Öl-Milliardär Digger Rockwell (Tom Cruise) hat mit seiner rücksichtslosen Ausbeutung des Planeten eine globale Katastrophe mitverursacht. Nun soll ausgerechnet er die Menschheit retten – und sieht darin natürlich vor allem die Chance, sich selbst zum Helden zu machen.
Wahnsinn mit Ansage
Was danach folgt, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Digger fühlt sich an, als hätte jemand eine Trump-Satire mit Dr. Seltsam und Iñárritus eigenem Birdman vermischt – und dem Ganzen anschließend noch eine ordentliche Dosis Kokain verpasst.
Der Film ist komplett überdreht. Laut, hektisch, grotesk, absurd und anstrengend. Figuren sind am Rande des Nervenzusammenbruchs, Situationen eskalieren, politische und gesellschaftliche Seitenhiebe fliegen dem Zuschauer um die Ohren und Iñárritu scheint immer noch eine weitere Idee in seinen Film stopfen zu wollen. Das ist gleichzeitig die größte Schwäche und irgendwie auch der positive Reiz von Digger.
Denn inhaltlich wirkt das Ganze enorm unausgeglichen und überladen. Klimakrise, Kapitalismus, politische Macht, Egoismus, Religion, Medien, amerikanischer Größenwahn – Digger möchte gefühlt alles gleichzeitig kommentieren.
Wenn der Wahnsinn plötzlich Spaß macht
Die Satire trifft dadurch längst nicht immer ihr Ziel. Manche Momente wirken durchdacht, andere so plump, dass man sich fragt, was Iñárritu einem eigentlich gerade sagen möchte.
Und trotzdem habe ich mich dabei immer wieder ziemlich gut unterhalten gefühlt. Denn wenn man sich auf diesen Wahnsinn einlässt, entwickelt der Film einen ganz eigenen Sog. Gerade weil alles so vollkommen schräg und unberechenbar wirkt, möchte man sehen, welche Absurdität als Nächstes wartet. Das ist kein fein geschliffenes Edel-Kino, sondern eher ein kompletter Kontrollverlust auf der großen Leinwand.
Überragend ist zudem die visuelle Umsetzung. Kameramann Emmanuel Lubezki liefert fantastische Arbeit ab. Die Bildsprache sitzt, Perspektiven und Einstellungen wirken bewusst gewählt und selbst im größten Chaos sieht Digger beeindruckend schön aus. Hier merkt man, dass zwei Filmemacher am Werk sind, die visuell ganz genau wissen, was sie tun. Auch die Optik trägt entscheidend zu diesem Sog-Gefühl bei.
Tom Cruise bekommt starke Konkurrenz
Dem Cast kann man mangelnde Einsatzbereitschaft ebenfalls kaum vorwerfen. Tom Cruise wirft sich mit voller Wucht in diese vollkommen groteske Figur. Der Action-Star aus Mission: Impossible und Top Gun macht seinen Job schauspielerisch gut. Seine Performance hat dabei durchaus einen Hauch von Magnolia, in dem der junge Cruise einst glänzte.
Aber vor allem Riz Ahmed (The Night Of, Four Lions) stiehlt Cruise häufiger die Show. Gerade in den gemeinsamen Szenen setzt Ahmed immer wieder die entscheidenden Akzente. Sandra Hüller, John Goodman, Michael Stuhlbarg, Jesse Plemons und Robert John Burke machen on top jede Menge Spaß.
Was zur Hölle war das alles eigentlich?
Am Ende bleibt trotzdem die Frage, die sich mit Sicherheit der eine oder andere Partygänger nach einer durchzechten Nacht schon stellen musste: Was zur Hölle war das alles eigentlich?
Vielleicht ist genau das die passendste Reaktion auf Digger. Der wilde Mix aus Politsatire, Weltuntergangsszenario, schwarzer Komödie und Meta-Kino geht für mich zwar nicht wirklich auf. Dafür fehlt dem Film eine klare Linie. Aber – und da kommt mein Einwand: In einer Kinolandschaft, in der vieles bekannten Mustern folgt, fällt dieser Streifen völlig aus dem Raster.
Digger ist außergewöhnlich, das ist klar. Und jeder, der vielleicht ein- bis zweimal pro Jahr ins Kino geht und einfach nur gut unterhalten werden will, sollte vielleicht lieber eine Runde Netflix und Co. vorziehen. Hardcore-Filmfans sollten allerdings einen Abstecher in Iñárritus neuestes Werk machen. Denn wie oft bekommt man im Kino noch einen derart teuren, kompromisslosen und vollkommen durchgeknallten Film zu sehen?
Ein Film, der das Kino spalten dürfte
Digger dürfte einer der großen Spalter des Kinojahres werden: Für die einen größenwahnsinniger Müll, für die anderen vielleicht schon bald Kult. Iñárritu dürfte die negative Kritik an seinem Film ohnehin ziemlich egal sein, denn in seiner Vitrine stehen bereits genug Oscars herum.
Vielleicht war es also auch genau diese Art von Ich habe ja schon alles erreicht, die ihn persönlich motiviert hat, diesen Film zu realisieren. Und genau wie seine titelgebende Hauptfigur wollte er etwas auslösen – was bei mir wunderbar geglückt ist.

Bildrechte: Warner Bros (PLAION PICTURES)
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