01st Mrz2017

Logan (2017) | Filmkritik

von Liki

Logan

Es ist das Jahr 2029, mehr als 50 Jahre nach den Events aus X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (2014). Nahezu alle Mutanten sind verschwunden. In El Paso, nahe der mexikanischen Grenze, fristet der in die Jahre gekommene Logan (Hugh Jackman) sein Dasein. Seine einzige Gesellschaft sind der Mutantenaufspürer Caliban (Stephen Merchant) und der alternde und von starken Krampfanfällen geplagte Professor X (Patrick Stewart).

logan_1 Abgeschnitten von der Außenwelt pflegt Logan seinen alten Mentor, dessen Wesen durch Krankheit und hochdosierte Medikamente stark gezeichnet ist. Mit der Ruhe ist es jedoch vorbei als plötzlich ein junges Mädchen namens Laura (Dafne Keen) in Logans Leben tritt. Schnell stellt sich heraus, dass auch sie eine Mutantin ist und ihre Fähigkeiten denen von Wolverine sehr ähnlich sind. Doch ihre Mutation bleibt nicht lange geheim und kurze Zeit später taucht der Mutantenjäger Donald Pierce (Boyd Holbrook) mit seinen Männern im Versteck der vier Mutanten auf. Es kommt zu einer Verfolgungsjagd auf Leben und Tod.

Mit Logan bringt Regisseur James Mangold (Wolverine: Weg des Kriegers) eine viel menschlichere, intime Seite des berühmten Mutanten ans Licht. Zwar bietet der Film gewohnt viele Kampf- und Actionszenen, legt aber genauso viel Wert auf die Charaktere und ihre persönlichen Geschichten. Bewusst ist die Handlung auch deshalb außerhalb des bekannten X-Men Kanons angesiedelt und konzentriert sich überwiegend auf Logan, Professor X und Laura. Mangold isoliert seine Charaktere, indem er sie in ein Auto setzt und quer durch die USA reisen lässt, auf der Suche nach einem mysteriösen Paradies. Es entsteht ein Roadmovie mit gelegentlichen Auftritten der Antagonisten. Trotz des Auftauchens der jungen Mutantin spielen Superkräfte in diesem Film eine kleinere Rolle als in der bisherigen X-Men Reihe.

logan_2 Was dem Film mitunter fehlt sind starke Gegner. Keine kosmischen Wesen oder Jahrtausende alte Bedrohungen beherrschen den Film, sondern ein alter Helden, der seinen Lebenssinn verloren hat. Zwar treffen unsere Mutanten regelmäßig in blutigen Gefechten, welche das R-Rating in den USA durchweg rechtfertigen, auf Pierce und seine Truppen, aber einen richtigen übermächtigen oder vielleicht sogar übernatürlichen Bösewicht gibt es nicht. Das liegt wohl vor allem daran, dass Regisseur James Mangold ein realistischeres Setting für Logan haben wollte, als man es sonst in Comicverfilmungen findet. Große Angriffe und Gegenangriffe bleiben aus, vielmehr ziehen sich kleinere Kämpfe quer durch die Handlung. Mangold setzt bewusst auf eine der früheren stärken der X-Men-Filme, welche den Ablegern der letzten Jahre häufig fehlte: Spannende Charakterzeichnung.

Das Ziel unserer Helden ist es eine lange Zeit auch nicht einen Gegner zu besiegen, sondern schlichtweg ihnen zu entkommen. Damit ist die Motivation, die sie antreibt, eine ganz andere als für gewöhnlich in dem Genre. Würden Logan und Laura nicht ab und zu ihre Klingen blitzen lassen und Professor X telepathisch mit Pferden flüstern, könnte man fast vergessen, dass es sich um eine Comicverfilmung mit Mutanten handelt.

In Logan schlüpfen die “Altherren” des X-Men Universums, Patrick Stewart und Hugh Jackman, ein letztes Mal in ihre so markanten Rollen, die sie seit über 16 Jahren begleiten. Besonders für Jackman war der Dreh sehr emotional. “Jeder Tag, jede Szene war ein Kampf, um das beste aus dem Charakter, das Beste aus mir herauszuholen,” so der Schauspieler.

logan_3 Doch während sich Stewart und Jackman von der X-Men Bühne verabschieden, feiert Dafne Keen als Laura ihr Spielfilmdebüt – und liefert gleich mal eine starke Leistung ab. Da ihre Figur einen Großteil des Films über nicht spricht, musste Keen ihr hauptsächlich durch Mimik und Gestik Leben einhauchen. Es ist beinahe unheimlich wie einfach sie dabei Lauras Wesen als dauerhaft schlechtgelaunte, wuterfüllte junge Mutantin einfängt. Manchmal vergisst man fast, dass Laura eigentlich noch ein Kind ist.

Vor allem in den Kampfszenen, in denen sie überwiegend selbst spielte, beweist Dafne Keen, dass sie auch physisch durchaus mit ihren gestandenen Co-Stars mithalten kann. Beispielsweise dann wenn Laura kaltblütig eine Reihe Angreifer umbringt, indem sie ihnen blitzschnell die Köpfe abschneidet oder munter Kehlen aufschlitzt.

logan_4 Wenig verwunderlich ist angesichts dieser Szenen das genannte R-Rating (etwa FSK 18), mit dem Logan in die amerikanischen Kinos kommt. Die Einstufung ermöglicht es den Machern von vornherein ein erwachseneres Publikum anzusprechen und bestimmte Aspekte der Geschichte anders zu ergründen, als es mit einem jüngeren Publikum möglich wäre. Besonders die Kampfszenen sind sehr viel grafischer und brutaler als man es von den Vorgängern gewohnt ist. In Logan wird getötet, geflucht, zerfetzt und jede Menge Blut vergossen. Insgesamt avanciert das Spektakel ohne Zweifel zu einem der brutalsten Superhelden-Filme überhaupt.

Doch der düstere Ton, den der gesamte Film anschlägt, wird bereits in der ersten Szene etabliert, in der es zum nicht unblutigen Kampf zwischen Logan und einer kriminellen Gang kommt. Als Zuschauer schluckt man kurz, weiß dann aber sofort auf was man sich die restlichen 130 Minuten einstellen kann. Warum Deutschland im Gegensatz zu den USA nur eine USK ab 16 vergibt erscheint einem bei solchen Szenen durchaus fraglich.

Logan ist ein würdiger Abschluss für einen großen Charakter des Marvel Universums. Frei von Zensur durch die Jugendfreigabe zeigt der Film ungeschönt und brutal ehrlich Wolverines letzten Kampf und schafft es damit wahrscheinlich zum ersten Mal, der Vielschichtigkeit seiner Comicvorlage gerecht zu werden.

Trailer

Cast & Crew

Regie: James Mangold
Drehbuch: Scott Frank, James Mangold, Michael Green
Musik: Marco Beltrami
Darsteller: Hugh Jackman, Patrick Stewart, Richard E. Grant, Boyd Holbrook, Stephen Merchant, Dafne Keen

Bewertung

Bewertung9

01st Mrz2017

T2 Trainspotting (2017) | Filmkritik

von Liki

Trainspotting 2

Der Film Trainspotting (1996) zählt zu den bekanntesten Filmen der 1990er Jahre. Nach der gleichnamigen Romanvorlage von Irvine Welsh erschaffte das „Goldene Trio“ aus Regisseur Danny Boyle, Drehbuchautor John Hodge und Produzenten Andrew Macdonald einen Kultfilm.

trainspotting2_1 Trainspotting erzählt die Geschichte der Mittzwanziger Mark Renton (Ewan McGregor), Spud (Ewen Bremner), Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Begbie (Robert Carlyle), deren Leben sich im sozialen Brennpunktviertel von Edinburgh um Drogen und Gewalt dreht. Bis am Ende des Films die vier einen £16.000 Drogendeal abschließen.

Das Geld sollte unter den vier Freunden gleichmäßig aufgeteilt werden, doch Gelegenheit macht Diebe. Mark schnappt sich kurzentschlossen das Geld, verlässt seine Heimat und beginnt ein neues Leben.

Genau dort schließt T2 zwei Jahrzehnte später wieder an. Mark, der die vergangenen zwanzig Jahre in Amsterdam lebte, kehrt nach Edinburgh zurück. Dort trifft er auf seine alten Freunde, die er einst so skrupellos betrogen hat.

Simon, früher bekannt als Sick Boy, will sich an seinem ehemals besten Freund rächen und das Geld zurückholen, um das er damals betrogen wurde. Begbie, der den Großteil seines Erwachsenenlebens im Gefängnis verbracht hat, ist weiterhin eine tickende Zeitbombe. Und Spud? Spud hängt seit zwanzig Jahren in einer Zeitschleife aus Arbeitslosigkeit und Heroin, aus der er endlich ausbrechen will. Neu in der Gruppe ist Simons on and off Freundin Veronika (Anjela Nedyalkova), die mit Prostitution ihr Geld verdient, aber weit mehr auf dem Kasten hat als es anfänglich den Anschien hat.

Simons Vorhaben, einen hochklassigen Sauna-Club zu eröffnen, führt die Truppe wieder zusammen. Doch während vier versuchen als mehr oder weniger seriöse Geschäftsmänner Fuß zu fassen, brennt der frisch aus dem Gefängnis entlassene Begbie auf tödliche Rache.

trainspotting2_2 Lange mussten sich die Fans des zum absoluten Kultfilm aufgestiegenen ersten Teils gedulden bis es endlich wieder hieß: choose life! Regisseur Danny Boyle trommelt das alte Team um Hauptdarsteller Ewan McGregor erneut zusammen. Der Hauptcast meldet sich zurück, wenn auch deutlich gealtert. Die Jungs, für die Trainspotting (1996) einst das Sprungbrett in eine große Karriere bedeutete, sind jetzt gestandene Schauspieler. Doch für ihre Rollen als Junkies und Kriminelle aus Edinburgh feiert man sie noch heute.

Umso wunderlicher ist es, dass es so lange dauerte bis endlich eine Fortsetzung von Trainspotting angekündigt wurde. Je mehr Zeit verstrich, desto höher wurden die Erwartungen an die eventuelle Fortsetzung. Über die Jahre gab es verschiedene Drehbuchentwürfe, die laut Boyle jedoch nie dem Geist des ersten Teils gerecht wurden. Als dann schließlich das zwanzigste Jubiläum von Trainspotting näher rückte, stand für die Filmemacher fest: „Wenn wir es jetzt nicht machen, dann wahrscheinlich nie,“ so Boyle in einem Interview.

John Hodge schrieb ein Drehbuch, welches vage auf Irvine Welshs Trainspotting Fortsetzung Porno (2002) basiert, gleichermaßen aber den Zeitgeist der 2000/10er Jahre einfängt. Nirgends wird das deutlicher als beim upgedateten „Choose Life“ Monolog: „Sag Ja zum Leben, zu Facebook, Twitter, Instagram und hoffe darauf, dass es irgendwo irgendwen kümmert […]“

Fast schon voller Reue und Enttäuschung über sein Leben gibt Renton seinen ganz persönlichen „To be or not to be“ Moment, der zu einem der stärksten und emotionalsten des Films zählt. Nicht nur weil das Original so sehr in unserer Popkultur verankert ist, sondern auch weil er zwischen den Zeilen die Entwicklung unserer Anti-Helden kommentiert.

trainspotting2_3 T2 ist keine Fortsetzung im herkömmlichen Sinne. Auch wenn jahrelang nach einem zweiten Teil des Films gerufen wurde, ist eine Weitererzählung der Geschichte von 1996 gar nicht nötig. Zumindest nicht in Form eines zweistündigen Kinofilms. Was das Publikum und sicher auch die Filmemacher wollten, ist zu sehen wie es unseren jungen Helden von einst heute geht. Ohne viel Drama, ohne neue Abenteuer. Einfach ein Statusbericht alter Freunde.

Und genau das bekommen wir: Danny Boyle versucht nicht den ersten Film zu wiederholen – wohlwissend, dass dies unmöglich wäre. Vielmehr schaut der Film wo Mark Renton und Co heute stehen. Was haben sie aus ihrem Leben gemacht? Haben sie gelernt? Welche Eigenheiten sind geblieben?

Viele der Szenen dienen schlichtweg dazu Zeit mit den Charakteren zu verbringen. Als Zuschauer freut man sich darüber, hat man doch in den vergangenen Jahren selbst zahlreiche Theorien entwickelt wie die Geschichte für die Jungs weiterging. Und genau mit diesem Nostalgieempfinden spielt T2. Es gibt Rückblenden, die Charaktere erinnern sich an früher, bekannte Figuren tauchen auf oder werden erwähnt. Auch bestimmte Bilder aus dem ersten Film werden wiederholt.

„Ihr seid nur aus Nostalgie hier“, ruft Simon an einer Stelle. Zwar zerbricht er damit nicht die vierte Wand, macht sie aber zumindest zu einer dreckigen, verschmierten Glasscheibe. Denn mit der Aussage trifft er nicht nur Mark und Spud, an die der Satz eigentlich gerichtet ist, sondern auch das Publikum fühlt sich ertappt. Denn darum haben wir die Kinokarte gekauft. Nicht um eine neue Geschichte zu hören. Wir sitzen im Kino aus dem selben Grund aus dem wir heute alte Schulfreunde auf Facebook suchen: aus Neugier darüber was aus ihnen so geworden ist.

trainspotting2_4 Die größte Charakterentwicklung macht in der Fortsetzung sicherlich der “Junkie der Herzen” Spud durch. Als dauerhafter Verlierer kommt er in T2 schließlich ganz unten an. Keine Familie, keinen Job, keine Lebenslust. Gerade als er sich entschließt den letzten Ausweg zu nehmen, wird er in letzter Sekunde von Renton gerettet. Der rät ihm seine Sucht mit etwas anderem zu ersetzen. Genau das tut er – er wird die erzählende Stimme im Film. Damit gewinnt er als Charakter viel mehr Tiefe, was auch Schauspieler Ewen Bremner endlich den Platz einräumt, den er verdient.

Stilistisch knüpft T2 nahtlos an den ersten Teil an. Rasante Schnitte, laute Musik, ungewöhnliche und surreale Kameraeinstellungen – alles bekannte Stilmittel, die schon vor zwanzig Jahren zum Erfolg des Films beitrugen. Dazu kommt der gnadenlos ehrliche und sehr schwarze Humor, der in allen von Irvine Welsh’s Romanen den Ton angibt. Grafische und schockierende Szenen sind auch in diesem Film vorhanden, und gekonnt leichtfüßig tänzelt T2 auf der Grenze des guten Geschmacks. Schön anzusehen sind einige Szenen nicht, aber ohne sie wäre es halt auch kein Trainspotting.

Eine große Herausforderung war sicherlich die Suche nach dem richtigen Soundtrack. In den 90ern profitierte der Film vom allgemeinen kulturellen Aufschwung in Großbritannien. Unter „Cool Britannia“ etablierte sich BritPop mit Bands wie Blur, Oasis oder Pulp. Darauf konnte T2 diesmal nicht zurückgreifen. Aber die schottische Hip-Hop- und Pop-Gruppe Young Fathers fangen laut Boyle die Stimmung des Films ein und sind neben Underworld und Wolf Alice mehrfach auf dem Soundtrack zum Film vertreten. Aufgrund der nostalgischen Stimmung finden aber auch “klassische” Interpreten wie Iggy Pop, The Clash oder Queen ihren Weg in den Film.

T2 ist eine Fortsetzung, die eigentlich keine ist. Für die Filmemacher und für das Publikum ist der Film eine Reise zurück in eine andere Zeit. „Cool Britannia“ ist nur noch eine Erinnerung, „Brexit“ ist das Wort was heute über Großbritannien schwebt. Voller Nostalgie, die aber nie die Grenze zum verklärten Kitsch überschreitet, zeigt T2 wie die Welt sich verändert hat und wie wir uns verändert haben.

Irgendwie hat es Danny Boyle geschafft den Fans genau das zu geben, wovon sie wahrscheinlich selbst lange nicht wussten, dass sie es wollten. Der Film ist persönlicher, was wohl auch daran liegt, dass man sich gegenseitig ja auch irgendwie schon seit zwanzig Jahren kennt.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Danny Boyle
Drehbuch: John Hodge
Musik: Anthony Dod Mantle
Darsteller: Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle

Bewertung

Bewertung_10

21st Feb2017

Berlinale Teil 3 – „Return to Montauk“ und „Logan“

von Liki

Power Rangers

Mit kleiner Verspätung kommt heute der dritte und letzte Teil meines Berichts von der 67. Berlinale. Wie bereits angekündigt stell ich euch noch den Film Return to Montauk von Volker Schlörndorff vor und beschreibe schon einmal kurz meinen ersten Eindruck zum heiß erwarteten Blockbuster Logan mit Hugh Jackman und Patrick Stewart.

Ein Film im Festivalprogramm, auf den ich sehr gespannt war, ist Return to Montauk. Die deutsch, französisch, irische Co-Prodoktion mit Stellan Skarsgård, Nina Hoss und Susanne Wolff in den Hauptrollen, erzählt die Geschichte vom in die Jahre gekommenen Schriftsteller Max Zorn, der nach langer Zeit seine frühere Geliebte Rebecca in New York wieder trifft. Viel ist in beiden Leben passiert, seit sie sich das letzte Mal sahen. Trotzdem will Max unbedingt an alte Zeiten anknüpfen.

Bei einem Wochenendtrip nach Montauk werden Bilder der gemeinsamen Vergangenheit wach. So richtig wusste ich nach der Vorstellung nichts mit dem Film anzufangen. Die Geschichte war gut erzählt, die schauspielerische Leistung des überschaubaren Casts waren solide. Aber aus dem Kinosessel gehauen hat es mich nicht. Während ich noch versuchte meine eigene Meinung über den Film zu bilden, schnappte ich im allgemeinen Gemurmel der Zuschauermenge das Wort „Altmännergeschichte“ auf. Und das trifft die Sache im Grunde ganz gut.

Die Geschichte über die eine große Liebe, die verloren ging und der man noch ewig nachtrauert. Die eine Entscheidung, die man vor vielen Jahren traf und seither bereut. Neu ist das nicht. Und so schaut man auf der Leinwand einem unglücklichem Mann im Spätsommer seines Lebens zu, wie er – bisweilen fast erbärmlich und besessen – einer alten Flamme hinterherjagt. Das eher lauwarme Kinoerlebnis durch Return to Montauk liegt vor allem an der Geschichte und den Charakteren, die bis kurz vor Ende nur wenig Grund für Sympathie geben. Eine gewisse Spannung hält der Film lediglich dadurch, dass man immerzu hofft, dass es doch noch den großen Knall, eine aufregende Wende, gibt. Zwar kriegt die Handlung gegen Ende noch knapp die Kurve, aber alles in Allem bleibt Return to Montauk ein eher mäßig unterhaltender Film.

Das letzte große Highlight des zehntägigen Festivals bot am vergangenen Freitag die Weltpremiere des Marvel Films Logan. Zum zehnten und letzten Mal schärft Hugh Jackman die Klingen und kehrt zurück um als Wolverine seinen letzten Kampf zu kämpfen.

Es ist das Jahr 2029, nahezu alle Mutanten sind verschwunden. Im Exil nahe der mexikanischen Grenze fristet der in die Jahre gekommene Logan (Hugh Jackman) sein Dasein. Seine einzige Gesellschaft sind der Mutantenaufspürer Caliban (Stephen Merchant) und der alternde und von starken Krampfanfällen geplagten Professor X (Patrick Stewart).

Abgeschnitten von der Außenwelt pflegt Logan seinen alten Mentor, dessen Wesen durch Krankheit und hochdosierte Medikamente stark gezeichnet ist. Mit der Ruhe ist es vorbei als plötzlich ein junges Mädchen namens Laura in Logans Leben tritt. Schnell stellt sich raus, dass auch Laura eine Mutantin ist und ihre Fähigkeiten denen von Wolverine sehr ähnlich sind. Doch ihre Mutation bleibt nicht lange geheim und der Mutantenjäger Donald Pierce (Boyd Holbrook) braucht nicht lange um das versteck der vier Mutanten zu finden. Es kommt zur Verfolgungsjagd auf Leben und Tod. Logan ist gezwungen sich mit seiner Vergangenheit und sich selbst auseinanderzusetzen um sein Schicksal zu erfüllen.

Nicht nur für Hugh Jackman war es emotional ein letztes Mal in die Rolle von Wolverine zu schlüpfen, die ihn mehr als 16 Jahre begleitete. Auch für die Fans des stets griesgrämigen Klingenschwingers wird es ein nervenaufreibendes letztes Abenteuer.

Mit Logan bringt Regisseur James Mangold eine viel tiefgründigere und menschlichere Seite des berühmten Mutanten ans Licht. Zwar bietet der Film gewohnt viele Kampf- und Actionszenen, legt aber genauso viel Wert auf die Charaktere und ihre persönlichen Geschichten. Bewusst ist die Handlung auch deshalb außerhalb des bekannten X-Men Kanons angesiedelt.

Ebenfalls ungewohnt ist das R Rating (etwa FSK 18), mit dem der Film in die amerikanischen Kinos kommt. Die Einstufung ermöglicht es den Machern von vornherein ein erwachseneres Publikum anzusprechen und bestimmte Aspekte der Geschichte anders zu ergründen, als es mit einem
jüngeren Publikum möglich wäre. Dazu kommt, dass vor allem die Kampfszenen sehr viel grafischer und brutaler sind als man es von den Vorgängern gewohnt ist. Doch der düstere Ton, den der gesamte Film anschlägt, wird bereits in der ersten Szene etabliert in der es zum nicht unblutigen Kampf zwischen Logan und einer kriminellen Gang kommt. Als Zuschauer schluckt man kurz, weiß dann aber sofort auf was man sich die restlichen 130 Minuten einstellen kann.

Abseits der Action ist Logan tatsächlich fast eine Art Roadmovie. Lange Zeit sind Logan, Laura und Professor X die tragenden Figuren, immer auf der Suche nach der Antwort auf die Frage nach Lauras Vergangenheit und den Ursprung ihrer Kräfte. Und irgendwie macht es sogar Spaß zuzuschauen, wie sich Logan unweigerlich seiner eigen Geschichte stellen muss um die von Laura zu ergründen.

Logan ist ein würdiger Abschluss für einen großen Charakter des Marvel Universums. Frei von Zensur durch die Jugendfreigabe zeigt der Film ungeschönt und brutal ehrlich Wolverines letzten Kampf und schafft es damit wahrscheinlich zum ersten Mal der Vielschichtigkeit seiner Comicvorlage gerecht zu werden. Ob man als Zuschauer mit dieser Ehrlichkeit klar kommt oder nicht, muss jeder selbst entscheiden. Mir jedenfalls hat der Film wieder richtig Lust auf Marvel und das X-Men Universum gemacht.

Und da man über den Film noch viel mehr sagen kann als es der Platz hier zulässt, findet ihr demnächst eine ausführliche Filmkritik von mir zu Logan auf myof.de.

Die diesjährige Berlinale ist seit vergangenen Sonntag vorbei. Zum Abschluss des Festivals kam es noch zur Preisverleihung für die Wettbewerbsfilme. Den goldenen Bären für den besten Film erhielt dabei On Body and Soul der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, Silber ging an Félicité von Alain Gomis und Bronze erhielt Agnieszka Holland für Spoor. Auch mein persönlicher Top Favorit The Party von Sally Potter hatte Grund zur Freude. Er erhielt den Gilde Filmpreis der Unabhängigen Jury.

Damit geht ein weiteres buntes und vielseitiges Filmfestival in Berlin zuende. Zwar strahlten namenhafte Stars wie Richard Gere, Catherine Deneuve oder Milena Canonero auf dem roten Teppich, doch war 2017 glanzloser als vergangene Festivals. Heiß erwartete große Filme wie T2 Trainspotting oder Logan bildeten eher die Ausnahmen im Festivalprogramm und wo sich in früheren Jahren die Stars auf dem Teppich regelrecht die Klinke in die Hand gegeben haben, da klafften dieses Jahr doch merkliche Lücken. Für ein Festival dieser Größe ist das doch eher ungewöhnlich und gibt ein wenig Grund zur Sorge. Aber vielleicht nimmt Berlin auch nur Anlauf und überrascht uns 2018 mit einem Feuerwerk aus Filmen, dass man gar nicht weiß wo man zuerst hinschauen soll. Ich bin gespannt…

Nichtsdestotrotz bildeten die vergangenen Tage einen schönen Auftakt in das Kinojahr 2017. Ich jedenfalls freu mich drauf, mich wieder öfter gemütlich mit Popcorn und Cola im Kinosessel zurückzulehnen und in neue Geschichten einzutauchen.

21st Feb2017

„Galavant“: Ein Ritter mit Humor und Musicalnummern

von Liki

Galavant

Jetzt mal etwas in eigener Sache. Oder zumindest etwas was mir sehr am Herzen liegt. Und zwar eine Serie: Galavant. Anfang Januar 2015 hat der amerikanische Sender ABC begonnen die erste Staffel dieses absoluten Fernsehjuwels auszustrahlen. Der nicht ganz ideale Programmplatz (Doppelfolgen zu später Stunde an vier aufeinanderfolgenden Samstagen) führte dazu, dass die Serie von vielen schlichtweg übersehen wurde.

Doch wer das Glück hatte eine oder mehrere Folgen der Serie zu sehen, der war sofort begeistert. Und schnell bildete sich auch lang nach der ursprünglichen Ausstrahlung eine immer weiter wachsende treue Fangemeinde. Im Januar 2016 wurde dann die zweite Staffel ausgestrahlt. Und ab 02. März um 22 Uhr kommt die Serie auf dem Disney Channel endlich auch ins deutsche Fernsehen!

Doch worum gehts eigentlich? Galavant ist eine Musical-Comedy-Fantasy Serie. Geschaffen und mitgeschrieben wurde sie von Dan Fogelman (Rapunzel – Neu verföhnt, Cars). Die Musik stammt von Disneylegende Alan Menken, der unter anderem für die Musik in Die Schöne und das Biest (1991), Arielle, die Meerjungfrau (1989) und Aladdin (1992)… und damit im Grunde für die Soundtracks unserer Kindheit verantwortlich war. Die erste Staffel besteht aus 8 Episoden, gespickt mit zahlreichen Musicalnummern und einer gnadenlos hohen Gagdichte.

Die Serie erzählt die Geschichte um den Ritter Galavant (Joshua Sasse), der aufbricht um seine einzig wahre Liebe Madelena (Mallory Jansen) aus den Fängen King Richards (Timothy Omundson) zu befreien. Zusammen mit Prinzessin Isabella (Karen David), die Galavant um Hilfe bittet ihr Königreich Valencia zu befreien, welches ebenfalls von King Richard gestohlen wurde, zieht Galavant los sich dem bösen König zu stellen. In der Zwischenzeit versucht Richard Madelenas Liebe für sich zu gewinnen und bekommt dabei Hilfe seines düsteren Handlangers Gareth (Vinnie Jones).

Die Serie, die nicht zu unrecht mit Monty Python’s Die Ritter der Kokosnuß und – natürlich – zahlreichen Disneyfilmen verglichen wird, ist eine geniale Parodie auf das Mittelalter-Fantasy Genre. Zu dem großartigen Hauptcast rund um Joshua Sasse und Timothy Omundson gesellen sich in jeder Episode Gaststars wie beispielsweise John Stamos, Hugh Bonneville, Ricky Gervais oder Kylie Minogue. Die Lieder sind nicht nur lustig sondern auch hartnäckige Ohrwürmer. Die Serie ist sich dabei die ganze Zeit ihrer selbst bewusst, was nicht selten auch die vierte Wand zum Einsturz bringt.

Wer also nicht allergisch auf Musicals reagiert, gute Parodien mag und auf der Suche nach der „kurzen Serie zwischendurch“ ist, dem empfehle ich Galavant eine Chance zu geben. Ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster wenn ich euch garantiere: ihr werdet nicht enttäuscht!

Ab 02. März 2017 um 22 Uhr auf Disney Channel.

16th Feb2017

Berlinale Teil 2 – „Viceroy’s House“ und „The Party“

von Liki

Power Rangers

Heute gibt’s den zweiten Teil meines Berichts von der 67. Berlinale in dem ich euch meine Filmhighlights vorstelle. Nachdem wir schon einen Blick auf T2 Trainspotting von Danny Boyle und Final Portrait von Stanley Tucci geworfen haben, widmen wir und heute den Filmen von zwei Regisseuinnen, von denen einer im Wettbewerb läuft und sich große Hoffnungen auf einen der begehrten goldenen Bären machen kann. Doch vorerst stell ich euch Viceroy’s House von der indisch-englischen Filmemacherin Gurinder Chadha vor.

Kurz vor Ende der britischen Kolonialherrschaft in Indien wird Lord Mountbatten (Hugh Bonneville), Urenkel von Queen Victoria, als letzter Vizekönig eingesetzt um den Übergang des Landes in die Unabhängigkeit zu überwachen. Zusammen mit Ehefrau (Gillian Anderson) und Tochter (Lily Travers) zieht er nach Delhi ins Viceroy’s House ein. Als es an die Entscheidung geht wie Indiens Zukunft aussehen soll, kommt es schnell zu Auseinandersetzungen zwischen Hindus, Muslimen und Sikhs. Auch unter den 500 Mitarbeitern des Palastes kommt es zu Unruhen.

Mitten in den Wirren des Umbruchs finden der junge Hindu Jeet (Manish Dayal) und die muslimische Angestellte Aalia (Huma Qureshi) zueinander. Hin- und hergerissen zwischen den eigenen Glaubensgemeinschaften und der Ungewissheit ihrer Zukunft kämpfen Jeet und Aalia um ihre Liebe, während ihre Heimat zu zerbrechen droht…

Regisseurin Gurinder Chadha, von der auch das Drehbuch zu Viceroy’s House stammt, beleuchtet in ihrem Historiendrama die tragischen Ereignisse in Indien nach dem Ende der Britischen Herrschaft. Teils arbeitet sie dabei die Geschichte ihrer Familie auf, die vor 70 Jahren selbst Opfer des Konflikts wurde. Der Film beleuchtet die politischen Hintergründe, ohne dem Zuschauer dabei aber zu viel Vorwissen abzuverlangen. Indien, oft als Juwel des Britischen Empires bezeichnet, erlebte in dieser Zeit eine Tragödie die uns aus unserer eigenen Geschichte nur zu gut bekannt ist. Die Teilung eines Landes nach der Besatzungszeit und die damit verbundenen Schicksale vieler Familien die für immer auseinander gerissen werden.

Viceroy’s House bildet damit einen weiteren wichtigen Beitrag in der Reihe von aktuellen Historiendramen wie Indian Summers (2015) oder The Crown (2016), die sich mit britisch-indischer Geschichte beschäftigen. Der Cast rund um Hugh Bonneville, der vom Earl in Downton Abbey zum Lord in Chadha’s Film aufgestiegen ist, überzeugt in hochemotionalen Szenen und trägt damit zur gelungenen Balance zwischen Herzkino und politischen Drama bei. Großes Kino mit tollen Bildern und einer großartigen Besetzung.

Der zweite Film den ich euch noch ans Herz legen möchte ist The Party von Sally Potter. Die Handlung des knapp 70-minütigen Films ist schnell erzählt. Janet (Kristin Scott-Thomas) wurde gerade zur Ministerin des Schattenkabinetts ernannt und krönt damit ihre politische Laufbahn. Um den Erfolg zu feiern, auf den sie so lange hingearbeitet hat, lädt sie einen kleinen Kreis an engen Freunden und Kollegen zu einer Feier bei sich zu Hause ein. Als alle Gäste in ihrem Londoner Haus eintreffen nimmt die Feier einen anderen Verlauf als erwartet.

Ihr Mann Bill (Timothy Spall) platzt mit gleich zwei erschütternden Enthüllungen raus, die Janets Karriere und persönliche Zukunft in Gefahr bringen. In der Runde kochen die Emotionen über. Liebe, Freundschaften und politische Überzeugungen werden durchaus scharfzüngig diskutiert bis es schließlich auch handgreiflich wird und die Situation gänzlich eskaliert…

Regisseuin Sally Potter liefert mit ihrem achten Kinofilm ein wortexplosives Kammerspiel. Mit spitzem Humor ergründet The Party menschliche Abgründe. Konflikte, die schon lange unter der Oberfläche brodelten brechen heraus. Was als Komödie beginnt endet schnell als Tragödie.

Der Film kommt ohne Effekte und sogar ohne Farbe aus. Ganz in schwarzweiß konzentriert er sich einzig und allein auf die Geschichte die erzählt wird, ohne Ablenkung durch aufwändige Gestaltung. Die ganze Handlung spielt sich im Haus von Janet und Bill ab und sorgt damit für eine
Konzentration von Figuren und Emotionen in einem Raum ohne Versteckmöglichkeit.

Der Cast, von dem der Großteil in Berlin anwesend war, lässt jedem Cineasten das Wasser im Mund zusammenlaufen. Neben Scott-Thomas und Spall zählen noch Cherry Jones, Emily Mortimer, und Cillian Murphy zu den Mitgliedern des kleinen Ensembles. Besonders hervor stechen jedoch Patricia Clarkson als schlagkräftige Amerikanerin und Bruno Ganz. Der deutsche Schauspieler, der nicht gerade für seine Rollen als freundlichen lustigen Deutschens bekannt ist, amüsiert als Clarksons Ehemann mit seiner schier unerschütterlichen positiven Lebenseinstellung.

Laut Sally Potter ist The Party natürlich auch hochpolitisch. Der Film, der sich während des Brexits mitten in der Produktionsphase befand, bietet mit seinen Charakteren einen Querschnitt durch die Gesellschaft. Verschiedene Nationalitäten, Alter und sexuelle Orientierungen finden sich an jenem Abend in Janets und Bills Wohnzimmer. Und gegen Ende steht jeder mit jedem in irgendeiner Weise im Konflikt. Laut Potter ein gefilterter Blick auf ein zerbrochenes England.

Vor allem Dank eines überragenden Drehbuchs (Sally Potter) darf sich The Party voll und ganz zu Recht Hoffnungen auf einen goldenen Bären machen. Ich drück auf jeden Fall die Daumen. In meinem dritten Beitrag zur Berlinale 2017 stell ich euch die deutsch, französisch, irische Co- Prodoktion Return to Montauk mit Stellan Skarsgård, Nina Hoss und Susanne Wolff vor.

Außerdem werfen wir einen ersten Blick auf Marvel’s Logan, unter anderem mit Hugh Jackman und Patrick Stewart.

15th Feb2017

Berlinale Teil 1 – „T2 Trainspotting“ und „Final Portrait“

von Liki

Power Rangers

Vergangenen Donnerstag war es wieder so weit. Die Internationalen Filmfestspiele von Berlin starteten in ihre 67. Runde. Die Berlinale lädt auch dieses Jahr wieder viele Filmschaffende und Filmfans ein, das eisige Winterwetter zu verlassen und es sich in den Kinosesseln bequem zu machen. Mit knapp 400 Filmen im Programm, darunter zahlreichen Weltpremieren, bietet die Berlinale eine bunte Mischung aus verschiedensten Genres. Besonders spannend sind dabei die Wettbewerbsfilme, die sich Hoffnung auf einen der begehrten goldenen Bären machen können.

Mittlerweile ist Halbzeit des Festivals und ich nutze die Zeit euch schon einmal zwei meiner bisherigen Favoriten vorstellen. Beide Filme laufen auf dem Festival zwar außer Konkurrenz, trotzdem lohnt es sich einen genaueren Blick drauf zu werfen. Mein Festival begann am Freitag bereits mit meinem ganz persönlichen Highlight. T2 Trainspotting von Danny Boyle feiert auf der Berlinale seine internationale Premiere. Zu Gast in der Hauptstadt sind Regisseur Danny Boyle, sowie Schauspielerin Anjela Nedyalkova und Schauspieler Ewen Bremner und Jonny Lee Miller.

Zwei Jahrzehnte sind vergangen seit der Geschichte des ersten Films. Mark Renton (Ewan McGregor) kehrt nach dem Tod seiner Mutter zurück nach Edinburgh, wo er auch wieder auf die drei Personen trifft, die er vor zwanzig Jahren um 16.000 Pfund betrogen hat. Entsprechend freudig fällt das Wiedersehen aus. Trotzdem raufen sich Renton, Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Spud (Ewen Bremner) erneut zusammen um Sick Boys Idee ein Bordell zu gründen in die Tat umzusetzen.

Als der vierte im Bunde, Begbie (Robert Carlyle) Wind von Rentons Rückkehr bekommt, setzt er alles daran ihn zu jagen und Rache zu nehmen. Gewohnt chaotisch machen sich unsere Helden daran wieder ganz groß ins Geschäft zu kommen.

T2 Trainspotting wird seinen Erwartungen gerecht. Zumindest wenn man den ersten Film kennt und mag. Trotz der zwanzig Jahre die zwischen der Fortsetzung und dem ersten Film Trainspotting (1996) liegen schaffte es das Team um Danny Boyle (Steve Jobs) und Drehbuchautor John Hodge (The Program, Trance) die Figuren erfolgreich ins 21. Jahrhundert mitzunehmen. Gewohnt unverschämt und dreckig nimmt die Geschichte schnell an Fahrt auf. Frei nach dem Motto: älter, aber kein Stück weiser schlagen sie sich in kreativ krimineller Weise durchs Leben.

Oft auf der Geschmacksgrenze tänzelnd wird dabei nichts verschönt. Mehr als einmal geht in Berlin ein amüsiert geschocktes Raunen durch den Kinosaal. Mit viel schwarzem Humor, einer ordentlichen Portion Nostalgie und gewohnt surrealistisch inszenierten Bilder bleibt die Fortsetzung dem ersten Teil treu. Dazu kommt ein großartiger Soundtrack (u.a. mit Young Fathers und Wolf Alice) und T2 Trainspotting bietet eine sehr gelungene Weitererzählung der Kultgeschichte. Fans kommen auf jeden Fall voll auf ihre Kosten und auch die neuen Zuschauer werden ihren Spaß haben an diesen liebenswürdig chaotischen Anti-Helden.

Nummer zwei auf meiner Liste ist Final Portrait von Regisseur und Schauspieler Stanley Tucci. Geoffrey Rush und Armie Hammer brillieren in den Hauptrollen. Der Film erzählt von der wahren Geschichte wie Maler Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) im Jahre 1964 den jungen amerikanischen Kritiker James Lord (Armie Hammer) in Paris darum bittet für ihn Modell zu sitzen.

Verabredet waren drei bis vier Stunden, doch schnell merkt der junge Mann, dass es mehr Zeit braucht bis der exzentrische Künstler sein Portrait fertigstellt. Tag für Tag verschiebt er seinen Rückflug nach Amerika, um Giacometti mehr Zeit zu geben. Ein Stück weit naiv gegenüber der Arbeitsweise des Künstlers, aber trotzdem diszipliniert und voller Respekt lässt er die Macken des alten Mannes über sich ergehen. Aus den geplanten Stunden werden Tage und Wochen und nicht nur James‘ Geduld wird auf eine sehr harte Probe gestellt.

Der Film steht und fällt mit einer hervorragenden Performance von Geoffrey Rush. Fast unauffindbar verschwindet er in der Rolle des kratzigen, egoistischen Exzentrikers, wortkarg und immer mit einer Zigarette zur Hand. Im Verlauf des Films treibt er nicht nur James Lord an den Rand der Verzweiflung, sondern auch das Kinopublikum. Ein egoistischer und unsympathischer Charakter ist Giacometti.

Doch gerade in Szenen ohne Dialog schafft es Rush seiner Figur eine faszinierende Vielschichtigkeit zu verleihen. Leider muss auch der Zuschauer schnell feststellen, dass die Geschichte, wie das Bild, sicher kein zufriedenstellendes Ende findet. „Kein Kunstwerk ist je wirklich beendet,“ sagt Giacometti zu beginn zu seinem Modell. Trotz dieser Warnung hofft der Zuschauer bis zum Schluss vergeblich auf einen positiven Ausgang, auf den Funken Inspiration der das Ruder rumreißt und dieses letzte Portrait zur Vollendung führt. Umso nervenaufreibender ist es, wenn abzusehen ist, dass Giacometti mit seiner Aussage Recht behalten sollte.

Stanley Tucci gewährt mit Final Portrait einen Einblick in das Leben eines genialen, wenn auch schwierigen Künstlers. Mit zwei großartigen Hauptdarstellern inszeniert er ein stilles Duell zwischen zwei Männern, aus dem keiner deutlich als Sieger hervorgehen kann. Seine starken Momente findet der Film vor allem zwischen den Zeilen. Und Geoffrey Rush zeigt als Alberto Giacometti was für ein herausragender Charakterdarsteller er ist.

Im nächsten Beitrag stelle ich die Filme von zwei Regisseuinnen vor. Das Geschichtsdrama Viceroy’s House von Gurinder Chadha, in den Hauptrollen Hugh Bonneville und Gillian Anderson, sowie Sally Potter’s Wettbewerbsfilm The Party unter anderen mit Kristin Scott-Thomas, Timothy Spall, Cillian Murphy und Patricia Clarkson.

10th Feb2017

Lion (2016) | Filmkritik

von Liki

Lion

Der fünfjährige Saroo (Sunny Pawar) lebt zusammen mit seiner Familie in einer indischen Kleinstadt. Gemeinsam mit seinem Bruder Guddu (Abhishek Bharate) streift er täglich umher, um Essen oder Arbeit zu finden und die Familie zu ernähren. Als Guddu sich eines Abends wieder auf Arbeitssuche begibt, geht Saroo mit ihm. Doch da sein kleiner Bruder müde und nicht hilfreich ist, lässt Guddu ihn am Bahnhof zurück, wo der Fünfjährige in einem alten Zugwagon einschläft.

lion_1 Als der Zug plötzlich losfährt und der Junge gefangen ist, findet er sich auf einer traumatischen Zugfahrt quer durch das Land bis ins fast 1.500km entfernte Kalkutta wieder. Komplett auf sich allein gestellt lebt Saroo auf der Straße, kämpft sich durch bis er schließlich von einem australischen Paar (Nicole Kidman, David Wenham) adoptiert wird. Wohlbehütet verbringt Saroo die nächsten 25 Jahre bei seiner neuen Familie in Tasmanien. Doch seine Vergangenheit lässt ihn nie los. Als ein Freund Saroo (Dev Patel) auf die Idee bringt mit Google Earth nach seiner Heimat zu suchen, beginnt eine lange und aufwändige Recherche nach der Nadel im Heuhaufen.

Er verfolgt hunderte Zugstrecken, Fahrpläne, zoomt in zahllose Bahnhöfe, um seinen früheren Wohnort und seine leibliche Familie wiederzufinden. Saroo hat die Hoffnung schon fast aufgegeben, als das Unglaubliche passiert und er im Internet auf ein Dorf stößt, das seiner Erinnerung verblüffend ähnlich sieht…

Die besten Geschichten schreibt das Leben. Wohl selten traf dieser Satz mehr zu als auf das, was Saroo Brierley zugestoßen ist. 2013 veröffentlichte Brierley seine berührende Lebensgeschichte in der Autobiografie A Long Way Home – Mein langer Weg nach Hause. Drei Jahre später findet die Geschichte den Weg auf die große Leinwand.

lion_2 Der Film umfasst eine Zeitspanne von einem viertel Jahrhundert. Im ersten Teil lernen wir den jungen Saroo kennen, gespielt von Newcomer Sunny Pawar. Schon wenn man ihn das erste Mal sieht kann man nicht anders und verliebt sich ein wenig in den Kleinen. Sunny Pawar gibt in Lion sein Filmdebüt und das gleich mit einem Paukenschlag.

Die erste Stunde des Films trägt der junge Schauspieler fast ganz alleine. Dabei spielt er sich so kinderleicht durch eine große Bandbreite an Emotionen, dass man denkt er sei schon ein alter Hase im Geschäft. Und das auch noch fast ohne Dialog! Da ist man nach der Hälfte des Films fast schon etwas traurig, wenn man den kleinen Saroo mit seinen braunen Locken und großen Augen verlassen muss.

Doch jetzt begleiten wir den fünfundzwanzig Jahre älteren Saroo, gespielt von Dev Patel, auf der Suche nach seiner Familie. Auch Patel liefert eine großartige schauspielerische Leistung ab, indem er Saroos innere Zerrissenheit, Sehnsucht, Angst und Verzweiflung glaubhaft darstellt. Am Ende sucht Saroo fast wahnhaft nach Hinweisen zu seiner Herkunft und vernachlässigt damit nicht nur seine Familie und seine Freundin. Neben Sunny Pawar und Dev Patel zählen noch Nicole Kidman, David Wenham und Rooney Mara zum Cast, treten aber leider nur am Rand auf. Vor allem Szenen mit Saroos Freundin Lucy (Rooney Mara) wirken oberflächlich und künstlich. Das liegt sicher weniger an dem Talent beider Schauspieler, vielmehr wirkt es wie ein Versuch zwar eine Liebesgeschichte zeigen zu wollen, dieser aber nur den Status einer Fußnote in der Handlung einzuräumen. Schade, denn aus der Besetzung hätte man mehr machen können als gelegentlich auftretende Richtungsweiser.

lion_3 Regisseur Garth Davis, der sich bisher vor allem mit Werbe- und Kurzfilmen und der Serie Top of the Lake einen Namen machte, feiert mit Lion sein Spielfilmdebüt. Kein schlechter Start, brachte der Film doch insgesamt sechs Oscarnominierungen – unter anderem bester Film, bestes Drehbuch (Luke Davies) und beste Kamera (Greig Fraser) – ein.

Vor allem im ersten Teil des Films bestechen die Szenen durch beispielhafte Kameraarbeit. Gerade in den mit Menschenmassen überfüllten Straßen Kalkuttas entstehen überwältigende Bilder, die den Zuschauer mitnehmen. Genauso werden die Natur und Kultur Indiens eingefangen und geben ein Gefühl dafür, was Saroo später so sehr vermisst. Bei den Szenen mit dem jungen Saroo ist besonders, dass die Kamera immer auf seiner Augenhöhe bleibt; der Zuschauer also immer Saroos Blick einnimmt. Auch wenn das bedeutet, dass man auf einem Bahnhof erst einmal nur viele, viele Beine sieht. Die Dreharbeiten in den überfüllten Straßen Kalkuttas waren wahrscheinlich die größte Herausforderung mit der das Team zu kämpfen hatte.

Alles in allem überzeugt Lion durch eine unglaubliche Geschichte und zwei hervorragende Hauptdarsteller. Berührend und spannend erzählt das Werk Saroo Brierleys langen Weg nach Hause. Bei den Oscars 2017 kann er sich zu Recht Hoffnung auf mindestens einen der begehrten Goldjungen machen.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Garth Davis
Drehbuch: Luke Davies
Musik: Hauschka, Dustin O’Halloran
Darsteller: Dev Patel, Rooney Mara, David Wenham, Nicole Kidman

Bewertung

Bewertung9

02nd Dez2016

16. Filmkunstmesse Leipzig – Zusammenfassung

von Liki

16. Filmkunstmesse Leipzig

Vom 19. Bis 23. September 2016 fand in Leipzig zum 16. Mal die Filmkunstmesse statt. Das jährlich stattfindende Treffen zwischen Kinobetreibern und Verleihern bot auch diesmal Ausblick auf einen spannenden Kinospätherbst. Ich habe mich für euch in die Kinosäle geschlichen und präsentiere euch hier meine Favoriten für die kaltnassen Herbsttage.

Den Anfang in meiner Liste macht Swiss Army Man. Hank (Paul Dano) ist auf einer verlassenen Insel gestrandet und hat alle Hoffnung aufgegeben, es je nach Hause zu schaffen. Aber alles ändert sich eines Tages, als eine Leiche namens Manny (Daniel Radcliff) an die Küste gespült wird. Die beiden werden schnell Freunde und begeben sich auf ein skurriles Abenteuer, das Hank zur Frau seiner Träume zurückbringen wird.

An dem Film scheiden sich ja ein wenig die Geister. Von den einen in den Himmel gelobt und als Revolution der filmischen Erzählkunst gefeiert, von den anderen mit einen verständnislosen Kopfschütteln als niveaulos in der untersten Schublade abgelegt. Ich muss zugeben, ich sitze irgendwie zwischen den Stühlen. Fangen wir mit dem Positiven an: mit einem zwei Mann Cast einen 95-minütigen Film füllen zu wollen ist gewagt, funktioniert hier aber erstaunlich gut. Beide Darsteller meisterten ihre eigenen Herausforderungen: Paul Dano trug den größten Teil der Dialogszenen, wohingegen Danie Radcliff der Leiche Manny Leben einhauchen musste.

Das Ergebnis ist ein sehr vertrautes und körperliches Spielen zwischen den Hauptdarstellern. Berührungsängste sind in diesem Buddy Movie fehl am Platz. Und das genau ist die größte Stärke, oder aber auch der größte Kritikpunkt den der Film bietet. Wer ein Problem mit Körpergeräuschen oder Körperflüssigkeiten jeglicher Art hat und auch sonst eher kein Fan von derberen Humor ist, der findet sicher keinen Spaß an Swiss Army Man. Der Film erzählt ziemlich unzensiert was es heißt zu leben und am Leben zu sein. Vom ersten bis zum letzten Furz.

Auf den nächsten Film habe ich mich als bekennender Ewan McGregor Fan sehr gefreut. Basierend auf dem Pulitzerpreis-gekrönten Roman von Philip Roth, folgt Amerikanisches Idyll einer Familie, deren scheinbar idyllische Existenz durch die sozialen und politischen Unruhen der 1960er Jahre erschüttert wird. Ewan McGregor gibt sein Regiedebut und spielt zudem Seymour Levov, genannt „der Schwede“, einen einst legendären High-School-Sportler, jetzt erfolgreicher Geschäftsmann und verheiratet mit der ehemaligen Schönheitskönigin Dawn (Jennifer Connelly).

Über Nacht wird der Familienvater aus dem ersehnten Idyll gerissen, als seine Teenager-Tochter Merry (Dakota Fanning) eines Bombenanschlags auf ein Postamt beschuldigt wird und verschwindet. Bis ins Mark erschüttert muss „der Schwede“ unter die Oberfläche schauen und sich dem Chaos der Welt um ihn herum stellen.

Ewan McGregor liefert ein solides Regiedebut. Mich besticht der Film vor allem durch seine Optik. Genauigkeit und Liebe zum Detail versetzen den Zuschauer in die von Konflikten gebeutelten 1960er Jahre. Dazu kommt eine anständige schauspielerische Leistung der Hauptdarsteller. Doch leider ist Amerikanisches Idyll leider nur Mittelmaß. Nicht umsonst gilt Philip Roths Roman als unverfilmbar.

Die tiefen emotionalen Konflikte welche die Geschichte bei den Figuren und beim Leser auslöst konnten leider nicht in das neue Medium übernommen werden. Keiner der Charaktere schaffte es mich mitzureißen. Vielmehr bleibt der Zuschauer im Saal ein ferner Beobachter der Geschichte. Zu Beginn des Films versucht er sich noch mit der Handlung zu beschäftigen, sie zu hinterfragen, doch viele dieser Fragen bleiben unbeantwortet. Mit der Zeit stellt sich ein Gefühl der Unbefriedigung ein und man schaut nur noch zu. Dieser Zustand bleibt bestehen bis zum Ende des knapp zweistündigen Films, und trotz durchaus vorhandener starker Momente, ist man beim Verlassen des Saals unzufrieden. Es ginge besser… oder vielleicht halt auch nicht.

Wir bleiben beim Historiendrama, wechseln aber die Zeit. Der nächste Film, den ich Vorstelle ist Vincent Perez‘ Jeder stirbt für sich allein. Berlin 1940, Jablonskistraße 55. Die Hausgemeinschaft bildet einen Querschnitt der Bevölkerung der Zeit. Ein Blockwart, eine versteckte Jüdin, ein ehemaliger Richter, ein Denunziant, ein Kleinkrimineller, ein Hitlerjunge, eine Briefträgerin und das Arbeiterehepaar Anna und Otto Quangel. Angst ist das bestimmende Gefühl dieser Zeit. Durch einen Schicksalsschlag getroffen beschließt das Ehepaar Quangel etwas zu tun. Auf der Suche nach Gerechtigkeit kämpfen sie mit klaren Botschaften auf Postkarten gegen Hitler. Kommissar Escherich kommt ihnen auf die Spur, die Gestapo drängt auf Ergebnisse. Der scheinbar aussichtslose Kampf gegen das Böse lässt Otto und Anna wieder zueinander finden…

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Hans Falladas aus dem Jahr 1947. Mit Emma Thompson und Brendan Gleeson in den Hauptrollen und Daniel Brühl als Kommissar Escherich fährt Regisseur Vincent Perez drei gestandene Charakterschauspieler auf. Leider verschwinden diese fast gänzlich in einem klischeegefüllten Film. Was für die internationalen Markt vielleicht noch funktioniert ist für das deutsche Publikum schlichtweg nicht mehr interessant.

Wieder ein Film über die NS-Zeit in Deutschland, wieder eine Geschichte die basiert auf einer der tausenden wahren Begebenheiten dieser Zeit. Verbrechen, Unterdrückung, heimlicher Widerstand. Der Film ist das Ergebnis eines bewährten Rezepts für Historiendramen über die 1940er Jahre in Deutschland. Doch der deutsche Markt ist übersättigt. So wichtig es ist diesen Teil der Geschichte im Bewusstsein zu halten, es kommt der Punkt, an dem sieht alles gleich aus. Es entsteht keine Spannung mehr, keine Neugier. An den Darstellern liegt es nicht. Vor einem Hintergrund der nichts Neues bringt, sich stattdessen nur einreiht in eine Vielzahl an ähnlichen Filmen, da fällt es selbst den besten Schauspielern schwer zu glänzen.

Und weiter geht’s mit den Kostümwechseln. Wir gehen weiter zurück in die Vergangenheit und besuchen England Ende des 18. Jahrhunderts. Love & Friendship zeigt, dass Jane Austen auch ganz schön böse kann.

Die schöne junge Witwe Lady Susan Vernon besucht ihre Schwägerin auf deren Landsitz, um dort die schillernden Gerüchte auszusitzen, die über ihre Affäre die Runde machen. Sie beschließt, die Auszeit zu nutzen, um sich einen Ehemann zu sichern und die Zukunft ihrer attraktiven aber nicht übermäßig entgegenkommenden Tochter Frederica zu regeln. Ihre Versuche sind erfolgreich und bald interessieren sich der junge, hübsche Reginald DeCourcy, der reiche und alberne Sir James Martin und der extrem gutaussehende, aber leider verheiratete Lord Manwaring für die Damen, was die Sache kompliziert macht.

Love & Friendship ist eine weitere Literaturverfilming auf dieser Liste, basierend auf dem Briefroman Lady Susan von Jane Austen. Aber wer jetzt schon mit den Augen rollt und im Begriff ist den Film als „Wieder so ein Austen Ding“ abzuhaken, den muss ich leider aufhalten. Klar, Jane Austens Werke spielen immer in den gleichen Gesellschaften, die Probleme schieben sich von einer jungen Heldin zur nächsten, und irgendwann sieht man als Zuschauer keine Unterschiede mehr zwischen den Elizabeth Bennets, Mr Darcys und Colonel Brandons dieser Welt.

Aber trotzdem schafft es Regisseur Whit Stillman seiner Geschichte einen neuen Wind zu verleihen. Nicht nur wirkt der Film etwas dunkler, er schießt auch in den Dialogen schärfer als man es vielleicht aus anderen Kostümdramen dieser Art gewohnt ist. Loben muss man ohne Frage den Humor des Films. Verbale Spitzen sind punktgenau platziert und sorgen für einen erfrischend bösen Ton. Kate Beckinsale in der Hauptrolle der Lady Susan erspielt sich als ungewohnt böse Protagonistin ihren Platz in Jane Austens Welt. Wer also die Nase voll hat von immer dem gleichen Drama, dem empfehle ich Lady Susan. Denn Austen geht auch anders.

Jetzt kommt mein persönlicher Favorit auf dieser Liste. Florence Foster Jenkins erzählt die wahre Geschichte der gleichnamigen legendären New Yorker Erbin und exzentrischen Persönlichkeit. Geradezu zwanghaft verfolgt sie ihren Traum, eine umjubelte Opernsängerin zu werden. Es gibt nur ein kleines Problem: die Stimme! Denn was Florence (Meryl Streep) in ihrem Kopf hört, ist wunderschön – für alle anderen jedoch klingt es einfach nur grauenhaft.

Ihr „Ehemann“ und Manager, St Clair Bayfield (Hugh Grant), ein englischer Schauspieler von Adel, ist entschlossen seine geliebte Florence vor der Wahrheit zu beschützen. Als Florence aber im Jahr 1944 beschließt, ein öffentliches Konzert in der Carnegie Hall für die gesamte New Yorker High Society zu geben, muss sich St Clair seiner größten Herausforderung stellen…

Stephen Frears liefert erneut ein hochgradig unterhaltsames Biopic in den Kinos ab. Zugegeben, schwer war das nicht, denn die Geschichte von Florence Foster Jenkins muss gar nicht groß von Hollywood aufpoliert werden um für Unterhaltung zu sorgen. Und wer dann noch Oscarpreisträgerin und Universalwaffe Meryl Streep auffährt, der hat eigentlich schon gewonnen.

Frears spricht alle Emotionen an: man lacht, man weint, und man ist genervt. Letzteres ist auf Florence speziellen Gesang zurückzuführen, der von Streep so großartig performt wird, dass man am Ende doch irgendwie wieder begeistert ist. Doch keineswegs ist Florence Foster Jenkins eine 110-minütige Anreihung an Spaß und Slapstick. Die Geschichte hat durchaus etwas zu sagen: zum einem, dass man offenbar alles schaffen kann wenn man nur an sich glaubt, und zum anderen, dass Erfolg käuflich ist.

Neben Meryl Streep gehören noch Hugh Grant und Simon Helberg zum Hauptcast. Letzterer brilliert in seiner Rolle und lässt sich von der Grand Dame von Hollywood nicht unter den Tisch spielen. Und auch Hugh Grant bleibt zwar im großen Ganzen seinem gewohnten Schauspiel treu, konnte aber vor allen in ruhigeren Szenen zeigen, dass er durchaus auch ernst spielen kann.

Und wem das jetzt zu bunt und albern war, für den gibt es auch eine eher sachliche Dokumentation über Florence Foster Jenikins. Die Florence Foster Jenkins Story ist der zweite Film über die umstrittene Sängerin, der diesen Herbst in unseren Kinos zu sehen ist. In einer flamboyanten Mischung aus Drama und Dokumentarfilm erzählt er die unglaubliche Geschichte der „Königin der Dissonanzen“. Der Film taucht dazu in den skurrilen Kosmos einer Frau ein, die sich über Geschlechterrollen und ihren gesellschaftlichen Rang hinwegsetzte und durch ihre phänomenale Talentlosigkeit und Selbstüberschätzung zur Kultfigur wurde.

In die Rolle der schlechtesten Sängerin aller Zeiten schlüpft mit dem US-amerikanischen Opernstar Joyce DiDonato eine der besten Sängerinnen der Welt. Auf der dokumentarischen Ebene präsentiert der Film Archivfunde und lässt namenhafte Experten zu Wort kommen, die auch die dunkle Seite von Jenkins‘ turbulentem Leben beleuchten. Schritt für Schritt wird so die tragische Tiefe einer schillernden Figur enthüllt.

Aufgrund der sehr nahen Kinostarttermine beider Filme lässt sich ein Vergleich mit Stephen Frears‘ Biopic Florence Foster Jenkins nicht vermeiden. Der Dokumentarfilm vom deutschen Regiseur Ralf Pleger bietet eine nette Ergänzung zum Spielfilm, kann aber selbst inhaltlich nicht viel mehr bieten. Zwar werden verschiedene Meiningen von Experten angesprochen und das Phänomen dieser außergewöhnlichen Künstlerin diskutiert, aber es wird wenig ins Detail gegangen. Der ganze Film wirkt recht oberflächlich und nicht weit in die Tiefe recherchiert.

Alle Informationen, die der Zuschauer aus der Dokumentation mitnimmt bekommt er genauso in Frears‘ Spielfilm geliefert. Dass eine Krankheit Grund für die verfälschte Wahrnehmung ihres eigenen Gesangs war, wird nur wenig beleuchtet. Da hätte die Dokumentation ansetzen können, um eine echte Ergänzung zum Spielfilm zu werden und vielleicht sogar auf der Erfolgswelle mitzuschwimmen. Aber so ist es leider nur der selbe Inhalt in einem anderem Genre. Wäre Die Florence Foster Jenkins Story zu einem anderem Zeitpunkt in die Kinos gekommen hätte sie die Chance gehabt mehr aus dem großen Schatten von Hollywood vorzutreten. Der Zuschauer kann somit also selbst entscheiden was er lieber sehen möchte: eine inszenierte und polierte Hollywood Verfilmung oder eine eher sachliche Präsentation der Figur. Inhaltlich nehmen sich beide nicht viel.

Zum Abschluss stell ich euch noch Alle Farben des Lebens vor. Der Film war eine der positiven Überraschungen der Messe. Eine wichtige Botschaft, ein starkes Ensemble und ganz viel Herz.

Der 16-jährige Ray (Elle Fanning) lebt in einem ungewöhnlichen Drei-Generationen-Haus in New York zusammen mit seiner alleinerziehenden Mutter Maggie (Naomi Watts), seiner lesbischen Großmutter Dolly (Susan Sarandon) und deren Lebensgefährtin Frances (Linda Emons). Dich Ray hadert mit seinem Schicksal. Im Körper eines Mädchens mit dem Namen Ramona geboren, nennt er sich shcons eit längerem „Ray“ und möchte so schnell wie möglich eine Hormontherapie beginnen, die zur Geschlechtsumwandlung führen soll.

Dazu benötigt er die Zustimmung beider Eltern, was auch seine Mutter maggie vor ein Problem stellt: Sie muss wieder Kontakt zu ihrem Ex (Tate Donovan) aufnehmen, den sie eigentlich aus ihrem Leben gestrichen hat. Großmutter Dolly widerum mag sich nicht an den Gedanken gewöhnen, bald nur noch einen Enkelsohn zu haben.

Gaby Dellal spricht mit ihren Film ein ganz wichtiges Thema unserer Zeit an und bringt es auf die große Leinwand. Die Entwicklung einer eigenen sexuellen Identität und was es für einen selbst und das Umfeld bedeutet war noch nie so groß wie heute. Homosexualität hat es schon weitgehend geschafft in der Popkultur anzukommen und nicht mehr als „sonderlich“ aufgefasst zu werden. Transsexualität wird dahingegen noch immer mit Stirnrunzeln beäugt.

Dellal’s Film beschönigt nichts und verteufelt nichts. Er zeigt ganz einfach wie es für einen jungen Teenager in den USA ist seine Sexualität zu entdecken und schon früh schwere Entscheidungen treffen zu müssen. Dabei spielt der Film alle erdenklichen Hürden durch: die (Nicht-)Akzeptanz der Familie, Mobbing in der Schule, und nicht zu vergessen medizinische und rechtliche Konsequenzen. Er zeigt uns eine von vielen Geschichten die immer noch viel zu leise erzählt werden.

Mithilfe eines Frauenpower-Casts um Elle Faning, Naomi Watts und Susan Sarandon wird Alle Farben des Lebens zu einem augenöffnenden Film darüber, dass das Leben ganz und gar nicht nur schwarz und weiß ist. Es ist bunt und jede Farbe hat es verdient in ihrem ganz eigenen Licht zu strahlen.

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