpfen haben. Neue Sitten, Traditionen und eine befremdliche Sprache stoßen auf die typisch deutschen Tugenden wie Pünktlichkeit und Ordnung.

„Mein bestes Stück: eine Betonmaschine aus Deutschland.“ – Armin Theis

Endstation der Sehnsüchte

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Diese in Südkorea eigenartig wirkende Lebensweise entwickelte sich schnell zu einer Touristenattraktion für die Einheimischen. Immer öfter werden die Gärten der Rentner von schaulustigen Urlaubern belagert, welche für einen Schnappschuss weit in die Privatsphäre der friedlich lebenden Paare eindringen. Gezeigt werden diese teils amüsanten teils bewegenden Bilder ohne Interviewfragen, so dass einzig die Geschichte der verschiedenen Charaktere im Mittelpunkt steht.

Aussagekräftige Bilder spiegeln das Leben und die Landschaft wieder. Es entstehen einzigartige Momente der Integration, wenn beispielsweise Rentner Willi am südkoreanischen Volksfest teilnimmt und im traditionellen Gewand am Tanz partizipiert. Auf der anderen Seite kämpfen die Männer mit Sprachproblemen und ihre Frauen haben Sehnsucht nach ihrer zweiten Heimat Deutschland.

Denn nicht ohne Grund haben Armin und die anderen Einwohner ihre liebsten Gegenstände aus der Heimat mit in das neue Heimatland genommen. Von einem Gartenzwerg bis zu einer Betonmaschine wurde alles eingepackt und vermittelt ein deutsches Gefühl fernab von Deutschland selbst.

„Seit sechs Jahren bin ich wieder in Korea und je länger ich hier bin, desto öfter denke ich an Deutschland. Seltsam. Jetzt kommt mir Deutschland wie meine Heimat vor.“ – Chun-Ja Engelfried

Alles geschieht ohne Schauspieler und nur das wahre Leben spiegelt die Emotionen wider. Obwohl das „deutsche Dorf“ nach Aussage der Pärchen in ungefähr 15 Jahren ausgestorben ist, hat Regisseurin Cho Sung-hyung mir ihrem Film Endstation der Sehnsüchte einen großen Teil dazu beigetragen, dass diese einzigartige Geschichte nicht vergessen wird.

Vielen Dank an Zorro Film für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Cast & Crew

Regie: Cho Sung-hyung
Schauspieler: Young-Sook, Woo-Za, Chun-Ja, Armin Theis, Willi Engelfried, Ludwig Strauss-Kim

Bewertung

Bewertung_8

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