23rd Mrz2016

Ich und Earl und das Mädchen (2015) | Filmkritik

Ich und Earl und das Mädchen

Greg (Thomas Mann) ist ein Junge, wie wir ihn aus so ziemlich jeder amerikanischen Highschool-Komödie kennen. Oder etwa doch nicht? Als schlaksiges Milchgesicht kann er zwar weder mit den Football-Assen mithalten, noch die Blicke der Mädchen auf sich ziehen, aber der klassische Verlierertyp ist er auch nicht. Er findet bei niemandem besonders Beachtung, weil er es gar nicht erst darauf anlegt.

ichearlunddasmaedchen_1 Seine Devise lautet nämlich: Der Schulalltag ist wie die Weltpolitik. Ein Chaos zwischen tausenden Nationen. Und um das möglichst unbeschadet zu überstehen, muss man bloß allen Nationen gleichzeitig angehören. Was im Endeffekt natürlich bedeutet, nirgendwo wirklich Heimat zu finden. Während seines letzten Jahrs in diesem riesigen Mikrokosmos namens Highschool macht jemand Greg jedoch einen Strich durch die Rechnung. Es ist Rachel (Olivia Cooke). Oder besser gesagt ihr Krebs. Als sie an Leukämie erkrankt, zwingt Gregs Mutter ihn dazu, Zeit mit ihr zu verbringen. Keiner der beiden Teenager fühlt sich dabei wohl, aber um den Stress zu Hause zu vermeiden, arrangieren sie sich miteinander.

Zusammen mit Gregs „Arbeitskollege“ Earl (RJ Cyler) bilden sie schon bald ein ungleiches Trio, das eine Sache ganz besonders verbindet: Ihre Liebe zum Film. Die beiden Jungs drehen bereits seit Kindheitstagen gemeinsam Parodien und auch Rachel kommt auf den Geschmack. Während ihre Krankheit allmählich ernster wird, kommt Greg und Earl plötzlich eine Idee, die sie nicht mehr loslässt. Ein Film nur für das sterbende Mädchen. Wäre das nicht ein perfektes Geschenk?

Wenn man sich nicht gerade in den englischen Filmnews auskennt, hat man diesen Film aus dem Jahr 2015 sicher verpasst. Leider geschieht das viel zu oft im deutschen Kino. Gute Filme erhalten keine ansehnliche Werbekampagne und versinken im Einheitsbrei. Alles wird von Superhelden, Sequels und Reboots dominiert. Allerdings wäre auf Ich und Earl und das Mädchen wohl auch unter besseren Umständen keiner gekommen. Schließlich ist der Titel der Inbegriff von öde. Im Englischen lautet er Me and Earl and the Dying Girl (zu Deutsch: Ich und Earl und das sterbende Mädchen).

ichearlunddasmaedchen_2 Wo auf der einen Seite zwar nachzuvollziehen ist, dass der englische Reim aus „Earl“ und „Girl“ in unserer Sprache nicht funktioniert, ist die Entscheidung, das Wort sterbend zu streichen, schlichtweg dämlich. Damit wurde dem Titel das letzte Interessante genommen. Fans der Romanvorlag horchen natürlich auf, aber ansonsten gibt es keine Zielgruppe. Wen sollte ein Poster mit solch einem unspektakulären Titel auch ansprechen?

Wäre die Rede von einem sterbenden Mädchen verhält es sich ganz anders. Klingt irgendwie skurril. Sogar ein bisschen ulkig. Vielleicht schauen Leute sich den Trailer an, wenn ihnen solche Gedanken kommen. Auch die vielen Fans des Kinohits Das Schicksal ist ein mieser Verräter hätte das sicherlich auf den Plan gerufen. Beide Filme ähneln sich in ihrer Geschichte schließlich sehr.

Zum Glück landete Ich und Earl und das Mädchen dank des peppigen Trailers auf meiner To-Watch-Liste. Und das habe ich nicht bereut, denn der Film ist großartig. Meiner Meinung nach auch der weitaus bessere über jugendliche Krebsopfer im Vergleich zu Das Schicksal ist ein mieser Verräter, der mir für sein Thema zu kitschig und konventionell daherkam.

ichearlunddasmaedchen_3 Beim jüngsten Film von Regisseur Alfonso Gomez-Rejon (American Horror Story) stimmt dafür so gut wie alles. Wie könnte ich nicht begeistert sein, wenn darin eine Katze namens Cat Stevens vorkommt? Oder Greg und Earl ihre Parodie des Kriegsfilmklassikers Apokalypse Now „Ne Box mit Schnittblumen WOOW“ nennen? Was ich damit sagen will, ist schlicht und einfach: Ich und Earl und das Mädchen ist lustig. Ziemlich lustig sogar und damit meine ich nicht Ted 2-lustig. Ich rede nicht von genretypischem Sperma-Pippi-Kacka-Ficken-Humor, sondern von intelligentem Witz, der auch beim zweiten Ansehen noch zündet.

Genauso erfrischend wie diese Herangehensweise an eine Highschool-Lachparade ist auch der gesamte Streifen. 100 Minuten voller Esprit! Bereits nach kurzer Zeit schließt man das charmante Darstellerensemble restlos ins Herz und würde gerne selbst dazugehören. Die Leistungen von Project X-Star Thomas Mann und Olivia Cooke sind dabei ansteckend und beeindruckend zugleich.

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Für Cineasten ist der Film ohnehin ein Muss, denn er thematisiert das Filmemachen an sich. Und weil gute Kunstwerke bis in die letzte Pore verkörpern, was sie sein wollen, bekommt der Zuschauer eine ganze Ladung innovativer Kamerafahrten, Schnitte und Zeitsprünge geliefert. Greg und Earl sind schließlich Regisseure. Nur alles andere als gewöhnliche. Sie sind komisch, launisch und sprengen die üblichen Regeln. So wie es sich für Teenager gehört. Bemerkenswert bleibt außerdem, dass Ich und Earl und das Mädchen gegenüber vielen Genrekollegen nicht vergisst, dass der Film ein visuelles Medium ist. Wer bloß nach kitschigen Dialogen verlangt, oder nach einem poetischen Voiceover, der könnte nämlich auch ein Buch lesen. Alfonso Gomez-Rejons Werk weiß allerdings gleich mit einer ganzen Reihe fantastischer Aufnahmen zu überzeugen.

Beispielsweise läuft eine Abschiedssequenz zwischen Greg und seiner Mutter auf zwei Ebenen ab. Zunächst sind beide in einer Umarmung zu sehen. Dann verlässt Greg das Haus und die Kamera filmt bloß noch seine Mutter. Sie steht mit wehmütigem Blick einfach nur da und seufzt. In einem verschwommenen Spiegel neben ihrem Gesicht kann der Zuschauer jedoch dabei gleichzeitig beobachten, wie Greg in ein Auto steigt. Zwei Geschichten. Ein Bild. Diese Szene ist nur einer der kleinen, feinen Beweise dafür, dass die Filmcrew sich nicht nur fragte, was wollen wir hier erzählen, sondern auch mit demselben Elan fragte, wie wollen wir das erzählen. Der Zuschauer begegnet Worten mit Witz, Tempo und Tiefgang, Bildern voller Kreativität und Frische. Und er begegnet in den kraftvollsten Momenten sogar einem Schweigen, das zu berühren weiß.

Ich und Earl und das Mädchen erfüllt nicht nur die Erwartungen eines Coming-of-Age-Films über die Highschool, Freundschaft und das Erwachsenwerden, sondern erzählt darüber hinaus noch so viel mehr. Die Geschichte um das sterbende Mädchen zeigt auf, wie Kunst entsteht, wie Inspiration funktioniert und wie Identitäten sich gegenseitig formen. Vor allem aber lässt sie einen erfahren, wie wichtig es ist, manchmal stehen zu bleiben und darauf zu hören, wie andere Augen einen selbst sehen. Nicht zuletzt wegen solcher Elemente ist diese Romanadaption für mich ein liebenswürdiges und gleichsam beachtenswertes Stück Leinwandkultur.

Cast & Crew

Regie: Alfonso Gomez-Rejon
Drehbuch: Jesse Andrews
Musik: Brian Eno, Nico Muhly
Darsteller: Thomas Mann, Olivia Cooke, RJ Cyler, Nick Offerman, Molly Shannon, Jon Bernthal, Connie Britton

Bewertung

Bewertung_9

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