02nd Dez2016

16. Filmkunstmesse Leipzig – Zusammenfassung

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16. Filmkunstmesse Leipzig

Vom 19. Bis 23. September 2016 fand in Leipzig zum 16. Mal die Filmkunstmesse statt. Das jährlich stattfindende Treffen zwischen Kinobetreibern und Verleihern bot auch diesmal Ausblick auf einen spannenden Kinospätherbst. Ich habe mich für euch in die Kinosäle geschlichen und präsentiere euch hier meine Favoriten für die kaltnassen Herbsttage.

Den Anfang in meiner Liste macht Swiss Army Man. Hank (Paul Dano) ist auf einer verlassenen Insel gestrandet und hat alle Hoffnung aufgegeben, es je nach Hause zu schaffen. Aber alles ändert sich eines Tages, als eine Leiche namens Manny (Daniel Radcliff) an die Küste gespült wird. Die beiden werden schnell Freunde und begeben sich auf ein skurriles Abenteuer, das Hank zur Frau seiner Träume zurückbringen wird.

An dem Film scheiden sich ja ein wenig die Geister. Von den einen in den Himmel gelobt und als Revolution der filmischen Erzählkunst gefeiert, von den anderen mit einen verständnislosen Kopfschütteln als niveaulos in der untersten Schublade abgelegt. Ich muss zugeben, ich sitze irgendwie zwischen den Stühlen. Fangen wir mit dem Positiven an: mit einem zwei Mann Cast einen 95-minütigen Film füllen zu wollen ist gewagt, funktioniert hier aber erstaunlich gut. Beide Darsteller meisterten ihre eigenen Herausforderungen: Paul Dano trug den größten Teil der Dialogszenen, wohingegen Danie Radcliff der Leiche Manny Leben einhauchen musste.

Das Ergebnis ist ein sehr vertrautes und körperliches Spielen zwischen den Hauptdarstellern. Berührungsängste sind in diesem Buddy Movie fehl am Platz. Und das genau ist die größte Stärke, oder aber auch der größte Kritikpunkt den der Film bietet. Wer ein Problem mit Körpergeräuschen oder Körperflüssigkeiten jeglicher Art hat und auch sonst eher kein Fan von derberen Humor ist, der findet sicher keinen Spaß an Swiss Army Man. Der Film erzählt ziemlich unzensiert was es heißt zu leben und am Leben zu sein. Vom ersten bis zum letzten Furz.

Auf den nächsten Film habe ich mich als bekennender Ewan McGregor Fan sehr gefreut. Basierend auf dem Pulitzerpreis-gekrönten Roman von Philip Roth, folgt Amerikanisches Idyll einer Familie, deren scheinbar idyllische Existenz durch die sozialen und politischen Unruhen der 1960er Jahre erschüttert wird. Ewan McGregor gibt sein Regiedebut und spielt zudem Seymour Levov, genannt „der Schwede“, einen einst legendären High-School-Sportler, jetzt erfolgreicher Geschäftsmann und verheiratet mit der ehemaligen Schönheitskönigin Dawn (Jennifer Connelly).

Über Nacht wird der Familienvater aus dem ersehnten Idyll gerissen, als seine Teenager-Tochter Merry (Dakota Fanning) eines Bombenanschlags auf ein Postamt beschuldigt wird und verschwindet. Bis ins Mark erschüttert muss „der Schwede“ unter die Oberfläche schauen und sich dem Chaos der Welt um ihn herum stellen.

Ewan McGregor liefert ein solides Regiedebut. Mich besticht der Film vor allem durch seine Optik. Genauigkeit und Liebe zum Detail versetzen den Zuschauer in die von Konflikten gebeutelten 1960er Jahre. Dazu kommt eine anständige schauspielerische Leistung der Hauptdarsteller. Doch leider ist Amerikanisches Idyll leider nur Mittelmaß. Nicht umsonst gilt Philip Roths Roman als unverfilmbar.

Die tiefen emotionalen Konflikte welche die Geschichte bei den Figuren und beim Leser auslöst konnten leider nicht in das neue Medium übernommen werden. Keiner der Charaktere schaffte es mich mitzureißen. Vielmehr bleibt der Zuschauer im Saal ein ferner Beobachter der Geschichte. Zu Beginn des Films versucht er sich noch mit der Handlung zu beschäftigen, sie zu hinterfragen, doch viele dieser Fragen bleiben unbeantwortet. Mit der Zeit stellt sich ein Gefühl der Unbefriedigung ein und man schaut nur noch zu. Dieser Zustand bleibt bestehen bis zum Ende des knapp zweistündigen Films, und trotz durchaus vorhandener starker Momente, ist man beim Verlassen des Saals unzufrieden. Es ginge besser… oder vielleicht halt auch nicht.

Wir bleiben beim Historiendrama, wechseln aber die Zeit. Der nächste Film, den ich Vorstelle ist Vincent Perez‘ Jeder stirbt für sich allein. Berlin 1940, Jablonskistraße 55. Die Hausgemeinschaft bildet einen Querschnitt der Bevölkerung der Zeit. Ein Blockwart, eine versteckte Jüdin, ein ehemaliger Richter, ein Denunziant, ein Kleinkrimineller, ein Hitlerjunge, eine Briefträgerin und das Arbeiterehepaar Anna und Otto Quangel. Angst ist das bestimmende Gefühl dieser Zeit. Durch einen Schicksalsschlag getroffen beschließt das Ehepaar Quangel etwas zu tun. Auf der Suche nach Gerechtigkeit kämpfen sie mit klaren Botschaften auf Postkarten gegen Hitler. Kommissar Escherich kommt ihnen auf die Spur, die Gestapo drängt auf Ergebnisse. Der scheinbar aussichtslose Kampf gegen das Böse lässt Otto und Anna wieder zueinander finden…

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Hans Falladas aus dem Jahr 1947. Mit Emma Thompson und Brendan Gleeson in den Hauptrollen und Daniel Brühl als Kommissar Escherich fährt Regisseur Vincent Perez drei gestandene Charakterschauspieler auf. Leider verschwinden diese fast gänzlich in einem klischeegefüllten Film. Was für die internationalen Markt vielleicht noch funktioniert ist für das deutsche Publikum schlichtweg nicht mehr interessant.

Wieder ein Film über die NS-Zeit in Deutschland, wieder eine Geschichte die basiert auf einer der tausenden wahren Begebenheiten dieser Zeit. Verbrechen, Unterdrückung, heimlicher Widerstand. Der Film ist das Ergebnis eines bewährten Rezepts für Historiendramen über die 1940er Jahre in Deutschland. Doch der deutsche Markt ist übersättigt. So wichtig es ist diesen Teil der Geschichte im Bewusstsein zu halten, es kommt der Punkt, an dem sieht alles gleich aus. Es entsteht keine Spannung mehr, keine Neugier. An den Darstellern liegt es nicht. Vor einem Hintergrund der nichts Neues bringt, sich stattdessen nur einreiht in eine Vielzahl an ähnlichen Filmen, da fällt es selbst den besten Schauspielern schwer zu glänzen.

Und weiter geht’s mit den Kostümwechseln. Wir gehen weiter zurück in die Vergangenheit und besuchen England Ende des 18. Jahrhunderts. Love & Friendship zeigt, dass Jane Austen auch ganz schön böse kann.

Die schöne junge Witwe Lady Susan Vernon besucht ihre Schwägerin auf deren Landsitz, um dort die schillernden Gerüchte auszusitzen, die über ihre Affäre die Runde machen. Sie beschließt, die Auszeit zu nutzen, um sich einen Ehemann zu sichern und die Zukunft ihrer attraktiven aber nicht übermäßig entgegenkommenden Tochter Frederica zu regeln. Ihre Versuche sind erfolgreich und bald interessieren sich der junge, hübsche Reginald DeCourcy, der reiche und alberne Sir James Martin und der extrem gutaussehende, aber leider verheiratete Lord Manwaring für die Damen, was die Sache kompliziert macht.

Love & Friendship ist eine weitere Literaturverfilming auf dieser Liste, basierend auf dem Briefroman Lady Susan von Jane Austen. Aber wer jetzt schon mit den Augen rollt und im Begriff ist den Film als „Wieder so ein Austen Ding“ abzuhaken, den muss ich leider aufhalten. Klar, Jane Austens Werke spielen immer in den gleichen Gesellschaften, die Probleme schieben sich von einer jungen Heldin zur nächsten, und irgendwann sieht man als Zuschauer keine Unterschiede mehr zwischen den Elizabeth Bennets, Mr Darcys und Colonel Brandons dieser Welt.

Aber trotzdem schafft es Regisseur Whit Stillman seiner Geschichte einen neuen Wind zu verleihen. Nicht nur wirkt der Film etwas dunkler, er schießt auch in den Dialogen schärfer als man es vielleicht aus anderen Kostümdramen dieser Art gewohnt ist. Loben muss man ohne Frage den Humor des Films. Verbale Spitzen sind punktgenau platziert und sorgen für einen erfrischend bösen Ton. Kate Beckinsale in der Hauptrolle der Lady Susan erspielt sich als ungewohnt böse Protagonistin ihren Platz in Jane Austens Welt. Wer also die Nase voll hat von immer dem gleichen Drama, dem empfehle ich Lady Susan. Denn Austen geht auch anders.

Jetzt kommt mein persönlicher Favorit auf dieser Liste. Florence Foster Jenkins erzählt die wahre Geschichte der gleichnamigen legendären New Yorker Erbin und exzentrischen Persönlichkeit. Geradezu zwanghaft verfolgt sie ihren Traum, eine umjubelte Opernsängerin zu werden. Es gibt nur ein kleines Problem: die Stimme! Denn was Florence (Meryl Streep) in ihrem Kopf hört, ist wunderschön – für alle anderen jedoch klingt es einfach nur grauenhaft.

Ihr „Ehemann“ und Manager, St Clair Bayfield (Hugh Grant), ein englischer Schauspieler von Adel, ist entschlossen seine geliebte Florence vor der Wahrheit zu beschützen. Als Florence aber im Jahr 1944 beschließt, ein öffentliches Konzert in der Carnegie Hall für die gesamte New Yorker High Society zu geben, muss sich St Clair seiner größten Herausforderung stellen…

Stephen Frears liefert erneut ein hochgradig unterhaltsames Biopic in den Kinos ab. Zugegeben, schwer war das nicht, denn die Geschichte von Florence Foster Jenkins muss gar nicht groß von Hollywood aufpoliert werden um für Unterhaltung zu sorgen. Und wer dann noch Oscarpreisträgerin und Universalwaffe Meryl Streep auffährt, der hat eigentlich schon gewonnen.

Frears spricht alle Emotionen an: man lacht, man weint, und man ist genervt. Letzteres ist auf Florence speziellen Gesang zurückzuführen, der von Streep so großartig performt wird, dass man am Ende doch irgendwie wieder begeistert ist. Doch keineswegs ist Florence Foster Jenkins eine 110-minütige Anreihung an Spaß und Slapstick. Die Geschichte hat durchaus etwas zu sagen: zum einem, dass man offenbar alles schaffen kann wenn man nur an sich glaubt, und zum anderen, dass Erfolg käuflich ist.

Neben Meryl Streep gehören noch Hugh Grant und Simon Helberg zum Hauptcast. Letzterer brilliert in seiner Rolle und lässt sich von der Grand Dame von Hollywood nicht unter den Tisch spielen. Und auch Hugh Grant bleibt zwar im großen Ganzen seinem gewohnten Schauspiel treu, konnte aber vor allen in ruhigeren Szenen zeigen, dass er durchaus auch ernst spielen kann.

Und wem das jetzt zu bunt und albern war, für den gibt es auch eine eher sachliche Dokumentation über Florence Foster Jenikins. Die Florence Foster Jenkins Story ist der zweite Film über die umstrittene Sängerin, der diesen Herbst in unseren Kinos zu sehen ist. In einer flamboyanten Mischung aus Drama und Dokumentarfilm erzählt er die unglaubliche Geschichte der „Königin der Dissonanzen“. Der Film taucht dazu in den skurrilen Kosmos einer Frau ein, die sich über Geschlechterrollen und ihren gesellschaftlichen Rang hinwegsetzte und durch ihre phänomenale Talentlosigkeit und Selbstüberschätzung zur Kultfigur wurde.

In die Rolle der schlechtesten Sängerin aller Zeiten schlüpft mit dem US-amerikanischen Opernstar Joyce DiDonato eine der besten Sängerinnen der Welt. Auf der dokumentarischen Ebene präsentiert der Film Archivfunde und lässt namenhafte Experten zu Wort kommen, die auch die dunkle Seite von Jenkins‘ turbulentem Leben beleuchten. Schritt für Schritt wird so die tragische Tiefe einer schillernden Figur enthüllt.

Aufgrund der sehr nahen Kinostarttermine beider Filme lässt sich ein Vergleich mit Stephen Frears‘ Biopic Florence Foster Jenkins nicht vermeiden. Der Dokumentarfilm vom deutschen Regiseur Ralf Pleger bietet eine nette Ergänzung zum Spielfilm, kann aber selbst inhaltlich nicht viel mehr bieten. Zwar werden verschiedene Meiningen von Experten angesprochen und das Phänomen dieser außergewöhnlichen Künstlerin diskutiert, aber es wird wenig ins Detail gegangen. Der ganze Film wirkt recht oberflächlich und nicht weit in die Tiefe recherchiert.

Alle Informationen, die der Zuschauer aus der Dokumentation mitnimmt bekommt er genauso in Frears‘ Spielfilm geliefert. Dass eine Krankheit Grund für die verfälschte Wahrnehmung ihres eigenen Gesangs war, wird nur wenig beleuchtet. Da hätte die Dokumentation ansetzen können, um eine echte Ergänzung zum Spielfilm zu werden und vielleicht sogar auf der Erfolgswelle mitzuschwimmen. Aber so ist es leider nur der selbe Inhalt in einem anderem Genre. Wäre Die Florence Foster Jenkins Story zu einem anderem Zeitpunkt in die Kinos gekommen hätte sie die Chance gehabt mehr aus dem großen Schatten von Hollywood vorzutreten. Der Zuschauer kann somit also selbst entscheiden was er lieber sehen möchte: eine inszenierte und polierte Hollywood Verfilmung oder eine eher sachliche Präsentation der Figur. Inhaltlich nehmen sich beide nicht viel.

Zum Abschluss stell ich euch noch Alle Farben des Lebens vor. Der Film war eine der positiven Überraschungen der Messe. Eine wichtige Botschaft, ein starkes Ensemble und ganz viel Herz.

Der 16-jährige Ray (Elle Fanning) lebt in einem ungewöhnlichen Drei-Generationen-Haus in New York zusammen mit seiner alleinerziehenden Mutter Maggie (Naomi Watts), seiner lesbischen Großmutter Dolly (Susan Sarandon) und deren Lebensgefährtin Frances (Linda Emons). Dich Ray hadert mit seinem Schicksal. Im Körper eines Mädchens mit dem Namen Ramona geboren, nennt er sich shcons eit längerem „Ray“ und möchte so schnell wie möglich eine Hormontherapie beginnen, die zur Geschlechtsumwandlung führen soll.

Dazu benötigt er die Zustimmung beider Eltern, was auch seine Mutter maggie vor ein Problem stellt: Sie muss wieder Kontakt zu ihrem Ex (Tate Donovan) aufnehmen, den sie eigentlich aus ihrem Leben gestrichen hat. Großmutter Dolly widerum mag sich nicht an den Gedanken gewöhnen, bald nur noch einen Enkelsohn zu haben.

Gaby Dellal spricht mit ihren Film ein ganz wichtiges Thema unserer Zeit an und bringt es auf die große Leinwand. Die Entwicklung einer eigenen sexuellen Identität und was es für einen selbst und das Umfeld bedeutet war noch nie so groß wie heute. Homosexualität hat es schon weitgehend geschafft in der Popkultur anzukommen und nicht mehr als „sonderlich“ aufgefasst zu werden. Transsexualität wird dahingegen noch immer mit Stirnrunzeln beäugt.

Dellal’s Film beschönigt nichts und verteufelt nichts. Er zeigt ganz einfach wie es für einen jungen Teenager in den USA ist seine Sexualität zu entdecken und schon früh schwere Entscheidungen treffen zu müssen. Dabei spielt der Film alle erdenklichen Hürden durch: die (Nicht-)Akzeptanz der Familie, Mobbing in der Schule, und nicht zu vergessen medizinische und rechtliche Konsequenzen. Er zeigt uns eine von vielen Geschichten die immer noch viel zu leise erzählt werden.

Mithilfe eines Frauenpower-Casts um Elle Faning, Naomi Watts und Susan Sarandon wird Alle Farben des Lebens zu einem augenöffnenden Film darüber, dass das Leben ganz und gar nicht nur schwarz und weiß ist. Es ist bunt und jede Farbe hat es verdient in ihrem ganz eigenen Licht zu strahlen.

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