10th Mrz2018

The Big Sick (2017) | Filmkritik

von Frederik Heinen

The Big Sick

Romantische Komödien sind ein Genre mit einer langen Geschichte aber einem fast ebenso schlechten Ruf. Viele Ableger sind einfache Romanverfilmungen, filmisches Malen nach Zahlen: uninspiriert und einfach. Manche Schauspieler fürchten sich in genau diesem Genre fest zu fahren und auf ewig in tragischen Liebesgeschichten gefangen zu sein.

thebigsick_1 Und dann ist da noch meist die abgehobene, unrealistische Erzählweise von Mr. Und Mrs. Right, mit der perfekten Beziehung mit dem perfekten Partner. Umso sympathischer ist es, dass ein Schicksal und eine Liebesgeschichte in der Realität so interessant und spannend ist, dass sie verfilmt wird.

Kumail (gespielt von sich selbst) ist ein junger pakistanischer Comedian in Chicago. Oft zwischen seinen religiösen, traditionellen Wurzeln und seinem eigentlich progressiven Lebensstil gefangen, sucht er nach seinem Weg im Leben. Seine hinduistische Kindheit hat großen Einfluss auf seine Karriere und seine Familie ist ihm enorm wichtig, dennoch ist er vielen alten Bräuchen abgelehnt und eckt an vielen Stellen mit seinen Eltern an.

Seine Karriere als Komiker oder sein Desinteresse an einer arrangierten Hochzeit ergeben eine immer größere Kluft zu seinem elterlichen Zuhause. Sein Cousin wird ihm immer wieder als negatives Beispiel vorgehalten. Er hatte sich für eine weiße Frau entschieden und damit gegen seine eigene Familie.

Eines Tages trifft Kumail auf Emily (Zoe Kazan), eine junge Studentin. Die beiden finden schnell Gefallen aneinander und nach anfänglichen Bindungsängsten scheint aus den beiden ein echtes Paar zu werden. Doch Kumail ist noch nicht bereit, seinen Eltern die Beziehung zu offenbaren und plötzlich wird Emily aufgrund einer Infektion auch noch in ein medizinisches Koma versetzt.

thebigsick_2 Auf einmal sieht sich der junge Pakistani völlig überwältigt. Seine Familie wendet sich gegen ihn, als sie die Wahrheit erfährt, seine Karriere fährt auf das Abstellgleis und die erste Begegnung mit Emilys Eltern Beth (Holly Hunter) und Terry (Ray Romano) neben deren bewusstloser Tochter könnte nicht unangenehmer sein.

Doch Kumail will nicht aufgeben. Er kämpft um seine Beziehung, seine Familie, gegen Emilys Eltern und versucht irgendwie sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen.

Kumail Nanjianis Leinwanddebüt als er selbst ist urkomisch, tragisch und wunderschön zugleich. Der Zuschauer verliert sich genauso schnell in der wunderbar ehrlichen Beziehung zwischen dem jungen Comedian und seiner großen Liebe, wie in der lustigen Chemie seiner Familie. Auch wenn Nanjiani häufig etwas deplatziert in seiner eigenen Rolle wirkt, so wird man das Gefühl nicht los, als würde er mehr nach Erinnerung als nach Anweisung arbeiten.

Dies lässt den Film häufig noch sympathischer wirken, oft wirkt Kumails fehlende Erfahrung aber auch gegen ihn. Holly Hunter, Ray Romano, Zoe Kazan und seine ganze Familie spielen den doch recht jungen Darsteller gnadenlos an die Wand.

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Aber genau diese Unbeholfenheit macht den Hauptcharakter oft so sympathisch und real. Diese Erzählung ist keine 0815-Liebesgeschichte. Es ist eine voller Hindernisse und Schwierigkeiten, die der junge Kumail genauso unbeholfen verarbeitet wie es fast jeder tun würde. Der Zuschauer verliert sich eben deswegen in der Geschichte, eben weil sie so roh und nah ist.

The Big Sick erzählt die (fast) wahre Geschichte von Kumail Nanjiani und seiner Frau Emily V. Gordon. Eine Erzählung voller Höhen und Tiefen, eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Die Geschichte um die beiden Hauptdarsteller ist wunderschön und herzzerreißend zugleich, realistisch und gleichzeitig hochkomisch.

Wir alle finden uns mehr oder weniger in den Charakteren wieder, auch wenn ihre Geschichte freilich eine ganz eigene ist. Aber genau das macht diesen Film so sympathisch. Die Romanze zwischen Emily und Kumail scheint so simpel, so klar. Doch das Leben ist einfach nicht fair und keine Beziehung ist ohne Fehler.

Während sich jeder andere Film aber einen Konflikt aus dem Ärmel zaubert, wirkt das Wechselbad der Gefühle, durch welches der Zuschauer hier gezwungen wird, real und irgendwie bekannt. Kein Streit wirkt erzwungen oder unrealistisch, keine Tat wirkt schwer nachvollziehbar. Wir fühlen und leiden mit den Protagonisten und wir freuen uns mit ihnen.

The Big Sick ist keine einfache romantische Komödie. Er erzählt eine größere Geschichte rund um die Herausforderungen, die uns das Leben entgegen wirft, bleibt aber dabei so realitätsnah wie kaum ein Film in diesem Genre. Der Film ist romantisch aber nie romantisiert und neben der tragisch-schönen Geschichte rund um das Paar Emily und Kumail einfach unheimlich lustig.

Trailer
Cast & Crew

Regie: Michael Showalter
Drehbuch: Emily V. Gordon, Kumail Nanjiani
Musik: Michael Andrews
Darsteller: Kumail Nanjiani, Zoe Kazan, Holly Hunter, Ray Romano, Anupam Kher

Bewertung

Bewertung_9

08th Mrz2018

Operation: 12 Strong (2018) | Filmkritik

von Frederik Heinen

Operation: 12 Strong

Der 11. September 2001 ist einer der tragischsten und gleichzeitig wichtigsten Ereignisse der Moderne. Der Tag veränderte nicht nur den Blick auf vieles, was international in der Welt passierte, startete tausende von Verschwörungstheorien und öffnete vielen Menschen die Augen bezüglich eines Konfliktes, der sonst so fern schien. Der Tag ist nach dem Fall der Berliner Mauer einer der großen „Wo warst du als“ Momente.

operation12strong_1 Natürlich ist dieser Tag bis heute nicht vergessen und die Erzählungen rund um den Fall der Türme und die Konsequenzen, die der Anschlag mit sich brachte, sind wahrscheinlich unzählbar. Da scheint es fast erschreckend, dass eben eine der wichtigsten Geschichten rund um die Gegenoffensive der US-Amerikaner in Afghanistan so lange auf sich warten ließ.

Die Geschichte der berittenen Truppe, die mit einer der ersten Sabotage-Aktionen gegen die Taliban beauftragt wurde, wird im Jahre 2018 mit Operation: 12 Strong auf der großen Leinwand erzählt. Der Zeitpunkt mag wahllos wirken, gleichzeitig ist es eine Geschichte, die zeitlos ist.

Captain Mitch Nelson (Chris Hemsworth) hatte seinen aktiven Posten im Militär eigentlich aufgegeben. Er blickt auf mehr Zeit mit seiner Familie und einem verhältnismäßig langweiligen Bürojob entgegen. Mit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York ändert sich jedoch alles schlagartig.

Nelson kontaktiert umgehend seinen Vorgesetzten Lieutenant Bowers (Rob Riggle). Er will seine alte Spezialeinheit zusammenraufen (unter anderem Michael Shannon und Michael Pena), um direkt in Afghanistan eine Gegenattacke starten. Nach einem emotionalen Abschied von ihren Familien schreitet die zwölf Mann-starke Truppe in den Kampf und der relativ junge Nelson schafft es sogar, trotz anfänglicher Skepsis, Colonel Mulholland (William Fichtner) zu überzeugen: seine Einheit darf den Einsatz starten.

Sie werden direkt in die feindliche Zone geschickt. Und Sie sind die erste Offensive, die das Attentat auf die USA rächen soll.

Was zu Anfang wie ein ganz normaler Kriegsfilm beginnt, entwickelt sich bald zu einem kritischen Blick hinter die Kulissen der Afghanistan-Offensive, in welcher die US-Amerikaner gezwungen sind mit lokalen Warlords zusammenzuarbeiten. Diese sind natürlich auch an dem Kampf gegen die Taliban und Al Qaeda interessiert, nicht aber aus Rachegelüsten, sondern Eigeninteressen wie der Rückeroberung des eigenen Landes oder schlicht Reichtum.

operation12strong_2 Die Intrigen der US-Amerikaner und ihre seltsamen Machenschaften hinter den Kulissen werden zwar angesprochen, meist bleibt der Film aber relativ oberflächlich in seiner Kritik. Dabei ist der oft zur Schau getragene Patriotismus hier bei Weitem nicht so offensiv und offensichtlich wie in so manchem Michael Bay-Film. Wer aber einen U.S. Army-kritischen Antikriegsfilm erwartet, wird trotzdem enttäuscht. Der Tenor ist weiterhin: „Die Amerikaner sind die Weltpolizei! Es ist ihre Aufgabe unsere Konflikte für uns zu lösen. Sie sind die Guten!“

Operation: 12 Strong ist zwar das Regiedebüt für Nicolai Fuglsig, auf dem Produzentenstuhl sitzt mit Jerry Bruckheimer jedoch definitiv kein neues Gesicht. Dies ist an dem Explosions- und Actionbudget des Films erkennbar. Aber genau hier wirkt der Film an einigen Stellen verwirrend. Es explodiert viel und es explodiert groß aber vor allem in größeren Schlachten arbeitet der Film in einem Bild mit offensichtlichen CGI-Explosionen gleichzeitig mit realen Effekten. Dieser Stilbruch nimmt den Zuschauer beizeiten etwas aus dem Geschehen. Nicht weil die Effekte schlecht sind, sondern weil die Verbindung beider häufig nicht funktioniert.

Bildlich gesehen ist Operation – 12 Strong aber äußerst interessant. Dialoge und Szene in Räumen mögen so banal und einfach geschossen sein wie in jedem anderen x-beliebigen Film, doch die Außenaufnahmen und einige spannende Feuergefechte sind stark und bildgewaltig in Szene gesetzt. Häufig wirken diese Gefechte zwar unübersichtlich und chaotisch, aber dies sei dem Film aufgrund seiner bei Zeiten sehr real wirkenden Atmosphäre verziehen. Dabei wirken die Kämpfe häufig nicht kalkuliert, sondern wild und ungezähmt. Das rasche Bild unterstützt dieses Gefühl zudem noch.

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Chris Hemsworth (Thor) ist wahrscheinlich Australiens bester Schauspieler-Export des letzten Jahrzehnts. Vielleicht ist er noch nicht an dem Punkt eines Hugh Jackman angelangt, doch sein unweigerlicher Charme, sein attraktives Aussehen und sein Comedy Timing verschafften dem ältesten der drei Hemsworth Brüder in den letzten Jahren einen Rundumschlag an Rollen. Nach seinem Kurzauftritt als Captain Kirks Vater George in Star Trek (2009) in seiner Hollywood-Debütrolle, verhalf vor allem das Marvel Universum dem Australier zu neuen Weiten.

Doch als Vorzeige-Amerikaner an der Front der Einsatztruppe wirkt er doch etwas deplatziert. Freilich wird nicht jeder Kinogänger wissen, dass Hemsworth kein gebürtiger US-Amerikaner ist. Die Casting Entscheidung sollte deswegen hier nicht als Kritik gesehen werden. Dennoch wirkt er einfach etwas verloren neben Michael Shannon (Shape of Water), der ihn mit seiner Kälte doch etwas in den Schatten stellt.

Insgesamt ist Operation – 12 Strong solides Popcorn-Kino und bestimmt für viele US-Amerikaner eine wichtige, patriotische Erzählung. Doch abseits dieser Mentalität kann man dem Film höchstwahrscheinlich nicht zu viel abgewinnen. Die einzelnen Charaktere sind nicht emotional genug erzählt, um eine tatsächliche Bindung zu entwickeln, der Film ist nicht brutal genug, um wirklich zu schocken und der Zuschauer verliert sich nie wirklich in den Kampf ums Überleben und fiebert mit den Soldaten, wie es in anderen Filmen der Fall ist.

Zu viele Klischees und simple Dialoge halten den Film davon ab wirklich sein volles Potenzial auszuschöpfen. Wer Interesse an dem Konflikt in Afghanistan hat und einen interessanten Film über einen eigentlich verfluchten Einsatz sehen will, dem kann Operation: 12 Strong ans Herz gelegt werden. Wer aber einen emotionalen, komplexen Film über die Männer, die eben hinter dieser realen Geschichte standen, sehen will, bleibt hier leider auf der Strecke.

Bewertung

Bewertung6

Trailer
Informationen
Operation: 12 Strong (2018)
130 min|Action, Drama, History|19 Jan 2018
6.6IMDB-Wertung: 6.6 / 10 von 28,427 Nutzern
Operation: 12 Strong handelt von einer kleinen militärischen Sondereinheit um Captain Mitch Nelson (Chris Hemsworth), die kurz nach den Anschlägen vom 11. September auf geheimer Mission in Afghanistan unterwegs ist. Auf Pferden reiten die zwölf Special-Forces-Soldaten in den Krieg gegen die zahlenmäßig überlegenen Taliban, schaffen es aber dennoch, dank militärischer Erfahrung, der Zusammenarbeit mit einem afghanischen Kriegsherrn und strategischem Geschick den Feind zurückzudrängen...
04th Mrz2018

Mudbound (2017) | Filmkritik

von Frederik Heinen

Mudbound

In einer Zeit, in welcher Streamingdienste nicht mehr reine Vehikel sind, um die Filme an den Zuschauer zu bringen, sondern Eigenproduktionen gang und gäbe, ist es nur eine Frage der Zeit bis sich einige dieser Filme auch mit in den Academy-Award-Ring werfen.

mudbound_1 Nach dem Erfolg der Amazon-Produktion Manchester by the Sea bei der Oscar Zeremonie 2017 zeigen auch die Online-Plattformen ihre Muskeln. Längst muss ein Film nicht mehr die Kinogänger in die Säle locken. Stattdessen lockt man die Leute auf die bequeme Couch mit der Unterhaltung, für die sie sonst das Haus verlassen würden.

Nach den Dokumentationen Virunga und dem Oscar-Preisträger The White Helmets versucht sich Streaming-Gigant Netflix jetzt mit Mudbound an einem echten Indie-Darling und hat damit bei den Academys schon einmal einen Fuß in der Tür.

Laura McAllan (Carey Mulligan) ist eigentlich eine ganz normale Hausfrau in den 40er Jahren. Sie kümmert sich meist zu Hause um die Kinder während ihr Mann Henry (Jason Clarke) sich um den Unterhalt der kleinen Familie kümmert. Als er ihr eines Tages offenbart, die ganze Familie auf eine neu erstandene Farm umzuziehen, ist sie mehr als unzufrieden.

Als sich auch noch herausstellt, dass Henry auf einen Trickbetrüger reingefallen ist, und zwar ein Land aber dafür kein Haus erstanden hat, scheint alles noch weiter den Bach runterzugehen. Die Familie lebt also fortan in einem kleinen Stall mitten auf dem Feld. Nicht unweit von seinen afroamerikanischen „Angestellten“, der Familie Jackson, entfernt, versucht die Familie McAllan das Beste aus einer schlechten Situation zu machen.

mudbound_2 Fernab von dem vielleicht nicht schönen aber zumindest friedlichen Leben in Mississipi, kämpfen Ronsel Jackson (Jason Mitchell), Sohn der afroamerikanischen Familie und Henrys Bruder Jamie (Garrett Hedlund) an der Front des Zweiten Weltkriegs. Jamie als Pilot, während Ronsel auf dem Boden mit seinem Panzertrupp gegen die Deutschen marschiert.

Beide erinnern sich immer wieder an ihre Familie und was sie wohl nach dem langen Krieg Zuhause erwartet, während Jamies Familie immer wieder mit den Jacksons in Konflikte verwickelt wird. Henry rassistischer Vater (Jonathan Banks) eckt immer wieder mit seinen Nachbarn an und Ronsels Vater Hap (Rob Morgan) spricht mit seinen Kindern tagtäglich über deren mögliche Zukunft.

Nichts mehr würde er sich wünschen, als dass ihnen alle Türen offenstehen. Er wünscht sich, auch eines Tages Land zu besitzen, auf welchem er harte Arbeit leistet und nicht wie ein Nutztier betrachtet wird. Er und seine Frau Florence (Mary J. Blige) wünschen sich eine Zukunft, in welcher sie gleich angesehen werden und hoffen derweil jeden Tag, ihren Ronsel unversehrt wieder in die Arme schließen zu dürfen.

Nach einer Weile hat der große Krieg endlich sein Ende und Jamie und Ronsel kehren zurück nach Hause. Beide sind körperlich in bester Form, doch beide zeigen Zeichen der psychischen Tortur, welche sie in der Zeit an der Front durchleben mussten. Überglücklich fallen sie ihren Familien in die Arme, doch bald wird beiden klar, dass sie nicht in einer Welt angekommen sind, die sie kennen oder welche sie überhaupt akzeptiert.

mudbound_3 Jamie kommt sich immer wieder mit Pappy in die Haare, während Ronsel den immer noch sehr präsenten Rassismus an eigener Haut spüren muss. Beide Männer suchen nach ihrem Platz in der Gesellschaft, die selbst fernab vom Zweiten Weltkrieg trostloser nicht sein könnte.

Mudbound erzählt die Geschichte von zahlreichen Charakteren, die in der Zeit des Zweiten Weltkrieges in den USA aufeinandertreffen. Wer „Zweiter“ Weltkrieg“ hört, denkt sich natürlich, in einer Saison nach Dunkirk und Die Dunkelste Stunde wäre der Markt bereits überfüttert. Dee Rees‘ (Pariah) Film erzählt die Zeit aber eben nicht an der Front in Europa, sondern stattdessen eine Familiengeschichte im Herzen Amerikas.

Wenngleich die Erzählung größtenteils fernab der großen Schlachten abgehandelt wird, so sind die Gegebenheiten der Charaktere doch nicht weniger tragisch. Weiterhin ist der Rassismus in den Vereinigten Staaten von Amerika weiterhin ein großes Problem, auch wenn Afroamerikaner nicht als Sklaven gehalten werden, sehen sie sich tagtäglich psychischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt.

Doch eben aufgrund dieser vielen, wichtigen Charaktere wirkt der Film oft planlos und ohne roten Faden. Alle Geschichten werden ebenbürtig erzählt, ein genaues Ziel für die einzelnen Personen verschwindet im Wirrwarr der einzelnen Erzählstränge. Wer sich vor dem Film nicht sicher war, ob es sich um eine Buchverfilmung handelt, sollte sich diese Frage letztendlich, nachdem die fünfte Szene mit einem VoiceOver eingeleitet wurde, selbst beantworten können.

mudbound_4 Mudbound erzählt seine Geschichte aber nicht aus der Sicht eines Erzählers. Mudbound erzählt sie mit sechs (!) verschiedenen. Das wirkt bei Zeiten so abschließend, dass zwischen einigen Szenen überhaupt kein Zusammenhang mehr deutlich wird. In einem Kinofilm mag das eigentlich kein Problem sein, da die Geschichte bildlich schön gestaltet und emotional erzählt ist. Auf dem heimischen, mit Netflix ausgerüsteten Fernseher aber zieht sich die Handlung von des Films einfach zu sehr in die Länge.

Als Auswirkung hat der Zuschauer nie die Zeit sich emotional an einen der Charaktere zu binden. Zu sehr springt der Film zwischen den Handlungen und Erlebnissen der einzelnen Personen, zu abgeschlossen und isoliert wirkt jede Szene des Films. Die Handlung wirkt so ausufernd, dass man sich nicht entscheiden kann, ob der Film eine halbe Stunde weniger oder sechs Stunden länger dauern sollte.

Dabei ist Mudbound bei aller Liebe kein schlechter Film, er wirkt einfach nur altbacken. Die Darsteller sind durch die Bank unterhaltsam bis überragend. Rob Morgan (Stranger Things) erzählt seine tragisch schöne Geschichte meisterhaft an einer Seite mit Mary J. Blige (Rock of Ages), während Jonathan Banks (Breaking Bad) spielt einen der widerwärtigsten Charaktere des letzten Jahre grandios verkörpert.

Dennoch helfen die einzelnen Darbietungen dem Film nicht über sein durchgehendes Mittelmaß hinweg. Auf der einen Seite ist es erfreulich, dass auch Streaming-Dienstleister Filme produzieren, welche sich in die hohen Award-Riegen mischen. Auf der anderen Seite ist es erschreckend, dass eben diese eigentlich neuen, marktantreibenden Studios hinter den offensichtlichsten Malen-nach-Zahlen-Filmen stehen.

Mudbound ist ein klassischer Oscarfilm und er hat einen ebenbürtigen Platz neben seinen Kollegen. Irgendwie wirkt es dennoch so, als wäre dieser Platz in einem anderen Jahr besser aufgehoben.

Bewertung

Bewertung7

Trailer
Informationen
Mudbound (2017)
134 min|Drama, War|17 Nov 2017
7.5IMDB-Wertung: 7.5 / 10 von 25,550 Nutzern
Zwei Familien treffen kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Mississippi-Delta aufeinander: Die Familie von Hap (Rob Morgan) und Florence Jackson (Mary J. Blige) bewirtschaftet schon seit Generationen ein Stück Land und versucht sich ein freies, selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Als Afroamerikaner haben sie es dabei im rassistischen Süden der USA jedoch schwer...
02nd Mrz2018

Oscars 2018: Unsere Favoriten

von Frederik Heinen

Oscars

Nur wenige Stunden sind die Oscars nun noch entfernt und wie viele andere auch, fiebern wir der Nacht des Jahres eifrig entgegen. Doch auch wenn der Ablauf der Academy Awards geheim und hinter verschlossenen Türen geschieht, so haben sich auch dieses Jahr wie gewohnt einige Favoriten klar herauskristallisiert.

Doch was halten wir eigentlich von dem Ganzen? Was sind unsere Lieblingsfilme des Jahres und wer darf den Goldjungen tatsächlich mit nach Hause nehmen? Wir präsentieren euch nochmal das wichtigste und unsere Meinung zu den großen Kategorien!


Die Verlegerin
Call Me By Your Name
Lady Bird
Der seidene Faden
Shape of Water
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Dunkirk
Get Out
Die dunkelste Stunde

Allgemeiner Favorit: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Auch wenn der neueste Streifen von Martin McDonagh (Brügge sehen und sterben) durch seine strittige Geschichte und zwielichtigen Charaktere nicht wenig Kritik mit sich gebracht hat, scheint er dieses Jahr genau den Zahn der Academy getroffen zu haben.

Francis McDormand und alte Filmkollegen aus 7 Psychos Sam Rockwell und Woody Harrelson sind alle für ihre eigenen Darsteller-Preise nominiert. Dem Sieg in der größten Kategorie des Abends scheint also nichts mehr im Wege zu stehen. Doch mit dem etwas anderen Zählsystem des „Bester Film“-Preises und einer kleinen Überraschung im letzten Jahr, bleibt es trotzdem spannend.

Unser Favorit: Shape of Water

Kaum ein Film war so hoch erwartet und konnte uns gleichzeitig so auf voller Länge überzeugen. Del Toro schafft es eine unglaublich schöne, märchenhafte Geschichte zu erzählen, verpackt in einen Monsterfilm im klassischen Stil.

Grandiose Darsteller, liebevolles Set-Design, ein Soundtrack, welcher den Zuschauer komplett in seiner Welt verschlingt und eine Geschichte die roh und liebevoll erzählt. Shape of Water versteckt sich vor keinen Tabus, sondern erzählt eine Liebesgeschichte in seiner reinsten Form und ist dabei wunderschön. Ein visuelles, emotionales Rundum-Meisterwerk.


Christopher Nolan – Dunkirk
Jordan Peele – Get Out
Greta Gerwig – Lady Bird
Paul Anderson – Der seidene Faden
Guillermo Del Toro – Shape of Water

Allgemeiner Favorit: Guillermo Del Toro

Nicht ohne Grund ist Shape of Water mit 13 Nominierungen der führende Name in der diesjährigen Verleihung. Del Toro präsentiert in seinem neuesten Werk ein Projekt, welches sensibler und persönlich nicht sein könnte aber gleichzeitig eine tiefere Bedeutung für den Zuschauer hat. Die Erzählung einer tragischen Liebesgeschichte ist allumfassend und wirkt wohl auch bei der Academy!

Unser Favorit: Guillermo Del Toro

Guillermo del Toro ist vielleicht kein Regisseur mit einer riesigen Liste an Filmen. Er ist eher ein Mann, dessen unvollendete Projekte uns immer mehr Fragen als Antworten lassen werden. Aber genau das macht ihn so besonders und einzigartig.

Del Toro ist kein klassischer Oscar-Regisseur. Filme wie Hellboy oder Pacific Rim werden so schnell keinen Blick von der Academy erhaschen können. Doch was den gebürtigen Mexikaner so besonders macht ist seine absolute Liebe fürs Detail.

Seine Filme mögen keine Kritikerlieblinge und Preissammler sein. Dennoch sind sie über lange Zeit entstanden mit einer Welt, die so tiefgründig und liebevoll gestaltet wurde, dass man sich in jedem seiner Filme komplett zu verlieren vermag. Sei es ein großes Actionspektakel oder eine einfühlsame Erzählung.


Timothée Chalamet (Call Me By Your Name)
Daniel Day-Lewis (Der seidene Faden)
Daniel Kaluuya (Jordan Peele – Get Out)
Gary Oldman (Dunkelste Stunde)
Denzel Washington (Roman Israel Esq.)

Allgemeiner Favorit: Gary Oldman

Jedem sollte der Name bekannt sein. Durch seine Heldenrollen bekannt, aber durch seine seine Rollen als Bösewicht verehrt, bleibt Oldman doch meist eher für seine Rollen in großen Actionblockbustern wie Leon: Der Profi oder großen Franchises wie Harry Potter und der Gefangene von Askaban bekannt.

Dennoch zeigt er in den letzten Jahren mit seiner ersten Oscar-Nominierung in Dame, König, As, Spion, dass er auch das Zeug hat um die engstirnige Academy für sich zu gewinnen. Die meisten Insider sagen ihn schon als sicheren Sieger der diesjährigen Zeremonie voraus.

Unser Favorit: Daniel Kaluuya

Eine zugegebenermaßen weit gegriffene Hoffnung sieht den jungen Kaluuya die Größen Hollywoods in einem seiner frühesten Werke in den Schatten stellen. Zwar bleibt die Chance relativ klein, dennoch existiert sie.

Daniel Kaluuya zeigte in einem der Überraschungshits des Jahres eine Performance die vielschichtig und spannend und gleichzeitig komplett mühelos wirkte. Selbst wenn er den Goldjungen dieses Jahr nicht mit nach Hause nehmen darf, bleibt er einer der Darsteller, die man in den kommenden Jahren im Auge behalten sollte.


Margot Robbie (I, Tonya)
Meryl Streep (Die Verlegerin)
Saoirse Ronan (Lady Bird)
Frances McDormand (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri)
Sally Hawkins (Shape of Water)

Allgemeiner Favorit: Francis McDormand

Bei den Golden Globe Awards 2018 konnte Francis McDormand bereits die Auszeichnung als beste Darstellerin abräumen und zieht somit auch den Oscars als Favoritin ins Rennen.

Nachdem sie bereits 1997 für ihre Darstellung in dem Coen-Brüder Werk Fargo den Oscar als beste Hauptdarstellerin erhielt, könnte dies nun ihr zweiter Goldjunge bei bislang fünf Nominierungen werden.

Unser Favorit: Francis McDormand

Auch uns hat Francis McDormand als wutentbrannte Mildred Hayes überzeugt, die nach Rache für den Tod ihrer Tochter sinnt und sich mit den örtlichen Polizisten anlegt. Doch sicher ist ihr die Auszeichnung keinesfalls, denn mit Sally Hawkins und Margot Robbie hat sie zwei starke Konkurrentinnen und auch Meryl Streep ist wie jedes Jahr im Rennen.

Wer weiß: Vielleicht überrascht letztendlich auch noch das Küken der Runde, Saoirse Ronan!

Allgemeiner Favorit: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Wie schon letztes Jahr mit La La Land zeigt sich ein Film in nahezu jeder Kategorie. Der neue Martin McDonagh-Film schaffte es endlich für seine großartigen Dialoge und seinen einzigartigen Witz eine Nominierung einzuheimsen. Nicht nur das, er scheint aktuell auch einer der Favoriten in der Kategorie für das beste Originale Drehbuch.

Unser Favorit: The Big Sick

So große McDonagh Fans wir auch sein mögen, es gibt immer einen kleinen Underdog, der noch kleiner erscheint, der noch mehr Untertsützung von uns verdient. The Big Sick wurde zu Anfang der Award-Saison als großer Favorit in Sachen Darsteller und Drehbuch gerechnet.

Zuletzt musste der Film sich jedoch mit nur einer Nominierung zufrieden geben. Ob durch seinen frühen Sommer-Kinostart gegeben oder ob der Film einfach nicht den Geschmack der Academy getroffen hat, bleibt nur zu vermuten. Uns hat der Film jedoch so sehr bewegt, dass wir zutiefst auf einen Sieg für den kleinen Indie-Film hoffen


Logan
Disaster Artist
Mollys Game
Call Me By Your Name
Mudbound

Allgemeiner Favorit: Call Me By Your Name

Wie schon im vergangenen Jahr ist auch das Jahr 2018 ein Academy Jahr gefüllt mit Überraschungen, Newcomern und Indie-Stars. Doch vor allem die Vertretung von LGBTQ Themen sind keine Seltenheit mehr.

War Brokeback Mountain noch ein Einzelgänger, so ist eine romantische, unorthodoxe Liebesgeschichte mittlerweile ein fester Teil der Academy Awards. Nach dem großen Erfolg von Moonlight im vergangenen Jahr, eine Geschichte über die Selbstfindung, die Akzeptanz und die Unbarmherzigkeit des Lebens – erzählt dieses Jahr Call Me By Your Name eine traumhafte Geschichte um eine eine Liebe die so schön wie tabu ist.

Unser Favorit: Logan

Auch wenn der Sieg unrealistisch erscheint, so wäre er doch monumental und historisch. Freilich sträubt sich die Academy weiterhin das Superhelden-Genre als echte, kunstvolle Filme anzuerkennen.

Als Beweis muss nicht mal über den umstrittenen Ausschluss von Wonder Woman aus den diesjährigen Awards gesprochen werden. Viel haarsträubender ist die Nominierung von Animationsfilmen wie Boss Baby und Ferdinand während ein Lego Batman-Film völlig übergangen wird.

Die Academy ist kein Fan von Superhelden, das ist offensichtlich. Trotzdem geben wir die Hoffnung nicht auf, dass Logan als Klasse für sich spricht. Erzählt sich der Film ohnehin mehr wie ein Western als eine klassische Comicbuch-Verfilmung, sollte man die Hoffnung noch nicht aufgeben.


Roger Deakins (Blade Runner 2049)
Bruno Delbonnel (Dunkelste Stunde)
Hoyte van Hoytema (Dunkirk)
Rachel Morrison (Mudbound)
Dan Laustsen (Shape of Water)

Allgemeiner Favorit: Roger Deakins (Blade Runner 2049)

Mit seiner nunmehr vierzehnten Nominierung ohne einen Sieg ist Deakins der Rekordhalter. Während Kevin O’Connell bis zu seiner 21ten Nominierung warten musste, um endlich 2017 auch einen Goldjungen mit nach Hause nehmen zu dürfen, hofft der Brite dieses Jahr nicht allzu lange den Rekord zu halten. Auch die Konkurrenz ist stark und kann mit Rachel Morrison für Mudbound sogar endlich die erste weibliche nominierte Kamerafrau aufweisen. Das Rennen bleibt also relativ spannend.

Unser Favorit: Roger Deakins (Blade Runner 2049)

So schön es wäre, Morrison den Oscar für ihre erste Nominierung zu verleihen, so müssen wir doch zugeben, dass Mudbound bildlich schön, aber nicht zu besonders ist.

Gleichzeitig stellt Deakins in Blade Runner 2049 die Welt Villeneuves wunderbar dar. Dies mag auch an den detailreichen und echten Kulissen liegen, die bildlich gewaltiger wirken als vieles der Konkurrenz und auch Dünkirchen muss sich selbstverständlich nicht verstecken. Die Verbindung der langen Dürreperiode für Deakins und seine grandiose Arbeit an dem Scifi-Film sollten hoffentlich für einen Preis reichen.

Allison Janney sollte mit ihrer Rolle der herzlosen Mutter in I, Tonya den Titel für beste Nebendarstellerin so gut wie sicher haben. Gegenüber von Margot Robbies eigentlich reicht zwielichtigen Persönlichkeit schafft es Janney, zu jeder Sekunde für die junge Tonya Harding zu zittern.

In der Kategorie um den besten Nebendarsteller bleibt es hingegen ein deutlich engeres Rennen. Die Nominierung für sein Last Minute Casting in Alles Geld der Welt ist nicht nur eine Überraschung, sondern könnte auch in einem Rutsch zum Sieg für Christopher Plummer führen. Als Konkurrenz schickt Three Bollboards Outside Ebbing, Missouri aber direkt Woddy Harrelson und Sam Rockwell ins Rennen.

Ein enges Rennen zwischen den drei heißen Kandidaten lässt den Sieger nur schwer erahnen.

Mit dem dritten Ableger des Planet der Affen-Reboots Survival ist eine Nominierung für beste Spezialeffekt ohnehin sicher. Leider konnten die Vorgänger in der Vergangenheit trotz der unfassbar realistischen Darstellung der Tiere ohne auch nur einen echten Primaten vor der Kamera, nie einen Oscar mit nach Hause nehmen.

Nachdem dritten, bombastischen Teil der Reihe kann nur gehofft werden, dass er sich gegenüber der Konkurrenz durchzusetzen vermag. Die schiere Menge an Affenkolonien in allen Formen und Farben die in Planet der Affen: Survival über die Leinwand huschen ist bemerkenswert. Und wenn schon Andy Serkis nie seinen Award als bester Darsteller entgegen nehmen wird, so bleibt zu hoffen, dass zumindest die Crew um die Spezialaffekte mehr Glück auf ihrer Seite haben.

Baby Driver ist schauspielerisch bestimmt kein Oscarkaliberfilm. Genau deswegen ist es schön zu sehen, dass eben die Bereiche, die den Film so besonders gemacht haben, von der Academy anerkannt werden. Der geniale Musikgetriebene schnelle Stil des Films ist einer der spannendsten Schnittprojekte der vergangenen Jahre. Man hofft, dass es für das neueste Werk von Jungregisseur Edgar Wright nicht nur bei der Nominierung bleibt.

Blade Runner 2049 hätte das Mad Max: Fury Road dieses Jahres werden können. Konnte das Actionspektakel im Jahr 2015 noch mit ganzen 10 Nominierungen auftrumpfen für technische Bereiche wie Production Design, Schnitt oder Kamera und sogar 6 Awards sein Eigen nennen, so darf sich Villeneuves neuestes Werk zwar auch über 5 Nominierungen freuen.

Die großen Riegen um besten Film und beste Regie blieben dem Film jedoch versagt. Ein Film, der uns im vergangenen Jahr gezeigt hat, wie eine Neuauflage eines alten Klassikers mit so viel Liebe umgesetzt werden kann, dass selbst eingefleischte Fans von einer Verbesserung des Originals sprechen, hat mehr verdient. Wir drücken die Daumen, dass dieser Film auf der diesjährigen Zeremonie nicht leer ausgeht!

Wir freuen uns auf eine spannende Nacht vom 04. auf den 05. März 2018! Eine Nacht die uns hoffentlich überrascht, unterhält und vielleicht sogar ein bisschen zum Weinen bringt.

25th Feb2018

I, Tonya (2017) | Filmkritik

von Frederik Heinen

I, Tonya

Kurz nach den olympischen Winterspielen in Südkorea startet in den deutschen Kinos doch tatsächlich ein Film über Eiskunstlauf. Nicht aber über die Kunst, Schönheit oder gar die Geschichte des Eiskunstlaufs. I, Tonya erzählt die Geschichte einer der strittigsten Personen des Sports, wenn nicht sogar in der Geschichte der olympischen Spiele. Eine Geschichte voller Höhen und Tiefen. Und eine Geschichte, die genauso erschreckend wie fragwürdig verstanden werden will. Und bald wird dem Zuschauer klar, dass es hier definitiv nicht nur um Eiskunstlauf geht.

itonya_1 Tonya (Margot Robbie) wollte immer schon Eiskunstläuferin werden. Selbst mit drei Jahren verlor sie kein Wort über irgendetwas anderes. Ihre Mutter (Allison Jeanny), die ihr sonst nur an jeder Stelle Steine in den Weg legt, sieht schon früh, dass ihre Tochter nicht nur Talent besitzt, sondern bereits in jungen Jahren besser ist als alle ihre Kontrahenten.

Ihre Besessenheit und ihr Antrieb hebt sie über ihre junge Konkurrenz und Mama LaVona lässt dem Mädchen deswegen keine Ruhe. Nichts ist gut genug, nie kann sie etwas richtigmachen. Denn von positiven Worten lernt man nicht. Ihr gebrochenes Verhältnis verschlimmert sich, als auch ihr Vater es nicht mehr weiter aushält und Tonya schon früh alleine mit einer psychisch und physisch gewalttätigen Mutter lässt.

Getrieben zwischen Hass und dem Verlangen, es immer wieder besser machen zu müssen, sucht sie nach Wertschätzung einer Person, die sie niemals wirklich unterstützt.

Erst als die junge Tonya ihre erste, große Liebe, Jeff (Sebastian Stan), trifft, scheint sich das Blatt zu wenden. Die jungen Turteltauben nutzen die erste Möglichkeit, die Eiskunstläuferin aus dem eisernen Griff ihrer Mutter zu entreißen. Aber schon bald zeigen sich die ersten Brüche in der neuen Beziehung. Jeff wird gewalttätig, kämpft mit seinem Temperament, wie auch seiner starrköpfigen Frau. Die Situation zwischen den beiden eskaliert immer und immer wieder.

itonya_2 Für Tonya scheint nichts richtig zu laufen. Als eine der besten Eiskunstläuferinnen des Landes, überschattet ihr privates Leben immer wieder ihre größte Leidenschaft. Eine Karriere, die turbulenter nicht sein könnte, beginnt und an jedem Erfolg der jungen US-Amerikanerin wartet ein mindestens so großes Hindernis, welches ihr den Weg zu versperren scheint.

Doch Tonya gibt nicht auf. Sie gibt niemals auf! Sie kennt keine glücklichen Erfolge. Denn egal was auch passieren sollte. Am Ende ist es niemals genug!

I, Tonya erzählt die Geschichte von Tonya Harding, eine der erfolgreichsten und berühmtesten Sportler ihrer Ära. Aber nicht ihre sportlichen Erfolge, sondern ihre außersportlichen Affären überschatten eine Karriere in einer sportlichen Disziplin, wie sie blütenweißer nicht scheinen könnte. Wer die Geschichte rund um die junge US-Amerikanerin kennt, wird zwar von der Erzählung des Films nicht überrascht werden, sich aber dennoch an vielen Stellen nochmal am Kopf kratzen.

itonya_3 Denn eben die Erzählung macht I, Tonya so besonders. Die Geschichte aus der Sicht eines Bösewichts in vieler Augen und wieso sie sich niemals so gesehen hat. Was an der Geschichte wahr sein mag und was mehr der Fantasie entspringt, weiß niemand so genau.

Mehr soll zu dem Fall an dieser Stelle gar nicht verraten werden, denn gerade für viele deutschen Kinogänger, die mit dem „Vorfall“, wie er in I, Tonya bezeichnet wird, nicht vertraut sind, bietet der Film doch einige Überraschungen.

Biografien leben von der Authentizität und Glaubwürdigkeit des Hauptcharakters. Sei es Will Smith als Schwergewichtsboxer Muhammad Ali in Ali, Daniel Brühl als Niki Lauda in Rush oder Steve Carrell als John du Pont in Foxcatcher; ein Film, in dem Darsteller und reale Person verschmelzen zu scheinen, lässt den Zuschauer erst wirklich in der Geschichte versinken.

Margot Robbie (The Wolf of Wall Street) mag kein Doppelgänger Hardings sein und auch ihr Hintergrund als Eishockey-Amateur trug wohl stark zu der Entscheidung des Castings bei. Trotzdem porträtiert die Australierin die Eiskunstläuferin grandios. Spätestens zum Ende des Films, wenn zum Abspann Biografie-typisch Originalaufnahmen von Harding zu sehen sind, wird dem Zuschauer die Liebe zum Detail und die erbrachte Kleinstarbeit klar. Auch McKenna Grace (Gifted) macht zu Beginn des Films einen überraschend starken Job als junge Tonya.

itonya_4 Doch genau hiernach verliert I, Tonya kurzzeitig aber dennoch massiv an Glaubwürdigkeit. Warum Margot Robbie schon früh in dem Film eine 15-jährige Tonya Harding darstellen soll, ist nicht nur fragwürdig, sondern lenkt aktiv vom Geschehen des Films ab. Haarsträubend entwickelt sich auch die Liebesgeschichte zwischen ihr und Sebastian Stan (Captain America: The Winter Soldier), zwei Darstellern, die gezwungen werden Teenager-Dialoge zu führen.

Zwar ist der Film selbst stark und interessant genug, um die Szenen bald aus den Gedanken zu rücken, doch bleibt der bittere Beigeschmack und die Frage, warum hier nicht zwei jüngere Schauspieler vor die Linse gezogen wurden.

Abgesehen von dem kurzen Fehltritt überzeugen die Schauspieler aber auf voller Bandbreite. Margot Robbie und Sebastian Stan machen als verfluchtes Liebespaar ihren Job so gut, wie Paul Walter Hauser als Jeffs größenwahnsinniger Freund immer wieder für einen Lacher sorgt. Absoluter Showstealer ist und bleibt jedoch Allison Jeanny (The Help).

Als herz- und erbarmungslose Mutter sorgt sie zwar auch hier und da für ein Schmunzeln, doch ist sie genau der Charakter, der den Zuschauer so an Tonya bindet. Ihr Hass, ihre Undankbarkeit und ihre eiserne Kälte wirken einfach echt. Sie lassen die Eiskunstläuferin immer wie ein junges, hilfloses Mädchen erscheinen. Und wer die Charaktere des Films an einigen Stellen zu überzeichnet findet, wird zum Abschluss mit einigen Originalaufnahmen eines Besseren belehrt.

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I, Tonya ist nicht nur ein gut gespieltes Bio-Drama mit Comedy-Elementen. Es ist auch einer der schönsten und innovativsten Filme des noch jungen Jahres. Die Tänze auf dem Eis sind in rasanter Geschwindigkeit und gleichzeitig grazil dargestellt. So bildhaft stark und schön war ein Sport, welcher meist aus weiter Ferne von Kameras aufgezeichnet wird, noch nie.

Selbst Black Swan sieht hier alt aus. Abgesehen von epischer Größe in Dunkirk und Blade Runner 2049, ist hier wohl einer der bildstärksten Filme der letztjährigen Oscar-Saison zu sehen. Wen also das Thema des Film von einem Kinobesuch abhält und eher einen gemütlichen Couchfilm erwartet, der liegt gewaltig daneben.

Vielleicht findet ein Film über Eiskunstlauf nicht unbedingt direkt ein großes Publikum. Auch ein Film rund um eine US-amerikanische Sportlerin, deren Geschichte vielen Leuten außerhalb der vereinigten Staaten wohl nicht geläufig sein dürfte, mag wohl in Deutschland die Kinokassen nicht zu laut klingeln lassen. Doch I, Tonya ist viel mehr als die Summe seiner Teile.

Der Film ist schauspielerisch eine (fast) makellose Meisterleistung, bildlich gewaltig und erzählt eine Story, die zwar real aber dennoch unglaublich abstrus ist. Er ist so lustig und unterhaltsam, wie an einigen Stellen absolut herzzerreißend.

Vielleicht ist es nicht die Geschichte, die jeden interessiert oder ins Kino lockt, aber es ist eine Geschichte, die erzählt werden muss und ganz egal wie viel an dieser Erzählung erstunken und erlogen ist, alles was hinter ihr steckt, ist so haarsträubend komisch wie real. Denn die besten Geschichten schreibt weiterhin das Leben selbst.

Bewertung

Bewertung9

Trailer
Informationen
I, Tonya (2017)
120 min|Biography, Comedy, Drama|19 Jan 2018
7.6IMDB-Wertung: 7.6 / 10 von 86,323 Nutzern
Tonya Harding (Margot Robbie) ist unter ärmsten Bedinungen aufgewachsen, doch wurde sie von ihrer wenig liebevollen Mutter LaVona Golden (Allison Janney) schon früh auf eine Karriere im Eiskunstlaufen vorbereitet. Zwar hat es Tonya mit ihrem aggressiven Auftreten, ihren selbstgenähten Kostümen und ihrer unkoventionellen Technik nicht leicht, doch ihr Talent ist unbestreitbar, ist sie doch die einzige Frau, der im Rahmen eines Wettbewerbs ein dreifacher Axel gelingt...
13th Feb2018

The Cloverfield Paradox (2018) | Filmkritik

von Frederik Heinen

The Cloverfield Paradox

In einer Zeit, in der ein Filmfranchise über Fetischsex international die Milliarde knackt, ein kaum erfolgreicher Film über eine Mumie ein Dark Universe starten soll, ohne jegliche Gedanken an einen ersten Erfolg zu verschwenden und selbst ein Riesenstudio wie Warner Bros. in Höchstgeschwindigkeit eine zusammenhängende Superheldensaga erschaffen muss, um nur halbwegs am Ball zu bleiben, scheint es keine alleinstehenden Filme mehr zu geben.

cloverfieldparadox_1 Alles ist Teil eines großen Ganzen. Einer Geschichte, die alle roten Stränge vereint und einen Bogen um all das schließt, was man sieht. Ein Spider-Man erfährt kein Abenteuer mehr ohne Tony Stark, ein Star Wars-Film braucht dringend eine Hintergrundgeschichte für jeden Ort und jede Person der Ursprungstrilogie und Batman versucht lieber gar nicht erst eine neue Bedrohung aufzuhalten, ohne die Justice League einzuberufen.

In einer Welt, in der jeder neue Film eine ganze Bandbreite an Geschichten lostreten will, bleiben aber auch alte Filme nicht mehr unangerührt. Denn vor den Avengers oder Prometheus, dem Alien-Reboot aus dem Jahr 2012, wurde im Jahr 2008 mit Cloverfield eine kleine aber unterhaltsame Geschichte über ein neues Monster erzählt. Was damals niemand erahnen konnte; auch dieses sollte eines Tages zurückkehren.

2028 steht die Welt vor einer Energie-Krise. Es existiert kaum Benzin, Stromausfälle sind gang und gäbe und durch die großen Weltnationen sehen sich vor Konflikten um die letzten Ressourcen des Planeten. Die einzige Antwort sieht die Welt in dem Teilchenbeschleuniger „Shephard“, der die Menschheit womöglich bis in alle Ewigkeit mit Energie versorgen kann.

Aus Sicherheitsgründen sollen erste Experimente aber nicht einfach auf der Erde, sondern auf einer Raumstation durchgeführt werden. Vertreter aus China, Deutschland, Großbritannien und einigen anderen Nationen arbeiten also auf der Station „Cloverfield“ daran, die Welt zu retten. Nach einem Testlauf des Beschleunigers scheint jedoch etwas schief zu gehen, denn die Weltraumstation wird stark beschädigt und die Erde scheint plötzlich verschwunden.

Mitten im Weltall verschollen versuchen die Astronauten zu erkunden, wo sie sich befinden und was mit ihnen passiert ist. Doch je mehr sie suchen, desto verstörender werden die Antworten.

cloverfieldparadox_2 The Colverfield Paradox beginnt nach einer kurzen Vorstellung der Hauptdarstellerin Ava Hamilton (Gugu Mbatha-Raw) wie ein typischer Weltraum-Horrorfilm. Die Crew wird vorgestellt, relativ schnell kann der Zuschauer erahnen wem auf dieser Station Vertrauen geschenkt werden darf und wem nicht und schon bald finden sich die Astronauten in einer unbekannten Situation abseits des eigenen Planeten wieder und versuchen zu erörtern was vor sich geht.

Dabei sind die Darsteller großteils überzeugend und realistisch auch wenn hier und da ein Witz nicht zündet oder die Charaktere mehr als Karikatur ihres Landes wirken. Daniel Brühl vertritt mit dem wahrlich deutschen Namen Ernst Schmidt die Bundesrepublik und wer den Film im Original sieht, darf sich an einer Mischung aus Deutsch, Chinesisch und akzentbehaftetem Englisch freuen. Die klar existierenden Sprachbarrieren machen den Film realistisch und erwirken eine besondere Chemie zwischen den einzelnen Darstellern.

Auch die Geschichte wirkt zu Beginn recht spannend und neu. Zu schnell verfällt der Film dann aber in Klischees, seltsamen Erklärungen und verläuft sich immer mehr im Sand mit Astronauten, die sich teilweise sehr fragwürdig verhalten. Auch Avas Mann Michael (Roger Davies), der als Expositions-Charakter dem Zuschauer erklärt was auf der Erde vor sich geht, wirkt oft erzwungen und existiert mehr für lose Verbindungen zu den Vorgängern, anstatt als tatsächlich wichtige Figur des Films.

Die Szenen auf der Erde erscheinen zudem im direkten Vergleich mit der Raumstation erschreckend billig. Während die Effekte auf der Raumstation weitestgehend überzeugen und für einen Streaming-Film überraschend detailliert wirken, so ist das Setting der Erde vergleichbar mit einer günstig produzierten Fernsehserie.

cloverfieldparadox_3 Während uns die meisten Filme heutzutage einfach ein neues Universum vorstellen, spannten sich die Hintergrundgeschichten über den Horrorfilm von J.J. Abrams über Foren, geheime Videobotschaften und erfundene Großunternehmen, welche zusammen allen Fans die Möglichkeit gaben zu rätseln, zu forschen und zu grübeln.

Wer mehr erfahren wollte musste suchen und Detektiv spielen, denn lang schien es ruhig um den Found-Footage-Film. Ein altes, abgeschlossenes Projekt eines Regisseurs, der sich mit Star Wars – Das Erwachen der Macht und Star Trek auf dem Weg zu anderen Galaxien befand. Als 2016 dann mit 10 Cloverfield Lane plötzlich wieder das Rätselraten im Internet begann und Puzzlespiele mit fehlenden Teilen die Fangemeinde anheizten, war endlich klar, dass das Cloverfield Universum noch lange nicht seinen Abschluss gefunden hat.

Doch, auch wenn eben diese Fangemeinde nach mehr Informationen lechzt, so hatte sie doch bereits viele Theorien und Ideen bereits zu Ende gedacht. The Cloverfield Paradox bietet aber oft nicht die Antworten, die sich die Fans gewünscht hätten. Eher öffnet der Film mehr Türen, Möglichkeiten und Theorien. Wer hier auf abschließende Antworten gehofft hat, ist leider Fehl am Platz. Denn auch wenn der Film viele neue Ansätze für eine Lösung gibt, so lässt er weiterhin den Zuschauer mit den Antworten allein. Gleichzeitig eröffnet er mit zahlreichen Szenen in dem Film noch zahlreiche weitere Fragen.

All das macht den neuesten Ableger nicht schlecht, doch wirkt er eher wie eine weitere Einführung in ein komplexes Universum, anstatt eine abschließende Geschichte, die alles zusammenführen sollte. Freilich war mit einem anscheinend bereits abgedrehten vierten Teil kein Ende zu erwarten. Dennoch verhaspelt sich The Cloverfield Paradox eher in seinen Ideen und macht ein so großes Fass auf, dass ein wirklicher Abschluss der Reihe ferner scheint als je zuvor.

Als einfach Weltraumhorror funktioniert der Film. Die Handlung ist klar, die Charaktere simpel. Ähnlich wie die Alien-Filme wirken auch die Cloverfield-Ableger aktuell einfach besser, wenn man nicht viel hinterfragt und versucht die Lücken der Vorgänger zu füllen. Diese Erwartungshaltung bei einem Film, welcher verspricht Antworten zu liefern, ist aber leider mehr als fragwürdig.

Bewertung

Bewertung5

Trailer
Informationen
The Cloverfield Paradox (2018)
102 min|Horror, Mystery, Sci-Fi|04 Feb 2018
5.6IMDB-Wertung: 5.6 / 10 von 63,792 Nutzern
Auf der Raumstation Cloverfield wurde ein Teilbeschleuniger installiert, der eine unerschöpfliche Energiequelle verspricht. Eine Team von Wissenschaftlern soll ihn in Betrieb nehmen. Nach zwei Jahren gelingt kurzzeitig der Start der Maschine. Jedoch geht dabei etwas schief.
19th Dez2017

Das Böse unter der Sonne (1982) | Filmkritik

von Frederik Heinen

Das Böse unter der Sonne

Der Mord im Zug mitten im Nirgendwo wäre geklärt und auch der Fall auf dem Schiff in Ägypten ist gelöst. Doch was passiert, wenn der beste Detektiv der Welt, Hercule Poirot, Urlaub am Mittelmeer machen will? Mord und Totschlag! Und diesmal treibt es uns an den Strand.

dasboeseunterdersonne_1 Die nächste brutale Tat steht an. Dieses Mal muss die reiche Arlena Marshall (Diana Rigg) dran glauben und erneut ist der Belgier umzingelt von Verdächtigen, alle gefangen auf einer Insel. Abermals findet sich Poirot unter Adeligen, Neureichen und allerlei hochnäsiger Gesellen, die ihm zu keiner Sekunde über den Weg trauen.

Denn je mehr über den Fall ans Licht kommt, desto mehr Fragen stellen sich: Kann der jungen Linda Marshall (Emily Hone) mit ihrem Hass auf ihren Stiefvater Rex Brewster (Roddy McDowall) wirklich vertraut werden? Wieso sieht es der arrogante Odell Gardener (James Mason) nicht mal als notwendig, ein Alibi für den Zeitraum zu bieten? Wem kann auf der isolierten Insel überhaupt noch über den Weg getraut werden? Und wo zur Hölle sind die Angestellten des Hotels?

Um direkt mit einem Kritikpunkt des Films anzufangen ist genau dies, eine der großen Fragen in Das Böse unter der Sonne. Zwar befindet sich der Belgier auf einer verhältnismäßig kleinen, wenig besiedelten Insel, doch ist er keinesfalls allein, sondern in einem großen, luxuriösen Hotel untergebracht. Wo also der relativ kleine Cast für Mord im Orient Express und Tod auf dem Nil einen Sinn ergeben hat, wirkt es hier häufig so, dass man sich das Geld für die Statisten einfach sparen wollte.

dasboeseunterdersonne_2 Freilich werden alle schlimmen Gräueltaten ausschließlich von Adeligen begangen, zumindest in der Welt von Agatha Christie. Dass der Meisterdetektiv aber völlig über alle Personen auf der Insel hinwegsieht, die nicht reich, adelig oder gar beides sind, wirkt irgendwie verwirrend.

Über das durch die Location gegebene Fauxpas kann man aber eigentlich getrost hinwegsehen. Denn wie schon in den beiden vorhergehenden Filmen ist der bunte Cast aus zwielichtigen, undurchsichtigen Charakteren witzig anzusehen und wer sich bis jetzt unterhalten gefühlt hat in der Reihe kommt auch hier nicht zu kurz. Overacting hin oder her, hier erfüllen die einzelnen Schauspieler ihren Zweck.

Keiner der Darsteller/-innen sticht heraus oder zeigt sich als besonders erwähnenswert, aber wo in Tod auf dem Nil bei Zeiten der ein oder andere Charakter extrem überzogen dargestellt wurde, versteht hier jeder seinen Platz in der Geschichte ohne sich mit seinen Acting-Skills in den Mittelpunkt drängen zu müssen.

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Wo der Film schließlich seinen Zusammenhang verliert, ist leider die Handlung. Bereits die Aktstruktur in Das Böse unter der Sonne wirkt etwas verzogen durch die lange Vorgeschichte und der im Vergleich sehr kurzen Auseinandersetzung mit dem Fall an sich. Klar sind die Charaktere nicht unwichtig, aber die Konzentration auf Gespräche und extensive Dialoge mit allen Mitspielern, statt der doch eigentlich interessanteren Spurensuche wirkt etwas konfus. Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt ist selbstverständlich die Lösung des Falles, das große Finale!

Leider ist eben genau hier einfach nichts nachvollziehbar und verständlich. Zu weit hergeholt wirken die Geistesblitze von Poirot, zu ungenau die Zusammenhänge. Der Zuschauer hat zu keiner Zeit das Gefühl, er hätte bei dem Fall miträtseln können, sondern wird einfach nur mit einer Geschichte präsentiert, die so zu akzeptieren ist ohne die Logik oder das Verständnis des Meisterdetektivs zu hinterfragen.

Dass dieser deutlich intelligenter als jeder andere Akteur in der großen Farce sein soll, sei mal dahingestellt. Genau das was den Vorgänger Mord im Orient Express so spannend macht, die Wendungen, die Beweise, das Rätselraten. All das wird hier ignoriert für eine lange Geschichte mit einem Twist am Ende, der nicht viel mehr ist als ein ‚Aha‘-Moment. Und selbst wenn man sich von den knapp zwei Stunden doch recht unterhalten fühlt, bleibt am Ende dieses flaue Gefühl im Magen.

Vielleicht muss man selbst ein Meisterdetektiv sein, um die ganze Erzählung in einem anderen Licht zu erkennen. Für alle anderen bleibt der Abstecher ans Mittelmeer leider nur schwacher Durchschnitt.

Cast & Crew

Regie: Guy Hamilton
Drehbuch: Anthony Shaffer, Barry Sandler
Musik: Cole Porter
Darsteller: Peter Ustinov, Jane Birkin, Colin Blakely, Nicholas Clay, James Mason, Roddy McDowall, Sylvia Miles, Denis Quilley, Diana Rigg, Maggie Smith

Bewertung

Bewertung_6

05th Dez2017

Tod auf dem Nil (1978) | Filmkritik

von Frederik Heinen

Tod auf dem Nil

Mit Mord im Orient Express brachte Kenneth Branagh im Jahr 2017 nicht nur eines der meistverfilmten Bücher auf die Leinwand, er verkörperte den großen Detektiv Hercule Poirot sogar selbst! Während aber der erste Ableger einer neuen Reboot-Reihe noch an den Kinokassen klingelt, rumoren schon die Gerüchte um weitere Fortsetzungen. Denn nach dem Krimi im dem Zug gilt der damals direkte Nachfolger Tod auf dem Nil als nächstes Projekt für den belgischen Rätselrater.

todaufdemnil_1 Doch bevor wir uns in Zukunft an das neue Werk wagen, sollte ein Blick auf das Original aus dem Jahr 1978 geworfen werden. Denn auch wenn Hercule Poirot ein genialer Meisterdetektiv ist, bleibt es fragwürdig ob auch jede Geschichte unterhaltsam sein kann.

Tod auf dem Nil beginnt ähnlich wie sein Vorgänger. Ein weiteres Mal scheint der Meisterdetektiv an seinem Urlaubsort sein Rückwegticket vergessen zu haben und ein weiteres Mal findet sich Poirot inmitten von Intrigen, Mord und Mysterien wieder. Nach einem Urlaub in Ägypten scheint dabei anfänglich eigentlich alles perfekt zu laufen, doch als auf dem Rückweg aus den Flitterwochen die reiche Linnet Ridgeway (Lois Chiles), frisch vermählte Frau des jungen Simon Doyle (Simon MacCorkindale) ermordet aufgefunden wird, entdeckt sich Poirot in einer altbekannten Lage: Umzingelt von Fremden und jeder ist ein Verdächtiger!

Die Geschichte von Tod auf dem Nil ist dem Vorgänger nicht unähnlich. Doch vor allem für Fans von Mord im Orient Express weiß man mit dem alten Rezept noch gut zu unterhalten. Man nehme ein Fahrzeug, abgeschottet von der Außenwelt und voll mit verdächtigen, zwielichtigen Charakteren. Klar verfällt auch dieses Agatha Christie Werk vielen Klischees.

todaufdemnil_2 Der böse, geldgierige Notar, die reiche Witwe, das junge, reiche Paar. Alle Charaktere wollen oder haben zu viel Geld und scheinen allein durch diesen Aspekt in ihrer Persönlichkeit definiert. Was in Mord im Orient Express noch interessant und vielschichtig durch bekannte Schauspieler wie Sean Connery und Anthony Perkins war, verfällt im Tod auf dem Nil in Typecasting und Oberflächlichkeit. Abseits des Hauptdarstellers Peter Ustinov (Spartacus) als Detektiv Hercule Poirot dürfte vielen einzig Angela Lansbury (Mord ist ihr Hobby) ein Begriff sein.

Selbstverständlich ist vor allem dieser Kritikpunkt ein starker Blick aus der Retrospektive, doch zum einen soll der Film ja aus dem heutigen Blickwinkel erörtert werden und zum anderen gibt es wohl auch einen Grund warum Connery sowohl vor als auch nach Mord im Orient Express James Bond verkörpern durfte, während sein Nachfolger Simon MacCorkindale einen Auftritt in Der weiße Hai 3 zum Besten gab.

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Wer auf Agatha Christie Filme steht und sich schon bei Mord im Orient Express unterhalten fühlte, der macht bei Tod auf dem Nil nichts falsch. Das Konzept ist ähnlich, die Charaktere auch, der Hauptcharakter ist sogar derselbe, obwohl nun durch Peter Ustinov anstatt durch Albert Finney (Erin Brockovich) verkörpert. Warum zündet aber der zweite Ableger einfach nicht so wie der erste? Auch wenn auf den ersten Blick mehr Übereinstimmungen als Differenzen die Filme verbinden, schwächelt Tod auf dem Nil genau da wo es zählt.

Der Zuschauer hat keine wirkliche Möglichkeit mitzuraten oder zu grübeln. Zu abstrus wirken einige Geistesblitze des Belgiers, zu unlogisch die Auflösung. Kleine geniale Twists wie sie noch im Vorgänger zu finden waren, existieren nicht. Stattdessen wird am Ende ein Fall aufgelöst, wie ihn ein Außenstehender einfach niemals erkennen konnte. Das macht den Film nicht nur allgemein schwächer, sondern nimmt auch zu großen Teilen einen „Wiederschau“-Wert, der twistreiche Filme wie Lucky Number Slevin oder Memento eben so besonders machen.

Wer also hofft, ein weiteres Mal mit Hercule Poirot auf Spurensuche zu gehen, geht leider leer aus. Diesmal ist man eben nicht selbst der Detektiv, sondern sitzt nur mit ihm im selben Boot.

Cast & Crew

Regie: John Guillermin
Drehbuch: Anthony Shaffer
Musik: Nino Rota
Darsteller: Peter Ustinov, Jane Birkin, Lois Chiles, Bette Davis, Mia Farrow, Jon Finch, Olivia Hussey, George Kennedy, Angela Lansbury, Simon MacCorkindale, David Niven, Maggie Smith, Jack Warden, I. S. Johar

Bewertung

Bewertung_7

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