07th Jan2016

American Horror Story S03 | Serienkritik

von Frederik Heinen

American Horror Story

Nach dem Ausflug in ein Irrenhaus in den 60er Jahren kehrt die dritte Staffel der Reihe American Horror Story zurück in die Neuzeit. Örtlich verbleibt die Serie jedoch an der Ostküste des Landes und der Zuschauer findet sich nach Neuengland in der Metropole New Orleans im Süden der Vereinigten Staaten wieder.

americanhorrorstorycoven_1 Hier hat der Hexenzirkel, rund um Leiterin Cordelia (Sarah Paulson), nach der Verfolgung der Hexen in Salem Zuflucht gesucht. Heute ist der Kult jedoch um einiges stiller geworden und agiert nur noch verdeckt von der Öffentlichkeit. Das einst überfüllte Haus der Hexen beheimatet neben der Leiterin Cordelia lediglich die Gedanken lesende Nan (Jamie Brewer), die menschliche Voodoo-Puppe Queenie (Gabourey Sidibe) und die Feuer kontrollierende Madison (Emma Roberts), als sich die junge Zoe (Taissa Farmiga) nach einem tödlichen Zwischenfall in der Anstalt wieder findet.

Die Handlung folgt der viel versprechenden Junghexe, während diese ihre eigenen und die Kräfte der anderen Mädchen näher kennenlernt und versteht, was es bedeutet eine Hexe zu sein. Doch mit ihrer Ankunft kehrt plötzlich die Oberste Hexe, und Mutter von Cordelia Fiona (Jessica Lange), mit der Botschaft zurück, dass ihre Nachfolgerin sich zu erheben scheint und an Kräften zunimmt. Wer wird sich als ebenbürtig erweisen und den Thron nach der mächtigen, wie berüchtigten Fiona besteigen?

Als sich auch noch die Ortsansässige Voodoo-Königin Marie Laveau (Angela Bassett) einmischt und ein Gefecht zwischen den beiden übernatürlichen Gruppierungen bevor zu stehen scheint, ist eine starke Leitung der Hexen wichtiger als je zuvor.

American Horror Story: Coven erzählt die Geschichte von heranwachsenden jungen Damen, die neben ihren pubertären Gefühlen und Problemen auch noch die Bürde von übernatürlichen Kräften zu tragen haben, welche sie mindestens so oft in gefährliche Situationen zu bringen scheinen, wie sie ihnen auch einen Ausweg bieten. So suchen die Mädchen nach möglichen Partnern und geraten durch ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten immer wieder in Konflikte und Auseinandersetzungen.

americanhorrorstorycoven_2 Nach einem Besuch der Stadt beschließen die Hexen nach einem Tipp von Nan, die mit ewigem Leben verfluchte Madama Lalaurie (Kathy Bates) aus ihrem Grab zu befreien. Doch sie ahnen noch nicht, dass es sich bei der ehemaligen prominenten Adelsdame um die Erzfeindin der ebenfalls unsterblichen Marie Laveau handelt; ihrerseits der Kopf des Voodoo-Zirkels in New Orleans. Waren die beiden Gruppen zu Beginn noch bitter verfeindet, als die Hexen aus Salem in das Territorium der Voodoo-Königin flohen, hatte man später eine Abmachung gefunden, welche den beiden Clans mehr Kämpfe und Blutvergießen ersparen sollte. Doch der Auftritt eines gemeinsamen Feindes scheint die Fronten ein weiteres Mal zu verschieben.

Aber auch abseits der großen Stadt entdeckt eine junge Hexe ihre Kräfte und trifft nur durch einen Zufall auf den Zirkel. Die lebensfrohe aber schüchterne Misty (Lily Rabe) lebt zurückgezogen in den Sümpfen von New Orleans. Fasziniert von Stevie Nyx zieht sie es vor, abseits jeglicher Zivilisation zu leben und sich stattdessen der Natur zu widmen. Sie fokussiert sich auf das Beschützen der Wälder und seiner Bewohner. Als sie aber auf die anderen Hexen trifft, fühlt sie sich plötzlich akzeptiert und schließt sich ihnen an. Auf einmal ist so auch eine Fremde im Rennen um die neue Oberste. Ist die junge Misty dazu bestimmt den Zirkel in ein neues Zeitalter zu führen?

Entgegen der ersten beiden Staffeln (aber ähnlich der vierten) konzentriert sich Coven weniger auf die Entwicklung von Schockmomenten oder grausamen Figuren, sondern viel mehr auf eine Bandbreite interessanter, wichtiger Charaktere. So gibt es keine durchgehende, klare Protagonistin wie Lana Winters in der zweiten Staffel, sondern eine Gruppe Mädchen, zusammengeführt durch ihre einzigartigen Fähigkeiten. Doch auch neben dem Zirkel sind wichtige Mitspieler wie Kyle (Evan Peters) oder Spalding (Denis O’Hare) klar definierte Figuren mit einem komplexen Hintergrund. Speziell die Figur des Butlers Spalding ist überraschend, tragisch und emotional erzählt. Der Beobachter bleibt so immer an der Zukunft der Charaktere interessiert und tief in der Geschichte involviert.

americanhorrorstorycoven_3 Ein weiteres Mal nach Asylum beweist sich Jessica Lange als überzeugende und emotional bindende Schauspielerin. Der Charakter der Fiona ist ähnlich ihrer Rolle als Schwester Jude in Asylum furchterregend wie tragisch. Ihre aggressive Art, wie sie beispielsweise versucht ihre Nachfolgerinnen zu sabotieren, trifft auf ihre Angst des Alterns und eines Status Verlustes. So agiert sie als eine Mischung aus Antagonist und Antiheld, die ihre Rolle in der seltsamen Welt sucht, in der sie gefangen ist. Auch treibt sie den von Frauen definierten Cast stark an und zeigt sich als eine starke, emanzipierte weibliche Darstellerin, die sich niemals von dem anderen Geschlecht unterdrücken lässt.

Mit der verstörendsten Rolle gesegnet ist Denis O’Hare als Spalding – ein wunderbares Beispiel für die verworrenen, schwer definierbaren Figuren in American Horror Story. Wunderschön gruselig und gleichzeitig einfühlsam kümmert er sich um den Zirkel wie um seine eigene Familie. Neben Emma Roberts und Angela Bassett debütiert zudem Kathy Bates in der erfreulich vielseitigen Rolle der Madame Delphine Lalaurie und zeigt sich als erbarmungslose Mörderin. Sie rundet den frauenstarken Cast ab und beginnt in der Staffel ihre hoffentlich lange Karriere mit der Serie.

Ein weiteres Mal betritt die Serie in seiner dritten Auskopplung Neuland. Klar sind Ähnlichkeiten zu den vorherigen Staffeln erkennbar, besonders in der Erzählstruktur, doch zeigt die Geschichte rund um Cordelia und ihre Schülerinnen interessante neue Ansätze, rund um die Probleme von den Teenagern und die Entwicklung der jungen Frauen. Der Zuschauer wird in den spannenden Beziehungen in und rund um den Zirkel eingefangen und fiebert stets mit den Figuren mit, die sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen müssen. Ständig enthüllen sich Wendungen oder neue Spieler werden vorgestellt, welche die Hexen auf verschiedenste Weise beeinflussen.

Auch wenn die Gruselszenen im Vergleich zu den vorherigen Staffeln klar zurückgefahren werden, so mangelt es dennoch nicht an Brutalität oder Ekel. Die Serie bleibt somit nichts für schwache Nerven, doch wer sich bereits mit Haunted House und Asylum unterhalten ließ, darf sich auf eine weitere schamlos grausame Fahrt freuen

Episodenübersicht zu American Horror Story

Cast & Crew

Idee: Ryan Murphy, Brad Falchuk
Darsteller: Sarah Paulson, Taissa Farmiga, Frances Conroy, Evan Peters, Lily Rabe, Emma Roberts, Denis O’Hare, Kathy Bates, Jessica Lange

Bewertung

Bewertung_9

Bilder: © Netflix

06th Jan2016

Snowpiercer (2013) | Filmkritik

von Frederik Heinen

Snowpiercer

Endzeitfilme und düstere Zukunftsaussichten gibt es in der Filmgeschichte bereits mehr als genug. Sei es das, durch mehrere Filme etablierte, Mad Max-Universum oder Klassiker wie 1984. An Endzeitszenarios mangelt es wahrhaftig nicht in der Filmlandschaft, doch mit Snowpiercer bietet der südkoreanische Erfolgsregisseur Joon Ho Bong (The Host) einen neuen Blickwinkel und eine erfrischende neue Idee in der Welt des Sci-Fi.

snowpiercer_1 Die Erde leidet seit Jahren unter einem unaufhörlichen Blizzard, welcher den Planeten schließlich völlig mit einer Eisdecke belegt und so die Menschen von der Oberfläche verscheucht hat. Stattdessen leben die wenigen Überlebenden in einem Zug, welcher unaufhörlich die Erde umkreist und den Letzten, vor dem Winter geflohenen, Schutz bietet.

Seit nunmehr 18 Jahren ist der Snowpiercer auf der Erde unterwegs. Doch mit der Beladung des Zuges wurden auch unterschiedliche Ebenen geschaffen. Menschen werden in zwei Klassen unterteilt und in die einzelnen Waggons des Zuges versetzt. Die Unterschicht findet sich am Ende des Snowpiercer auf engstem Raume zusammen gepfercht, während die obere Schicht den vorderen Teil des Zuges sein Eigen nennen kann. Doch der aufständische Curtis (Chris Evans) hat genug gesehen und beschließt schon seit geraumer Zeit einen Umsturz. Als die Oberschicht ein weiteres Mal zwei Kinder ohne erdenklichen Grund entführt, beginnt die Gruppe rund um Curtis, Edgar (Jamie Bell) und Gilliam (John Hurt) einen gewaltsamen Übernahmeversuch des Zuges.

Der Trupp kämpft sich in der Arche immer weiter nach vorne durch und behauptet sich durch List und Planung gegen die sonst übermächtige obere Gesellschaft. Doch der Weg durch den Zug ist weit und so sehen sich die mutigen Aufständischen immer wieder mit Problemen und schweren Konflikten konfrontiert.

snowpiercer_2 Snowpiercer erzählt die so typische Geschichte eines Aufstands in einem totalitären Regime. Die Klassen und Grenzen sind visuell wie erzählerisch schön und anschaulich präsentiert und die Kämpfe im Verlaufe des Putschversuches sind großartig choreographiert. Der Zug scheint einfach kein Ende zu nehmen und aus dem tristen, deprimierenden Endstück des Zuges eröffnet sich den Meuterern plötzlich eine ganz neue Welt als sie der Spitze des Zuges näher kommen. Immer mehr wird ihnen die Ungerechtigkeit klar, die ihnen erfahren ist und je weiter sie voran rücken, desto mehr soziale Abgründe eröffnen sich den starken Kämpfern.

Visuell ist Snowpiercer ein absoluter Augenschmaus. Die verschiedenen Abteile zeigen große Unterschiede und bieten dem Zuschauer immer wieder etwas Neues. Das Design der Sets ist so vielseitig wie einfallsreich und die neuen Sphären, die der Zug offenbart, zeigen immer wieder, vor allem verglichen zu dem zu Beginn sehr prominenten, kargen Ende des Zuges eine grandiose Vielfalt von Ideen. Der Zug ist nicht nur eine letzte Arche, sondern zeigt sich immer mehr als ein in sich geschlossener, funktionierender ökologischer Haushalt. Auch die Welt, die den Zug umgibt ist als verlassene, karge und raue Winterlandschaft beeindruckend wie furchterregend gestaltet. Auch wenn einige CGI-Effekte des Zuges von außen eher weniger beeindruckend sind, so ist die Welt dennoch glaubwürdig und nachvollziehbar gestaltet.

snowpiercer_3 Leider täuscht genau dieses schöne Design und Aussehen häufig über die sonstige Banalität des Filmes hinweg. Viele Charaktere, speziell die Gegenspieler des Aufstands, sind gesichtslos und bleiben so meist in ihren Handlungen nicht nachvollziehbar. Häufig werden neue Antagonisten einfach aus dem Blauen vorgestellt und entpuppen sich zu neuen starken Gegenspielern ohne jemals zu beweisen, wie sie zu dieser Stellung gekommen sind, welche sie innehalten und weswegen ihre Taten von ihrem Umfeld geduldet werden. Glücklicherweise sind die Leiter des Zuges wie Wilford (Ed Harris) und Mason (Tilda Swinton) formvollendet charakterisiert und zeigen auch klare Motive. Persönlichkeiten, die speziell zu Beginn wie wichtige Drahtzieher wirken, entpuppen sich dagegen lediglich als Handlanger und Mithelfer.

Durch die zahlreichen, unterhaltsamen und grundverschiedenen Sphären des Zuges geben sich auch immer wieder starke Diskrepanzen im Sinne der Größe der Wagons. Zeigen sich die Dimensionen des Snowpiercer von außen an allen Stellen gleich, so variiert die tatsächliche Größe innerhalb eines Waggons zwischen einem kleinen, engen Gang bis hin zu einem riesigen Aquarium. Erklärungen hierfür gibt es nicht, stattdessen fokussiert man sich auf die wunderbaren Abwechslungen und das visuelle Spektakel. Allgemein arbeitet der Film häufig mit Pacing und Zeitmanagement, wie es in den meisten Hollywoodfilmen unüblich ist. Das Exposé zu Beginn des Films könnte nicht schneller erzählt werden, während einige spätere Szenen unnötig lang gezogen wirken. Dies ist aber dem bekannten Stil des Regisseurs zuzuschreiben und keinesfalls einem Unvermögen.

Man kann nicht oft genug erwähnen wie viel Liebe in Snowpiercer steckt. Auch wenn der Film durch seinen starken Cast wie eine Hollywoodproduktion wirkt, so ist er ganz klar ein typisches Stück asiatische Filmkunst. Die Choreographien sind zwar häufig unübersichtlich aber wunderschön inszeniert, die Designs der unterschiedlichen Fraktionen sind haarsträubend aber faszinierend zugleich.

snowpiercer_4 Es gibt zahlreiche Wendungen, hinterhältige Spiele und Sabotagen auf diesem grandiosen Weg zur Front des Zuges. Tilda Swinton (Die Chroniken von Narnia) ist genauso anstrengend wie unterhaltsam und Chris Evans (The Avengers) brilliert in seiner Rolle als unfreiwilliger Führer seiner Truppe.

Auch wenn sein Charakter zum Ende des Filmes einige seltsame Eigenschaften aufweist und auch sein Monolog sehr weit hergeholt scheint, so zeigt der Schauspieler einen glaubwürdigen, verzweifelten Kämpfer für Gerechtigkeit. Der internationale Cast um Jamie Bell (Billy Elliot) und Kang-ho Song (The Host) rundet das Paket ab und malt ein buntes Bild eines Zuges, welcher die letzten Überlebenden einer globalen Katastrophe beheimatet.

Joon Ho Bong hat mit diesem Film einen weiteren klaren, unterhaltsamen Hit gelandet. Nicht nur zeichnet er eine neue Interpretation der nahen Zukunft in einem Endzeitszenario, sondern tut dies mit einem nachvollziehbaren, wunderschönen Stil, der funktioniert und den Zuschauer schnell in seinen Bann zieht. Die Diskrepanzen zwischen arm und reich, schwach und mächtig werden visuell deutlich veranschaulicht und der Beobachter stellt sich niemals gewollt die Frage, wer in diesem Film Pro- oder Antagonist ist.

Doch kämpft der Film mit zahlreichen Logikfehlern. Angefangen bei den verwendeten Waffen, der Größe des Zuges bis hin zu den letztendlichen Intentionen wie auch Fähigkeiten einiger Figuren. Doch Snowpiercer lebt ohnehin vielmehr von dem erstaunlichen Spektakel, welches er dem Zuschauer bietet. Der Film ist Feuerwerk an Action, Sci-Fi auf hohem Niveau und die Zeichnung einer komplexen, verworrenen Welt, wie es nicht oft der Fall ist. Die Welt ist so detailreich und bedacht kreiert, dass man sich nur zu gerne in ihr verliert. Der Snowpiercer ist
für jeden Freiwilligen definitiv eine Reise wert.

Cast & Crew

Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Kelly Masterson
Musik: Marco Beltrami
Darsteller: Chris Evans, Song Kang-ho, Tilda Swinton, Jamie Bell, Octavia Spencer, Ewen Bremner, Go Ah-sung, Alison Pill, Vlad Ivanov, Luke Pasqualino, John Hurt, Ed Harris

Bewertung

Bewertung_7

29th Dez2015

Jessabelle – Die Vorhersehung (2014) | Filmkritik

von Frederik Heinen

Jessabelle

Ein Mädchen kehrt aus persönlichen Gründen nach vielen Jahren in das Haus ihrer Kindheit zurück, um für eine Weile mit ihrem Vater zusammen zu wohnen. Schnell bemerkt die junge Frau jedoch, dass etwas mit dem Haus nicht stimmt. Spukt es in den alten Gemäuern oder sind es lediglich ihre Visionen, die sie plagen. Klingt wie eine neue, einzigartige Geschichte? Bestimmt nicht, aber ein Film muss das Rad ja auch nicht neu erfinden, um unterhaltsam zu sein. Jessabelle arbeitet genau in den simplen Sphären, die Horrorfilme häufig definieren, bleibt dabei aber eine angenehme, kurzweilige Abendunterhaltung für Fans des Genres.

jessabelle_1 Jessie (Sarah Snook) steht mit beiden Beinen fest im Leben und ist bereit, ein neues Leben mit ihrem Partner zu beginnen als ein plötzlicher Autounfall sie aus ihrer scheinbaren Idylle reißt. Die Kollision mit einem Lastwagen nimmt ihr nicht nur den Verlobten (Brian Hallisay), sondern führt auch zu einer Fehlgeburt und bindet sie obendrein für eine längere Zeit an den Rollstuhl.

Gebrochen und erschüttert sieht sich die junge Frau gezwungen ihren Vater Leon (David Andrews) zu kontaktieren, mit welchem sie seit Jahren keinen Kontakt hatte. Ihre Mutter war bereits kurz nach ihrer Geburt durch einen Gehirntumor von ihr gegangen. Bereits kurz nach ihrer Ankunft bemerkt Jessie, dass das alte Haus ein Geheimnis birgt und auch ihr Vater benimmt sich merkwürdig. Als Jessie mehrere verstörende Videoaufnahmen ihrer Mutter Kate (Joelle Carter) findet und sie von Alpträumen geplagt wird, scheint der Horror perfekt.

Unterstützt wird Jessie von ihrem alten Schulfreund Preston (Mark Webber), welcher ihr trotz der Skepsis seiner Ehefrau hilft, die Wahrheit hinter dem Geheimnis zu lüften. Was steckt hinter dem Mädchen, welches Jessie terrorisiert und was haben die Botschaften ihrer Mutter aus dem Jenseits damit zu tun?

jessabelle_2 Jessabelle erfindet, wie schon erwähnt, das Rad nicht neu. Der Film arbeitet mit altbewährten Mitteln des Horrorgenres und bietet dem erfahrenen Gruselfan wahrscheinlich nichts was er nicht schon einmal gesehen hat. Die Schockmomente, gruseligen Zufälle und der Spuk, den das Haus erfährt, sind nichts, was es nicht bereits in unzähligen Filmen gegeben hat. Doch dem Film ist durchaus zuzuschreiben, dass er sich entgegen vieler seiner Filmkollegen nicht von Schreck zu Schreck hangelt.

Stattdessen nimmt er sich Zeit die Geschichte etwas genauer zu umschreiben und konfrontiert den Zuschauer nicht vehement mit den gruseligen Visionen des Hauptcharakters. Eher wird genau erkundet wie es zu der aktuellen Situation gekommen ist und welche Ereignisse das Unheil, welches das alte Haus heimsucht, eingeleitet haben. Nun ob diese Erklärungen schlüssig sind, ist wohl eine ganz andere Frage.

Wie viele Horrorfilme kämpft der Film mit Logik und Realismus. Selbstverständlich muss der Zuschauer sich in einem gewissen Maß von Realität entfernen und sich in einer Welt voller Grusel verlieren, doch sollte auch das nicht eine schwer nachvollziehbare Handlung als korrekt titulieren. So ist der Charakter des Vaters den Film durchweg nur sehr schwer nachvollziehbar und die Emotionen, welche Jessie nach dem lebensveränderten Unfall zeigt sind nahezu nicht vorhanden.

jessabelle_3 Aufgrund einer mittelmäßigen Performance der meisten Darsteller, der höchst fragwürdigen Motiven und Handlungen einzelner Personen, kratzt die Geschichte immer wieder an der Schmerzgrenze der Glaubwürdigkeit. Speziell eine Szene, welche hier nicht näher erläutert werden soll, beheimatet eine unfassbar haarsträubende Aktion der Hauptcharaktere, die den Zuschauer wirklich daran zweifeln lassen sollte, für die Protagonisten zu fiebern. So macht es sich der Film bei Zeiten doch zu einfach, durch gewisse Handlungen eine Wendung in der Geschichte herbeizurufen ohne jemals einen triftigen Grund für das Vorgehen zu bieten.

Doch dies kann in einer Horrorgeschichte meist verziehen werden. Dass Mark Webber (13 Sins) als alter Schulfreund sein gesamtes Privatleben im Stich lässt, um seiner alten Bekanntschaft zu helfen, kann genauso verziehen werden wie die Erzählung der Hintergrundgeschichte von Sarah Snooks (Predestination) Hauptcharakter in knappen fünf Minuten. Zwar fallen dennoch viele Handlungen einiger Darsteller zum Ende des Films komplett aus dem Rahmen des Nachvollziehbaren, doch kann man dank einer soliden Geschichte und einer netten Auflösung auch gerne darüber hinwegsehen.

Wer sich auch von kleineren technischen Ungereimtheiten was Synchronisation und Kameraführung angeht nicht von einem soliden Horrorstreifen abhalten lässt, darf sich getrost auf das Abenteuer einlassen. Für Fans und Genießer des Genres definitiv kein Muss, aber durchaus einen Blick wert.

Cast & Crew

Regie: Kevin Greutert
Drehbuch: Ben Garant
Musik: Anton Sanko
Darsteller: Sarah Snook, Mark Webber, David Andrews, Joelle Carter, Ana de la Reguera

Bewertung

Bewertung_5

27th Dez2015

Making a Murderer S01 | Serienkritik

von Frederik Heinen

Making a Murderer

Der junge Steven Avery ist gerade mal 23 Jahre alt, als er für eine Vergewaltigung zu einer Gefängnisstrafe von 32 Jahren verurteilt wird. 18 weitere Jahre ziehen ins Land, bevor die Verbesserung von DNA-Methoden Steven Averys Unschuld letztendlich beweisen. 18 Jahre unschuldig im Gefängnis für eine Tat, die er nie begangen hatte. Dies ist nicht die Hintergrundgeschichte für die Dokumentarserie Making a Murderer, sondern lediglich die Prämisse für einen verstörenden, furchterregenden Realthriller, denn nur knapp zwei Jahre nach seiner Entlassung, wird Steven Avery im Jahre 2005 ein weiteres Mal angeklagt. Dieses Mal für einen Mord, der ihn für den Rest seines Lebens hinter Gitter bringen soll.

makingamurderer_1 Making a Murderer ist keine Fantasiegeschichte, sondern die wahre Erzählung des Mordes von Teresa Halbach und der Anklage eines Mannes, der nahezu so viel Zeit seines Lebens hinter Gittern verbracht hatte wie in Freiheit. Die Dokureihe beginnt zunächst mit dem makaberen Fall, welcher Steven Avery bereits im Jahre 1985 in das Gefängnis gebracht hatte. Eine Geschichte von Falschaussagen, ignorierter Beweise und eine Jagd der Justizgewalt auf eine unbeliebte Familie in der Stadt Manitowoc, die die Suche nach einem wahren Mörder völlig überschattet.

Denn Steven hatte Penny Beerntsen nicht vergewaltigt. Beweisfälschungen, getürkte Fahndungsfotos und die schiere Korruption hinter dem Fall eröffnen einen Abgrund, der den Zuschauer schaudern und erkennen lässt, zu was für Taten selbst die Justiz fähig zu sein scheint. Der Fall um Penny Beerntsen kostet Steven Avery 18 Jahre seines Lebens.

Nachdem neue DNA-Befunde den Wisconsin-gebürtigen Avery aus der Haft befreien beschließt dieser, den Staat und die Justizgewalt auf Schadensersatz zu verklagen. Mehrere Politiker unterstützen sein Vorhaben und immer mehr Fakten rund um den ursprünglichen Fall verdeutlichen die Unprofessionalität der Polizeibeamten des Manitowoc County und deren Wunsch Steven Avery hinter Gittern zu halten. Die Klage zieht sich jedoch in die Länge, beeinflusst zwar eine Gesetzesvorlage, die künftigen Opfern von Justizirrtümern helfen soll, doch zu Averys Ungunsten soll sich das Blatt ein weiteres Mal wenden.

makingamurderer_2 Ende 2005 wird Steven Avery ein weiteres Mal verhaftet. Dieses Mal in dem Mordfall um Fotografin Teresa Halbach. Aber je länger die Verhandlungen andauern, umso mehr Ungereimtheiten werden erneut aufgedeckt. Verhöre werden illegal abgehalten, fragwürdige Zeugen als Basis verwendet und wiederholt widersetzt sich das Manitowoc Sheriffs Büro zahlreicher Regeln. Steven Avery findet sich vor Gericht in einem Fall wieder, der viele unlogische Befunde und Widersprüche mit sich bringt. Doch dieses Mal geht es um den Rest seines Lebens. Nutzte Steven Avery seine Situation als bereits falsch Verurteilter aus oder ist er abermals in einem perfiden Spiel der Polizei gegen ihn gefangen?

Die Serie Making a Murderer ist eine spannungsgeladene Achterbahnfahrt, die keine dramatische Vorlage benötigt, sondern beweist wie furchterregend und verstörend die Realität selbst sein kann. Die Erzählung der beiden Fälle, die das Leben von Steven Avery gezeichnet haben, ist mitreißend und gleichzeitig beunruhigend. Trotz seines dokumentarischen Stils zeichnet sich die Serie, wie die meisten Netflix-Produktionen, mit dem Marathoncharakter aus, da immer wieder zum Schluss einer Episode eine neue Erkenntnis oder eine Wendung den Zuschauer am Ball hält und einen Cliffhanger auf die nächste Folge bietet.

makingamurderer_3 Erzählt wird aus der Sicht der Familie, wie auch von Steven Avery selbst, der sich nach seinem Gefängnisaufenthalt versucht wieder in die Gesellschaft einzugliedern bevor er aus dem Nichts ein weiteres Mal in eine Gewalttat verwickelt wird. Die Dokumentation wird hierfür von Interviews mit Anwälten, Familienmitgliedern, Angehörigen des Opfers und Spezialisten im Bereich der Kriminologie unterstützt und malt so ein vollendetes Bild der Geschichte. Die Dokumentation wurde über 10 Jahre produziert und zeigt so die Entwicklung des Falls seit der Tat selbst bis zum heutigen Tag. Aufgrund der Komplexität ist so auch nie eine ruhige Minute über die 10 Episoden gegeben. Ständig erschüttern neue Informationen das Gesamtbild und lassen den Zuschauer an den Fakten und Beweisen zweifeln.

Besonders für Fans von Serien wie Medical Detectives – Geheimnisse der Gerichtsmedizin oder Cold Case Files ist Making a Murderer ein absolutes Muss. Doch beschränkt sich die Sendung nicht auf Labore und Interviews, sondern erzählt eine tief emotionale Geschichte einer Familie, die an der Justiz und ihrer Willkür zerbricht. Davon, sich vor der Serie bei Wikipedia über den Fall schlau zu machen ist absolut abzuraten, da so das Ende der Serie geradezu obsolet ist. Denn Making a Murderer spielt mit dem offenen Ende der Geschichte und dem Kampf der Averys gegen die Polizei.

Die Erzählung der Gerichtsverhandlung ist verstörend, emotional und gleichzeitig furchterregend. Es soll hier nicht zu viel über die spannende Geschichte rund um Steven Avery verraten werden, doch lässt sich ohne Zweifel sagen, dass es sich bei Making a Murderer um eine der spannendsten, mitreißendsten Dokumentationen der letzten Jahre handelt.

Episodenübersicht zu Making a Murderer

Informationen zur Serie

Idee: Laura Ricciardi, Moira Demos
Länge pro Episode: ca. 47-66 Minuten

Bewertung

Bewertung_10

Bilder © Netflix

24th Dez2015

American Horror Story S02 | Serienkritik

von Frederik Heinen

American Horror Story

Nach dem klassischen Geisterhaus, heimgesucht von den Vorbewohnern und Leidensgenossen der Inhaber, schickt uns Ryan Murphy in eine wohl noch düstere Ecke unserer Gesellschaft. Fernab von der Heimatfront und unseren Ängsten in den eigenen vier Wänden spielt die zweite Staffel der Erfolgsserie American Horror Story in einer Irrenanstalt zu Zeiten der 60er Jahre. Die Staffel zeichnet ein perverses Bild von Geistesgestörten und einer sadistischen Leitung, welche die Insassen der Anstalt ihrer Gesundheit kein Stück näher zubringen scheint. So schlägt die zweite Instanz der Reihe in eine ganz neue Kerbe von Angst und Ekel, die aber erneut zu unterhalten weiß.

ahs_asylum_1 Lana Winters (Sarah Paulson) ist eine junge Journalistin mit Hoffnungen auf die große Karriere. Auf der Suche nach einer neuen Story verfolgt sie die Geschichte des Serienmörders „Bloody Face“, der nach dem Mord an seiner eigenen Frau als Kit Walker (Evan Peters) entblößt scheint. Als dieser in das Briarcliff-Institut in Neuengland eingewiesen wird, versucht die Journalistin als erste Person ein Interview mit dem Mörder zu ergattern, doch scheitert an Schwester Jude (Jessica Lange), die den Ruf ihrer Anstalt zu wahren versucht.

Unter dem Vorwand, einen positiven Artikel über das ‚Asylum‘ verfassen zu wollen, gelangt Winters jedoch in die Mauern der Anstalt und versucht ihr Interview zu ergattern. Schnell stellt sich aber heraus, dass die Mauern des Briarcliff-Instituts einiges mehr verschweigen, als sich die junge Reporterin auszumalen vermochte und ehe sie sich versieht, ist sie bereits in der Falle des menschenverachtenden Instituts gefangen und sieht sich dem wahren Gesicht der Irrenanstalt gegenüber.

Nach der einführenden Geschichte der ersten Staffel etabliert American Horror Story mit der zweiten Staffel den Pfad, auf welchen die folgenden Staffeln wandern. Weg von den üblichen, bekannten Horrorgeschichten, bildet die Serie ein Universum, in welchem alles Vor- und Unvorstellbare möglich ist. Eines, in dem unser Verständnis von Realität irrelevant, und unser Wissen obsolet ist. Surreale, paranormale Geschehnisse fallen zusammen mit den altbekannten Geschichten von Serienmördern, wie ein Horrorfan sie kennt.

ahs_asylum_2 Genau das macht die Serie besonders und hebt sie von dem Vergleichsmaterial des Genres ab. Die zweite Storyline der Erfolgsserie zeigt eine Handlung mit vielen Gesichtern und Charakteren, die alle zu dem Gesamtbild beitragen und eine durchgehende Geschichte kreieren, die von Wendungen, Enthüllungen und Überraschungen durchdrungen ist. Die schiere Menge an unvorhersehbaren Twists sucht auch innerhalb der Serie in den folgenden Staffeln ihresgleichen.

Wie auch die erste Staffel Mörderhaus spielt die zweite in mehreren Epochen parallel und erzählt so die Geschichten einiger Charaktere über die Jahre hinweg, bietet mehr Hintergrundwissen zu einer Person oder erzählt gar die Geschichte der Nachkommen. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch weiterhin in den 60er Jahren und nicht wie in dem Vorgänger in der Gegenwart, wenn auch diese Geschichten aus anderen Zeiträumen durchaus interessant erzählt werden, sowie wichtige Teile der Gesamthandlung enthüllen.

Doch das Umfeld, welches die zweite Staffel zu großen Teilen umringt, führt auch zu makaberen, grausamen Geschichten, welche vielleicht für Fans der ersten Serienauskopplung hart zu verdauen sein mögen. Hauptsächlich durch mehrere Andeutungen auf den zweiten Weltkrieg und Menschenversuche aus deren Zeit wird es zuweilen schwer, den Überblick zu behalten, was surreal und was absolut realitätsnah ist.

Aufgrund der vielen Wendungen und Entblößungen über die Hintergründe der Hauptakteure in der Geschichte rund um das Irrenhaus, ist es schwer viel über die Story zu verlieren, ohne wichtige Enthüllungen vorwegzunehmen. Lediglich kann gesagt werden, dass die Handlung Charakterentwicklungen bietet, die häufig aus dem Nichts kommen und auch erfahrene Horrorfans überraschen sollten. Speziell die Geschichte rund um den sadistischen Arzt Arthur Arden (James Cromwell) ist so tiefgründig und wendungsreich erzählt, dass der Zuschauer oftmals nicht weiß wem er nun vertrauen kann und was wirklich der Wahrheit entspricht.

ahs_asylum_3 Nach der relativ simplen Erzählung der ersten Staffel präsentiert das Team um Show-Creator Ryan Murphy in der zweiten Staffel American Horror Story eine überragend verworrene Geschichte, die in diesem Genre ihresgleichen sucht. Von den Abgründen und Perversionen, welche die Gedanken eines Serienmörders umgehen, bis hin zu den kranken Praktiken, die den gestörten Insassen der Anstalt Briarcliff mehr schaden als helfen; die zweite Staffel der Serie setzt dem Horror der ersten noch ein weiteres Mal kräftig nach und mag so manchen unerfahrenen oder feinfühligen Zuschauer an seine Grenzen treiben. Geschichten rund um Vergewaltigung, Verstümmelung, Nazi-Experimente und vieles mehr zeichnen das Schema der zweiten Serienauskopplung.

Auch in den 60er Jahren kann der Cast mehr als überzeugen und speziell Jessica Lange (Big Fish) rückt, nach der verhältnismäßig kleinen Rolle in der ersten Staffel, in den Vordergrund der Handlung und lässt den Zuschauer rätseln, was er von Schwester Jude letztendlich halten soll. Auch Evan Peters (X-Men: Zukunft ist Vergangenheit) und Sarah Paulson (Mud) überzeugen in ihren Rollen. Doch speziell James Cromwell (Ein Schweinchen namens Babe) und Lily Rabe (All Beauty Must Die) spielen ihre Rollen herausragend! Die Entwicklung rund um Schwester Mary Eunice ist erschreckend und Arthur Arden könnte als skrupelloser Arzt nicht furchteinflößender sein. Grandiose Gastauftritte haben auch die deutsche Schauspielerin Franka Potente (Lola rennt) als Anstaltsinsassin, sowie Adam Levine (Frontmann der Band Maroon 5) als neugieriger Erforscher der Ruinen rund um Briarcliff.

Auch wenn der Schrecken uns nicht mehr in unseren eigenen vier Wänden heimsucht, so birgt American Horror Story: Asylum doch eine erschreckende, makabere Story, die den Beobachter immer wieder überrascht. Da sich alle Staffeln laut den kreativen Köpfen hinter der Serie im selben Universum befinden, macht auch diese Geschichte keinen Halt vor übernatürlichen Kräften. Zwar wirken diese zu Teilen etwas überzogen oder erscheinen einfach aus dem Nichts, doch ist dies häufig auf die, ansonsten vorhandene, Realitätsnähe der Handlung zurückführen. Wie in den meisten Horrorfilmen und –serien tut der Zuschauer also gut, die surrealen Vorkommnisse nicht zu hinterfragen und sich stattdessen einfach auf die wilde Fahrt einzulassen.

Episodenübersicht zu American Horror Story

Cast & Crew

Idee: Ryan Murphy, Brad Falchuk
Darsteller: Zachary Quinto, Joseph Fiennes, Sarah Paulson, Evan Peters, Lily Rabe, Lizzie Brocheré, James Cromwell, Jessica Lange
Länge pro Episode: ca. 38–53 Minuten

Bewertung

Bewertung_8

Bilder: © Netflix

08th Dez2015

Marvel’s Jessica Jones S01 | Serienkritik

von Frederik Heinen

Marvel's Jessica Jones

Der Superheldentrend ist unaufhaltsam und der Krieg zwischen DC und Marvel ist weiterhin in vollem Gange. Während ersterer Verlag auf dem CW-Network sein Universum mit Serien wie Arrow, The Flash und Legends of Tomorrow weiter ausbaut, arbeitet Marvel immer mehr mit dem Streaming-Service Netflix zusammen, um das „Marvel Cinematic Universe“ auch auf dem kleinen Bildschirm zu erweitern.

jessicajones_1 Nach dem hochgelobten Relaunch des Charakters Daredevil in der gleichnamigen Serie ist nun Jessica Jones als neuester Export des Verlages an der Reihe. Marvel’s Jessica Jones erzählt die Geschichte der titelgebenden Privatagentin mit übernatürlichen Kräften und noch komplexeren Problemen in ihrem eigenen, privaten Leben. Ihr Desinteresse an einem Leben als Superheld und ihre engstirnige Art grenzt sie immer weiter von ihren Freunden und Verwandten ab, doch ihre Vergangenheit holt Jessica ein und sie ist gezwungen ihre Kräfte gegen einen kräftigen Gegenspieler zu nutzen, obwohl sie sich selbst niemals als einen Helden sehen kann.

Jessica Jones basiert auf der Comicbuchreihe „Alias“, der namengebenden Agentur des Hauptcharakters „Alias Investigations“. Jessica Jones (Krysten Ritter) arbeitet als Privatermittlerin für jedermann und versucht sich über Wasser zu halten. Oft arbeitet sie auch mit der eiskalten Anwältin Jeri Hogarth (Carrie-Anne Moss) zusammen. Ihre zynische, sarkastische Art führt jedoch immer wieder zu Auseinandersetzungen und nicht selten macht sich Jessica selbst das Leben durch ihre dickköpfige, arrogante Art schwer. Doch sie ist, wie zu erwarten, kein herkömmlicher Agent. Übermenschliche Stärke und Toleranz für Schmerzen machen sie zu einer übernatürlichen Superheldin. Trotz ihrer Kräfte zieht sie es jedoch vor, ein normales Leben zu führen und steht anderen Helden in ihrer Welt eher kritisch entgegen.

So ist sie sie nicht nur sehr schlecht auf die, immer wieder angedeuteten, Avengers zu sprechen, sondern sieht sich selbst auch vor allem als Gefahr für ihr näheres Umfeld. Doch diese Angst ist nicht unbegründet, war sie doch für lange Zeit unter der Kontrolle von Kilgrave (David Tennant), einem Superschurken mit der Kraft der Gedankenkontrolle, welcher sie zu abscheulichen Dingen zwang, um sich selbst zu unterhalten. Durch einen Autounfall kann sich Jessica aus der Kraft des Wahnsinnigen befreien, doch entfernt sich soweit sie kann von ihren Freunden, aus Angst wieder zu einer Waffe zu werden.

Eingeschüchtert von sich selbst und gequält von ihren Erinnerungen zieht sie sich immer weiter zurück bis Kilgrave zurückkehrt, um sich an ihr und all ihren Liebsten zu rächen.

jessicajones_2 Wie schon die Comicvorlage ist Jessica Jones keine harmlose Kinderserie mit Superhelden. Sind die meisten Marvel Filme, wie Ant Man oder Iron Man doch recht gewaltfrei und jugendfrei, zögert die Netflix Serie wie schon Daredevil vor Gewalt, Sex und heiklen Themen nicht zurück. Häufig kommt es zu brutaleren Kämpfen, Sexszenen werden offen und verlängert gezeigt und auch vor harten Themen wie Vergewaltigung und Missbrauch macht die Serie nicht halt. Jessica Jones malt keine rosarote Welt voller Helden und Rettern, sondern zeigt vielmehr die Schattenseite der Medaille. Opfer der Superhelden werden gezeigt, die Bürde übernatürlicher Kräfte wird verdeutlicht und wie schon die X-Men-Filme oder Watchmen werden immer wieder die Fragen gestellt, was ein Held darf und was ihn ausmacht.

Entgegen dem oft unterlegenen, aber mutigen Matt Murdock als Daredevil in der gleichnamigen Serie, dreht sich Jessica Jones hingegen um eine übermächtige Protagonistin, die ihre Kräfte nicht schätzt, sondern mehr als Laster betrachtet. Häufig übermannt sie Scharen von Gegnern mit Leichtigkeit und ist meist nur durch das Genie ihres Gegenspielers zu Fall zu bringen. Kilgrave bietet als Antagonist ein interessantes Konzept und führt immer wieder zu spannungsgeladenen, perfide geplanten Stand-Offs mit Jessica und ein Ausweg scheint auch für den Zuschauer häufig schwer. In ihrem Kampf wird Jessica unter anderem von Luke Cage (Mike Colter) und ihrer Stiefschwester Trish Walker (Rachael Taylor) unterstützt. Dennoch bleibt Kilgrave ständig so unberechenbar kalkuliert, dass sich zu jeder Zeit die Fronten wandeln, Freunde zu Feinden werden und Jessica sich in Lagen befindet, die sie niemals erahnt hätte. So hält die Serie den Zuschauer immer gespannt und interessiert an der nächsten Folge.

Zu der Hauptgeschichte um die Privatagentin, binden sich zahlreiche weitere Handlungsstränge um Nachbarn, Freunde und Familie rund um Jessica. Jede Geschichte wirkt gut durchdacht und findet häufig ihren Weg in Jessicas Pfad. Sei es das Geschwisterpaar in dem Apartment über ihr, der drogenabhängige Nachbar Malcolm (Eka Darville) oder die Anwältin Jeri Hogarth. Jeder Charakter bietet eigene Interessen und Intentionen, niemals wirken sie als Beiwerk zum Zweck rund um die Geschichte von Jessica. Vielmehr stellt sich die Frage inwieweit sich die Charaktere in zukünftigen Staffeln verändern und wichtiger werden könnten.

jessicajones_3 Die erste Staffel rund um Jessica Jones ist auch für einen Zuschauer ohne besonderes Hintergrundwissen des Charakters verständlich und funktioniert durchgehend. Oberflächlich eine simple Geschichte rund um eine Privatagentin mit Superkräften, funktioniert die Serie wunderbar ohne sich in das bunte, lustige Marvel Universum zu zwängen. Zwar werden die Verbindungen zwischen den Filmen und Serien nicht versteckt – mit Claire Tempel (Rosario Dawson), auch bekannt als Nightnurse wird eine offensichtliche Brücke zur Serie Daredevil gebaut – doch setzt die neue Netflix-Reihe gleichzeitig kein Grundwissen voraus.

Wie schon zuvor in der erfolgreichen ersten Staffel von Daredevil, wird eine realistische, dunklere Seite des Comicbuchuniversums gezeigt und diese funktioniert wunderschön. Krysten Ritter (Big Eyes) überzeugt in ihrer Rolle als alkoholabhängige, arrogante Agentin mit wenig Wertschätzung für ihre Kräfte und auch Rachael Taylor (Transformers) gibt ihre Rolle als taffe aber einfühlsame Stiefschwester zum Besten. Herausragend ist jedoch vor allem David Tennant (Dr. Who), welcher in der, wenn auch recht alternativen, Interpretation des Charakters Kilgrave vollkommen überzeugend und furchterregend ist. Seine Kräfte und sein Genie scheinen immer wieder unberechenbar während seine perfide genau geplanten Szenarien so wunderschön durchdacht sind, dass immer wieder für Spannung und unerwartete Wendungen gesorgt ist.

Doch trotz seiner grausamen, rücksichtslosen Art, werden die Intentionen des Antagonisten so nachvollziehbar dargestellt, dass es bei Zeiten geradezu schwer fällt, gegen den Erzfeind des Hauptcharakters zu fiebern. Diese Ziele sind jedoch schwer zu erläutern ohne der Serie zu viel Geschichte und Wendungen vorwegzunehmen. Das neue Werk aus der Netflix Schmiede ist auf jeden Fall einen Blick wert. Besonders für jene, die mit dem aktuellen Marvel Universum auf dem Laufenden bleiben möchten oder einfach nur eine neue unterhaltsame und mit 13 Folgen recht kurzweilige Serie suchen.

Episodenübersicht zu Marvel’s Jessica Jones

Cast & Crew

Vorlage: Brian Michael, Bendis Michael Gaydos
Darsteller: Krysten Ritter, Mike Colter, Rachael Taylor, Wil Traval, Erin Moriarty, Eka Darville, Carrie-Anne Moss, David Tennant
Länge pro Episode: 60 Minuten

Bewertung

Bewertung_8

08th Dez2015

American Horror Story S04 | Serienkritik

von Frederik Heinen

American Horror Story

Nach Geisterhäusern, einem Irrenhaus und einem Hexenzirkel betritt die vierte Staffel von American Horror Story Terrain, welches für viele nicht sofort in die typischen Raster des Horrors passt. Statt gestörte, furchteinflößende Mörder und Verbrecher, spielt die Staffel Freak Show viel mehr mit der Angst vor dem Unbekannten und der Toleranz des Zuschauers.

americanhorrorstoryfreakshow_1 Während mit Jamie Brewer bereits ein Mädchen mit körperlicher Behinderung in zwei der vorherigen Staffeln eine Rolle fand, stellt die Serie in der vierten Runde nun sogar sehr stark auf Menschen mit Deformierungen verschiedenster Art und passt gleichzeitig ihren altbekannten Cast mit künstlichen Behinderungen den Umständen entsprechend an. Freak Show handelt von einem Zirkus in der kleinen Stadt Jupiter. Voller kurioser, obgleich doch talentierter, Künstler und Künstlerinnen, die versuchen sich in der schweren Nachkriegszeit trotz ihrer Benachteiligung mit ihren Auftritten über Wasser zu halten. Angeführt wird die bunte Truppe, rund um den Hummerjungen Jimmy Darling (Evan Peters) und seine Freunde, von Elsa Mars (Jessica Lange), einer alten, deutschen Sängerin, die sich erhofft, an der Spitze des Zirkus endlich ihren Traum zu erfüllen und berühmt zu werden.

Doch die Menschen in Jupiter scheinen die Freaks nicht zu akzeptieren. Als plötzlich Kinder aus der Stadt entführt werden und immer mehr seltsame Ereignisse die Stadt heimsuchen, werden immer mehr Menschen auf den Zirkus aufmerksam und niemand ist sich genau sicher was in dem Zelt wirklich vor sich geht.

Freak Show fällt wie bereits erwähnt aus dem Rahmen der vorherigen Staffeln. Es dreht sich nicht um Geister, welche ein altes Heim heimsuchen oder einen wilden Massenmörder, der Menschen häutet. Vielmehr versucht diese Staffel mit interessanten Charakteren und tragischen Schicksalen eine Welt zu erschaffen, die so abwegig und fern, doch auch so nah erscheint. Die Zusammenarbeit mit vielen körperlich oder geistig behinderten Schauspielern erzeugt eine bedrückende, aber ebenso beeindruckende Atmosphäre und die tragischen Hintergründe der Charaktere wirken zum Teil so unfassbar wahr, dass es schwer ist nicht den Schmerz der Figuren zu fühlen.

americanhorrorstoryfreakshow_2 Die Handlung beginnt mit dem siamesischen Geschwisterpaar Bette und Dot Tattler (Sarah Paulson), die von Elsa Mars aus der Irrenanstalt entlassen werden, um sie an ihrer Show teilhaben zu lassen. Die Beiden sind durchaus unschlüssig über ihre neue Karriere, als sich jedoch eine der Schwestern in Jimmy verliebt, beschließen sie unter den Freaks zu verbleiben, da sie sich endlich in ihrer Form akzeptiert und geliebt sehen.

Im Verlauf der Staffel gesellen sich immer mehr Künstler zu den Darstellern, die auch ein Teil der Show werden möchten. Neben einem Pärchen um den überstarken Dell Toledo (Michael Chiklis) und der androgynen Desiree Dupree (Angela Basset), erscheinen immer wieder neue Figuren, die sich selbst als Teil der Show sehen. Doch nicht jeder ist in dem kleinen Kreis erwünscht und als Anführer der Truppe sieht sich Jimmy Darling immer wieder im Konflikt mit, seiner Sicht nach, herkömmlichen Menschen, welche ihn und seine Freunde nicht zu schätzen wissen. Speziell der junge, verwöhnte Dandy Mott (Finn Wittrock), der bereits nach seinem ersten Aufeinandertreffen ersucht einzelne Darsteller zu seiner Unterhaltung zu erstehen, erscheint dem Hummerjungen suspekt und gefährlich für die Truppe.

americanhorrorstoryfreakshow_3 Doch mit den Freaks scheinen auch immer mehr seltsame Geschehnisse rund um die Kleinstadt Jupiter zu passieren. Es kommt zu Entführungen und grässlichen Morden. Während sich die Zirkustruppe immer wieder versucht vor den örtlichen Polizisten und Staatsgewalten zu rechtfertigen und ihre Unschuld zu beweisen, kommt es zugleich zu Spannungen zwischen den Akteuren. Als schließlich auch noch der zwielichtige Stanley (Denis O‘Hare) aus dem Nichts den Zirkus besucht, um Elsa unergründlicher Weise die Zukunft zu versprechen, die sie sich schon immer gewünscht hatte, ist das Chaos perfekt. Immer unsicherer wird, wer auf wessen Seite steht, wem Vertrauen geschenkt werden darf und wer die Freaks hintergangen hat.

Die vierte Staffel der Horrorserie baut im Vergleich zu den vorherigen Staffeln vielmehr auf tiefgründige, interessante Charaktere, welche den Zuschauer nicht durch ihre grausame Geschichte abschrecken, sondern eher durch ihren tragischen Hintergrund in ihren Bann ziehen sollen. Selbst Nebencharaktere wie Paul, der menschliche Seelöwe (Mat Fraser) und Pepper (Naomi Grossman) erzählen ihre Geschichte einfühlsam und bedrückend zugleich. Speziell ersterer erzählt sein eigenes, tragisches Schicksal so herzzerbrechend, dass es die vierte Wand zu brechen scheint. Trotz seines Hauptstranges erzählt die Staffel zahlreiche Nebenhandlungen mit tiefen und emotionalen Geschichten. Die persönlichen Probleme von Charakteren wie Dell oder Paul gehen in grundverschiedene Richtungen und durch die Vorstellung der Charaktere Stanley, sowie dem grandios besetzten Dandy, öffnen sich menschliche Abgründe wie sie aus der Serie bereits bekannt sind. Aus Spannungsgründen soll hier jedoch nicht zu viel verraten werden.

americanhorrorstoryfreakshow_4 Auch neben den grandiosen Vorstellungen der Freaks, sowie den herausragenden Auftritten von Evan Peters (X-Men – Days of Future Past), Neil Patrick Harris (How I Met Your Mother) und vor allem Sarah Paulson (Mud), die in der Doppelrolle als Bette und Dot Tattler brilliert, ist speziell Jessica Lange (Big Fish) zu erwähnen. In ihrer wohl vorerst letzten Rolle für die Horrorserie geht die Schauspielerin vollends auf. Sie spielt die Rolle einer verzweifelten, aber dennoch hoffnungsvollen deutschen Sängerin mit einer unglaublichen Hingabe, die sogar ihre vergangenen Darstellungen in der Serie in den Schatten stellt. Nicht nur ist der Charakter durchaus tiefgründig, sondern extrem vielseitig. Elsa Mars zeigt sich so hinterlistig und selbstsüchtig, wobei sie doch auch gleichzeitig immer um das Wohl ihrer Freaks besonnen ist. Die Geschichten um die Gründung des Zirkus‘ und die Zusammenfindung ihrer Schützlinge ist auf eine Weise präsentiert, wie sie auch auf der großen Leinwand nicht besser gezeigt werden könnte.

Freak Show zeigt ein weiteres Mal wie vielseitig und doch verstörend Ryan Murphy wildeste Geschichten auf den kleinen Schirm bringen kann. Zwar mag die neueste Staffel den Gewaltgrad zu Teilen etwas gesenkt und sich stattdessen mehr auf das Expose einzelner Charaktere konzentriert haben, doch ist dies auf keinen Fall als Einbuße zu sehen. Zu schön funktionieren die Charaktere, zu abwechslungsreich erscheinen die Wendungen. Mit mehreren Hommagen und Verbindungen zu alten Staffeln ist zudem eine interessante Fusion zu den alten Geschichten der Serie gegeben.

Einzig und allein das etwas rasant abgeschlossene Ende der Staffel, welches auch schon bereits den vorhergehenden nachgesagt wurde, könnte zu einem faden Beigeschmack für den einen oder anderen Zuschauer führen. Doch auch der Abschluss täuscht nicht über eine weitere unterhaltsame, in sich geschlossene Geschichte hinweg und auf die fünfte Staffel darf sich schon jetzt gefreut werden.

Episodenübersicht zu American Horror Story

Cast & Crew

Idee: Ryan Murphy, Brad Falchuk
Darsteller: Jessica Lange, Sarah Paulson, Frances Conroy, Finn Wittrock, Evan Peters, Kathy Bates, Michael Chiklis, Angela Bassett, Emma Roberts, Denis O’Hare, Skyler Samuels
Länge pro Episode: ca. 38–53 Minuten

Bewertung

Bewertung_9

Bilder: © Netflix

06th Dez2015

Der Kreis (2015) | Filmkritik

von Frederik Heinen

Circle

50 Personen, ein Kreis und jede Menge Diplomatie. Der Kreis (Originaltitel: Circle) ist eine Mischung aus Sci-Fi und Horrorfilm der etwas anderen Art. 50 unbekannte Charaktere erwachen in einem finsteren Raum, in wessen Mitte sich ein Kreis und eine Maschine befinden. Wer flieht oder eine andere Person berührt, verstößt gegen die Regeln und stirbt. Zusätzlich tötet die Maschine jedoch alle zwei Minuten eine weitere Person und bald stellt sich heraus, dass es sich hier nicht um einen Zufall handelt. Die Personen entscheiden selbst, wer als nächstes von ihnen gehen muss. Mit einem simplen Konzept aber dennoch komplexen Wendungen spielt der Film immer wieder mit dem Zuschauer und der Frage: „Wer hat das Recht zu überleben?“

cirle_1 Der Kreis erklärt schnell was der Zuschauer von dem Film zu erwarten hat. Statt einer komplexen Charakterstruktur werden die Personen meist auf ihr Aussehen oder ihr Verhalten reduziert. Die schwangere Frau, der Wall Street-Banker, der Polizist und sogar der illegal eingewanderte Mexikaner sind von der Partie. Sie alle spielen immer wieder mit den Eindrücken des Zuschauers. Wie weit dürfen wir einen Charakter auf sein Äußeres reduzieren und wie viel ist ein Menschenleben wirklich wert?

Schnell sind die Regeln des Spiels erklärt. Es kristallisieren sich erste Drahtzieher und Amateur-Politiker heraus, welche die Lage besser im Griff zu haben scheinen. Pläne werden entwickelt, um mehr Zeit zu schaffen, Opfer werden bestimmt und freiwillige Hingabe ersucht. Doch schnell kommt es zu Diskrepanzen über die Diskussion wer über Leben und Tod der anderen Personen entscheiden darf und wer sich selbst durch seine Aussagen zur nächsten Zielscheibe macht.

Rassistische Aussagen, plötzlich ans Licht kommende Hintergrundgeschichten und Intrigen dezimieren die Gruppe immer mehr, als sich weiter herauskristallisiert wer tatsächlich alles tun würde, um sein eigenes Leben zu sichern.

cirle_2 Ganz im Stile des Klassikers Die zwölf Geschworenen (1957) zeigt Der Kreis mit kleinem Budget und nahezu ausschließlich unbekannten Schauspielern, wie komplex ein Kammerspiel mit so wenig Substanz doch sein kann. Einzig Julie Benz (Dexter) sticht etwas aus dem unbekannten Cast heraus, aber auch viele der neuen Gesichter überzeugen in ihren Rollen. Einen festen Protagonisten oder Antagonisten gibt es im Grunde nicht und dennoch wird nicht mit Gewalt oder einer verstörenden Atmosphäre, wie beispielsweise in Cube (1997) gespielt, sondern vielmehr interpretiert der Film das Spiel um Leben und Tod als politisches Poker mit Parteien und Strategien.

Gruppen bilden sich, Pläne werden geschmiedet und scheinbare Freunde werden hintergangen, um das eigene Überleben zu sichern und der Film erinnert dabei ein wenig an die japanische Manga-Adaption Gantz – Die ultimative Antwort (2011). Letztendlich wird es ein wenig kompliziert der Geschichte oder den Wahlen zu folgen, da die Abstimmung nur für eine Person wirklich sichtbar, den restlichen Akteuren gegenüber jedoch anonym bleibt. Die Kommunikation durch Augenkontakt und Gesten, um zu verdeutlichen auf welche Person schlussendlich die Wahl gefallen ist, funktioniert so nur mehr oder weniger. Es kommt allerdings etwa genauso oft zu klar vorherzusehenden Wahlen, wie zu überraschenden Wendungen.

Doch obwohl die Charaktere einen starken Punkt des Filmes ausmachen, so erfahren diese häufig keinerlei Entwicklung. Zu oft treten Personen aus dem Hintergrund, nur um sich kurz darauf als Opfer der folgenden Runde zu entpuppen. Fast so wie bei der kultigen TV Serie Star Trek: Raumschiff Enterprise, in welcher neue Charaktere meist nur eingeführt wurden, um im Anschluss im Laufe der Folge ins Gras zu beißen. Auch die Reduzierung einiger Personen auf rassistische Vorurteile scheint weit hergeholt und wirkt häufig aufgezwungen, um schlussendlich nur wieder eine weitere Person aus dem Kreis zu entfernen und Laufzeit abzuarbeiten.

cirle_3 Doch schlimmer als Antagonisten, die ohne Exposition in der Geschichte erscheinen sind die häufig aus dem Nichts entwickelten Sympathieträger. Zwar entwickeln sich zum Ende des Filmes klare Gruppen und Helden, doch kann dies nicht über die wahllose Entfernung einiger Charaktere hinwegtäuschen, die anschließend in ihren Charakterzügen in den nächsten Handelnden kopiert werden, um die Sympathie des Zuschauers schnell wieder einzufangen.

Doch all die Dinge, die Der Kreis nicht besonders gut gelingen, können genauso als Interpretation erkannt werden. Manche Helden treten erst in den Vordergrund, wenn sie sich gerufen fühlen oder ihre Rolle nicht mehr besetzt sehen. Sympathie rettet nicht in einem Spiel, in welchem am Ende doch jeder für sich selbst denken muss. Und früher oder später öffnet sich der Abgrund in uns allen, wenn es ums nackte Überleben geht.

Das Spielfilmdebüt für die Regisseure Aaron Hann und Mario Miscione funktioniert trotz seiner Budgeteingrenzungen wunderbar. Das Spiel ist simpel und rasant, die Motive des Kreises bleiben durchgehend im Dunkeln und dennoch fragt sich der Zuschauer nie, in welchem Universum er sich befindet. Das Sounddesign und der simple Look erzählen dem Beobachter genau so viel wie er wissen muss und kein Stück mehr. Das Ende ist dann jedoch eine herbe Enttäuschung. Da wäre etwas weniger doch mehr gewesen.

Wer sich aber schlussendlich auf das Spiel einlassen will und sich von vielen unerfahrenen, aber motivierten Laienschauspielern und flachen Dialogen nicht abschrecken lässt, für den ist dieser Film definitiv einen Blick wert.

Cast & Crew

Regie: Aaron Hann, Mario Miscione
Drehbuch: Aaron Hann, Mario Miscione
Musik: Justin Marshall Elias
Darsteller: Carter Jenkins, Lawrence Kao, Allegra Masters, Michael Nardelli, Julie Benz

Bewertung

Bewertung_6

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