23rd Mai2016

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln (2016) | Filmkritik

von MaryChloe

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln

Sechs Jahre nach dem Sensationserfolg Alice im Wunderland (2010) erwacht die magische Welt, in der man mit Flamingos Croquet spielt oder Kaninchen auf Teeparties trifft, erneut auf der Kinoleinwand zum Leben.

aliceimwunderland2_1 Alice Kingsleigh (Mia Wasikowska) hat die letzten drei Jahre seit ihrem Ausflug ins Wunderland damit verbracht, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und die sieben Weltmeere zu besegeln. Als sie jedoch nach London zurückkehrt muss sie feststellen, dass sich die traditionellen Ansichten über die Rolle der Frau in der Gesellschaft nicht geändert haben und eine Zukunft nach ihren Vorstellungen nicht möglich scheint. Während eines Empfangs trifft Alice auf die ehemalige Raupe Absolem (Alan Rickman), die sich zu einem prächtigen Monarchfalter entwickelt hat. Dieser führt Alice zu einem magischen Spiegel, durch den sie zurück in das Reich von Unterland gelangt.

Dort trifft sie ihre alten Freunde wieder: das weiße Kaninchen (Michael Sheen), die Grinsekatze (Stephen Fry), die Haselmaus (Barbara Windsor), den Märzhasen (Paul Whitehouse), Diedeldum und Diedeldei (Matt Lucas) und die weiße Königin Mirana (Anne Hathaway).

Doch die Stimmung ist betrübt, denn der verrückte Hutmacher (Johnny Depp) ist nicht mehr er selbst und droht vor Trauer um seine Familie zu sterben. Um ihn vor dem Tod zu bewahren, macht sich Alice auf den Weg zur personifizierten Zeit (Sacha Baron Cohen) selbst. Mit Hilfe der Chronosphäre, einer Kugel, von der alle Zeit ausgeht, will Alice in die Vergangenheit reisen und die Familie des Hutmachers retten. Hier beginnt für sie selbst ein riskanter Wettlauf gegen die Zeit.

aliceimwunderland2_2 Die Geschichten um Alice und ihre Reise ins Wunderland faszinieren schon seit über 150 Jahren. Nachdem Lewis Carroll den Roman Alice im Wunderland im Jahr 1865 veröffentlichte, folgte sechs Jahre später die Fortsetzung Alice hinter den Spiegeln. Sechs Jahre liegen nun auch zwischen den beiden Disney-Produktionen, in denen Alice als junge Frau erneut den Weg ins Unterland findet. Dabei ist Alice im Wunderland 2: Hinter den Spiegeln keine Adaption des zweiten Romans. Nur lose auf der Buchvorlage basierend, ist sie mehr eine Fortsetzung von Tim Burtons 3D Neuinterpretation aus dem Jahre 2010. Das Drehbuch stammt erneut von Linda Woolverton (Maleficent – Die dunkle Fee), welche Alice diesmal auf eine abenteuerliche Zeitreise schickt.

Sämtliche Stars aus der Version von 2010 sind wieder auf der Leinwand vereint. Unter ihnen auch Helena Bonham Carter als die Rote Königin Iracebeth. Zu den altbekannten Darstellern gesellen sich Rhys Ifans (Notting Hill) als Vater des verrückten Hutmachers und Sascha Baron Cohen (Borat) als die Zeit selbst. Matt Vogel (The Muppets) spricht die Rolle des Wilkins, die rechte Hand der Zeit.

aliceimwunderland2_3 Die sechs Jahre Pause zwischen den beiden Filmen bringen so einige Veränderungen mit sich. So ist Tim Burton bei Alice im Wunderland 2 lediglich als Produzent tätig und überließ seinen Platz auf dem Regiestuhl dem Die Muppets (2011)-Regisseur James Bobin. Der britische Filmemacher nahm die Herausforderung an, die von Tim Burton geschaffene Fantasiewelt weiterzuerzählen, und setzte ihr seinen eigenen Stempel auf. Die verstrichenen Jahre Entwicklung in der Filmtechnik bleiben dabei nicht unbemerkt. Die magische Welt hinter den Spiegeln ist noch praller gefüllt mit imposanten Bildern, noch beeindruckender in der Farbgestaltung und Kreativität, die 3D Technik visuell noch ausgereifter und detaillierter. So betritt Alice auf riesigen Uhrzeigern das Zentrum aller Zeit, wo alle Uhren der Lebenden ihr letztes Stündlein schlagen. Zudem fliegt sie durch ein gewaltiges Meer aus Erinnerungen mit meterhohen Wellen als Stationen der Vergangenheit ihrer Freunde.

In diesen erleben die Zuschauer wichtige Momente im Leben der Charaktere und erfahren, was es mit dem riesigen Kopf und der Boshaftigkeit der Roten Königin auf sich hat (und inwiefern die weiße König daran nicht unschuldig ist) oder weshalb der verrückte Hutmacher immer verrückter wurde. Das Wunderland selbst verliert etwas an altbekannter Skurrilität, wird aber umso kinderfreundlicher, da diesmal weder Drachen ihr Augenlicht oder Leben lassen müssen noch Hauptpersonen geköpft werden sollen.

aliceimwunderland2_4 Das Hauptthema der Zeit wird in Alice im Wunderland 2 in oft gesehener Manier aufgegriffen und mündet in der vorhersehbaren Erkenntnis, dass man die Vergangenheit nicht ändern kann. Und so sehr Alice die Zeit davonzulaufen droht, so sehr wird man auch als Zuschauer durch die einzelnen Etappen der Vergangenheit gehetzt. Der Fokus liegt dabei deutlich auf der Geschichte des Hutmachers und der beiden Königinnen, die Rollen der kleinen Freunde kommen daher zu kurz. So wirken der Märzhase, Haselmaus und Grinsekatze nur wie nettes Beiwerk. Ein weiteres Hauptaugenmerk liegt auf der Darstellung der personifizierten Zeit, der von Sasha Baron Cohan amüsant gespielte inkompetente Wächter aller Minuten und Sekunden, in dessen Händen sich wirklich niemand die Zeit wünscht.

Mit musikalischer Untermalung von Grammy-Gewinner Danny Elfman (Charlie und die Schokoladenfabrik) ist Alice im Wunderland 2 eine visuell und auditiv stimmige Geschichte, die trotz vorhersehbarer Handlung voller Detailverliebtheit und der Spannung steckt, ob Alice durch die Reise in die Vergangenheit die Zukunft ihres Freundes, dem Hutmacher, ändern kann.

In Alice im Wunderland 2: Hinter den Spiegeln versammelt sich erneut der bekannte hochkarätige Cast vor einer fantasievollen Kinokulisse und taucht zusammen mit Alice in die Bedeutung der Zeit ein. Bobin schuf einen familienfreundlichen Spaß, in dem das letzte Stündlein der beliebten Figuren aus Lewis Carrolls Abenteuern noch lange nicht geschlagen hat.

Trailer

Cast & Crew

Regie: James Bobin
Drehbuch: Linda Woolverton
Musik: Danny Elfman
Darsteller: Mia Wasikowska, Helena Bonham Carter, Johnny Depp, Anne Hathaway, Sacha Baron Cohen, Rhys Ifans, Matt Lucas, Edward Speleers, Andrew Scott

Bewertung

Bewertung_7

03rd Mai2016

We Are Your Friends (2015) | Filmkritik

von MaryChloe

We Are Your Friends

Musik ist das Leben des 23-jährigen Cole Carter (Zac Efron), der davon träumt, als Electro-DJ durchzustarten. Er hofft und arbeitet unermüdlich darauf hin, mit dem ultimativen Track den Durchbruch zu schaffen. Tagsüber hängt er mit seinen High-School-Freunden ab, von denen niemand Lust auf Knochenjobs hat, in denen sie schuften und andere verdienen. Deshalb zieht es sie nachts in die Clubs von Los Angeles, in denen sie ihr Glück als Party-Veranstalter versuchen – mit Cole als DJ am Laptop.

weareyourfriends_1 Leider will sich der Erfolg nicht so recht einstellen, sodass den Jungs gar nichts anderes übrig bleibt, als für den zweifelhaften Unternehmer Paige (Jon Bernthal) zu arbeiten. Cole tüftelt unterdessen weiter an seiner DJ-Karriere und lernt den namhaften DJ James Reed (Wes Bentley) kennen, der Cole bald unter seine Fittiche nimmt und ihn bei seinem Traum fördert. Die Zeichen stehen auf Erfolg, doch da verliebt er sich ausgerechnet in Sophie (Emily Ratajkowski), Assistentin und Freundin seines Mentors. Daraufhin beginnt seine Freundschaft zu James zu bröckeln und Cole steht vor einer schwierigen Entscheidung. Er setzt alles, wofür er brennt, aufs Spiel und auch seine Freunde stellen Coles Loyalität in Frage.

Regisseur Max Joseph hat sich in den USA als On-Screen-Kameramann der MTV-Show Catfish einen Namen gemacht. Nachdem er mit der Kurz-Dokumentation 12 Years of DFA (2013) Einblicke in die Arbeit und Geschichte des New Yorker Plattenlabels gab, brachte er mit We Are Your Friends sein Spielfilm-Debüt in die Kinos. Er führt die Zuschauer in die Welt der elektronischen Tanzmusik und diese erscheint auf den ersten Blick doch recht simpel: Partys, Drogen, Alkohol und wackelnde Frauenpopos ohne Ende.

weareyourfriends_2 Zac Efron (17 Again) stellte sein musikalisches Talent bereits mehrfach unter Beweis. Vom pubertierenden Schmuse-Teenie-Sänger aus Highschool Musical (2006-2008) zum smarten Sunny Boy gemausert, gibt er in We Are Your Friends nicht seine Stimme, sondern besondere Elektro-Beats zum Besten und versucht, mit diesen den musikalischen Durchbruch zu schaffen. In der Besetzung finden wir neben Zac Efron einige bekannte Gesichter, so spielt Wes Bentley – ziemlich cool – den selbstsicheren und erfolgversprechenden DJ und Mentor. Außerdem tritt Jon Bernthal (Herz aus Stahl) in die Rolle des skrupellosen Immobilienmaklers, der alles verkörpert, was die vier Freunde nicht sein wollen.

In weiteren Nebenrollen gibt Jonny Weston (Die Bestimmung) den Choleriker und Schlägertypen unter den Freunden und Shilo Fernandez (The East) den Skeptiker, der sich als erster von seiner Clique entfremdet. Schauspielerin, Model und Sexbombe Emily Ratajkowski, die man aus dem Musik-Video zum Ohrwurm „Blurred Lines“ kennt und die bereits im Thriller Gone Girl (2013) mitwirkte, sorgt als Coles Love Interest Sophie für Spannungen zwischen ihm und seinem Förderer, der ihm zu seinem Durchbruch verhelfen könnte. Lohnt es sich, eine mögliche Karriere für das Begehren dieser Frau aufs Spiel zu setzen? Cole hat dazu eine eindeutige Meinung, jedoch gerät die platte und recht emotionslose Lovestory der beiden schnell in den Hintergrund und wird im Verlauf der Geschichte von klangvollen Elektro-Sounds und heftigem Dubstep übertönt.

weareyourfriends_3 Der Soundtrack hat es allerdings in sich. Die 18 Techno-Songs von „I Can Be Somebody“ über „Something About You“ bis zum titelgebenden „We are your friends“ geben der vorhersehbaren Handlung und den stereotypen Charakteren ordentlich Pepp und Schwung. Geschickt baut der Regisseur dokumentarische Elemente ein und gibt hier und da kleine Crash-Kurse in Sachen Elektro-Musik. So lernt Cole, dass der richtige Sound Seele braucht und 120 Beats per Minute genau das Tempo ist, mit dem man ins Herz der Partymeute trifft. Unterstützt werden die Lektionen von bunten Schrifteinblendungen und Comic-Elementen, die angesichts der ständigen Drogeneinflüsse nicht fehl am Platz wirken. Zusätzlich schwenken die Kameraeinstellungen immer wieder über Coles Mischpult oder als Kontrast über die Skyline von Los Angeles sowie die nächtliche Kulisse von Las Vegas.

So wirkt Max Josephs Debüt wie ein 96-minütiges Musikvideo und vermittelt das ausgelassene Lebensgefühl der amerikanischen Elektronik-Szene. Alle angesagten Beats der Musikrichtung lernt man im Schnelldurchlauf kennen und erfährt darüber hinaus noch etwas über das Wesen der elektronischen Musik.

Intelligente Dialoge gibt es zwar nur selten, jedoch stellt man solche Erwartungen auch kaum an Anfang-Zwanziger, die überwiegend auf Droge und am Feiern sind. Dass Cole überhaupt klar genug ist, um treibende Beats zu kreieren, ist verwunderlich. Herausgekommen ist schlussendlich dennoch eine unterhaltsame musikalische Reise ins Innere der Elektromusik. Mitreißende Tracks, kreative visuelle Elemente und passable Darsteller schaffen es, dass man über die vorhersehbare Story und die einfallslosen Charaktere getrost hinwegsehen kann. We Are Your Friends trifft den Nerv der Zeit und macht Lust auf den nächsten Club-Besuch oder das nächste Elektro-Festival.

Cast & Crew

Regie: Max Joseph
Drehbuch: Max Joseph, Meaghan Oppenheimer
Musik: Matthew Simpson
Darsteller: Zac Efron, Wes Bentley, Emily Ratajkowski, Vanessa Lengies, Jon Abrahams, Shiloh Fernandez, Jonny Weston, Alex Shaffer, Alicia Coppola, Jon Bernthal

Bewertung

Bewertung_7

18th Feb2016

Carol (2015) | Filmkritik

von MaryChloe

Carol

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen des Romans Salz und sein Preis, den Patricia Highsmith unter dem Pseudonym Claire Morgan schrieb, fand das lesbische Liebesdrama Einzug in die Kinos.

carol_1 In New York im Jahre 1952 prallen die Welten zweier Frauen aufeinander. Carol Aird (Cate Blanchett) ist verheiratet, Mutter einer kleinen Tochter, erfahren, elegant und reich. Ihre Ehe mit Harge (Kyle Chandler) steht kurz vor der Scheidung – obwohl er verbissen um die Verbindung kämpft. Im Weihnachtstrubel trifft Carol in einem Warenhaus auf die unerfahrene Verkäuferin Therese Belivet (Rooney Mara). Sie ist Anfang zwanzig, hat einen Freund, den sie nicht liebt, und einen Beruf, in den sie gerade erst hineinwächst.

Beim Kauf eines Geschenks lässt Carol mit Absicht ihre Handschuhe liegen, um mit Therese in Kontakt zu kommen. Und tatsächlich freunden sich die beiden so ungleichen Frauen schnell an und verlieben sich allmählich ineinander – sehr zum Unwillen von Carols Mann, der immer noch geschockt von einer früheren Affäre seiner Frau mit ihrer besten Freundin Abby (Sarah Paulson) ist. Zudem stellt er ihre Fähigkeiten als Mutter in Frage und will das alleinige Sorgerecht für die Tochter. Sind unter diesen Umständen die Hindernisse um Alter, Status, Vermögen und der gleichgeschlechtlichen Liebe überwindbar?

Patricia Highsmiths Roman aus dem Jahr 1952 gehört zu den frühesten und einflussreichsten Büchern lesbischer Literatur. Erst achtunddreißig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung gab sich die Schriftstellerin als Verfasserin des Buchs zu erkennen. In der prüden amerikanischen Gesellschaft der 50er Jahre ist die gleichgeschlechtliche Liebe ein Tabuthema.

carol_2 Regisseur Todd Haynes (I’m Not There) thematisierte in seinem Drama Dem Himmel so fern schon einmal eine moralische Schranke der 1950er Jahre, in dem er die Beziehung einer weißen Frau zu einem schwarzen Mann porträtiert. Und auch in der Miniserie Mildred Pierce thematisierte er eine starke Frau und Mutter zur Zeit der Großen Depression. Nach dem Blau ist eine warme Farbe (2013) als lesbischer Skandalfilm bei den Filmfestspielen von Cannes 2013 gefeiert wurde, konnte mit Carol im Mai 2015 erneut ein lesbisches Liebesdrama für Aufmerksamkeit in der Filmbranche sorgen. Jedoch schuf Haynes mit diesem Werk keineswegs einen Skandalfilm, sondern erzählt mit viel Ruhe, Präzision und gemäßigtem Tempo das zarte Entstehen inniger Gefühle und unterdrückter Leidenschaft, die eigentlich nicht sein dürfte.

Die Kamera von Ed Lachman, der bereits in I´m not there (2007) und Dem Himmel so fern (2002) mit Todd Haynes zusammenarbeitete, bleibt stets nah an Therese und zeigt die unnahbare und zugleich anziehende Carol allein aus ihrer Perspektive. Die Hauptfigur, die von Blanchett hervorragend inszeniert wird, beeindruckt von Beginn an durch ihre Eleganz, Reife und Attraktivität. Doch der Bann um die mysteriöse wie umwerfende Frau löst sich allmählich auf und die statuenhafte Gestalt von Carol beginnt mit der Zeit etwas zu ermüden. Als Zuschauer wartet man gespannt darauf, wie die angestauten Emotionen aus der so beherrschten Frau herausbrechen. Jedoch wirkt Carol selbst in ihren emotionalsten Momenten kontrolliert.

carol_3 Vielmehr mausert sich Rooney Mara (Verblendung, Side Effects) als wahrer Gewinn für den Film, die für ihre Darstellung der Therese beim Festival in Cannes 2015 eine Palme als beste Darstellerin erhielt. Ihre Figur erlebt im Gegensatz zu Carol eine Entwicklung und ist um Weiten vielschichtiger. Zu Beginn wirkt sie wie ein verschüchtertes Reh, ist überwältigt und verunsichert von den eigenen Gefühlen. Doch sie entpuppt sich im weiteren Verlauf als intelligente und willensstarke Frau, die durch die Beziehung zur reiferen Wohlstandsdame Carol wächst. Bis kurz vor Schluss des Films sieht der Zuschauer immer mit ihren Augen und verfolgt die zarten Annäherungen, bis die Gefühle dann endgültig nicht mehr aufzuhalten sind.

Dabei schafft die sexuelle Beziehung der beiden Frauen, die fast beiläufig wirkt, unüberwindbare Hürden. Diese zeigen sich in der Rolle von Kyle Chandler (Zero Dark Thirty), der als Noch-Ehemann seine Frau bespitzeln lässt, um ihr das Sorgerecht über die gemeinsame Tochter zu entziehen. Er vertritt die Ansichten der damaligen Gesellschaft mit Vorurteilen und Intoleranz. Die Rolle von Sarah Paulson, die schon in American Horror Story: Asylum eine lesbische Frau in den 60er Jahren verkörperte, kommt hier als ehemalige Geliebte von Carol etwas zu kurz und hätte durchaus mehr Potenzial gehabt.

Das lesbische Liebesdrama geht mit sechs Nominierungen als Anwärter auf den diesjährigen Oscar ins Rennen, darunter auch für das beste Kostümdesign. Dieses ist von der eleganten Pelzrobe und langen Handschuhen Carols zu Strickpullis und Weihnachtsmütze der schüchternen Therese bis ins letzte Detail abgestimmt. Die vorweihnachtliche Szenerie und winterliche Landschaft schafft eine stimmige Atmosphäre, in die sich das Mysterium Carol einfügt und die wunderbar zu den unterdrückten Gefühlen beider Frauen passt.

Todd Heynes schuf mit Carol eine hochkarätige und erstklassig gespielte Liebesromanze zwischen zwei Frauen, die sich den Konventionen ihrer Zeit widersetzen. Die Ausstattung, die darstellerische Leistung und die sehnsuchtsvolle Anziehung beider Protagonistinnen verstehen trotz gemächlichem Erzähltempo zu fesseln und den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Todd Haynes
Drehbuch: Phyllis Nagy
Musik: Carter Burwell
Darsteller: Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson, Kyle Chandler, Jake Lacy

Bewertung

Bewertung_8

30th Jan2016

Ein Atem (2015) | Filmkritik

von MaryChloe

Ein Atem

Ein Atem erzählt die Geschichte von zwei Frauen und zwei Schicksalen. Die eine wohlhabend mit Bilderbuchfamilie, die andere schwanger, ohne Job und Perspektive.

einatem_1 Der Film beginnt in Athen. Griechenland steckt tief in der Wirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit steigt stetig. Die junge Elena (Chara Mata Giannatou) hofft, den Problemen in ihrem Land entfliehen und eine neue Zukunft in Deutschland aufbauen zu können, auch wenn sie dafür ihren Freund Costas (Apostolis Totsikas) zurücklassen muss.

Elena findet schnell einen Job in einer Bar in Frankfurt. Nach einem Gesundheitscheck werden ihre Zukunftspläne jedoch zerstört, denn Elena ist schwanger und kann nicht länger dort arbeiten. Die junge Griechin findet daraufhin eine neue Arbeit als Kindermädchen bei einem wohlhabenden Paar in Frankfurt. Die Familie besteht aus Tessa (Jördis Triebel), ihrem Mann Jan (Benjamin Sadler) und der eineinhalbjährigen Lotte. Da Tessa nach einer längeren Babypause in ihren Beruf als Managerin wieder einsteigen will, soll Elena auf das kleine Mädchen aufpassen.

Zunächst scheint der gut betuchte Haushalt für Elena wie ein Paradies. Schon bald aber merkt sie, dass die Gastfamilie so manche Launen und Neurosen hat. Als Elena Lotte eines Tages für einen Moment aus den Augen lässt und das kleine Mädchen spurlos verschwindet, gerät Elena in Panik. Sie flieht Hals über Kopf zurück nach Griechenland, um dem Zorn der Eltern und den möglichen Konsequenzen zu entgehen. Unterdessen sind die Eltern durch das Verschwinden ihres Kindes völlig aus der Bahn geworfen. Jan macht seiner Frau bittere Vorwürfe, da Lotte nur wegen Tessas Karrierewunsch einer völlig Fremden anvertraut wurde. Tessa entscheidet sich daraufhin für einen radikalen Schritt: Sie reist nach Griechenland, um Elena und vielleicht auch ihre Tochter wiederzufinden.

Die beiden Protagonistinnen könnten unterschiedlicher nicht sein. Etwas zu klischeehaft wird zu Beginn des Films dargestellt, dass die wohlhabende Workaholic-Mutter und die studierte Griechin, die in Deutschland nur einen Job als Kindermädchen bekommt, so gar keine Gemeinsamkeiten haben. Doch ihre beiden Schicksale werden durch Tessas Tochter Lotte für immer miteinander verknüpft. Als die Frauen nach ersten Konflikten dennoch auf dem Weg sind, so etwas wie Freundinnen zu werden, passiert in einem Moment der Unachtsamkeit die Katastrophe: Die kleine Lotte verschwindet spurlos.

einatem_2 Der Film nimmt sich viel Zeit die beiden Charaktere ausführlich zu beschreiben und ihrer Herkunft zuzuordnen. Das Besondere an dem Drama ist die Teilung der Geschichte in zwei Akte. Im ersten Akt unter dem Titel „Elenas Reise“ erfährt man, wie die entschlossene Griechin auf eine bessere Zukunft hofft und sich gegen den Willen ihres antriebslosen Freundes auf den Weg nach Deutschland macht. Dort trifft sie auf das Paradebeispiel einer stets gestressten Wohlstandsmama und die ersten Konflikte lassen nicht lang auf sich warten.

Mit „Tessas Reise“ als zweiter Akt erfolgt der Perspektivenwechsel. Dieser setzt mit dem Verschwinden Lottes ein. Der einseitige Blick auf Tessa als Bilderbuchzicke mit Luxusproblemen beginnt sich zu verändern und man erfährt, dass sie nur nach außen hin ein perfektes Leben zu führen scheint. Doch hinter der Fassade kriselt es enorm, die Beziehung zu Jan steht auf der Kippe und Tessa kämpft im Job um Anerkennung nach der Elternzeit. Jördis Triebel spielt ihre Figur überaus glaubhaft und verleiht Tessa im Verlauf der Handlung zunehmend sympathische Züge, als hinter der taffen Karrierefrau eine verletzliche, unter Druck stehende Mutter zum Vorschein kommt.

Der zweite Abschnitt rollt dieselbe Geschichte noch einmal neu auf und verleiht dem Geschehen eine unerwartete Intensität. Hier stehen sich eine zerrissene und liebende Mutter auf der Suche nach ihrem Kind und eine Schwangere auf der Flucht vor der Verantwortung gegenüber. Als Zuschauer ist man wie die Protagonistinnen einem ständigen Wechselbad der Gefühle ausgesetzt.

einatem_3 Der Versuchs Tessas in Athen eine Spur zu Elena und ihrer Tochter zu finden, verleiht dem Drama eine ungeahnte Dynamik und wandelt ihn zu einem Thriller, in dessen Höhepunkt beide Frauen aufeinandertreffen. Kameramann Ngo The Chau (Hin und weg, Stereo) bleibt in beiden Akten nah bei den Figuren und verfolgt deren emotionale Reise. Durch die beobachtende Position beginnt man sich in beide Frauen gleichermaßen zu versetzen und ihre Handlungen und Reaktionen zu verstehen. Hier werden Gemeinsamkeiten deutlich, beide wollen sie nicht von ihren Männern abhängig sein, beide sind sie Opfer ihrer Lebensumstände.

Das deutsch-griechische Drama wurde von Grimme-Preisträger Christian Zübert (Dreiviertelmond, Hin und weg) inszeniert, der das Drehbuch zusammen mit seiner Frau Ipek verfasst hat. Sie schufen in Ein Atem natürlich wirkende Dialoge und greifen neben dem Reibungspunkt der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch die Themen Geschlechterrollen, Wirtschaftskrise, Schuld und Vergebung auf. Die Krise in Griechenland und deren Auswirkungen wird aus der Sicht zweier Frauen aus Athen und Frankfurt präsentiert, die trotz unterschiedlicher ökonomischer Voraussetzungen mit vergleichbaren Problemen kämpfen.

Durch die kluge Verbindung zweier Perspektiven, zweier Filmgenres und elegant eingefädelter Gesellschaftsprobleme ebbt das Interesse der ungleichen Figuren, die beide auf der Suche nach ihrer Rolle als Mutter sind, zu keiner Zeit ab. Am Ende überwiegt das Thema Mutterschaft den angesprochenen wirtschaftlichen und genderspezifischen Problemen zwar bei Weitem, dennoch schafft Zübert mit Ein Atem eine anspruchsvolle, aktuelle und durchweg fesselnde Charakterstudie zweier Frauen, die ein gemeinsamer Atemzug verbindet.

Cast & Crew

Regie: Christian Zübert
Drehbuch: Christian Zübert
Musik: Christoph M. Kaiser, Julian Maas
Darsteller: Jördis Triebel, Chara Mata Giannatou, Benjamin Sadler, Apostolis Totsikas, Nike Maria Vassil, Pinelopi Sergounioti, Mary Nanou, Akilas Karazisis

Bewertung

Bewertung_8

29th Nov2015

Zwischen Himmel und Eis (2015) | Filmkritik

von MaryChloe

Zwischen Himmel und Eis

Das Schmelzen der Polkappen gilt in den letzten 30 Jahren als bahnbrechende Entdeckung der Wissenschaft. Mit Zwischen Himmel und Eis kommt nun eine wichtige Naturdokumentation zum Klimawandel in die Kinos, die das Lebenswerk von Claude Lorius skizziert. Der französische Glaziologe machte als erster auf die resultierende Gefahr für die Menschheit und unseren Planeten aufmerksam. Nun blickt Regisseur Luc Jacquet (Die Reise der Pinguine) gemeinsam mit dem Polarforscher zurück auf die ersten wissenschaftlichen Forschungsreisen am Ende der Welt.

zwischenhimmelundeis_1 1955 begab sich Claude Lorius als damals 23-Jähriger auf eine Anzeige hin an den südlichsten Punkt der Erde und verbrachte dort ein ganzes Jahr mit seinen Kollegen in einer Polarstation. Seit diesem Zeitpunkt war er von der dortigen Eislandschaft fasziniert und ging in den folgenden Jahren den Geheimnissen des ewigen Eises in 21 weiteren Südpol-Expeditionen auf den Grund. Er erkannte, dass jede Luftblase in den Eisschichten der Antarktis eine Probe der Atmosphäre vergangener Zeiten ist. Durch immer tiefere Eisbohrungen ließen sich Rückschlüsse auf den damaligen Verschmutzungsgrad der Erde feststellen.

So gelang es Lorius im Laufe der Jahre mehr als 800.000 Jahre der Klimageschichte ans Tageslicht zu holen und somit den zerstörerischen menschlichen Einfluss zu bestätigen. Bereits im Jahre 1984 sprach er eindringliche Warnungen für die Zukunft der Erde aus. Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Wirbelstürme werden Teil der klimatischen Veränderungen sein und die Zukunft der Menschheit gefährden. Er selbst meint: „Heute bin ich ein alter Mann, der feststellt, dass die Geschichte ihm Recht gegeben hat.“

zwischenhimmelundeis_2 Zwischen Himmel und Eis lief als Abschlussfilm auf dem Cannes Festival 2015 in der Kategorie „Out of Competition“. Dokumentarfilmregisseur Luc Jacquet ist bereits für Die Reise der Pinguine in die Antarktis gereist und gewann für diesen Film im Jahr 2006 den Oscar für den Besten Dokumentarfilm. Er begleitete den 82-jährigen Forscher auf seiner vermutlich letzten Expedition und hält die Schönheit der Antarktis in atemberaubenden Bildern fest. Eine Schönheit, die schon bald dem Untergang geweiht ist, wenn der Mensch den Raubbau an der Natur nicht stoppt.

Die Kamerafahrten über die beeindruckende Eislandschaft, unberührter antarktischer Weiten sind die größten Stärken des Films. Aus der Vogelperspektive ist Lorius, der nach knapp 60 Jahren an den Ort seiner ersten Antarktisreise zurückkehrt, nur ein kleiner bunter Punkt inmitten der weiten majestätischen Eiswüste, deren Existenz bedroht ist. Neben den opulenten Bildern besteht Zwischen Himmel und Eis zu einem großen Teil aus Archivaufnahmen von Expeditionen aus den 50er und 60er Jahren, die das Leben des französischen Polarforschers Claude Lorius im Eis und dessen Forschungsfortschritte festhalten.

zwischenhimmelundeis_3 Die Geschichte um den Gletscherforscher ist von Beginn an fesselnd und die Leidenschaft für seine Arbeit spürbar. In einem Off-Kommentar resümiert der Forscher die Erkenntnisse seiner langjährigen Arbeit, dessen wichtigste Erkenntnis der Beweis dafür war, dass Menschen die Beschleunigung der Erderwärmung verursachen.

Doch statt dem Zuschauer noch mehr über den Protagonisten selbst, die wissenschaftlichen Hintergründe oder die Hürden der Forschungsstation in der Antarktis in bitterer Kälte zu erzählen, konzentriert sich Luc Jacquet etwas zu sehr auf die Stilistik und umkreist mit seiner Kamera immer wieder den nachdenklich im Eis stehenden Lorius. Der ernste und eindringliche Off-Kommentar von Max Moor schafft außerdem etwas zu viel Distanz zum Forscher. Überzeugender wäre es gewesen, wenn der Protagonist selbst gesprochen hätte. Der Streicher betonte Soundtrack fügt sich wieder in die Umgebung und Emotionen des Protagonisten ein und schafft atmosphärische Spannung.

Luc Jacquet, der ebenso mit Der Fuchs und das Mädchen (2007) und Das Geheimnis der Bäume (2013) beeindruckte, wird mit Zwischen Himmel und Eis seinem Ruf als exzellenter Dokumentarfilmer erneut gerecht. Wenn auch inhaltlich nicht ganz ausgeschöpft, schafft er eine visuell beeindruckende Dokumentation über den Glaziologen und Klimaforscher Claude Lorius, für den das ewige Eis zu einer lebenslangen Leidenschaft geworden ist.

Zwischen Himmel und Eis ist ein hochaktuelles Filmdokument und ein Aufruf zu Umwelt- und Naturschutzbewusstsein, das eindrucksvoll in die Klimageschichte unseres Planeten eintaucht.

Cast & Crew

Regie: Luc Jacquet
Drehbuch: Luc Jacquet
Musik: Cyrille Aufort
Erzähler: Claude Lorius, Max Moor (deutsche Erzählstimme)

Bewertung

Bewertung_8

23rd Nov2015

Winterkrieg (1989) | Filmkritik

von MaryChloe

Winterkrieg

Der finnische Kriegsfilm von Pekka Parikkas ist in diesem Jahr für das Heimkino in deutscher Fassung beim Label Pandastorm Pictures erschienen. Obwohl Winterkrieg (Original: Talvisota) schon über ein Vierteljahrhundert alt ist, hat er es in vielerlei Hinsicht in sich und kann mit anderen Vertretern seines Genres mühelos mithalten.

winterkrieg_1 Im Jahr 1939 nutzt Russlands Diktator Joseph Stalin die Gunst der Stunde und den Pakt mit Hitler, um im Schatten der deutschen Angriffe auf Polen und Frankreich das eigene Reich im Westen gewaltsam zu erweitern. Dabei fällt die Rote Armee nicht nur in Polen ein, sondern greift im November auch mit 400.000 Mann das benachbarte Finnland an.

Für das kleine Finnland beginnt der Kampf gegen einen übermächtigen Feind. Die Brüder Martti und Paavo aus Österbotten schließen sich dem Infanterieregiment JR23 an, welches nach Karelien abkommandiert wird. Bei minus 40 Grad erleben sie die Hölle des Winterkriegs in der verlustreichen Schlacht von Taipale. Den russischen Panzern und Flugzeugen können die Finnen nur ihre einfachen Waffen und selbstgebastelten Molotow-Cocktails entgegen halten. Viele von Marttis Kameraden finden einen eisigen Tod, die verbleibenden Männer werden an die Mannerheim-Linie verlegt. Diese gilt es um jeden Preis zu halten, denn wenn die Mannerheim-Linie fällt, fällt ganz Finnland…

winterkrieg_2 Die Produktion basiert auf dem gleichnamigen Roman Winterkrieg, der von Antti Tuuri geschrieben wurde. Der Film war Finnlands Oscar-Beitrag im Jahre 1990. Zudem wurde er für den Goldenen Bären der Berlinale nominiert und gewann in sechs Kategorien der finnischen Jussi-Awards, unter anderem als „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Beste Kamera“.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht das Schicksal der Brüder Martti (Taneli Mäkelä) und Paavo (Konsta Mäkelä). Nachdem die Rote Armee der Sowjetunion zuvor Gebiete in der Grenzregion der beiden Länder besetzt hat, hofften sie anfangs noch auf laufende Verhandlungen. Doch schließlich wird der Krieg unausweichlich. Nach Einführung der Figuren führt Regisseur Pekka Parikka die Zuschauer auf das Schlachtfeld, auf dem er die grausame und unmenschliche Geschichte dieses Kriegsabschnittes erzählt.

Zu Beginn des Kriegseinsatzes wird schnell deutlich, dass die finnischen Truppen nicht nur zahlenmäßig, sondern auch von der Ausstattung her unterlegen sind: Anzüge und Schuhe sind zu klein, die Waffen veraltet und die Zustände an der Front miserabel. Dennoch leisten die Finnen trotz offensichtlicher Unterlegenheit effektiven Widerstand und schlagen im tiefsten Winter verlustreiche Schlachten um jeden Meter finnisches Land.

winterkrieg_3 Dieser Krieg um finnisches Territorium forderte allein 200.000–300.000 Opfer, ein großer Teil davon durch Erfrierungen und mangelnde Versorgung mit Kleidung und Nahrungsmitteln. Das Grauen des Krieges wird durch die kompromisslose Inszenierung greifbar wie selten. Parikka wählt starke Bilder von brutalen Schlachten und enormen Qualen der Soldaten und zeigt das Ausmaß der Angriffe durch schonungslose Momente: In Teile zerspringende Menschen, brennende Körper, Tote unter fahrenden Panzern.

Aus Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit in den Gesichtern der Protagonisten wird Abgestumpftheit. Er erinnert an Vertreter wie Im Westen nichts Neues (1979), der ebenso wie Winterkrieg durch seine nüchterne Betrachtung des Geschehens zu fesseln weiß.

Weite Landschaftsaufnahmen vom graugefärbten Schnee der finnischen Tundra und des noch graueren Himmels fangen die bedrückende Stimmung gekonnt ein und lassen die winterliche Kriegshölle noch auswegloser erscheinen. Dass der Kriegsfilm aus dem Jahre 1989 stammt merkt man kaum, da es sich um ein historisches Thema handelt. Die durchweg echten Explosionen wirken authentischer als mancher digitale Effekt aus der heutigen Zeit.

winterkrieg_4 Die dreistündige Originalversion wurde auf gute zwei Stunden Spielzeit gekürzt. In der zweistündigen Fassung kommt die Charakterentwicklung der Protagonisten allerdings um einiges zu kurz. Taneli Mäkelä trägt die Handlung über weiten Strecken allein. Schicksale und Hintergründe zu weiteren Figuren werden lediglich angeschnitten und gehen im Chaos der Schützengräben schnell unter.

Hervorzuheben sind jedoch die Szenen, in denen man zwischen den Angriffen versucht ein Stück Normalität aufrecht zu erhalten. Kurze Momente, in denen Mandoline gespielt, eine echte finnische Sauna gebaut und sogar ein Weihnachtsgottesdienst abgehalten wird, zeigen, dass trotz der brutalen Schlachten noch Menschlichkeit in den Figuren steckt.

Das Ende des Films kommt jedoch sehr plötzlich und wirkt fast ein wenig beiläufig. Auf patriotisch ausgeschlachtete Sieger/ Verlierer-Szenen wartet man hier vergeblich, was die Erzählweise jedoch besonders macht. Denn im Krieg gibt es keine Gewinner. Der Zuschauer bekommt einen authentischen Kriegsfilm geboten, der bis zum Erscheinen des Films Dark Floors im Jahr 2008 die teuerste Produktion Finnlands war.

Große Bilder und eine authentische Ausstattung machen Winterkrieg zu einer Produktion auf hohem Niveau, die modernen Vertretern in nichts nachsteht. Parikka schafft einen sowohl für die damalige als auch heutige Zeit herausragenden Antikriegsfilm, der auch nach 26 Jahren kaum etwas von seiner Wirkung eingebüßt hat und durch schonungslosen Realismus überzeugt.

Cast & Crew

Regie: Pekka Parikka
Drehbuch: Pekka Parikka, Antti Tuuri
Musik: Juha Tikka
Darsteller: Taneli Mäkelä, Vesa Vierikko, Timo Torikka, Heikki Paavilainen, Antti Raivio, Esko Kovero

Bewertung

Bewertung_8

20th Nov2015

Victoria (2015) | Filmkritik

von MaryChloe

Victoria

Die junge Spanierin Victoria (Laia Costa) ist neu in Berlin und spricht so gut wie kein Deutsch. Nach einer durchzechten Partynacht in einem Elektro-Club trifft sie auf eine vierköpfige Berliner Männerclique, die sich als Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) vorstellen.

victoria_1 Victoria begleitet die Jungs spontan auf ein Bier und Sonnenaufgang gucken auf ein Dach in der Nähe. Als sich zwischen ihr und Sonne gegenseitiges Interesse entwickelt, nehmen die Ereignisse dieser Nacht eine unerwartete Wendung. Boxer schuldet dem Gangster Andi (André M. Hennicke) einen Gefallen, weil dieser im Gefängnis für seine Sicherheit sorgte. Ein Banküberfall soll 50.000 Euro einbringen und in den nächsten Minuten durchgezogen werden. Weil Fuß zu betrunken ist soll Victoria als Fahrerin des geklauten Fluchtwagens einspringen. Ehe sie so recht versteht was eigentlich geschieht, findet sie sich nach der anfänglichen Euphorie als Komplizin einer folgenschweren Straftat wieder und eine turbulente Kettenreaktion nimmt ihren Lauf.

Dröhnende Beats und Stroboskopgeflatter leiten die unglaubliche Geschichte eines frühen Berliner Morgens ein, an dem vier Männer und eine junge Frau sich zufällig am Eingang eines Technoklubs begegnen und deren weiterer Verlauf den Zuschauer für 140 Minuten in den Bann zieht. Seite an Seite mit den Figuren erlebt das Publikum in Echtzeit die nervenaufreibenden Ereignisse rund um einen folgenschweren Banküberfall.

Das Besondere: Victoria wurde in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht und verzichtet komplett auf Schnitte. Das Team hat insgesamt zwei Monate am Film geprobt, bevor die finalen drei Plansequenzen ohne Unterbrechung gedreht wurden. Bis zum Drehschluss hat es kein Dialogbuch, sondern nur ein zwölfseitiges Drehbuch gegeben. Die Dialoge sind aus der Situation heraus improvisiert.

victoria_2 Kameramann Sturla Brandth Grøvlen folgte den Darstellern permanent mit seiner Canon C300 und liefert ein kameratechnisches Glanzwerk, das anders als Alejandro Gonzáles Inarritus Birdman (2014) auch ohne Computertricks auskommt. Hier sind weder Lichtverhältnisse noch Positionen der Darsteller perfekt, aber genau das verleiht dem Film die Intensität und Dynamik, die ihn ausmacht.

Die finale Fassung wurde am 27. April 2014 zwischen 4:30 und 7:00 Uhr in Berlin-Kreuzberg und Berlin-Mitte in insgesamt 22 Locations gedreht. Dem Regisseur Sebastian Schipper standen sechs Regieassistenten, drei Teams für den Ton und 150 Statisten zur Verfügung. In Victoria verbinden sich (produktions-)technische Raffinerie und großartige Schauspielerei.

Die beiden Hauptdarsteller tragen den Film quasi im Alleingang. Laia Costa, die bisher hauptsächlich im spanischen TV zu sehen war, besitzt als Victoria eine bewundernswerte Leinwandpräsenz und dürfte sich mit dieser Rolle internationale Aufmerksamkeit erworben haben. Sie vereint die richtige Mischung aus Unscheinbarkeit, Neugier und Verrücktheit, so dass ihr Handeln zwar überrascht, aber nachvollziehbar ist. Bis auf wenige Ausnahmen bleibt die Kamera an ihren Fersen, so ist sie Trägerin und Zentrum des Films. Ur-Berliner Frederick Lau, den man aus Die Welle (2008) und Traumfrauen (2015) kennt, performt den Kleinkriminellen Sonne, der mit seiner Berliner Schnauze und frechen Art schnell bei Victoria punktet, mit großer Leichtigkeit.

Auch die Nebenrollen sind mit Franz Rogowski, Burak Yiğit, Max Mauff bestens besetzt und überzeugend gespielt. Franz Rogowski konnte bereits in Love Steaks (2013) sein Talent für mit Improvisationen zum Besten geben. Dank der darstellerischen Leistungen aller Beteiligten fällt es auch gar nicht so sehr auf, dass die Figuren im Grunde ziemlich platt sind.

victoria_3 Dass so ein Ereignis kein gutes Ende nehmen kann, wird dem Zuschauer schnell bewusst. Da sich die Figuren vor allem im letzten Drittel des Films ausgesprochen dumm verhalten, ist Mitleid mit diesen schwierig, doch spannend ist der Verlauf allemal. Interessant ist zudem die Entwicklung der Charaktere in kürzester Zeit. Begegnen wir zu Beginn noch smarten Jungs, die in einem wilden Mischmasch aus Englisch und Deutsch auf Victoria einreden und sie zum Bierklau anstiften, sitzen plötzlich alle in einem geklauten Auto und sind unterwegs zu einem Bankraub. Und so kommen blitzschnell ganz andere Charakterzüge zum Vorschein als angenommen. Die zum Ende hin abstruse und unlogische Handlung sowie das gnadenlos dämliche Agieren der Protagonisten machen den Film trotzdem nicht weniger sehenswert. Vor allem in den wenigen Momenten, wo die Kamera nicht unmittelbar auf das Geschehen hält, wird extreme Spannung aufgebaut.

Mit der Dreh- und Spielzeit zwischen 4.30 Uhr und 7 Uhr fängt Victoria einen Teil des Tages ein, der zeigt, dass Berlin niemals schläft. Der Film präsentiert die ungeschnittene Realität Berlins und zeigt in eindrucksvoller Weise, wie ein Film ohne jeden Cut oder Effekt in nur zweieinhalb Stunden von heiter amüsant und todernst wandeln kann.

Nicht umsonst sahnte der Film beim Deutschen Filmpreis 2015 ordentlich ab. Regisseur Sebastian Schipper, dessen erster Regiefilm Absolute Giganten 2000 den Deutschen Filmpreis in Silber gewann, wurde als bester Regisseur ausgezeichnet und erhielt dem Filmpreis in Gold für den besten abendfüllenden Spielfilm. Neben beiden Hauptdarstellern für die beste darstellerische Leistung und der besten Filmmusik gewann auch Kameramann Sturla Brandth Grøvlen einen Silbernen Bären.

Der Film schafft es trotz seiner Länge zu fesseln und bietet trotz platter Figuren und vorhersehbarer Story ein rauschendes Filmerlebnis. Aus technischer und schauspielerischer Sicht ist Schippe mit Victoria ein Meisterwerk des deutschen Kinos gelungen, das durch seine Machart gekonnt über dramaturgische Schwächen hinweg täuscht und den Zuschauer in jeder der 140 Minuten mitreißt.

Bewertung

Bewertung_9

Trailer

Informationen
Victoria (2015)
138 min|Crime, Drama, Romance, Thriller|11 Jun 2015
7.7IMDB-Wertung: 7.7 / 10 von 43,071 Nutzern
Mitten in der Nacht lernt die junge Spanierin Victoria vor einem Club in Berlin die vier Freunde Sonne, Boxer, Blinker und Fuß kennen. Schnell kommen sich die Frau aus Madrid und der draufgängerische Sonne näher. Doch für die Jungs fängt die Nacht gerade erst an. Um eine Schuld bei Gangster Andi begleichen zu können, sehen sich die Vier gezwungen, eine krumme Sache durchzuziehen...
18th Nov2015

Breaking Thru (2015) | Filmkritik

von MaryChloe

Breaking Thru

Breaking Thru – der Durchbruch! Casey (Sophia Aguiar) und ihre Freunde wünschen sich nichts sehnlicher, als mit einem Tanzvideo groß rauszukommen. Sie arbeiten unermüdlich an Aufnahmen, die sie auf YouTube veröffentlichen, doch die Klickzahlen bleiben zu ihrer großen Enttäuschung weit unter den Erwartungen. Als Talent-Scout Quinn (Jay Ellis) auf sie aufmerksam wird und die Mittel für ein professionelles Video zur Verfügung stellt, kann Casey ihr Glück kaum fassen. Die Freunde sind zunächst begeistert, da sie nun endlich ein gutes Video aufnehmen können. Doch bald zeigt sich, dass Quinn eigentlich nur an Casey und ihren Choreographien interessiert ist. Während Casey den Weg zum Ruhm weiter voranschreitet, müssen die anderen immer mehr in den Hintergrund treten.

breaking_thru_1 Zum Internet-Star gemausert, fangen für Casey die eigentlichen Probleme erst an, denn sie muss das Gleichgewicht zwischen ihrer Online-Persönlichkeit und ihrer wahren Identität erst noch finden. Der aufstrebenden Tänzerin wird nur langsam bewusst, dass sie bald sehr viel mehr verlieren als gewinnen könnte.

Das Debakel um die YouTube Prominenz von heute, irgendwo zwischen Zuneigung und Distanz, ist gerade in aller Munde und somit trifft der Tanzfilm Breaking Thru rein thematisch schon einmal den Nerv der Zeit. Wie viele junge Menschen träumen auch die fünf Protagonisten von einem Durchbruch in den Sozialen Medien. Wie so oft werden die Schattenseiten erst hinterher bekannt: Tänzerin Casey schafft es durch viel Glück zur Youtube-Sensation, muss aber überlegen, wie viel sie dabei von sich selbst und ihrer eigenen Kreativität bereit ist, aufzugeben.

Dass die Klickzahlen auf Youtube zu Beginn des Films ausbleiben, scheint für die fünfköpfige Dancecrew unverständlich, dem Zuschauer wird der Grund allerdings schnell offensichtlich: Die Moves sind eintönig, asynchron und irgendwo hat man alles schon einmal gesehen. Selbst als Talent-Scout Quinn die Videos finanziert und aufwertet, wirken diese zwar optisch ansprechend, doch die Choreographie schafft es nicht mitzureißen.

breaking_thru_2 Dass das, was nicht ist, noch werden kann, zeigt sich jedoch im Verlauf des Films. Das Erzähltempo legt ebenso zu wie das Niveau der Danceperformances. Höhepunkte bieten ein Tanzduett von Casey und Beinahe-Lover JJ (Jordan Rodrigues), welches zum ersten Mal Emotionen beim Tanzen vermittelt, sowie eine Performance vor einer animierten Leinwand, die mitreißt und optisch überzeugt. Vor allem die Musik von Lindsay Sterling bleibt hier im Gedächtnis und verleiht der tänzerischen Darbietung Intensität.

Breaking Thru wird von John Swetnam inszeniert, der als Drehbuchautor bereits am Musikfilm Step Up: All In mitwirkte. An bekannte und erfolgreiche Tanzfilme wie Honey oder Save the Last Dance muss sich dieser Beitrag jedoch hinten anstellen. Musikalisch gesehen folgt der Film vielen Genres, so sind Hip Hop-Elemente ebenso von der Partie wie Pop, R&B und Eigthies. R&B-Musiker und –Songwriter John Legend, der für Breaking Thru als Producer mitwirkt und in diesem Jahr den Oscar für den Besten Filmsong einheimste, beweist somit gutes Gespür in der Auswahl von Titel. Die Konzentration der Tanzgruppe auf ein bestimmtes Genre hätte der Story jedoch mehr Glaubwürdigkeit verliehen.

YouTube beziffert seine Nutzerzahl auf mehr als eine Milliarde weltweit. Jede Minute wird Videomaterial in einer Länge von rund 300 Stunden hochgeladen. Selbst wenn sich viele junge Menschen durch einen eigenen Kanal zum YouTube Hit mausern, ist der Job kein Zuckerschlecken: Hohe Erwartungen, ein straffer Zeitplan, Konkurrenz und Hasskommentare setzen den YouTubern zu und erwarten viel Durchhaltevermögen.

breaking_thru_3 Auf solche Hürden wurde im Film allerdings verzichtet. Im Verlaufe der Geschichte zeigt sich, dass das eigentliche Problem nicht der YouTube-Wahn, sondern eher Caseys schlechte Laune und ihr fallendes Interesse an ihren Mitmenschen. Hier hätte das Potential, die Generation YouTube kritisch zu beäugen, viel mehr ausgeschöpft werden können. Wie sehr Casey darunter leidet, wie sie kurz vorm Nervenzusammenbruch steht, wie sie im YouTube Himmel steigt und fällt, auf all das wartet man vergeblich. In dem Freundin Tara (Marissa Heart) Opfer von Cybermobbing wird, wird damit eine wichtige Kehrseite der Videoplattformen thematisiert, jedoch nicht weiter aufgegriffen oder gelöst.

Ungelöste oder gar nicht erst angesprochene Konflikte und oberflächliche Dialoge tragen dazu bei, dass keiner der Figuren die notwendige Tiefe vermittelt wird, so dass man mit diesen sympathisiert und mitfiebert. Hinzu kommt noch eine unharmonische und in der Story aufgesetzt wirkende Liebesgeschichte.

Am Ende liefert John Swetnam einen leider nur mittelmäßigen Tanzfilm mit ein paar guten Moves und einem stimmigen Soundtrack, dessen überwiegend fade Erzählweise und oberflächliche Charaktere den richtigen Beat nicht aufs Publikum übertragen können.

Cast & Crew

Regie: John Swetnam
Drehbuch: John Swetnam
Musik: John Legend
Darsteller: Sophia Aguiar, Jordan Rodrigues, Jay Ellis, Robert Roldan, Marissa Heart, Taeko McCarroll, Julie Warner, Dominic Sandoval

Bewertung

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