20th Mrz2017

Kubo – Der tapfere Samurai (2016) | Filmkritik

von Lukas K.

Kubo

Nachdem der Rolltext des Abspanns von Kubo – Der tapfere Samurai durchgelaufen ist, stellt sich Freude und Resignation gleichermaßen ein. Freude über so Vieles, was gerade erlebt wurde und Resignation, weil so gut wie niemand da ist, mit dem man diese Freude teilen könnte, denn während dieses Werk des amerikanischen Animationsstudios Laika gerade erst vor einem Monat für zwei Oscars (Bester Animationsfilm, Beste visuelle Effekte) nominiert war und die US-Kritik es mit einem Reigen aus Lob ehrte, fristete es hierzulande ein trauriges Schattendasein.

kubo_1 Wie so oft bei etwas speziellen, aber grandiosen Filmen brachte kaum jemand den Mut auf, ihn zu promoten, sodass er in unzähligen Städten keinen einzigen Tag auf dem Kinoprogramm stand. Deutschlandweit spielte er deswegen nur klägliche 279.288 Euro ein. Zum Vergleich: Die austauschbaren Thriller-Enttäuschung Girl On The Train lief am selben Tag wie Kubo an und spielte das 16fache an Geld ein, während es dem visuell schmucken, aber sonst allenfalls passablen Marvel-Blockbuster Doctor Strange – ebenfalls Kinostart: 27.10.2016 – sogar gelang 62 Mal so viel an deutschen Kassen einzuheimsen.

Dabei schaut sich die Geschichte rund um Kubo von vornherein wie ein mitreißendes Märchen. Doch nicht wie ein modernes, sondern wie eines aus einer verklärten und weit zurückliegenden Vorzeit. Mindestens einmal während des Films ist man tatsächlich versucht, ihm einen Platz in der fernöstlichen Mystik zu attestieren. Problemlos könnte hinter Kubos Geschichte beispielsweise eine jahrhundertealte Gründungslegende der Shamisen stecken, die nichts weiter ist als das berühmte, gitarrenähnliche Instrument mit drei Saiten, das im Film selbst eine unerlässliche Rolle spielt. In Wirklichkeit stimmt nichts dergleichen. Kubo ist einfach nur eine originelle Geschichte unserer Zeit, wie sie leider selten auf der großen Leinwand läuft, obwohl sie dort wohl viel eher hingehört, als so mancher Quotenkrachen.

kubo_2 Kubo, der Traumtänzer mit Augenklappe, ist in seinem beschaulichen Dorf bereits als kleiner Kerl ein echtes Original. Er verdingt sich dort Tag für Tag als Geschichtenerzähler auf dem Markplatz. Mit dem Klang seiner Shamisen erweckt er buntes Papier zum Leben – er ist sozusagen der beste Origami-Künstler, den die Welt je sah – und erzählt damit Legenden zwischen Licht und Finsternis, von denen die Leute nicht genug bekommen. Dabei hören sie nur selten ein befriedigendes Ende, denn Kubo verschwindet stets kurz vor Sonnenaufgang in Windeseile.

Er darf nicht länger draußen bleiben. Obwohl seine Mutter allmählich dement wird, weiß sie nämlich eines noch ganz genau. Ihr Sohn darf im Mondschein nicht allein unterwegs sein. Am besten sitzt er neben ihr in der gemeinsamen Höhle, fernab von allen anderen Menschen, aber auch in Sicherheit vor den Dämonen der Vergangenheit. Doch Kinder tun bekanntlich nicht immer nur das, was sie sollen. Und als eines Tages Kubo die Regeln seiner Mutter überstrapaziert, nimmt ein Abenteuer seinen Lauf.

kubo_3 Kurzum: Der vierte Film aus dem Hause Laika ist ein Meisterwerk. Bereits in den ersten Sekunden ist das zu spüren, wenn die liebevolle Stop-Motion-Technik einen umgehend ins Staunen versetzt, das während der nächsten 98 Minuten niemals nachlassen soll. Stop-Motion ist eine Variante der Animation, die schon so alt ist wie der Film selbst.

Verschiedenste Miniaturen werden immer wieder Schritt für Schritt bewegt und in jeder ihrer Bewegungen gefilmt oder fotografiert. Im Falle von Kubo – Der tapfere Samurai sprechen wir beispielsweise von unfassbaren 23.187 Gesichtsausdrücken nur für die Figur des Helden, die immer wieder ausgetauscht werden. Außerdem schuf Laika unter der Schirmherrschaft des Regisseurs Travis Knight die bisher größte Stop-Motion-Puppe, die es je gab: Ein vollbeweglicher grüner Skelettkrieger, der 6 Meter misst. Darüber hinaus ist das sogenannte Mondmonster die erste vollkommen vom 3D-Drucker angefertigte Miniatur.

kubo_4 Auch die Schauplätze sind größtenteils handgearbeitete Sets, in denen sich das Auge verlieren kann. In nichts – und das sollte betont werden –, in rein gar nichts steht dieser Animationsstreifen einem Live-Action-Film in Schönheit und Epik seiner Aufnahmen nach. Die Landschaften versprühen eine ansteckende Ästhetik, die durch die Handwerkskunst hinter dem Film unverwechselbar wie ein Fingerabdruck wirkt. Fünf Jahre Arbeit haben sich mehr als gelohnt. Umso bewundernswerter, wie aus diesem Mammutprojekt ein so feiner und feinfühliger Film werden konnte.

Denn Kubo – Der tapfere Samurai schlägt viele Töne an, manche lauter, andere leiser, wieder andere kaum hörbar und doch so wichtig – wie beim Spiel einer Shamisen eben. Wenn der kleine Kubo seine Origami-Figürchen gegeneinander antreten lässt, wird schon früh klar, dass hier gerade aufschimmert, welch eine Kunst das Geschichtenerzählen doch ist. Nur im Zusammenspiel aus Aktion, Tiefgang, Musik und Farbe ergibt sich ein perfektes Ganzes.

Ein kleiner Missklang hat sich allerdings eingeschlichen. Während Kubos Reise von einer Schneewüste, über tropische Wälder und dunkle Höhlen, bis auf hohe See führt und seine Magie stetige Veränderung hervorruft, macht der kleine Samurai selbst kaum eine Wandlung durch. Er stößt zwar immer wieder auf neue Mysterien und entschlüsselt so manches Geheimnis seiner Vergangenheit, was die Handlung für den Helden und die Zuschauer gleichermaßen zu einer spannenden Entdeckungstour macht. Aber dennoch scheint Kubo von Beginn an ebenjener tapfere Samurai zu sein, als den der Titel des Filmes ihn ausschreibt.

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Er ist stets stark, hochbegabt, unverbesserlich vom Guten in sich überzeugt und rein in seiner Motivation, also ein klassischer und eindeutiger Märchenheld. Zwar trauert er auf seinem Weg und trägt natürlich die eine oder andere Narbe aus der Schlacht, doch er kommt niemals an einen Punkt, wo seine Loyalität ernsthaft ins Wanken gerät, oder der Zweifel droht, ihn zu besiegen.

Mag sich hierin auch der Trotz und Optimismus eines Kindes treffsicher wiederspiegeln, so bleibt andererseits die Frage zurück, ob eine Spur mehr Ambivalenz Kubo nicht zu einem noch besseren Helden gemacht hätte. Denn das ist er zweifellos. Gerade auf der inhaltlichen Ebene bereitet es eine melancholische Freude mitanzusehen, wie Kubo seine Vergangenheit nach und nach entdeckt. Der Streifen scheut sich dabei nicht, die ganz großen Themen anzusprechen wie Vergänglichkeit, Sterben und das Andenken an die Toten. Währenddessen stets zu Kubos Linken und Rechten: der Samurai Beetle, der als Comic Relief ausgezeichnet funktioniert und die Affendame Monkey, die mindestens eine genauso gute Actionheldin ist wie Charlize Theron, die sie in der amerikanischen Originalversion sychronisierte.

Und so muss der Film vor keinem Vergleich mit Giganten der Leinwandgeschichte zurückschrecken. Die Bandbreite der Kreativität, die jeden Moment spürbar ist, erinnert an ein anderes Meisterstück des Animationsfilms, nämlich an Hayao Miyazakis Chihiros Reise ins Zauberland. Und die Beschäftigung mit der Machart der Stop-Motion-Technologie versetzt einen zurück an Tage, die man mit nichts sonst verbrachte als mit schierer Faszination für das Bonusmaterial der Herr-der-Ringe-Trilogie.

Kubo – Der tapfere Samurai ist ein Paradebeispiel für die raffinierte Verbindung von Unterhaltung, Kunst und Vielschichtigkeit in einer epischen Erzählung um einen ganz kleinen Helden und seine Shamisen. Das Werk ist ein Muss für jede Zielgruppe und ein schlagfertiger Grund in Zukunft auf den Namen Laika zu achten und das Geld für das Kinoticket aufzubringen. Danke, Kubo: „Deine Geschichte wird nie enden“!

Trailer

Cast & Crew

Regie: Travis Knight
Drehbuch: Marc Haimes, Chris Butler
Musik: Dario Marianelli
Darsteller: Charlize Theron, Art Parkinson, Ralph Fiennes, Rooney Mara, George Takei, Matthew McConaughey

Bewertung

Bewertung9

29th Jan2017

Manchester by the Sea (2016) | Filmkritik

von Lukas K.

Manchester by the Sea

Die Saison der großen Preisverleihungen in den USA hat endlich begonnen, was für die deutsche Kinolandschaft alle Jahre wieder ein Segen ist. Schließlich laufen dann in unseren hiesigen Lichtspielhäusern von Januar bis März ebenjene Filme an, die die US-Amerikaner bereits im vergangenen Jahr ins Kino brachten, damit sie dort noch für die Mammutveranstaltungen wie Golden Globes und Academy Awards – kurz, Oscars – infrage kommen.

manchesterbythesea_1 Dies gilt auch für Kenneth Lonergans neuesten Streifen Manchester by the Sea, sein überhaupt erst drittes Kinoprojekt, das postwendend fünf Golden-Globe-Nominierungen und einen Sieg einheimsten, während bei den Oscars sogar sechs Goldjungen winken. Das noch dazu in den wichtigsten Kategorien. Die Academy spricht dabei von den sogenannten „Big Five“ (Die Großen Fünf). „Wichtig“ meint hier wohl so viel wie, „unerlässlich für ein gelungenes Werk“.

Neben der Kategorie Bester Film ist Manchester by the Sea auch für das Beste Drehbuch, die Beste Regie und mit Casey Affleck auch für den Besten Hauptdarsteller nominiert. Um die Big Five komplett zu machen, fehlt nur: Beste Hauptdarstellerin. Da es die in Lonergans Drama allerdings nicht gibt, darf man durchaus davon sprechen, dass Manchester By the Sea quasi die Big Five ergattern könnte. Dazu bekommen noch Michelle Williams und Lucas Hedges die Chance, als Beste Nebendarstellerin und Bester Nebendarsteller zu siegen.

Doch was steckt hinter all den Ruhmesversprechen? Weiß der neue Film nicht nur die professionelle Filmelite Hollywoods, sondern auch den Laienzuschauer überzeugen?

Hier ein Plädoyer für den ersten großen emotionalen Höhepunkt des noch so jungen Kinojahres:

manchesterbythesea_2 Lee Chandler (Casey Affleck) ist kein Mann des Smalltalks. Nicht, dass er es ungern tut. Nein, er tut es einfach überhaupt nicht, sondern wirkt immerfort lethargisch und wortkarg. Lee ist ein Eigenbrötler, ohne Freunde, immun gegenüber den Flirtversuchen in der Kneipe, einfach nicht interessiert an alledem. Stattdessen lebt er zurückgezogen in seiner Kellerbude, die mehr mit einer Gefängniszelle als mit einer Wohnung gemein hat.

Doch wenn es um seine Familie geht, ist er ein anderer Mensch. Zwar immer noch schwermütig, doch voller Bereitschaft. Als sein Bruder Joe (Kyle Chandler) plötzlich im Sterben liegt, lässt Lee seinen Hausmeisterjob links liegen und sitzt im nächsten Moment im Auto, auf dem Weg in seine alte Heimat Manchester. Dort will er für seinen sechzehnjährigen Neffen Patrick (Lucas Hedges) sorgen. Doch was löst es in ihm aus, als er nach einer langen Zeit wieder in jene Stadt zurückkehrt, in der ihn jeder kennt? In der seine Vergangenheit für jeden ein offenes Buch ist?

Eines sollte jeder Zuschauer vorab wissen, ehe er sich auf die Reise durch Lee Chandler Leben einlässt: Kenneth Lonergans Drehbuch kommt bei Zeiten einem saftigen Schlag in die Magenkuhle gleich, bei dem keineswegs der erste Schmerz verstört, sondern das danach noch anhaltende Gefühl des Unwohlseins. Gewiss warten auch schöne Momente und dazu Episoden aus dem Alltag des Teenagers Patrick, die sogar hier und da ein echtes Lachen hervorkitzeln. Dennoch bleibt das Filmganze ein Drama und zwar aus der Richtung Tragödie. Wenn sich nach etwa einem Drittel des Filmes die Büchse der Pandora öffnet, möchte man dem Halblicht des Kinosaals am liebsten entfliehen und nichts mehr davon an sich heranlassen.

manchesterbythesea_3 Entscheidet man sich an diesem neuralgischen Punkt jedoch zu bleiben, dann sieht man den Rest eines feinfühligen Meisterwerkes. Denn selten kam ein Drama so gut ohne jedweden Kitsch oder konstruierte Sinnzusammenhänge aus wie Manchester by the Sea. Der Film bleibt sich vom Anfang an bis zum Abspann treu und zeichnet das realistische Abbild einer traurigen Geschichte.

Das Drehbuch besteht dabei durchweg aus Dialogen, in die sich jeder niedrigschwellig hineinversetzen kann, weil sie so echt geschrieben und mit einem solchen Understatement gespielt sind. Casey Affleck – der den Oscar zweifellos verdient hätte –, Michelle Williams und Lucas Hedges greifen zu keiner Zeit auf das Repertoire eines Schmachtstreifens zurück. Sie brüllen nicht wild umher, noch schmeißen sie Geschirr zu Boden, um einen herzzerreißenden Gefühlsschwall zu unterstreichen. Stattdessen verkörpert vor allem Affleck das stille Trostlose par excellence. Genau das, was keine Worte kennt. Seine Körperhaltung ist bucklig und schlaff, seine Augen nie weit offen, die Stimme dünn, der Blick so oft gen Bogen gewandt. Wenn er sich dann einmal zu einem Lächeln durchringt, scheint dies bloß ein schwacher Abglanz von dem zu sein, was man eigentlich Lächeln nennt.

Die Figuren sprechen zumeist so, wie man es selbst wohl in ähnlichen Situationen tun würde. So manches Mal scheint das nahezu auf absurde Weise profan, als würde es nicht in einen durchgeplanten Film passen, zum Beispiel dann, wenn Lee und Patrick sich am Steuer streiten, warum Lees alter Knochen von einem Handy keine GPS-Funktion hat.

Durch das erzählerische Mittel der Rückblenden schafft es Manchester by the Sea außerdem ohne lebensferne und überladene Dialoge auszukommen, die dem Zuschauer auf platte Weise den Grundkonflikt schildern wollen. Frei nach dem wichtigsten filmischen Motto „Show, don’t tell“ (Zeige es, anstatt es zu sagen) ergibt sich aus mehreren Flashbacks ein Mosaik von Lees Vergangenheit. Plötzlich weiß man, was die Leute in Manchester meinen, wenn sie hinter vorgehaltener Hand flüstern: „Das ist doch Lee Chandler, oder nicht?“. Die Charaktere reden die Verbindungen nicht herbei, sondern der Zuschauer darf sie selbst ziehen.

manchesterbythesea_4 Dabei sind die Rückblenden hier und da mehr mit der Gegenwart verflochten, als man es aus anderen Filmen gewohnt ist. Einmal wird sogar im 10-Sekunden-Takt zwischen beiden Ebenen hin- und hergewechselt, was der ganzen Sequenz eine dritte Ebene verleiht. Es stellt sich der Eindruck ein, als würde die Rückblende nicht nur Information für den Zuschauer bereithalten, sondern auch gleichzeitig die Gedanken in Lees Kopf zu visualisieren.

Während dieser Entdeckungsfahrt durch das verschneite Manchester der letzten 15 Jahre bleibt auch das Leben des pubertierendem Patrick nicht unentdeckt. Dabei wird u.a. das angespannte Verhältnis mit seiner Mutter bearbeitet, welches jedoch für etwa eine Viertelstunde vom Thema des Films wegführt. Dadurch, dass die davon betroffenen Szenen keine Erwähnung mehr finden, wirken sie leider leicht deplatziert.

Ansonsten weiß der Plot aber, was er erzählen will und seine größte Stärke dabei ist, dass er einem zu keinem Zeitpunkt, eine halbgare Sinndeutung der Tragödien im Films vorsetzt. Deswegen bleibt am Ende des Films Enttäuschung zurück. Jedoch eine positive. Der Sog, den Lee Chandler, sein Neffe und ihre Vergangenheit ausüben, mündet im schwarzweiß des Abspanns. Dabei will man doch, dass mit Lee alles wieder ins Lot kommt. Man will, dass er in seiner neuen Aufgabe als Ersatzvater glücklich wird, dass er bewältigen kann, was hinter ihm liegt. Aber das wird nie geschehen, denn so ist das Leben nicht. Es gibt Szenarien, die einfach keinen Sinn kennen. So steht zum Schluss weder eine überbordende Sinndeutung nach der Prämisse „Es wir schon wieder, wenn man sich nur anstrengt“, noch eine schmalzig aufgearbeitete Vergangenheit in der Gegenwart. Nein, am Ende bleibt nur eines zurück. Eine wortlose Umarmung. Die nackte Solidarität mit den Trostlosen.

So schriebt schon Henning Luther (1947-1991) im Aufsatz Die Lügen der Tröster:

Das ist der Trost der Seelsorge: sich dem Elend vorbehaltlos, ohne Einschränkung auszusetzen.

Genau das tut Kenneth Lonergans Film mit eindrücklicher Konsequenz. Dabei entfaltet sich eine Geschichte, die um die echte Tragik des Lebens weiß und gepaart mit der rührenden Beziehung zwischen einem Onkel und seinem Neffen kaum besser hätte auf die Leinwand gebracht werden können.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Kenneth Lonergan
Drehbuch: Kenneth Lonergan
Musik: Lesley Barber
Darsteller: Casey Affleck, Michelle Williams, Kyle Chandler, Gretchen Mol, Lucas Hedges

Bewertung

Bewertung_9

04th Jan2017

Mustang (2016) | Filmkritik

von Lukas K.

Mustang

Ihre Haare sind braun. Lang und braun. Im flutenden Sonnenlicht wirkten diese fünf wallenden Mähnen manches Mal etwas rötlich wie Kastanien. Und die Mädchen laufen, sie galoppieren, sie springen, ja sie tollen durch das Sommerleben in ihrem kleinen Mikrokosmos: Ein mediterranes Dorf 1000 Kilometer von der großen Metropole Istanbul entfernt.

mustang_1 Hier ist das Leben still und ruhig. Für die Schwesternbande vielleicht eine Spur zu ruhig. Ganz gewiss sogar. Wie können die Erwachsenen überhaupt die Beine stillhalten und tun, was sie immer tun in einer solch herrlichen Gegend? Links das Meer mit seinen Wellen, rechts Serpentinen von Obsthainen gesäumt, durch die die Seeluft fährt. Jede Pore scheint Freiheit zu rufen. „Freiheit! Freiheit! Freiheit und Freude!“ Noch sind die fünf – Lale, Ece, Sonay, Selma und Nur – ahnungslos. Noch lieben sie das Leben, wie nur junge Seelen es tun. Wie Kinder es tun. Sie sind wild und noch geht das in Ordnung. Doch je mehr sie zu Frauen werden, desto mehr müssen sie gezähmt werden. Wenn sie nun „Freiheit“ rufen wollen, wird es ihnen nicht gestattet. Stattdessen werden sie eingezäunt und wenn sie den Anweisungen der Cowboys nicht gehorchen, dann werden sie Sporen zu spüren bekommen.

Es dauert nicht lang bis die aufstrebende französisch-türkische Regisseurin und Drehbuchautorin Deniz Gamze Ergüven dem Zuschauer zeigt, wie ambivalent der eben beschriebene Mikrokosmos ist. Einerseits verzaubern die lichtdurchfluteten, an vielen Stellen dokumentarisch wirkenden Bilder der Kameraleute David Chizallet und Ersin Gok mit ihrem Flair. Das Herz will bei einer solchen Schönheit seufzen. Gleiches gilt für die fünf Schwestern. Nicht nur klingen ihre Namen wunderschön, sondern sie selbst sind es in ihrer ganz variierenden natürlichen Weise.

mustang_2 Die jugendlichen Darstellerinnen tragen den zweiten großen Teil dazu bei, dass der Film über weite Strecken dokumentarisch – ja einfach ganz hautnah und echt – anmutet. Es gelingt ihnen von Minute eins nicht nur an ein echtes Geschwistergespann zu erinnern, sondern eines zu sein. Der Zuschauer, ohne Vorwissen zum Film, wird sich zwangläufig fragen, ob die Fünf nicht wirklich aus einer Familie stammen. Wie das Drehbuch den Mädchen zuspielt und wie stark sie bereits selbst in ihrem jungen Alter agieren, erscheint noch bemerkenswerter, bedenkt man, dass nur Elit İşcan (Ece) schon als Schauspielerin vorher tätig war. Tuğba Sunguroğlu (Selma) kam nicht einmal zum Casting. Regisseurin Ergüven sprach sie kurzerhand an, als sie auf einem Flug mit ihrer Ausstrahlung auffiel. Güneş Şensoy, Doga Doğuşlu und Ilayda Akdoğan stießen dann noch durch ein Casting zum Projekt hinzu und taten sich als echte Glücksgriffe hervor.

Sie alle teilen eine ganze Bandbreite an Szenen miteinander. In manchen dürfen sie bloß herumblödeln. In anderen erwischt sie ein Lachanfall am Esstisch. In wieder anderen sind sie gemeinsam empört, versuchen einander zu schützen, genauso wie sie hier und da gegen einander sticheln und sich aufziehen. Während ihrer gemeinsamen Geschichte entpuppen sie sich als Heldinnen, je enger sich das Lasso der strengen muslimischen Erziehung ihres Onkels um sie zieht.

Nachdem sie einen kleinen Dorfskandal auslösen, weil sie auf den Schultern von Jungen sitzen – sie hätten sich an ihnen „gerieben“, heißt es – versuchen die Großmutter und der Onkel Erol sie nacheinander möglichst schnell zu verheiraten. Erst die Ältesten Sonay und Selma, bis hin zur zweitjüngsten Ece. Zu diesem Zwecke verwandelt sich ihr Haus erst in eine „Hausfrauenfabrik“ und schließlich in ein regelrechtes Gefängnis, was das Genre des Films in der zweiten Hälfte deutlich prägt.

mustang_3 In die Gefühlswelt des Onkels und in die größeren Problemzusammenhänge hinter muslimischen Traditionen nimmt einen die Erzählung nicht mit hinein, jedoch ist das kein flacher, sondern ein sehr raffinierter Zug. Mustang entwickelt sich dadurch nicht zu einem Erklärungsfilm, oder einem hochpolitischen, der bereits die eigene Distanz zum Thema zeigt und es dem Zuschauer so leichter macht, sich selbst davon distanzieren. Stattdessen gelingt Ergüven ein filmischer Gefühlsritt durch die Herzen der fünf Schwestern. Die Kamera bleibt immer auf sie konzentriert und vor allem auf die kleine Lale, die Schritt für Schritt beobachtet, wie ihren Schwestern das Zaumzeug angelegt wird. Dieser Fokus ist so nah und so eindringlich in seiner jugendlichen Einfachheit, dass er all seine Kraft entfaltet. Hier kann niemand auf Abstand gehen.

Wie den jungen Schauspieltalenten nicht anzumerken ist, dass sie neu im Geschäft sind, macht ein weiterer kongenialer Kniff von Regisseurin und Drehbuchautorin Ergüven vergessen, dass Mustang ihr allererster Langfilm ist. In ihrer Art der filmischen Narration hat sie verinnerlicht, was vielen Hollywood-Köpfen des Öfteren abgeht. Sie setzt auf das Alleinstellungsmerkmal der kinematographischen Erzählung schlechthin: Bilder. Ihr Drehbuch fährt an den richtigen Nahtstellen den Dialog zurück und will nicht erklären, sondern überlässt es der Kamera zu zeigen. Deswegen fehlen Mustang jene berüchtigten Filmmomente, die nur in der Dramaturgie vorkommen und nie in der Realität.

Es finden sich weder opulente Expositionen, um den Zuschauer ja in die richtige Richtung zu lenken, noch emotionale Ausbrüche, die so übertrieben gespielt werden, das man sich als Zuschauer nicht positionieren kann, sondern sofort vereinnahmt wird.

Ergüven sagte dazu in einem Interview selbst:

Der französische Schriftsteller und Drehbuchautor Romain Gary sagte einmal, er würde gewisse Dinge nicht ausdrücken, denn er habe ein ganzes Regal voller Bücher, die dies schon täten. Und so ist es auch mit dem Film.

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Exemplarisch steht für diese Auffassung jene Szene, in der die beiden jüngsten Schwestern Lale und Ece in ihrem Schlafzimmer die Betten zusammenschieben, sich ihre Badeanzüge anziehen und Schwimmen spielen, weil sie zum echten Meer durch die Gitterstäbe ihres Hauses nicht mehr gelangen können. Die Wechselwirkungen der Dorfgemeinschaft auf die eigene Familie verdeutlichen sich an der Großmutter der Mädchen auf tragische Weise. Das Kopftuch entwickelt sich beinahe zu einer Neurose, die sie nur gefangen hält, wenn sie die vorbildliche Muslima vor anderen Frauen mimen muss. Sie steht exemplarisch für Resignation, für eine gescheiterte Kämpferin um mehr Selbstbestimmung der Frau.

Dabei verliert sich der Film nicht in einer Fundamentalkritik am Islam – zum Glück, darf man wohl sagen – sondern geht über religiöse Grenzen hinaus. Auch hier schafft der Streifen den interessanten Spagat zwischen der kleinen Geschichte der fünf Schwestern und der großen Geschichte über Gleichberechtigung, sexuelle Selbstbestimmung und Genderdiskriminierung, die dem Zuschauer nach dem Film noch nachgeht. Mustang stößt an und setzt nicht nur vor. Mustang macht betroffen und berührt, statt zu überrollen.

Der Kontrast zwischen visueller Ästhetik und überzeugendem Darstellerinnenensemble auf der einen Seite und einem harten Kosmos, der Sexualität so tabuisiert, dass er sich wieder sexualisiert auf der anderen weiß aufzurütteln. Die Empathie für die Heldinnen kennt kaum Grenzen. Es ist eine Freude und gleichsam herzzerreißend tragisch Lale, Ece, Sonay, Selma und Nur auf ihrem Galopp zu begleiten.

Mustang ist damit ein Werk über Freiheit, wilde Schönheit, Geschwisterliebe und den Druck patriarchischer Strukturen, zu tiefst nah und anschaulich im Beispiel einer Familie verwurzelt. Ergüvens Coming-of-Age-Drama bietet alles, was anspruchsvolles Kino ausmacht und hat sich die Oscar-Nominierung mehr als verdient.

Cast & Crew

Regie: Deniz Gamze Ergüven
Drehbuch: Deniz Gamze Ergüven, Alice Winocour
Musik: Warren Ellis
Darsteller: Güneş Şensoy, Doğa Doğuşlu, Elit İşcan, Tuğba Sunguroğlu, İlayda Akdoğan

Bewertung

Bewertung_10

23rd Nov2016

High-Rise (2015) | Filmkritik

von Lukas K.

High-Rise

Es gibt bereits Stimmen, die behaupten, die Neurotiker protestierten – wie hilflos auch immer – zurecht gegen unmenschlich gewordene gesellschaftliche Zustände und die eigentlichen Sorgenkinder seien auch für den Psychotherapeuten die sogenannten ‚Normalen‘, die vorzüglich Angepassten, so daß in einer ‚verrückten‘ Gesellschaft die Verrückten eigentlich als die Normalen bezeichnet werden müssen. – † Joachim Scharfenberg – Theologe, Pastoralpsychologe und Psychoanalytiker

highrise_1 Es dauert nicht lang, bis wir Zuschauer wissen, auf was für eine Reise wir uns mit High-Rise begeben. Ehrlich gesagt ist es mit dem Beginn der ersten Szene offenkundig. Wir sehen einen Mann – der sich kurz darauf als unser Protagonist Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) vorstellen wird – der seinen Anzug aus Trotz zu tragen scheint. Denn nichts an seiner Umgebung hat mehr die elegante Attitüde, die Krawatte und Seide vermitteln wollen. Sein weißes Hemd ist blutbespritzt, seine Zähne gelb verfault, sein Bart gleicht dem eines Eremiten aus den weiten Wäldern einer vergessenen Zeit. Er wühlt im Müll, sucht verzweifelt nach Essen, bis ihm doch nichts bleibt als das Bein eines ausgehungerten Hundes.

Das alles geschieht mitten in der Zivilisation. Uns erwartet keine Zombieapokalypse, keine Episode von The Walking Dead. Nein. Vielmehr steht Laing in den Überresten jenes Hochhauses, in das er drei Monate zuvor eingezogen war.

Und genau an diesem Punkt, als alles noch normal erschien, werden wir Zuschauer nun durch die Zeit zurückgeschickt.

Laing trägt denselben Anzug, doch sieht geleckt aus. Diesmal wirkt er wie frisch aus der Reinigung. Er ist einer dieser Männer, die mit Anzug schlafen. Doch schon bald wissen wir, es ist viel pathologischer als das. Er trägt seinen Anzug immer. Nie etwas Anderes den gesamten Film über. Er bleibt vorhersehbar. Ja, er will es sogar bleiben. Will nur das preisgeben, wonach ihm ist. Gleich in einem seiner ersten Gespräche mit einer neuen Nachbarin rutscht ihm jedoch beiläufig zwischen zwei Whiskey und einem Joint etwas heraus, das viel über ihn preisgibt: „Ich hatte hier eher eine gewisse Anonymität erwartet“, sagt er.

highrise_2 Was er dort auf der ersten Party im Hochhaus noch nicht ahnt, ist etwas, das wir schon wissen. Denn wir können durch die erste Szene in die Zukunft sehen. Eine Zukunft in der Anonymität wohl schon längst vergessen ist. Stattdessen wird das nackte Überleben alles sein, was Laing beschäftigt, wenn der gefährliche Cocktail des überdimensionalen Hochhauses, in dem alle sozialen Schichten von unten nach oben gestaffelt wohnen, umkippt.

James G. Ballards Romanvorlage galt bereits seit ihrem Erscheinen 1975 als „unverfilmbar“ und so dauerte es tatsächlich mehr als 40 Jahre, bis Ben Wheatley (Kill List) wagte, auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen und gemeinsam mit Amy Jump ein Drehbuch zu entwerfen.

Gewiss braucht der Zuschauer nicht lang, um zu verstehen, weshalb das erst 2016 geschah, obwohl die Filmrechte doch bereits Ende der 70er-Jahre verkauft waren. Dieser Film ist nichts für Jedermann und das tritt bereits nach 20 Minuten unübersehbar zutage.

Da begegnen Traumsequenzen, Bilder und Zitate, die nur so vor Doppeldeutigkeit strotzen. Architektonische Abrisse des Hochhauses wirken wie das Diagramm eines psychischen Vorgangs. Auf dem Dach findet sich Protagonist Laing im Garten des Architekten wieder, ein scheinbar modernes Abbild der Unberührtheit im Garten Eden, bis plötzlich ein schwarzes Schaf blökt. In den unteren Geschossen zieren Poster von Che Guevara die verwahrlosten Wände. Dort wird der investigative Journalismus in Form eines Dokumentarfilmers zur Waffe des kleinen Mannes. Eine Aussage wie: „Es braucht schon eine gewisse Entschlossenheit um gegen den Strom zu rudern“, wird in Bezug auf den Fitnessraum im 30. Stock ausgesprochen und meint doch so viel mehr.

highrise_3 Zu alledem gesellt sich dann noch Clint Mansells ausgezeichnete Musik, die in bester Shining-Manier eine unorthodoxe Strategie verfolgt, um Spannung zu generieren. Stets kontrapunktiert sie das Geschehen. Da wo die Töne extrem unangenehm werden, sehen wir bloß einen Titel, der besagt: „3 Monate zuvor“. Wenn das Bild die sexuelle Enthemmtheit zeigt, untermalt Mansell das mit geordneter Klassik, die dem 18. Jahrhundert zu entspringen scheint.

Gerade wegen dieser Symbolkraft, die der Mikrokosmos des Hochhauses bis in die Poren ausstrahlt, lohnt es sich High-Rise mehrmals zu schauen. Außerdem entwickelt das ungewöhnliche Gebäude, das einen Supermarkt, ein Bordell, ein Schwimmbad und ein Fitnessstudio in sich beherbergt, einen extremen Sog durch seine detailverliebten Kulissen und seinen 70er-Jahre-Flair.

Auch Luke Evans als hitzköpfiger Anführer der Revolution gegen die Eliten macht eine überzeugte Figur und vor allem Tom Hiddlestons Performance bleibt im Gedächtnis, vielleicht gerade deswegen, weil sie so unauffällig ist. Er ist der perfekte Anker für uns Zuschauer, denn er zieht unbedarft in das Hochhaus ein und kommt nach und nach mit allen Schichten in Kontakt. Er stellt unsere Fragen. Seine Mimik und Gestik gehen dabei den Verfallsweg seines Anzuges mit. Er wirkt stets attraktiv, elegant und wie die Verkörperung eines Gentlemans, doch letzten Endes wird auch er brechen, auch er wird irre werden an den sozialen Unterschieden im Hochhaus. Auch er wird seinen Trieben folgen, wo sich ihm die Gelegenheit bietet.

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Dieser doppelte Boden hinter allem, was wir als Zuschauer sehen, mag demjenigen, der Sigmund Freuds Seelenmodell nicht kennt bei Zeiten kryptisch vorkommen (Kurzform des Modells: Das ICH ist einem Kampf zwischen ÜBER-ICH und ES ausgesetzt. Das ES beinhaltet vor allem dem Sexual- und Zerstörungstrieb – als Symbole des Chaos, das ÜBER-ICH ist geprägt durch anerzogene Vorstellungen, die Ordnung bringen – Moral, Religion etc.). Tatsächlich ist aber vieles nicht wirklich kryptisch. Das allein ist natürlich noch nichts Schlechtes.

Allerdings misslingt dem Film auf ganzer Linie, das Symbolische und das Konkrete zusammenzudenken. Die vordergründige Handlung im Hochhaus lässt sich von der Metaebene nur bedingt befruchten. Zu Beginn ist es noch interessant die Doppeldeutigkeit zu dechiffrieren und zu sinnieren, doch spätestens nach der ersten Stunde ist viel zu offensichtlich, wie alles sein Ende nehmen wird. Und das ist fast schon ironisch. Denn Ben Wheatley will mit seinem Werk das Tier im Menschen aufdecken, also das Unberechenbare und schließlich mündet sein Streifen in einem vorhersehbares Finale, das sich mindestens 20 Minuten zu lange anbahnt.

Weder sind die Bilder vom Chaos so verstörend, dass man auf der Kante seines Sessels sitzt, noch dürfen wir besondere Wendungen erleben. Darüber hinaus gelingt es den Figuren und dem Drehbuch nicht, den Bruch, der zur Revolution der unteren Schichten führt, wirklich plausibel zu machen. Auf der Metaebene ist er das vielleicht, aber nicht auf der des Plots. Ebenso wenig wird verständlich, weshalb die Bewohner des Hochhauses nicht daraus fliehen. Weshalb bleiben sie in einer lebensbedrohlichen Lage? Viele Kritiker merkten übrigens an, dass das Buch eine logische Begründung dafür liefere, die im Film verschwiegen wird.

Somit ist aus High-Rise zweifellos eine interessante und brisante Fiktion der 70er-Jahre geworden, die über weite Strecken eher wie eine futurische Dystopie anmutet. Seine Arthouse-Atmosphäre regt zum Diskutieren an, über die Entmenschlichung im Kapitalismus und den Klassenkampf, aber auch über das Tier in jedem. Doch auf filmischer Ebene passt das große Ganze nicht zusammen. Am Ende steht eine schwarzhumorige Gesellschaftssatire, der leider ein äußerst schwacher Spannungsbogen zum Verhängnis wird. Potential verschenkt.

Cast & Crew

Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Amy Jump
Musik: Clint Mansell
Darsteller: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss

Bewertung

Bewertung_6

10th Okt2016

Sing Street (2016) | Filmkritik

von Lukas K.

Sing Street

Dublin 1985. Junge Iren strömen scharenweise über das Meer nach London, um der Unterbeschäftigung im eigenen Land zu entgehen. Ernüchterung macht sich breit. Auf der anderen Seite beginnt die goldene Ära von Top of the Pops. Schillernde Musikvideos, die so gar nicht in den tristen irischen Alltag passen wollen, entpuppen sich als neueste Medienrevolution. Bands wie A-Ha, Duran Duran, Depeche Mode und The Cure haben den Beatles den Rang abgelaufen und füllen nun die Köpfe der Jugend.

singstreet_1 In dieser Zeit, als Mixtapes eine Verführungstaktik waren – natürlich mit dem eigenen Kassettenrekorder aufgenommen – ist Musik auch Connor Lawlers (Ferdia Walsh-Peelo) Medizin und zugleich sein Mittel, das Herz der Schönheit Raphina (Lucy Boynton) zu erobern. Ohne lange nachzudenken gründet er eine Band, um sie zu beeindrucken. Zusammen mit dem großspurigen Winzling Darren (Ben Carolan), dem kaninchenkraulenden Allroundtalent Eamon (Mark McKenna) und anderen Teenagern der Gegend versucht er den spießigen Schulalltag bei den Christian Brothers mit einer Portion Spaß zu würzen.

Dabei bleiben Rückschläge im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus, schließlich gefallen Schul-Mobber Barry (Ian Kenny) und den verstaubten Lehrern das extravagante Auftreten der Jungs kein bisschen. Doch auch hierfür wird Connor auf der Suche nach dem Sound seines Lebens eine Note finden.

Das Genre Rom-Com (kurz für: Romantische Komödie) erfreut sich unter Filmliebhabern wirklich keiner besonderen Beliebtheit. Viele Streifen dieser Sparte konzentrieren sich auf Kitsch und Witz, wobei beides meist nicht zündet. So bleibt Material zurück, dass kein wirkliches Alleinstellungsmerkmal besitzt und im unteren Mittelmaß verschwindet.

singstreet_2 Dies kann man von den Werken des irischen Talents John Carney ganz gewiss nicht behaupten. Es ist eine wahre Freude seine Entwicklung, seit seinem Feature-Film-Durchbruch mit Once (2007) zu beobachten. War dieser Gewinner des Sundance-Publikumspreises und sogar Oscar-Abräumer für „Bester Filmsong“ noch ein Projekt mit Amateurkameras, geringem Budget und einem Drehbuch, das nur Beiwerk war, um wirklich großartige Songs zu promoten, hatte Carneys Can A Song Save Your Life? (2013) bereits einen ausgereiften Plot zu bieten.

Mit Sing Street gelingt ihm, der die Songs seiner Filme stets selbst schreibt, sein bisher bestes Werk. Wie schon zuvor verlagert er einen Großteil der Charakterentwicklung in seine Lieder, eine erfrischende Methode, die die größten Stärken des Films vereint: Musik und Figuren.

Wie in der typischen Rom-Com gibt es schließlich auch in Sing Street Momente voll Kitsch, ein klassisches Drei-Akt-Schema und größtenteils jugendfreie Gags. Allerdings machen die Bandtitel des ulkigen Jugend-Ensembles das Werk zu etwas wirklich Großartigem. Schon mit dem urkomischen ersten Musikvideodreh zu The Riddle of the Model ist der Zuschauer voll an Bord und wartet nur auf die nächste Einlage derselben Art. Zum Glück präsentiert Sing Street davon noch eine ganze Reihe, gegen Ende sogar eine bezaubernde Musical-Einlage.

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Aber nicht nur die Musik funktioniert auf ganzer Linie, sondern auch der Humor. Ob es nun die ständig wechselnden Outfits der Bandmitglieder sind – je nachdem welche Vorbilder sie gerade verehren –, Darrens vorlaute Art, die so gar nicht zur Zahnspange, dem Rotschopf und seinem Schmalhans-Aussehen passen will, oder Connors ansteckendes Charisma. Die vielen kleinen Zwischentöne stimmen einfach.

Es sind winzige Szenen, die dem Film seine Seele geben. Eine Kussszene, die gerade deswegen so ungemein sympathisch wirkt, weil sie so realistisch verkorkst – wie bei Teenagern eben – ist. Oder Brendan Lawlers (Jack Reynor) unbändiger Jubelausbruch angesichts der Kompromisslosigkeit seines kleinen Bruders Connor, die er sich wohl für sich selbst immer gewünscht hatte. Ohnehin ist Brendan eine der ausdifferenziertesten Figuren des Films. Hin- und hergerissen zwischen Neid und Stolz für seinen Bruder, überdenkt er sein eigenes Leben am Scheideweg.

Protagonist Connor entwickelt sich derweil vom unsicheren Schuljungen gefangen im Alltagsblues zu einem starken Charakter. Er ist damit ein nahegehendes Beispiel für jemanden, der aus seiner Passion Selbstwertgefühl gewinnt und somit etwas, das ihm niemand kaputt machen kann. Zunächst träumt er sich über die Musik in eine heile Welt, doch später wird er sein Leben selbst in die Hand nehmen und mit einem jugendlichen Optimismus zur Tat schreiten.

In dieser Spanne zwischen glücklich und traurig bewegt sich Sing Street über seine Laufzeit von 106 Minuten hinweg und ist damit eine Analogie zum Teenagerleben an sich. Das Gesamtpaket aus 80er-Nostalgie, einem Soundtrack voller Ohrwürmer und einer ansteckenden Riege aus jungen Schauspieltalenten verdient nichts anderes als das Prädikat „Gute-Laune-Streifen“. Diese Rom-Com mit starkem Coming-of-Age-Einschlag besitzt so mehr als nur ein Alleinstellungsmerkmal und ergibt ein rundes Filmerlebnis, das zweifelsohne zu den besten des Jahres zählt.

Cast & Crew

Regie: John Carney
Drehbuch: John Carney
Musik: Becky Bentham
Darsteller: Lucy Boynton, Maria Doyle Kennedy, Aidan Gillen, Jack Reynor, Kelly Thornton, Ferdia Walsh-Peelo

Bewertung

Bewertung_10

01st Okt2016

Stranger Things S01 | Serienkritik

von Lukas K.

Stranger Things

Wenn das Licht flackert, wirft die Nacht langfingrige Schatten und die scheren sich nicht darum, auf wen sie fallen. Für jene gesichtslose Dunkelheit macht es keinen Unterschied, dass in der Geschichte der verschlafenen Kleinstadt Hawkins ein Eulenangriff der größte Aufreger war, den es je gab. Sie wird ihre Bewohner trotzdem nicht verschonen.

strangerthings_1 Nachdem der Teenager Will Byers (Noah Schnapp) eines Morgens nicht mehr aufzufinden ist, zeichnet sich eine Tragödie inmitten der Gemeinde ab. Während Wills Mutter Joyce (Winona Ryder) bereits schnell eine düstere Wahrheit wittert, lässt der Polizei-Chef Jim Hopper (David Harbour) sich nicht beirren. Doch es gelingt ihm nicht einmal einen ganzen Tag lang harmlosen Erklärungen zu glauben. Spätestens als er Wills umgestürztes Rad zurückgelassen im Wald findet, muss er eine Vermisstenanzeige ausfüllen.

Derweilen kann die Clique rund um Mike (Finn Wolfhard), Dustin (Gaten Matarazzo) und Lucas (Caleb McLaughlin) die Füße nicht mehr still halten. Obwohl ihre Eltern es verbieten, lassen die drei es sich nicht nehmen auf eigene Faust nach ihrem besten Freund zu suchen. Des Nachts im verregneten Dickicht der Bäume stoßen sie jedoch auf etwas gänzlich Unerwartetes. Während von Will weiterhin jede Spur fehlt, taucht ein anderes Kind – mit Namen Elf (Millie Bobby Brown) – jäh aus dem Nichts auf. Geschorenes Haar, mager und vollkommen orientierungslos. Sie wird nicht die letzte Merkwürdigkeit in Hawkins gewesen sein und schon längst nicht die gefährlichste.

Bereits nach den ersten zehn Minuten von Stranger Things erinnert das neonrote Logo der Serie an den Stephen-King-Schriftzug seiner ersten Bestseller. Vielerlei solcher Anspielungen sollen noch folgen. Darin zeigt sich ein Motiv, das die Unterhaltungsbranche momentan durchzieht: Das Spiel mit der Nostalgie. Natürlich gab es das schon immer und das wird es auch weiterhin, denn es scheint seinen Grund im Wesen des Menschen an sich zu haben. Deswegen lesen wir Bücher ein zweites oder gar drittes Mal. Deswegen verbinden wir Omas Schwarzrübensirup mit Heimat. Deswegen entwickeln wir eine emotionale Bindung zu so mancherlei Orten, die uns daran erinnern, dass unser Leben schön sein kann.

strangerthings_2 Wir kehren oftmals lieber zu Orten, Personen, oder in Strukturen zurück, die wir bereits als tragend empfunden haben, statt uns immerfort dem Neuen auszusetzen. Das ist schließlich nicht nur aufregend, sondern eben auch ungewiss. In jüngster Zeit entstanden daher viele Projekte aus der Sehnsucht nach einem Hauch Nostalgie, denn der füllt ja bekanntlich die Kasse.

In der Filmwelt sind das neueste Ghostbusters-Remake (2016), Jason Bourne (2016) und Jurassic World (2015) Symptome eines regelrechten Nostalgie-Wahns. Sie funktionieren vor allem nach der Maxime „Bigger is Better“ und ahmen ihre Vorbilder sogar bis zur Handlung nach. Viel Geld und Zeit wird auf bestimmte Lieblingselemente aus den Vorlagen verwendet, die beim Zuschauer so etwas wie einen positiven Trigger-Effekt herbeiführen. Er soll darüber vergessen, wie wenig originell das neue Produkt tatsächlich ist.

Den Serienmarkt überschwemmen u.a. mit Hannibal, Fargo, From Dusk till Dawn, 12 Monkeys oder Lethal Weapon ebenfalls Serienadaptionen von bereits mehrfach verfilmten Erfolgsmaterial. Zugegebenermaßen entschied ich mich aus nichts anderem als dieser Nostalgie für Stranger Things. Die Kritik bewarb die Mini-Serie als Mix aus den weltbesten Stevies – Steven Spielberg und Stephen King –, also war ich an Bord.

Was ich geboten bekam, zeigte mir schließlich in Perfektion, wie unterhaltende Kunst mit dem Phänomen Nostalgie umgehen muss, um sich nicht irgendwann damit selbst zu begraben.

Die Vorbilder treten zwar unverkennbar zutage, doch dabei ersetzt im Werk aus dem Hause der Duffer Brüder niemals deren Referenz die eigene Kreativität oder selbstständige, sympathische Figuren. Drei Jungs auf ihren Fahrrädern im Geäst von Kleinstadtgassen erinnern zwar an E.T. (1982) und ihr geheimer Treffpunkt – ein alter Schrottplatz – könnte eine Einstellung aus Rob Reiners Stand by Me (1986) sein, doch sie selbst erhalten ihr ganz eigenes Gesicht.

strangerthings_3 Ihre Zimmerwände zieren stolze Poster von Spielbergs Der weiße Hai (1975), Carpenters The Thing (1982) und Tanz der Teufel (1981). Während dies für die Visionäre hinter der Serie ihre charmante Art ist zu sagen: „Das sind unsere Helden“, ergibt es für Mike, Dustin und Lucas doch Sinn, dass sie sich 1983 für ebenjene Filme begeistern. Wenn Dustin hier und da eine Star-Wars-Metapher benutzt, dann passt sie in die popkulturelle Enzyklopädie eines Kindes seines Alters in den 80ern.

Somit ist der Umgang der Jungs untereinander höchst realistisch gekennzeichnet. Hier schreit ein Dustin einfach mal, wenn er schreien würde. Da reden alle durcheinander, wenn sie streiten und führen keinen perfekt durchgestylten Dialog. Spätestens nach der zweiten Folge schließt man die Kumpels so allesamt ins Herz. Neben ihnen weiß auch der restliche Cast beinahe ausnahmslos zu überzeugen. Einzig und allein Wills Mutter Joyce Byes wird von Winona Ryder so konstant hysterisch gespielt, dass sie manche Szene überstrapaziert.

Die größte Stärke von Stranger Things besteht wohl darin, dass im gesamten Rollenangebot nicht nur die drei Jungs Dustin, Mike und Lucas große Sympathien erwecken, sondern neben ihnen eine ganze Reihe anderer untypischer Helden heranwachsen. Da wäre einmal Chief Hopper, der mutige Raubeiner auf der Suche nach Wahrheit, für die er auch einmal Wege abseits des Gesetzes einschlägt. Dann noch Charlie Heaton als Bruder des vermissten Will – Jonathan Byers –, der glaubt, er müsse für seine Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs stark sein, obwohl sie das doch eigentlich für ihn sein sollte. Mikes ältere Schwester Nancy Wheeler (Natalia Dyer) entwickelt sich vor allem gegen Ende der Serie zu einer liebenswerten Kriegerin im Kampf gegen die Finsternis.

Doch ungeschlagen an der Spitze steht das mysteriöse Mädchen Elf. Millie Bobby Brown zählt mit dieser Darbietung zu den zehn besten Kinderschauspielern, die mir bekannt sind. Ihre wortkarge, eingeschüchterte Art, die immer wieder von plötzlichen Schüben ihrer übermenschlichen Kräfte durchbrochen wird, könnte man nicht nuancierter spielen. Es sind nicht die großen Gefühlsausbrüche, sondern viele kleine Blicke, ein befreites Lächeln zur rechten Zeit, ein Zittern, ein Zucken, die den Eindruck einer realen Persönlichkeit hinterlassen.

strangerthings_4 Elf komplettiert so ein reiches Ensemble, das Element, was eine Serie erst interessant macht. Da man im Gegensatz zum Film mindestens sieben Stunden pro Staffel mit denselben Charakteren verbringt, sind sie für den Schaugenuss oft wesentlich ausschlaggebender als ein durchweg spannender Plot. Zum Glück verfügt Stranger Things auch über diesen.

Da nicht nur Worte reden, sondern vor allem starke Bilder, verliert sich das Tempo der Handlung nicht in zu vielen selbst erklärenden Dialogszenen. Vielmehr entfaltet die Zuschauerlenkung der verschiedenen Regisseure ihre Wucht nicht im Expliziten, sondern in Suspense-Einstellungen: Der Schatten auf einem Foto; eine Silhouette im Nebel; ein Türriegel, der von außen aufgeschoben wird; flackernde Lichter wie Morsezeichen; eine Hand, die sich unter der Tapete bewegt. Dazu kommt ein atmosphärischer Synthesizer-Soundtrack von Kyle Dixon und Michael Stein, der Verliebtheit genauso gut zu porträtieren weiß wie das Mysteriöse, oder pochende Angst.

Für Serienfans ist Stranger Things ohnehin ein Hochgenuss, doch auch Filmfreaks dürfen sich hiermit auf ein handwerklich hochwertiges Stück Unterhaltungsgeschichte freuen, das längst nicht nur mit Nostalgie punktet, sondern stattdessen ein originelles Paket für den Zuschauer ist, von dem besser vorher nicht zu viel verraten wird. Natürlich hält das Kreativteam sich die Tür für Staffel 2 offen – inzwischen ist sie für 2017 bestätigt – und dennoch ist der Plot vom ersten Abschnitt so ausgelegt, dass man nicht zwangsläufig zurückkehren muss. Eine stringente Handlung wird verfolgt und zu ihrem Ende geführt. Wer mehr wissen will, darf sich freuen. Wem die Geschichte genug war, wurde bestens unterhalten.

All dies sollte dazu einladen, um sich mit Mike, Dustin, Lucas und Elf auf die Suche nach Will zu begeben, die im Wechselspiel zwischen Coming-of-Age und Sci-Fi-Horror ihr ganz eigene Dynamik entwickelt. Stranger Things weiß, wie mit Nostalgie umzugehen ist. Da sie zum menschlichen Leben dazugehört, muss sie aus dem Programm der Kinos und der häuslichen Flimmerkisten nicht weichen. Sie ist das vorher Dagewesene. Die Enzyklopädie in jedermanns Gedanken. Und dennoch ist sie nicht dazu da, immerzu bloß beschaut und bestaunt zu werden. Nein, sie soll stetig wachsen. Nostalgie ist nämlich wie guter Boden, der zwar immer am selben Fleck bleibt, aber Frühling um Frühling neue Pflanzen hervorbringt, jede schön auf ihre eigene unverwechselbare Weise.

Episodenübersicht zu Stranger Things

Cast & Crew

Idee: Matt Duffer, Ross Duffer
Darsteller: Winona Ryder, David Harbour, Finn Wolfhard, Millie Bobby Brown, Gaten Matarazzo
Länge pro Episode: ca. 41–54 Minuten

Bewertung

Bewertung_9

22nd Mai2016

X-Men: Apocalypse (2016) | Filmkritik

von Lukas K.

X-Men: Apocalypse

Offengestanden ist es inzwischen nicht mehr einfach, die X-Men-Chronologie zu verstehen, wenn man dem Universum fremd ist. X-Men 1 bis 3 (2000-2006) folgten direkt aufeinander, während X-Men: Erste Entscheidung (2011) in die Vergangenheit sprang und den Anfang von allem erzählte. Mit X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (2014) erzählte Bryan Singer schließlich eine Geschichte, in der die Helden aus dem Jahr 2023 ins Jahr 1973 reisten, um die Welt zu retten.

xmenapocalypse_1 Die neueste Fortsetzung spielt nun in den 80er-Jahren. Diesmal steht das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel, weil sich der Superbösewicht Apocalypse (Oscar Isaac) plötzlich aus dem Staub der Jahrtausende erhebt. Als erster Mutant der Zeitrechnung gelang es ihm, über Äonen die Fähigkeiten vieler zu erlernen. Nur noch ein Schritt trennt ihn nun davon, ein wahrhaftiger Gott zu werden.

Jeder Versuch Apocalypse aufzuhalten scheint aussichtslos, doch Charles Xavier (James McAvoy) hat seinen unbändigen Glauben an das Gute noch nicht verloren. So versucht er mithilfe von Mystique (Jennifer Lawrence) die X-Men zusammenhalten, während die neue Bedrohung alle Bande der Freundschaft auf eine harte Probe stellt. Rasch wird auch Erik Lehnsherr alias Magneto (Michael Fassbender) klar, dass er sich nicht länger in der polnischen Provinz verstecken kann. Als es dort zu einer unheimlichen Begegnung kommt, dämmert ihm allmählich, dass er eine wichtige Rolle spielen wird, wenn das Schicksal der Zivilisation auf dem Prüfstand steht.

Obwohl bereits diese Einführung so einige Wendungen verspricht, ist damit nur ein Bruchteil der Probleme aufgezählt, die sich Bryan Singers vielschichtiger neuer Streifen der Superhelden-Saga vornimmt. Mit Jean Grey (Sophie Turner), Scott Summers (Tye Sheridan) und Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) taucht der Zuschauer nicht nur in die Vorgeschichte bereits bekannter Helden ein, sondern lernt auch die drei Hauptcharaktere Mystique, Professor X und Magneto näher kennen.

xmenapocalypse_2 Von Apocalypse und seinen Lakaien ganz zu schweigen. Wie so oft wartet dieses Blockbuster-Spektakel mit unzähligen Charakteren auf, die sich im ersten Teil des Films wie Puzzlestücke hervorragend zusammenfügen. Während man erwarten würde, dass eine lange Einführung der Figuren den Start langweilig macht, gelingt dem Filmteam von X-Men: Apocalypse eine überraschend spannende erste halbe Stunde.

Das liegt vor allem an dem imposanten Portrait des Halbgottes Apocalypse, das vom alten Ägypten bis in die Gegenwart reicht und einer emotional packenden Exposition der Helden. Gerade die Beziehung zwischen Professor X und Magneto kommt in einer Szene eindrucksvoll zum Ausdruck, in der Charles jäh in Tränen ausbricht, als er in den Gedanken seines alten Weggefährten tiefen Schmerz spürt.

Wie schon in X-Men: Erste Entscheidung darf der Zuschauer mit Freude beobachten, wie eine junge Mutanten-Riege die eigenen Fähigkeiten entdeckt. Damals waren es Magneto, Mystique, Beast (Nicholas Hoult) und Charles. Nun sind es deren Schüler. Somit könnte der neueste Film genauso gut als X-Men: The Next Generation durchgehen.

Unter diesem Stern steht auch die Action. Dank der unterschiedlichsten Superheldenfähigkeiten ist sie so abwechslungsreich und rasant inszeniert, dass man aus dem Staunen kaum herauskommt. An dieser Stelle geht das neueste X-Men-Abenteuer jedoch einen Schritt über andere Genrevertreter hinaus. Die Bildsprache der Action schlägt beinahe poetische Pfade ein, wenn Apocalypse sich mit seinen Rivalen eine mentale Schlacht liefert. Außerdem scheint im X-Men-Universum nicht jeder Held vor der Gefahr des Todes gefeit zu sein, wodurch einem die Spannung nicht ganz so relativ vorkommt wie bei anderen Marvel-Episoden.

xmenapocalypse_3 Mir persönlich gefällt der ernstere Ton des Franchises um Professor X und seine Schüler ohnehin besser als die Avengers-Reihe, die Thrill nicht selten mit einem Dutzend cooler Sprüche gleich wieder untergräbt. Umso überraschter war ich von der Portion Humor in X-Men: Apocalypse, die sich erfreulicherweise nahtlos ins große Ganze einpasst. Die Macher gingen sogar ein echtes Risiko damit ein, den kessen Rebellenwitz des jungen Quicksilver (Evan Peters) in eine dramatische Szene einzubauen. Das Endergebnis kann sich wirklich sehen lassen.

Allerdings verbergen sich hinter all diesen positiven Punkten in ersten Linie bloß die Zutaten für beste Popcornunterhaltung. Dabei hatte gerade X-Men: Erste Entscheidung bewiesen, wie viel mehr in der Superheldentruppe mit „Mutationshintergrund“ steckt. Nämlich das Potential einer hochinteressanten Charakterstudie, die den Zuschauer zu berühren weiß.

Beim diesjähriger Streifen gilt jedoch leider: Vielschichtig bedeutet nicht immer gleich vielversprechend! Alles beginnt mit einer Reihe interessanter Versatzstücke philosophischer, politischer und zwischenmenschlicher Natur. Doch alles endet mit einem ausufernden Actionfinale, das zu wenig Substanz hat, um nicht vorhersehbar zu wirken. Zunächst verspricht der Film Themen wie die Sündhaftigkeit des Menschen und Verführung durch Religion zu behandeln. Aber die Erzählung lässt jene Andeutungen links liegen und fasst dann doch einen einfältigen Entschluss. Frei nach dem Motto: „Ach komm, zerstören wir eben eine Stadt in einer hübschen Materialschlacht und vergessen jedwede Tiefe. Finden eh alle geil.“

xmenapocalypse_4 Leider unterläuft X-Men: Apocalypse in dieser Hinsicht der gleiche Fehler wie dem ziemlich misslungenem Batman v Superman: Dawn of Justice. Zu früh machen die Charaktere dem Bombast Platz, sodass sie flacher bleiben, als es sein müsste. Der Schurke Apocalypse selbst ist das beste Beispiel für dieses Dilemma. Wie schon Ultron im zweiten Avengers-Film kommt er überaus bedrohlich daher, doch sein Motiv wird kaum bearbeitet und ist daher bloß ein Produkt von der Stange. Welt beherrschen! Warum? Wegen der Gier nach Macht!

Bryan Singers viertes Werk aus der Comicwelt bleibt also hinter seinen Möglichkeiten zurück. Es ist ein durchaus unterhaltsames Paket, das mit seiner Hochglanz-Action und einem sympathischen Ensemble beweist, welch fantastische Möglichkeiten das Kino heutzutage besitzt. Jedoch wird sich so mancher Filmliebhaber im Dschungel der Superheldenfilme nach Zeiten zurücksehnen, in denen die visuellen Effekte limitierter waren und stattdessen clevere Ideen umso grenzenloser. Somit bereitet X-Men: Apocalypse viel Spaß auf der großen Leinwand, ist gleichzeitig jedoch von großartigen Genrevertretern wie The Dark Knight und X-Men: Erste Entscheidung weit entfernt.

Trailer

Cast & Crew

Regie: Bryan Singer
Drehbuch: Simon Kinberg
Musik: John Ottman
Darsteller: James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, Oscar Isaac, Nicholas Hoult, Rose Byrne, Tye Sheridan, Sophie Turner, Olivia Munn, Lucas Till

Bewertung

Bewertung_6

17th Mai2016

Bridge of Spies – Der Unterhändler (2015) | Filmkritik

von Lukas K.

Bridge of Spies - Der Unterhändler

Lange galt in der Filmbranche eines als unumstößliche Wahrheit. Ein Film mit Steven Spielberg auf dem Regiestuhl kann niemals schlecht sein. Tatsächlich dauerte es eine halbe Ewigkeit bis Spielberg, der bereits seit den 70ern für die große Leinwand Projekte abdreht, in ein Fettnäpfchen trat. Während die Kritiker bei Krieg der Welten (2005) einmal tief durchatmeten, aber kein allzu böses Wort über den Regiegroßmeister verlieren wollten, waren sich Fans und Journalisten 2008 einig. Eine weitere unumstößliche Wahrheit gehörte beerdigt. Das halbherzige CGI-Gewitter von Indianer Jones und das Königreich des Kristallschädels konnte niemand schönreden. Auch Steven Spielberg erwies sich als fehlbar. Jedoch ließ er sich von diesem Ausrutscher kaum beeindrucken, lieferte er doch nur wenige Jahre später mit Lincoln (2012) ein zwölffach oscarnominiertes Geschichtsepos ab.

bridgeofspies_1 Die Frage nach seinem nächsten Projekt wurde rasch laut und Spielberg entschied sich nicht – wie er es in den 90ern so manches Mal getan hatte – für eine ausgewogene Abwechslung von ernsthaften Stoffen und bester Blockbusterunterhaltung, sondern legte nun mit Bridge of Spies: Der Unterhändler das nächste Drama nach, das auf wahren Begebenheiten beruht und mit Preisnominierungen überschüttet (sechsfache Oscar-nominierung) wurde. Doch hält das Projekt und Spielbergs Name dieses Mal, was es verspricht?

Um das herauszufinden, muss der Zuschauer sich bei Bridge of Spies in eine heiße Phase des Kalten Krieges hineinversetzen, in der jede physische Auseinandersetzung tunlichst vermieden werden sollte, während das Tauziehen im Hintergrund gerade erst richtig Fahrt aufnimmt – es ist die Hochzeit der Spionage. In dieser heiklen Konstellation sieht sich der Versicherungsanwalt James B. Donovan (Tom Hanks) plötzlich mit einem ebenso heiklen Fall konfrontiert. Er soll im Interesse seiner Kanzlei der Welt die moralische Überlegenheit des Westens demonstrieren, indem er den vermeintlichen Sowjetspion Rudolf Abel (Mark Rylance) vor Gericht verteidigt. Als Donovan diesen Auftrag jedoch wörtlich nimmt, hagelt es Probleme. Nur wenige Tage nach Prozessbeginn zeigt sich bereits, dass die ganze USA nach Abels Hinrichtung schreit und auch dessen Rechtsanwalt ins Fadenkreuz nimmt.

Mit einem trickreichen Schachzug versucht Donovan für seinen Mandanten einen Gnadenaufschub zu erreichen, doch noch ehe die Gerichtsverhandlungen vollkommen beendet sind, klopft bereits die CIA an seine Bürotür. Für einen Auftrag mit dem Aktenzeichen „Top Secret“ schicken ihn die Agenten in Europas Hexenkessel. Sein Auftrag führt ihn in das geteilte Berlin. Als getarnter Unterhändler.

bridgeofspies_2 Historienfilme schweben immer in der Gefahr, in die Langeweile abzugleiten, gerade weil die Vergangenheit bei brisanten Ereignissen natürlich einen unausweichlichen Spoiler darstellt. Deshalb hat sich ein genaues Augenmerk auf die Charaktere und ihre kleinen Geschichten, die bisher nur selten Erwähnung fanden und der Öffentlichkeit meist verborgen blieben, bewährt. Mit Schindlers Liste (1993) hatte Spielberg fulminant aufgezeigt, wie das Kunststück Geschichtsdrama funktionieren kann. Mit Bridge of Spies ist ihm nun abermals ein Werk gelungen, das zwar so manches Manko aufweist, aber gewiss nie langweilig wird. Zum einen liegt das sicher an Joel und Ethan Coens Drehbuch, das sie in Zusammenarbeit mit Matt Charman konzipierten. Sie überraschen den Zuschauer, indem sie dem ernsten Thema des Kalten Krieges eine beachtliche Portion des typischen Coen-Humors beimischen. Natürlich ist der Witz des Films stets anständig und gediegen und reicht damit nicht für mehr als ein seliges Schmunzeln. Jedoch hält er in einem Drehbuch, das so gut wie nur vom Dialog lebt, das Tempo höher als erwartet.

Zum anderen darf sich der Zuschauer immer wieder auf spannungsgeladene Szenen freuen, die ein Zeugnis für die Tatsache sind, dass Spielberg sich auch im Actiongenre bestens auskennt. Ein stiller und gleichzeitig rasanter Start in die Geschichte verbindet die besten Elemente von Spionagestory und Verfolgungsthrill miteinander. Auch später im Film sind die Augen vor Staunen geweitet, wenn einem ein Überlebenskampf in der Luft handwerklich tadellos inszeniert vorgesetzt wird. Ebenso verhält es sich mit den eingefangenen Verhörmethoden.

Somit gelingt es Bridge of Spies trotz seines verhältnismäßig trockenen Themas und den 142 Minuten Laufzeit einen spannenden und durchweg interessanten Plot aufzufahren, der gepaart mit Spielbergs virtuosem Sachverstand Spaß beim Zusehen macht.

bridgeofspies_3 Was die Charaktere angeht, so tauchen derer viele auf. Die Konzentration liegt aber im Großen und Ganzen auf nur Zweien. Rechtsanwalt Donovan und sein Mandant Abel. Die Chemie zwischen diesen beiden Männern wirkt seit der ersten Begegnung ansteckend. Das liegt natürlich am eleganten Drehbuch und den meisterhaften Darstellern. Mark Rylance, zurecht mit dem Oscar als bester Nebendarsteller prämiert, spielt den ruhigen Genossen Abel mit seiner charmanten Liebe zur Malerei ausgezeichnet. In seinem Gesicht scheint sich oberflächlich kaum etwas zu bewegen, doch auf den zweiten Blick trügt dieser Schein. Gerade die feinen Regungen machen seine Performance so authentisch und lassen erahnen, weshalb er in Großbritannien als einer der besten Theaterschauspieler seiner Generation gilt.

Aber auch Tom Hanks verkörpert Donovans Wesen auf eindrückliche Art und Weise. Schon einige Jahre konnten wir eine solch starke Leistung von Hanks nicht mehr genießen. Nach Terminal (2004), Der Soldat James Ryan (1998) und Catch Me If You Can (2002) überzeugt Bridge of Spies wohl auch den letzten Zweifler davon, dass Spielberg und Hanks eine der gelungensten Kollaborationen Hollywoods darstellen.

Während also mit einem Coen-Brüder-Drehbuch, einem Spielberg-Hanks-Projekt und auch Thomas Newmans melancholisch getragenem Soundtrack gleich drei Qualitätssiegel den Streifen prägen, entbehrt er dennoch nicht einiger offenkundiger Schwächen.

Die so sympathische und nachvollziehbare Figurenzeichnung stagniert hier und da, nachdem James Donovan die USA verlässt und nach Deutschland gelangt. Hanks Charakter bleibt das, was er bereits zu Beginn der Erzählung war: eine gerechte amerikanische Seele ohne nennenswerte Schattenseiten. Die Exposition für Donovan und auch der anderen Figuren könnte kaum besser verarbeitet sein und sie fügen sich nahtlos in ein gewitzt erzähltes erstes Drittel der Geschichte ein. Allerdings werden beinahe alle Baustellen, die dort aufgemacht werden mit der Verlagerung der Handlung nach Deutschland auf Eis gelegt. Die aufkommende Wut der Bevölkerung gegen Donovan und seine Familie, die Angst seines Sohnes vor dem nuklearen Holocaust und auch das interessante Hin und Her vor Gericht tritt vollkommen in den Hintergrund und wird nicht zu keinem Ende gebracht. Auch die Schicksale rund um den Berliner Mauerbau instrumentalisiert der Film lediglich für kurze Momente der Spannung. Es sind diese ausgelassenen Möglichkeiten, die dem Film in seinem Gesamtkonzept schaden und so freut man sich regelrecht immer wieder auf die gewitzten Wortschlachten, von denen der Film lebt.

bridgeofspies_4 Wer sich für Bridge of Spies entscheidet, sollte sich schlussendlich bewusst sein, dass Spielberg und sein Team es nicht so sehr auf ein ausdifferenziertes Drama anlegen, sondern vielmehr eine kleine und feine Geschichte über einen aufrechten Amerikaner erzählen wollen. Dieser Patriotismus wird über weite Strecken mit einem charmanten Understatement transportiert, was dennoch nicht bedeutet, dass die Sowjetunion hier und da nicht eine äußerst flache Zeichnung erfährt. Trotzdem ergibt sich ein durchweg solides Werk, das – was die filmischen Mittel angeht – zum Staunen einlädt. Gerade das Setdesign ist von einer herzlichen Detailverliebtheit bestimmt, sodass manche Kulisse zeitweilig wie ein Gemälde anmutet.

Den Höhepunkt des Filmes bildet für mich persönlich eine Szene, in der Abel im Verhörzimmer über einen standhaften Mann spricht, den er einst kannte. Ein Motiv, das den Film bestimmen soll. Wie Rylance hier seine Schauspielkunst darbietet ist vortrefflich pointiert. Die Worte in seinem Mund könnten besser kaum zurechtgelegt sein. Das ist großes Kino, für das Spielberg mit seinem Team zurecht gerühmt wurde.

Alles in allem ist Bridge of Spies ein durchaus sehenswerter Film, dessen erstes Drittel viel interessanter und spritziger daherkommt als der noch immer sehr solide und sehenswerte restliche Teil des Films. Vieles wird angedeutet aber längst nicht alles wird weitergedacht. So bleibt festzustellen, dass noch Luft nach oben ist aber Spielberg für ein schönes Erlebnis garantiert, indem er die stillen Helden des Kalten Krieges würdigt und vor allem mit Rechtsanwalt James Donovan für einen grenzübergreifenden Optimismus plädiert.

Bridge of Spies: Der Unterhändler entpuppt sich als eine Geschichtsstunde, in der ganz klar der Unterhaltungswert im Vordergrund steht. Vor allem durch zwei Schauspielkünstler und den unerwarteten Witz des Drehbuchs unterscheidet er sich vom gewöhnlichen Historienfilm.

Cast & Crew

Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Matt Charman, Ethan Coen, Joel Coen
Musik: Thomas Newman
Darsteller: Tom Hanks, Mark Rylance, Amy Ryan, Alan Alda, Austin Stowell, Scott Shepherd, Jesse Plemons

Bewertung

Bewertung_8

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